50. Erlebnisse eines Tages

Ich ging in mein Schlafabteil, dass ich mir mit Liam teilte, wusch mir mein Gesicht, putzte mir die Zähne und machte mich schlaffertig. Meine Hose wanderte dabei in meinen Koffer und ich zog mir ein anderes Shirt über. Danach kroch ich in mein Bett und drückte den Lichtschalter, damit es dunkel wurde und ich schneller einschlafen konnte. Doch wirklich müde war ich nicht. So viele Gedanken gingen mir kreuz und quer durch den Kopf, die alle auf eine Person hinausliefen: Liam!
Seit heute Morgen begleitete er mich den ganzen Tag über auf meiner Reise und gleich von diesem Zeitpunkt aus, brachte er mich stets aufs Neue aus der Fassung:

„Guten Tag! Ich glaube, dass wir uns dieses Abteil teilen müssen.“, begrüßte ich den anderen Jungen.
Der fremde Junge starrte mich etwas eigenartig an und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches oder Dummes von mir gegeben hätte, da dies bei mir recht häufig der Fall war. „Du glaubst? Check lieber noch einmal dein Ticket, sonst könntest du das am Ende noch bereuen.“, meinte der Junge zu mir und zwinkerte mir dabei verschmitzt zu, was mich etwas aus der Fassung brachte.

Und wie ich es bereute! Doch ich konnte ja nicht ahnen, welche Ausmaße unser Kennenlernen noch annahm. Genauso wenig konnte ich ahnen, was für ein großes Ego Liam besaß:

„Seitdem du dieses Abteil betreten hast, waren deine Augen auf meinem Oberkörper gerichtet. Vielleicht klopfst du das nächste Mal vorher an, wenn du mich nicht beim Umziehen erwischen willst, aber ich gebe gerne zu, dass mein heißer Body unwiderstehlich ist.“

Doch Liam brachte mich nicht nur regelrecht aus der Fassung, er schaffte es sogar, dass ich seinetwegen kaum noch ein vernünftiges Wort aus mir herausbrachte:

„Könntest du vielleicht…“, bat ich ihn und versuchte zwanghaft wegzusehen.
„Was? Könntest du deinen Satz vielleicht auch beenden, oder soll ich raten? Soll ich mir etwas überziehen, oder möchtest du dass ich mir meine Hose auch noch ausziehe? Versteh mich nicht falsch, aber ich steh nicht so auf Sex beim ersten Date… wobei das hier nicht einmal ein Date ist…“
Der Junge macht mich wahnsinnig! „Könntest du dir bitte etwas überziehen!“, rief ich ihm nun lautstark entgegen.

Zu Beginn hatte ich ja wenigstens noch die Hoffnung, dass ich mich nicht den ganzen Tag mit diesem Knaben abgeben müsste und auch zu etwas Entspannung, während der langen Zugfahrt, kam. Doch wie so oft an diesem Tag, irrte mich diesbezüglich und das wurde mir auch sehr schnell bewusst:

„Ich werde jetzt ein wenig Musik hören, um mich ein wenig zu entspannen.“, sagte ich zu Liam.
„Bin ich für dich keine Entspannung?“, erwiderte dieser und sein Mund stand dabei erschrocken offen.
Ich musste lächeln und formte die Wahrheit schonend um. „Mit dir hier meine Zeit zu verbringen ist schön, aber ich benötige ein bisschen Zeit für mich und die Zugfahrt geht ja noch eine ganze Weile.“
„Eben. Der Zug hat noch eine lange Fahrt vor sich. Musik hören kannst du doch später auch noch. Jetzt unterhalte mich!“, meinte Liam frech zu mir.
Ich lächelte Liam an, aber auch meine Nettigkeit hatte seine Grenzen. „Liam… du bist ein lieber Kerl, aber wenn du mir weiterhin auf den Sack gehst, stopf ich dir dein vorlautes Mundwerk mit dem Wollknäuel dieser alten Dame.“ Nach diesen Worten war Liam erstmals sprachlos und ich drehte ihm erfreut den Rücken zu.

Liam sprachlos zu erleben, war mir heute relativ selten vergönnt. Mit Ausnahme in der Zeit, in der wir Streit hatten und er für mehrere Stunden im Zug unauffindbar war, hatte er fast pausenlos seine Klappe offen. Wenn er also mal wirklich schwieg, dann war das schon ein Glücksfall für mich, doch selbst dann konnte er es mir nicht Recht machen. Bestes Beispiel hierfür, als wir zum ersten Mal auf den Weg in den Speisewagen waren, da sprach er für einen Moment kein Wort mehr mit mir:

Wir marschierten weiter… und weiter… und weiter… und… „Verdammt, mach den Mund auf und sag wieder irgendwas was mich zur Weißglut treibt, sonst glaub ich noch du bist krank, oder man hat dich durch einen Cyborg ersetzt, der den Auftrag hat, mich zu terminieren!“, rief ich Liam zu.
„Bitte was?“, hörte ich ihn von hinten fragen. Scheinbar hatte er mir soeben gar nicht zugehört.
„Ach vergiss es…“, sagte ich daraufhin zu ihm. Ich sollte dankbar für jede ruhige Sekunde mit ihm sein. Trotzdem gab mir sein jetziges Verhalten zu denken. So still war er bis jetzt noch nie!

In dieser Hinsicht widersprach ich mir selber des Öfteren. Wenn Liam den Mund hielt war es mir fast schon unangenehm, andererseits… wenn er den Mund aufmachte, dann kam oftmals der größte Müll raus, den man sich nur schwer vorstellen kann:

„Du machst ein Gesicht wie ein dünnes Nilpferd mit Afromähne beim Kacken.“, sagte Liam zu mir.

Und seine Worte konnten mich noch so oft erzürnen, so musste ich mir im Nachhinein doch hin und wieder eingestehen, dass ich es witzig fand, was er von sich gab:

Liam störte natürlich wieder: „Du machst ein Gesicht beim Essen, wie bei einem Orgas…“
„Halt – doch – einfach – mal – die – Klappe.“, sagte ich nun ganz langsam, aber wirklich gereizt.
„Ich mein ja nur…, denn wenn du dich auf mich einlassen würdest, dann wüsstest du ganz schnell, dass du bei mir einen noch viel besseren…“
„LIAM!“, schrie ich nun quer durch den Speisesaal, kochend vor Wut. Die anwesenden Fahrgäste richteten ihre Augen und Ohren auf uns, doch war mir dies im Moment völlig egal.

Ja, seine Sätze wären vielleicht ganz witzig, wenn er nicht ständig mit mir flirtete und nicht felsenfest davon überzeugt wäre, dass ich auch etwas von ihm wollen würde:

„Ich weiß genau was du denkst.“, sagte Liam plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Ich und mein attraktives Charisma gehen dir nämlich nicht mehr aus dem Kopf. Habe ich Recht?“
„Sowas von Unrecht hast du.“, entgegnete ich lächelnd.
„Schon klar. Du willst es nicht zugeben.“, sagte Liam, der mich von der Seite her instinktiv anstarrte. „Du hast schließlich deinen Freund und willst ihm treu bleiben, aber so schnell gebe ich nicht auf.“

Von Anfang an schien er einen Narren an mir gefressen zu haben. Irgendwann zeigte er sogar erste Anzeichen von Eifersucht, wenn ich mich mit einem anderen Jungen kommunizierte. Dies war als Erstes bei Erik der Fall, doch schien er sich da schnell wieder zu beruhigen, als er erfuhr, dass wir nur gute Kumpels waren. Doch als ich auf dem Weg in den Speisewagen über das Gepäck eines sehr attraktiven jungen Mannes stolperte und dieser mir wieder freundlich auf die Beine half und sich bei mir entschuldigte, konnte er sich nicht mehr im Zaum halten:

„Räum dein Gepäck in die dafür vorgesehene Ablagefläche, dann stolpert auch keiner drüber.“, beschwerte sich Liam bei dem muskulösen jungen Mann. Liams Reaktion gerade eben… und auch vorhin bei Erik… ist er etwa eifersüchtig?!
„Lass gut sein Liam. Komm wir gehen, sonst krieg ich heute nichts mehr in den Bauch.“, sagte ich und ging auf der Stelle weiter. Liam schritt mit einem „Finger-weg-von-meinem-Lolo“-Blick an dem muskulösen jungen Mann vorbei und folgte mir aus dem Abteil.

Jedenfalls… irgendwann glaubten sogar andere Menschen, dass Liam und ich ein hervorragendes Liebespaar abgaben. Doch das stritt ich jedes Mal aufs Neue ab:

„Es freut mich sehr, dass du dich neu verliebt hast Milo.“, sagte Erik zu mir.
„Ja…, also was das anbelangt… Moment mal, woher weißt du das?“, fragte ich nun irritiert.
Erik erwiderte meinen verwirrten Blick. „Na das sieht doch ein Blinder, dass du und Liam glückliche Zeiten miteinander erlebt. So schlecht sieht der Knabe ja nicht aus.“
Liam fing wieder lautstark zu lachen an. „Genial! Obwohl ich mich durch deinen letzten Satz ein wenig gemobbt fühle, aber das nehme ich dir keinesfalls übel. Ja, Lolo ist ein Schatz!“
„Spinnt ihr jetzt Beide oder was?“, schrie ich nun fuchsteufelswild durchs Schlafabteil. Ich versuchte meine Stimme zu senken, denn meinen Wutausbruch musste im Zug nicht jeder mitkriegen. „Liam und ich sind doch nicht zusammen und werden es auch niemals sein! Der Junge ist die Pest! Zudem hab ich schon einen Freund, einen viel Hübscheren, Intelligenteren und weniger Nervigeren!“

Liam und ich ein Liebespaar. Pff… unfassbar! UNFASSBAR! Ich mache mir viel zu viele Gedanken um den Kerl. Ich hab doch schließlich einen Freund und das hab ich Liam auch bereits verklickert:

„I-Ich habe einen Freund, ja!“, antwortete ich ihm schließlich.
„Aha! Hab ich es mir doch gedacht!“, stieß Liam laut aus und lächelte mich breit an. „Wie heißt er? Ist er so alt wie du? Wie sieht er aus? Welches Sternzeichen ist er? Er trägt doch hoffentlich keine Reizunterwäsche oder?“
Mir drehte sich der Kopf vor all diesen Fragen. Noch schlimmer war jedoch, dass ich gar nicht zum Antworten kam, selbst wenn ich wollte, da mir Liam unaufhörlich ein Loch in den Bauch fragte.
„Halt Stop!“, sagte ich schließlich und brachte Liam zum Schweigen, indem ich meine rechte Hand auf seinen Mund legte. Dabei ertappte ich mich, wie ein warmes Gefühl durch meine Adern zog, dass bis zu meinem Herzen reichte und es zum Pochen brachte.
„Wenn du deine Hand nicht von meinem Mund nimmst…“, so hörte ich Liam nuscheln, „… dann schleck ich sie dir mit meiner Zunge ab. Was dich eventuell etwas anwidern könnte.“

Liam hatte auch nichts Besseres zu tun, als sich über den Namen meines Freundes lustig zu machen:

„Luca hm? Typischer Lieblingsname der Italiener.“, kommentierte Liam meine Antwort. „Hätte mich auch gewundert, wenn sein Name Emanuele oder Giuseppe gewesen wäre.“
Dafür dass ich mir so unglaublich sicher bin, in Luca verliebt zu sein, mache ich mir nur leider sehr viele Gedanken um Liam. Vielleicht hatte Erik mit seiner Aussage ja doch Recht:
„Liam ist ein Chaot, aber ich glaube er hat das Herz am rechten Fleck. Das du mit Luca zusammen bist und ihn liebst, ist mir natürlich bewusst. Ich will dir keine Angst einjagen, oder dir deine Beziehung schlecht reden, aber Fernbeziehungen halten in der Regel nie sehr lange und zwischen dir und Liam da ist irgendwas. Streite es ab, schlag mich wenn du willst, aber du weißt das ich Recht habe!“

51. Nur rein hypothetische Gedanken

Nur mal angenommen… rein hypothetisch… ich habe mich wirklich in Liam verliebt. Ich würde doch nicht allen Ernstes meine Beziehung mit Luca für einen Kerl aufgeben, der so drauf ist…:

„Ich glaub das einfach nicht…“, gab ich fassungslos über Liams Verhalten von mir.
„Ja ich auch nicht. Diese Tomaten sind wirklich sehr rot.“, meinte Liam. „Die müssen sich ja in Grund und Boden geschämt haben. Was hast du angestellt? Dich vor ihnen ausgezogen?“
„Ich glaub das einfach nicht…“, wiederholte ich.
„Wo ich diese Sandwiches sah, kam in mir die Frage auf, ob du weißt was eine Sandwich-Stellung ist.“, sagte Liam, der nun in eine der saftigen Tomaten biss, aus denen Tomatensaft spritzte.
„Ich glaub das echt nicht…“

…zumal er wie gesagt ständig den Mund offen hat und teilweise komisches Zeug von sich gibt…:

„Currywurst und Cola… das hatte ich schon so lange nicht mehr. Weißt du auch warum?“, fragte er mich, denn offenbar wollte er mir etwas erzählen.
„Nein, aber mich interessiert es auch nicht.“, antwortete ich ihm beleidigt und bockig. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. „Behalt es für dich, denn ich hör dir nicht mehr zu.“

…und wo ich gerade beim Thema Essen bin…:

„Deine Tischmanieren sind unterirdisch, um nicht zu sagen unter aller Sau!“, sagte ich angewidert.
„Of ghanckeee!“, erwiderte Liam mit vollem Mund, so dass ich seine Worte fast schon entziffern durfte. Inzwischen kam mir sogar der Gedanke, dass er absichtlich diese Manieren an den Tag legte, um wieder ein paar Minuspunkte bei mir zu sammeln. Vielleicht steht er darauf, gehasst zu werden… Ehrlich, so benimmt sich doch kein vernünftig denkender Mensch! Vielleicht war Liam ja ein Alien…! Liam versuchte was zu sagen, doch bemerkte nun selber, dass er sich den Mund zu voll gestopft hat, weshalb er erst einmal keuchend runter schlucken musste. „Was ist los, Lolo? Du isst ja kaum was.“ Mein Kopfkino spielte mir einen Streich. Es zeigte mir ein fettes saftiges Schwein, das mir gegenüber saß und soeben mit mir gesprochen hat. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und fegte dieses Bild wieder weg. „Kannst du nicht endlich damit aufhören, mich immer Lolo zu nennen?“
Liam schob sich ein Nürnberger Rostbratwürstchen mit einem Happs in den Mund, ehe er mir unter Kauen und Mampfen antwortete: „Neim, gann ich nick!“
Glasklar! Erik hatte sowas von Unrecht! Ich und Gefühle für diesen Kerl? Niemals! Never ever! Eher würde ich mir eigenhändig das Herz herausreißen und es an Schweine verfüttern.

Ganz genau! Niemals könnte ich mich in Liam verlieben. Den Schweinen würde ich mein Herz auch nur äußerst ungern zum Fraß anbieten. Ich meine hallo?! Liam ist selbst mein Name, bestehend aus vier Buchstaben, zu lang, nur um ihn durch einen Spitznamen von vier Buchstaben zu ersetzen:

„Du heißt Milo? Das ist mir zu lang. Ich werde dich einfach nur Lolo nennen, okay?“, meinte Liam zu mir, als ich ihm meinen Namen nannte.

Er nennt mich wirklich bei jeder Gelegenheit so und das obwohl er genau weiß, dass ich es nicht mag:

„Schon gut Milo. Mich stört es nicht, wenn er dabei ist. Er ist schließlich dein Freund.“, sagte Erik und meine Nackenhaare stellten sich erneut auf. Liam war nicht mein Freund…
„Siehst du Lolo, ich kann den Typen immer besser leiden.“, gab Liam von sich, was meine Wut nur noch mehr zum Kochen brachte. Muss er mich ausgerechnet jetzt so nennen?
„Lolo? Mei wie süß…“, lachte Erik lauthals.
„Unser lieber Lolo findet das nur leider gar nicht so süß.“, stimmte Liam in das Gelächter mit ein, während ich vor mich hin grummelte. Das die Beiden sich verbrüdern, passte mir gar nicht.

Ist ja nicht so als könnte er sich meinen richtigen Namen nicht merken. Laut seiner eigenen Aussage, würde er ihn sogar in zehntausend Jahren nicht vergessen:

„Nein, ich will dich nicht in den Wahnsinn treiben. Bestimmt nicht. Und natürlich weiß ich, dass dein Name Milo ist. Ich bin vielleicht ein Chaot und vergesse hin und wieder mein Hirn einzuschalten, aber deinen Namen würde ich in zehntausend Jahren nicht vergessen.“

Na hoffentlich kann ich Liam vergessen, wenn ich endlich wieder in Lucas Armen liege! Ich darf auch nicht vergessen, dass Liam mich heute mehr als einmal zur Weißglut getrieben hat… mit Folgen:

„Immer diese Leute, die sich zwischen uns drängeln. Als ob sie einen Keil zwischen uns treiben wollten, aber nicht mit mir. Ich bin dein Freund und wir sind unzertrennlich.“, gab Liam selbstbewusst von sich.
Ich war eigentlich ein sehr ruhiger und friedvoller Mensch, aber auch ich hatte Grenzen und diese waren nun überschritten. Ich drehte mich zu Liam um und drückte ihn mit meinem rechten Arm gegen die Wand. Zum ersten Mal sah ich Liam schockiert und ängstlich zugleich, denn nun ging ich alles andere als zimperlich mit ihm um. Meine Augen funkelten teuflisch und meine Stimme klang tief und bedrohlich. „Jetzt wollen wir doch mal eine Sache klar stellen. Ich bin nicht und werde niemals dein Freund sein! Ich bin nicht dein Eigentum, also hör auf dich wie ein Vollidiot zu verhalten und werde erwachsen. Ich meine es verdammt ernst. Solltest du dich weiterhin so verhalten, dann werde ich noch ganz anders mit dir umgehen und du lernst mich so richtig kennen. Das willst du doch die ganze Zeit, oder?!“ Ich drückte meinen Arm fest an seine Kehle. Ich wollte ihm nicht wehtun, aber ich wollte dass meine Botschaft bei ihm ankam.

Oh ja, das war ein bitterer Moment und der Beginn eines großen Streites. Doch erst meine Worte danach haben ihn so richtig verletzt:

„Wir streiten uns nicht wie ein altes Ehepaar und mein Freund ist er auch nicht. Im Moment wünschte ich mir sogar, ich hätte ihn nie kennen gelernt!“
Nun hatte ich zu viel gesagt. Liam stand von seinem Platz auf und starte mich von oben herab an. Seine Augen funkelten böse, doch konnte ich darin auch eine Spur von Traurigkeit ablesen, was mich leicht verwirrte. „Du kennst mich doch gar nicht.“, sagte Liam zu mir. „Du weißt nichts über mich, weil du viel zu sehr mit dir selber beschäftigt bist und dich einen Scheißdreck um andere Leute scherst. Ja, manchmal tust du so, als würdest du dich für sie und ihr Leben interessieren, aber das ist alles nur Fassade. Du bist ein mieser, kleiner Heuchler.“ Nach diesen Worten zog Liam in Richtung der Schlafabteile davon.

Seine Worte verletzten mich ebenso wie meine ihn und es dauerte Stunden bis wir uns wieder versöhnt hatten. Ohne Erik, Katharina und der netten alten Dame wäre es wohl aber nie zu einer Versöhnung gekommen. Besonders die alte Dame trug erheblich zu einer Versöhnung bei:

„Ich sagte zwar, Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, aber man sagt auch, es ist nicht alles Gold was glänzt. Um es mit verständlicheren Worten auszudrücken: Nicht alles was auf dem ersten Blick wertvoll aussieht, ist auch wirklich wertvoll. Schweigen schön und gut, aber du musst zugeben, dass der junge Mann, der dich offenbar sehr erzürnt hat, mit seiner Art deine Reise auch unterhaltsamer gestaltete. Es gibt Menschen, die reden um des Redens Willen, es gibt aber auch Menschen die reden, damit man nicht hinter ihre Fassade geguckt. Meistens verbergen sich dahinter nämlich ganz furchtbare Dinge, die sie mit allen Mitteln zu verbergen versuchen.“

52. Ein Tag mit Liam

Zur Versöhnung war es ein langer und steiniger Weg. Erst nach der Geburt von Katharinas Baby reichten wir uns versöhnlich die Hände. Zuvor gab es das übliche Ping-Pong-Theater zwischen uns:

Liam ist kein Mensch, sondern eine Nervenkrankheit! Am liebsten würde ich ihm das auch ins Gesicht sagen, aber ich riss mich zusammen. Gut, dass er meine Gedanken nicht lesen kann.
Liam stupste mich von der Seite her an. „Ich weiß was du gerade denkst, Lolo.“ Schockiert drehte ich ihm mein Gesicht zu, was dazu führte, dass Liam mich wieder angrinste. „Ja, guck nicht so. Ich weiß was du denkst! Du würdest dich nämlich sehr gerne bei mir entschuldigen, aber hast nicht den Mumm dazu, nicht wahr?! Ist es dein Stolz der dir im Weg ist? Jetzt rede schon mit mir, oder hast du deine Zunge verschluckt? Wenn du sie verschluckt hast, kannst du mir dann sagen, ob sie nach Gummi geschmeckt hat? Ach so… ohne Zunge kannst du ja gar nicht mehr reden, ich Dummkopf!“

Liam verbarg etwas. Das stand für mich außer Frage, doch bis jetzt vertraute er sich mir einfach noch nicht an. Dafür schien jemand ganz anderes von Liams Geheimnissen zu wissen:

Ich ging ein paar Schritte weiter, als sich eine andere Tür öffnete, die in ein weiteres Schlafabteil führte. „Ich danke dir für diese wunderschöne Zeit, Jonas.“, hörte ich eine vertraute Stimme rufen und da stand er endlich wieder vor mir: Liam! Er schien gerade sehr glücklich zu sein und lächelte.

Jonas schien über Liam Bescheid zu wissen, doch was genau wusste er. Laut deren Aussagen, kannten die Zwei sich schon, bevor sie sich im Zug wieder trafen:

„Ich kann dir nur so viel sagen. Jonas und ich sind bereits Freunde gewesen, da kannte ich dich noch gar nicht. Außerdem beruht unsere Freundschaftsbasis auf traurige Ereignisse in unser beider Leben.“, antwortete Liam mir und gab mir damit zugleich wieder neue Rätsel auf.
„Du machst mich wahnsinnig.“, sagte ich, als wir unsere Sitzplätze erreichten und der Zug die Stadt Mailand, oder Milano wie Jonas sagen würde, langsam hinter sich ließ.
„Du hast ja gar keine Ahnung, was es wirklich bedeutet wahnsinnig zu sein.“, entgegnete Liam nun etwas weniger freundlich, was mich wiederum etwas erzürnte.

Wie bereits erwähnt, brachte Liam mich immer wieder aufs Neue zur Weißglut. Das wusste ich… und dennoch kam ich nicht von ihm los. Er zog mich physisch und psychisch in seinen Bann:

Wieso diskutiere ich überhaupt noch mit Liam? Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Da denkt man, er ist auf dem Weg der Besserung und dann haut er den nächsten dummen Spruch raus. Er ist nun mal so und das kann ich leider nicht ändern… Mich würde es allerdings schon interessieren, ob er schon immer so war, oder ob er durch gewisse Ereignisse so geworden ist.

Hin und wieder kam ich dann allerdings doch einmal dazu, ihm ein paar Fragen zu stellen. Doch meist vielen seine Antworten alles andere als befriedigend aus:

„Wieso musste es ausgerechnet mich treffen, dass ich mir ein Abteil mit dir teilen muss und wieso bist du so davon besessen, mich besser kennen zu lernen und mit mir zu quatschen und herum zu albern? Wieso lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Du musst doch gemerkt haben, dass ich keinerlei Interesse daran habe, dich näher kennen zu lernen. Ich war die meiste Zeit unfreundlich zu dir und das obwohl du dich so darum bemüht hast, mich immer wieder zu Lachen zu bringen. Wieso also?!“
Nun kehrte für wenige Sekunden Ruhe im Abteil ein. Liam sagte kein Wort. Legte er sich gerade wieder eine lange und sinnlose Antwort in seinem Oberstübchen zurecht? Liam öffnete seinen Mund und seine Antwort überraschte mich, denn sie war kurz und ehrlich. „Weil du der erste Mensch seit langer Zeit bist, denn ich wirklich mag und bei dem ich es besser machen wollte, als bei den Menschen zuvor.“

Doch das waren nicht die einzigen Fragen die ich ihm im Laufe des Tages gestellt hatte. Bei unserem Frage-Antwort-Spiel im Speisewagen kamen auch so allerhand interessante Dinge heraus. Zum Beispiel, dass sein Ticket gestohlen war, oder warum er überhaupt nach Rom reist:

„Naja… das ist eine Antwort die ich dir nur schwer beantworten kann. Einen triftigen Grund gibt es eigentlich nicht. Ich reise deshalb nach Rom, um einer ganz bestimmten Person nahe zu sein…“, versuchte Liam mir zu erklären und ich bemühte mich, seine Aussage zu entschlüsseln. Er möchte einer bestimmten Person nahe sein? Wer kann damit gemeint sein?

In meinem Kopf herrscht also ein heilloses Durcheinander und das ist einzig und allein Liams Schuld! Sollte er auch noch einmal behaupten, ich würde mich nicht für das Leben anderer interessieren, würde ich ihm eigenhändig seine Zunge herausschneiden, damit er nie wieder ein Wort von sich gab.
Plötzlich ging die Tür zum Schlafabteil auf und Liam kam leise rein geschlichen. Schnell schloss ich meine Augen und tat so, als würde ich bereits tief und fest schlafen. Auf eine weitere Diskussion mit ihm hatte ich heute keine Lust mehr. Morgen früh war unsere Reise sowieso zu Ende und dann war alles vorbei. Vermutlich werde ich ihn hinterher nie wieder sehen…, doch wenn ich ehrlich bin…, ich werde ihn vermissen! Diesen dummen, vorlauten, süßen Casanova!

„Nur damit das klar ist…“, sagte Liam kurz darauf, „…ich schlafe oben. Ich schlafe immer oben - ob nun alleine, oder zu zweit, wenn du verstehst.“ Liam lachte und warf seinen Rucksack aufs obere Bett. „Hier ist es zwar etwas eng, aber dann wird es dafür umso kuschliger. Was denkst du?!“

Ich will nicht mehr denken. Verschwinde aus meinem Kopf Liam! Ich öffnete meine Augen ganz vorsichtig und riskierte einen Blick. Ein großer Fehler! Seine Hose und sein Shirt fielen zu Boden und er stand in seinen Boxershorts mit dem Rücken zu mir. Ein warmes Gefühl machte sich wieder in mir breit und ich konnte es auch nicht verhindern, dass weiter unten sich etwas bei mir rührte…
Zum Glück behielt Liam seine Boxershorts an. Er wühlte in seinem Gepäck, denn er schien nach etwas zu suchen. Anscheinend wurde er fündig, denn er zog etwas heraus, das wie ein Bild aussah. Er beobachtete es eine ganze Weile und stand zu dieser Zeit einfach nur da. Ich konnte nicht in sein Gesicht sehen, doch auf einmal hörte ich, wie er leise anfing zu weinen. Liam weinte! Schnell wischte er sich seinen Tränen mit seinem rechten Arm weg, legte das Bild zurück in seinen Koffer und begab sich anschließend ebenfalls zu Bett, wo ich ihn nach fünf Minuten schnarchen hörte.

53. Luca

Der Zug rollte über die Gleise und ich hörte vereinzelt ein Quietschen, wenn es um die Kurven ging. Ich löste mich von meinen Gedanken um Liam, woraufhin die Vorfreude auf das Wiedersehen mit Luca wieder zurückkehrte. Gestern Abend ging ich sehr spät ins Bett, weil ich einfach zu aufgeregt war und nicht schlafen wollte. Auch da gingen mir sehr viele Gedanken durch den Kopf: Wird mein Zug pünktlich in Rom ankommen? Wartet Luca dann bereits sehnsüchtig am Bahnsteig auf mich? Wie wird er aussehen? Wie wird unser Wiedersehen? Hat er sich verändert, hab ich mich verändert? Wie wird es sich anfühlen, ihn das erste Mal seit den Osterferien wieder in den Arm zu nehmen?
Ich vermisste das Gefühl, ihn in meinen Armen zu halten, ihm nahe zu sein und seine Stimme zu hören. Skype war einfach nicht dasselbe, denn nur in der Realität war Luca einfach atemberaubend. Während ich also so in meinem kleinen Bett im Zug lag, überlegte ich, was er wohl gerade tat. War er ebenfalls schon im Bett? Schlief er bereits und träumte er von unserem Wiedersehen? Ich hoffte es. Ich schloss meine Augen und versuchte nur an meinen Freund zu denken – an meinen Freund Luca!
„Hey Luca, hörst du mir überhaupt zu? Erde an Luca?!“ Ein Mädchen wedelte mit ihrer Hand vor Lucas Gesicht herum, als wäre es ein Scheibenwischer. Sie und ihr Freund lächelten verschmitzt, als sie sahen, dass Luca ihnen nicht mehr zuhörte und seine Augen in die Leere starrten.
„Vielleicht träumt er ja von einer heißen Blondine?“, warf der Freund des Mädchens in den Raum. „Rede doch nicht so einen Stuss, Lorenzo. Wir wissen doch alle, dass wenn Luca von einer Person träumt, diese Person nur sein heißgeliebter Milu sein kann.“, sagte ein anderer Junge.
„Sein Name ist Milo.“, korrigierte das Mädchen ihn. „Hast du dir seinen Namen immer noch nicht gemerkt Emanuele?“
„Milu, Milo, ist mir doch egal.“, erwiderte Emanuele gleichgültig. „Luca hat was Besseres verdient, als jemand, der 1500 Kilometer von ihm entfernt wohnt. Fernbeziehungen sind Mist!“
„Das sagst du doch nur, weil du selber schon Opfer einer Fernbeziehung warst und diese alles andere als gut endete.“, meinte Lorenzo zu ihm, der sein dunkelbraunes Haar nach hinten gekämmt trug.
„Oder er sagt das, weil er insgeheim selber auf unser feinen Luca abfährt.“, riet das Mädchen.
„Gar nicht wahr!“, stritt Emanuele schnell ab, doch seine rot werdende Gesichtsfarbe zeigte seinen Freunden etwas anderes. Emanuele gehörte trotz seiner italienischen Wurzeln zu den eher blasseren Italienern. Immerhin besaß er schwarzes Haar und dunkelschwarze Augen wie die Nacht.
„Na wer wird denn da gleich rot werden?!“, lachte sein Kumpel Lorenzo hämisch.
„Jetzt werde ich auch noch neidisch. Ich hätte mein Haar auch gern so rot.“, meinte das Mädchen leicht deprimiert, doch insgeheim machte sie sich über Emanuele ebenso lustig. Sie hatte rotblondes Haar, wünschte sich aber schon seit Jahren, dass ihr Haar mehr einem glühend heißen Feuer glich.
„Ihr spinnt doch alle Beide!“, rief Emanuele ihnen wütend zu. „Von Lorenzo bin ich solche Albernheiten ja gewohnt, aber von dir Francesca hab ich doch etwas mehr erwartet.“
„Ist ja schon gut, beruhig dich wieder!“, meinte Francesca friedenstimmend zu ihm. „Guck doch mal zu deiner Rechten. Unser feiner Luca hat uns sowieso kein einziges Wort zugehört.
Lorenzo, der Luca schräg gegenüber saß, beugte sich nach vorne und schnippte einmal ganz kräftig mit seinen Fingern vor Lucas Gesicht herum. Luca wurde aus seiner Trance gerissen und registrierte seine drei Freunde erstmals wieder, nachdem er vor fast zehn Minuten in seinen Gedanken versank.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte Francesca ihn besorgt, aber mit einem Lächeln im Gesicht.
„Äh… ja, natürlich.“, antwortete Luca ihr leicht benebelt.
„Hättest du auch Lust, deinen letzten Abend in Freiheit mit uns zu verbringen?“, fragte Emanuele ihn mit einem sarkastischen Unterton. „Deinen heißgeliebten Nilo siehst du morgen früh genug.“
„Sein Name ist Milo und nicht Nilo.“, korrigierte Lorenzo ihn und fing dabei zu kichern an.
„Tut mir Leid Leute. Ich bin nur so furchtbar aufgeregt.“, erklärte Luca seinen drei Freunden.
„Aufgeregt weswegen? Wenn er dich liebt, wird er dir schon verzeihen.“, meinte Lorenzo besonnen.
„Verzeihen? Moment… du hast ihm gar nichts hiervon erzählt?!“, fragte Francesca Luca schockiert und überrascht. Ihre Augen wurden so groß wie Tennisbälle, was bei ihr sehr unheimlich aussah.
„Ich konnte es ihm einfach nicht erzählen…“, verteidigte Luca schuldbewusst seine Tat.
„Na das muss ja eine schöne Beziehung sein, in der ihr euch nicht einmal alles anvertraut.“, sagte Emanuele kopfschüttelnd. „Ich sag es noch einmal: Fernbeziehungen sind der letzte Mist!“
„Halt den Mund!“, erwiderte Luca nun erzürnt. Er stand von seinem Sitzplatz auf und blickte auf seinen Freund Emanuele wütend hinab. Dabei konnte man einen genauen Blick auf seine optische Erscheinung erspähen. Luca war ein sehr zierliches und kleines Exemplar eines Jugendlichen. Seine braungebrannten Arme könnte man mit Ästen verwechseln, wären sie nicht ganz so biegsam. Allgemein glich er einem Strich in der Landschaft, doch hatte er dafür auch sehr zarte Gesichtszüge, die sein Gesicht makellos erscheinen ließen. Zudem hatte er traumhaft blaue Augen und ein wunderschönes Lächeln, die einen in den Himmel katapultierten. Luca war zudem sehr sensibel, weshalb er schnell an die Decke ging, aber auch schnell zum Weinen anfing. Doch seinen Freunden konnte er nie lange böse sein, denn dafür mochte er sie zu gerne. Er war auch nicht nachtragend, ganz im Gegenteil, für ihn stand der Frieden immer an vorderster Stelle, weshalb er Streitereien gerne vermied, wenn es ihm möglich war.
Als er von seinem Platz aufstand, war er für einen kurzen Moment unachtsam und stieß mit einem Mann zusammen, der wohl ernährt war und einen Strohhut auf den Kopf trug. „Oh, tut mir wirklich leid, Sir.“, entschuldigte sich Luca bei dem Mann, während Lorenzo und Emanuele ihn auslachten.
„Jungs bitte. Jetzt ist aber auch mal genug. Benehmt euch!“, bat Francesca ihre Freunde. „Wir sind hier in einem Reisezug und euer Benehmen ist alles andere als entspannend für die anderen Fahrgäste. Wenn es darauf ankam, war Francesca immer die Besonnene unter Lucas Freunden.
„Okay, tut mir Leid, dass ich dich angeschrien habe.“, sagte Luca schuldbewusst zu Emanuele.
„Du meine Güte, Luca.“ Lorenzo hielt sich die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Unser Luca ist einfach ein Gutmensch.“, meinte Francesca.
„Ja und? Was ist so falsch daran?“, fragte Luca seine Freunde.
„Können wir mal kurz miteinander reden? Unter vier Augen!“ Emanuele sah Luca mit seinen tiefschwarzen Augen an und dieser erklärte sich dazu bereit, mit ihm unter vier Augen zu reden.
Als die beiden weg waren, sagte Lorenzo: „10 Euro, dass Luca Emanueles Charme verfällt!“

54. Zum Scheitern verurteilt?

Luca und Emanuele verschwanden in eines der hinteren Abteile, dessen Sitzplätze recht spärlich belegt waren. Sie setzten sich auf einen freien Viererplatz gegenüber und schauten sich gegenseitig tief in die Augen. „Also worüber willst du mit mir reden? Muss ja unheimlich wichtig und geheim sein, wenn du es vor Francesca und Lorenzo nicht anzusprechen traust.“, sagte Luca zu Emanuele.
„Ja, ich habe dir etwas sehr Wichtiges zu sagen, doch davor möchte ich dir noch eine Frage stellen: Bist du doof?“ Emanuele stellte seine Frage ohne das geringste Zögern und jeder vernünftige Mensch, wäre daraufhin sauer gewesen, doch nicht Luca…
„Was? Nein, eigentlich nicht. Warum?“, erwiderte er unschuldig und im ruhigen Ton.
„Du meine Güte, weil du dich ständig für Dinge entschuldigst, für die du nichts kannst.“, erklärte Emanuele seinem Freund. „Bestes Beispiel gerade eben, als du dich bei mir dafür entschuldigt hast, dass du mich angeschrien hast. Du hattest schließlich einen Grund mich anzuschreien. Ich hab schließlich schlecht über deine Fernbeziehung mit diesem Heino geredet.“ „Milo.“, korrigierte Luca ihn, als wäre nichts gewesen.
„Was?“, fragte Emanuele irritiert.
„Sein Name ist Milo, nicht Heino.“, sagte Luca. „Und ich habe mich deshalb bei dir entschuldigt, weil ich es hasse, wenn ich wütend werde. Ich sehe mich selber nur äußerst ungern wütend.“
„Siehst du und das ist genau das, was Francesca meinte. Du bist einfach zu gut für diese Welt. Du willst es immer jedem Recht machen.“, sagte Emanuele, der Luca die Augen öffnen zu versuchte.
„Es tut mir Leid…, aber so bin ich nun einmal.“, entschuldigte sich Luca aufs Neue und brachte seinen Freund damit regelrecht zur Weißglut. Emanuele stand knurrend von seinem Platz auf und drehte sich im Kreis, als würde er gerade durchdrehen. „Was ist eigentlich los mit dir? Irgendwie bist du komisch. Seit wann störst du dich eigentlich an meinem Verhalten?“, fragte Luca ihn daraufhin.
„Es stört mich, weil…, weil…“ Emanuele brachte kein Wort mehr heraus. Er setzte sich wieder auf seinen Platz und schaute verzweifelt zum Fenster hinaus. Der Zug fuhr mit hoher Geschwindigkeit seiner nächsten Haltestelle entgegen. Es war dunkel draußen, doch konnte man Lichter sehen, die die italienischen Dörfer und Städte zum Leuchten brachten. „Ist schon gut Emanuele.“, sagte Luca nun besänftigend zu seinem Freund und legte dabei seine rechte Hand auf Emanueles linkes Knie. „Vergessen wir doch diese Diskussion einfach und gehen zurück zu den Anderen. In zehn Minuten kommen wir sowieso in Rom an.“
„Was lässt dich eigentlich glauben, dass dein Freund dich nach wie vor so liebt, wie du ihn? Hegst du nie den Verdacht, er könnte dich mit einem anderen Kerl betrügen, der ihm viel näher ist?“, brach es plötzlich aus Emanuele heraus, der Luca mit einem ernsten Blick anstarrte.
„Milo würde mich niemals betrügen – niemals!“, antwortete Luca und schien sich dabei sehr sicher zu sein. „Dafür kenne ich ihn einfach zu gut. Und weißt du auch warum? Ich habe dir doch vor einigen Monaten die Geschichte mit diesem Erik erzählt und wie Milo und ich schlussendlich doch noch ein Paar wurden… Er schrieb mir diesen ehrlichen und sehr emotionalen Brief und daraufhin küssten wir uns, doch plagten ihn daraufhin eine lange Zeit furchtbare Albträume. Er träumte immerzu davon, dass er mich nicht verdient hätte, er ein Niemand ist und dass ich ihn ohnehin früher oder später verlassen würde. Dann brach der Tag an, wo sich meine Eltern dazu entschieden, wieder nach Italien zu ziehen. Für Milo und auch für mich brach eine Welt zusammen, denn das hätte das Ende unserer Beziehung bedeuten können. Ich ergab mich meinem Schicksal, doch gab ich Milo ein Versprechen, dass ich mit einem Kuss besiegelte: Ich werde ihn immer lieben, egal wie weit entfernt wir auch sein mögen. Ich werde ihm immer treu bleiben und fest daran glauben, dass wir uns wieder sehen. Ich stieg in das Auto, das langsam los fuhr. Ich blickte zum hintersten Fenster raus und musste mit ansehen, wie mein Schatz mit Tränen in den Augen mir hinterherblickte und kurz darauf auf der Straße zusammenbrach. Ich wäre am liebsten sofort umgekehrt, doch meine Eltern weigerten sich.
Wenn du also glaubst, dass Milo und ich so naiv sind zu glauben, dass so eine Fernbeziehung ein leichtes Spiel ist, dann irrst du dich gewaltig! Liebe allein reicht da nicht. Es gehören eine Menge Durchhaltevermögen dazu und der Glaube an ein wunderschönes Wiedersehen. Ich liebe Milo und ich weiß, dass er mich ebenso liebt. Ich bin ein Teil seines Herzens, doch wenn er sich eines Tages wirklich neu verlieben sollte, dann habe ich vollstes Verständnis dafür.“
„Aber wieso das Unvermeidliche hinauszögern, wenn es eines Tages sowieso eintreffen wird?“, fragte Emanuele weiter, der es immer noch nicht so recht verstehen wollte. Vielleicht steckte aber auch mehr dahinter… „Ich meine… ich finde du hast eine Beziehung verdient, in der sich dein Partner um dich kümmern kann, indem er einfach jeden Tag in deiner Nähe ist.“ „Ach Emanuele…“ Luca schien erschöpft von der Unterhaltung zu sein. Doch wollte er freundlich gegenüber seinem Freund bleiben und ihn nicht abweisen. „Ich liebe Milo. Es ist alles gut!“
„Na wenn du meinst…“ Emanuele blickte wieder zum Fenster hinaus und wenn Luca ihn genauer beobachtet hätte, dann hätte er den traurigen Blick in seinen Augen gemerkt. Doch Luca war mit seinen Augen, Ohren und Gedanken ganz wo anders. Der Zugschaffner gab nämlich durch die Lautsprecherdurchsage bekannt, dass der Zug in wenigen Minuten in Rom ankam. Luca freute sich sehr auf die Ankunft, denn in ungefähr acht Stunden käme auch sein Freund am selben Bahnhof an.
„Wir sollten nun zu Francesca und Lorenzo zurückgehen. Die warten sicherlich schon auf uns.“, meinte Luca zu Emanuele. „Ach, wolltest du mir nicht noch etwas Wichtiges sagen?“
„Nein, war doch nicht so wichtig.“, log Emanuele. „Geh doch schon einmal vor, ich komme gleich nach.“ Emanuele gönnte sich noch einen ruhigen Moment. Unerwiderte Liebe – das ist es, was er derzeit am meisten spürte. Schon vor einiger Zeit hatte er sich in Luca verliebt, doch da dieser einen Freund hatte, wollte er ihn zu nichts drängen, geschweige denn ihm überhaupt die Wahrheit sagen. „Es ist für alle Beteiligten besser so, wenn er nichts davon weiß.“, murmelte Emanuele leise vor sich hin und beschloss ebenfalls zu seinen Kameraden zurück zu kehren.
„Danke Emanuele! Wegen dir habe ich zehn Euro verloren.“, beschwerte sich Lorenzo bei seinem Kumpel, während er seiner Freundin gerade das verwettete Geld überreichte.
„Wofür arbeiten, wenn man sich so leicht Geld verdienen kann?“, fragte Francesca belustigend.
„Puuuh…“ Luca atmete schwer aus. „Morgen sehe ich ihn endlich wieder. Ich freu mich so tierisch!“
„Juhe… Luca und Reino wieder vereint.“, gab Emanuele sarkastisch von sich.
Erneut hat er Lucas Freund einen falschen Namen gegeben. Also korrigierten Francesca und Lorenzo ihn aufs Neue, dieses Mal allerdings gemeinsam: „Sein Name ist Milo!“
„Hatschi!“ Ich lag in meinem kleinen Bett im Schlafabteil und musste plötzlich zu niesen anfangen. „Redet da etwa einer über mich?“, fragte ich mich völlig verschlafen. Ich drehte mich zur Seite und hörte, dass Liam nach wie vor schnarchte. Ich schloss meine Äuglein und schlief wieder friedlich ein.

55. Im Mondschein

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie viel Uhr es war, als ich meine Augen langsam öffnete. Es war dunkel um mich herum und nur durch das helle Mondlicht, das beim Fenster herein schien, war es mir möglich, Umrisse meines Schlafabteils zu erkennen. Mit meinen Händen tastete ich nach meinem Handy, um die Uhrzeit abzulesen. Bevor ich schlafen gegangen war, hatte ich es an mein Ladekabel angeschlossen und es auf meinen Koffer abgelegt, der wiederum am Fuße meines Bettes lag. Ich erwischte mein Handy und drückte einen Knopf, doch es blieb dunkel. War der Akku etwa leer? Unmöglich! Es wird doch nicht etwa kaputt sein…, wenn doch werde ich sauer. Ich hab es mir von dem Weihnachtsgeld gekauft, dass mir mein Großvater letztes Jahr geschenkt hat. Ich legte mein Handy zurück auf meinen Koffer und starrte zur Decke. In dem Bett über mir schlief Liam. Wenigstens einer der friedlich schlief. Vermutlich träumte er davon, wie er sich seinen Wanst mit Essen voll schlang und dabei wieder jegliche Tischmanieren beiseite lag. Immerhin hatte er sein Holzfäller-Schnarchen eingestellt, das jeden Baum im Umkreis von zehn Kilometern absägte. Es war so friedlich im Abteil. Stille. Ehrlich gesagt, war es mir ein wenig zu still… und warm! Ich wand mich unter meiner dünnen Bettdecke hin und her, ehe ich sie ein wenig zur Seite schob, um überhaupt Luft zu bekommen. Das hasste ich am Sommer so sehr – diese unerträgliche Hitze! Ich blieb regungslos liegen und versuchte mich ein wenig zu entspannen, doch fühlte ich mich auf einmal putzmunter und beschloss, mir die Beine ein wenig zu vertreten. Meine nackten Füße berührten den Boden und ich versuchte nach Möglichkeit keinen Lärm zu veranstalten, damit ich Liam nicht weckte. Wenn er schon einmal friedlich schlief und seine Klappe hielt, dann sollte man ihn dabei auch nicht stören. Jedoch streckte ich meine Arme aus, damit sich meine Muskulatur ein wenig entspannte. Mein Blick richtete sich nach oben und ich sah… Liam lag gar nicht in seinem Bett!
Wo könnte er nur stecken? Mir schossen zugleich vier Theorien in den Kopf. Theorie 1: Er sitzt mal wieder auf der Toilette und lässt Druck ab; Theorie 2: Er hatte Hunger und sitzt im Speisewagen, wobei ich nicht glaube, dass es da einen Nachtsnack gibt; Theorie 3: Er schlafwandelt und geistert nun wie ein streunender Hund durch den Zug; Theorie 4: Er ist dem neuen Zugbegleiter über den Weg gelaufen, der sein geklautes Ticket in Augenschein nahm und nun droht im Ärger. Letztere Theorie klingt noch am plausibelsten, doch hoffte ich stark, dass sich diese als pure Fantasie meinerseits herausstellte. Es gab auch noch eine 5.Theorie: Er ist wie ich wach geworden und wollte sich einfach nur mal kurz die Beine vertreten. Ja, genau so wird es sein und nicht anders.
Ich schaute aus dem Fenster und in den Nachthimmel empor. Es war eine sternenklare Nacht und das der Mond heute so hell leuchtete, kam daher, da heute Vollmond war. Hmm… Theorie 6: Liam ist ein Werwolf und damit sein Geheimnis nicht ans „Tageslicht“ – haha Wortwitz – kam, versteckte er sich nun vor mir. Du meine Güte, vielleicht sollte ich mich auch einfach wieder schlafen legen, denn meine Träume sind da weitaus weniger durchgeknallt, als meine wildesten Theorien.
Es traf mich wie ein Blitzschlag und es knallte wie ein gewaltiger Donner, der die Erde zum Beben brachte. Ich erschrak furchtbar, als plötzlich jemand mit voller Gewalt gegen die Türe hämmerte. Der Schock saß so tief, dass ich rücklings über Liams Koffer stolperte und mir meinen Schädel am Waschbecken anschlug. Es donnerte erneut gegen die Tür und ich fragte mich, wer die Unverschämtheit besaß, mitten in der Nacht einen solchen Radau zu veranstalten. Damit dürfte er nicht nur mich aufscheuchen, sondern den halben Zug. Hätte ich gerade nicht so viel Schiss, dann hätte ich meiner Wut freien Lauf gelassen. Hinzu kamen die Schmerzen am Hinterkopf. Der Zug rollte über die Gleise und ich konnte spüren, wie er gerade um eine Kurve fuhr. Wer immer auch für diesen Lärm verantwortlich war, würde nun sein blaues Wunder erleben. Alles lasse ich mir schließlich auch nicht gefallen!
Ich stand vom Boden auf und überspielte die Schmerzen, die ich in meinen Füßen und an meinem Kopf verspürte. Dann riss ich die Tür auf und trat in den Gang hinaus – doch der Gang war leer! War der geheimnisvolle „Klopfer“ vielleicht in eines der Nachbarabteile geflüchtet? Vielleicht war es auch Liam, der sich wieder einmal einen Scherz mit mir erlaubte. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und schloss die Tür hinter mir. Ich blickte den Gang rauf und runter, doch es war keine Menschenseele zu sehen und mir wurde ein wenig mulmig zumute. „Sei tapfer Milo!“, ermutigte ich mich selbst. Doch auf einmal fing das Licht an der Decke zu flackern an. Gespenstisch! „Hallo?!“, rief ich schließlich den Gang rauf und runter und hoffte, dass mir jemand antworte – vergebens. Diese Stille im Zug war mir inzwischen sehr unheimlich und ich beschloss zu den Sitzplätzen zu gehen. Da fiel mir ein, dass ich nur mein Schlafshirt und meine Boxershorts anhatte. Na da dürfte ich ja wieder für eine Menge Gelächter sorgen. Die Tür zu den Sitzplätzen ging automatisch auf und das was ich sah, ließ meine Kinnlade runterfallen: Das Abteil war völlig leer! Das Licht brannte zwar, aber es war keine Menschenseele zu sehen. Als wäre das nicht genug, schien auch das ganze Gepäck wie von Geisterhand verschwunden zu sein. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass wirklich alle Passagiere – ohne Ausnahme – schlafen gegangen sind und ihr übriges Gepäck mitgenommen haben. Auch mein Rucksack war verschwunden! „Ooookay, was geht hier vor sich?“, murmelte ich nun doch etwas verängstigt vor mich hin, als plötzlich das Licht ausging und ich mich im Dunkeln wiederfand. Auf meinem Rücken machte sich eine Gänsehaut breit. „Das ist nicht witzig!“, rief ich nun laut.
Durch das helle Mondlicht, das in den Waggon schien, war es mir möglich zu sehen, wie sich ein Schatten schnell fortbewegte. Ich drehte mich im Kreis, doch konnte keine Person ausfindig machen. Verlor ich allmählich meinen Verstand? Ich rannte den Gang weiter und ich rannte wirklich. Ich bekam das Gefühl, dass wenn ich stehen bleiben würde, mich irgendeine Gefahr heimsuchen würde. Ich rannte und rannte, von einem Abteil zum nächsten, immer weiter, durch den Speisewagen und bis in den vordersten Waggon. Ich begegnete keinem anderen Fahrgast und auch die Zugbegleiter schienen spurlos verschwunden zu sein. So etwas wie eine Nachtwache müsste es doch eigentlich geben, oder?! Schließlich kam ich am Führerhaus des Reisezuges an. Die Tür war nicht abgesperrt und stand offen, als würde sie mich einladen einzutreten. Die Angst breitete sich immer weiter in mir aus und ich musste mit Entsetzen feststellen, dass der Zug keinen Lokführer hatte.

56. Der Schatten der Angst

Der Zug setzte seinen Weg auf den Gleisen fort, doch allem Anschein nach ohne einen Lokführer. Befand ich mich hier denn auf einmal in einem Geisterzug? Ich bekam es mehr denn je mit der Angst zu tun. Meine Knie wurden weich und als wäre das nicht schon schlimm genug, kam in mir das Gefühl hoch, als würde sich alles um mich herum drehen. Schließlich sackte ich zu Boden. Ich legte meine Hände an meine Schultern und kauerte mich wie eine verängstigte Raupe zusammen. Ich fühlte mich so elendig. Was geht hier nur vor sich? Wo sind denn alle? Wo ist Liam?
Da hörte ich es wieder. Das laute Klopfen gegen eine Tür, als würde es donnern. Ich blickte auf, doch einen Menschen konnte ich nicht erspähen. Dafür jedoch einen Schatten, der schwerelos in der Luft schwebte. Meine Angst wurde nur noch größer und ich fragte mich, was nun mit mir geschehen würde. Auf einmal formte sich der Schatten zu einer menschlichen Silhouette, erst der Oberkörper, dann der Kopf und zum Schluss Arme und Beine. Der Schatten streckte seine Hand zu mir aus und deutete mir an, dass ich zu ihm kommen sollte. Es schien fast so, als wolle er mir etwas zeigen. Sollte ich aufstehen und ihm folgen? Was hatte ich zu verlieren? Mein Mut und mein Verstand scheinen mir sowieso schon abhandengekommen zu sein. Wenn der Schatten mich in den Tod führte, dann war Widerstand ohnehin zwecklos, es sei denn ich finde rein zufällig eine Taschenlampe…
Ich stand also wieder vom Boden auf. Meine Angst war nach wie vor gegenwärtig, doch versuchte ich mich zusammen zu reißen. Der Schatten schlenderte lautlos durch die Zugwaggons, dabei schwebten seine Füße immer leicht über dem Boden. Ich folgte ihm, schüchtern und mit nötigem Abstand. Wo er mich wohl hin führte? Die Tür zum nächsten Abteil öffnete sich, doch als ich hindurch trat, fand ich mich plötzlich an einem ganz anderen Ort wieder. Trotz dichtem Nebel konnte ich zwei Gleise erkennen, eine Treppe, Sitzbänke und einen Ticketautomaten. Zweifelsohne befand ich mich auf einem Bahnhof, doch auf welchem konnte ich nicht sagen. „Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“, hörte ich wie aus dem Nichts eine Stimme fragen. Ich drehte mich um und war überrascht zu sehen wer da vor mir stand. Aus dem Nebel heraus trat Jonas zum Vorschein.
„J-Jonas?!“, erwiderte ich verwirrt, aber zugleich auch erfreut endlich eine vertraute Person zu treffen. „Gesucht? Jonas was geht hier vor sich?“
„Du kannst deine Schuld nicht ungeschehen machen.“, sagte Jonas lediglich zu mir. Dabei rührte er sich keinen Millimeter vom Fleck und auch seine Gesichtszüge schienen zu Eis erstarrt zu sein.
„Schuld? Ich habe wirklich nicht die leiseste Ahnung wovon du redest.“, sagte ich daraufhin.
Jonas eiskalter Gesichtsausdruck wich einem beängstigenden Grinsen. Da hörte ich das Geräusch einer Auto-Hupe, zwei Lichter tauchten hinter Jonas auf. Sie kamen näher und näher, bis sie in Form eines Geisterautos durch den armen Jonas hindurch brachen. Es entlockte mir einen entsetzlichen Schrei. Jonas und das Auto verschwanden im Nebel und es wurde wieder still um mich herum.
Während der ganzen Zeit schwebte die schattenhafte Silhouette neben mir. Was hatte das alles zu bedeuten? „Es tut mir so unendlich leid für dich, Luca.“, hörte ich auf einmal eine andere Stimme sagen. Bei der Erwähnung meines Freundes keimte ein Hoffnungsschimmer in mir auf und als ich mich erneut umdrehte, konnte ich wirklich meinen Freund erspähen. Meine Angst war wie weggeblasen, doch nur für eine kurze Zeit. Luca schien über irgendetwas sehr traurig zu sein. Erik stand bei ihm, legte seine Hände auf seine Schulter und versuchte ihn zu trösten.
„Ich musste ihn einfach loslassen.“, schluchzte Luca.
„Das weiß ich doch und er ist ja auch in guten Händen.“, erwiderte Erik zu ihm.
„Das hoffe ich sehr. Ich hoffe er gibt besser auf ihn Acht, als auf seine erste große Liebe.“, meinte Luca. Für mich sprachen die Beiden in Rätseln. „Ich fühl mich nun nur so schrecklich allein.“
„Aber das musst du nicht. Ich bin ja bei dir.“, sagte Erik. Er beugte sich ein wenig zu Luca herunter, da er ein Kopf größer war als dieser und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Mir fiel die Kinnlade herunter und es versetzte mir einen tiefen Stich ins Herz, das mit anzusehen. Doch noch während die Zwei sich innig küssten, lösten auch sie sich im dichten Nebel wieder auf. „Verdammt! Ich will nun auf der Stelle wissen, was das alles zu bedeuten hat!“, stampfte ich wütend mit den Beinen auf. Ich suchte die Antwort bei der schattenhaften Silhouette, doch die war gerade dabei sich erneut zu verändern. Dieses Mal nahm sie wirklich eine menschliche Gestalt an. Mir blieb die Luft zum Atmen weg, als ich erkannte, wer nun vor mir stand. Ich traute meinen Augen kaum, doch war es mein persönliches Spiegelbild. Der Schatten, der mir anfangs so eine qualvolle Angst einjagte, war ich selbst! „D-Du?! I-Ich meine Ich?!“, stotterte ich vor mich hin.
Mein zweites Ich blieb stumm und rührte sich nicht vom Fleck. Lediglich seinen Arm streckte er aus. Erneut schien er auf etwas zu deuten. Als ich zu der gezeigten Stelle blickte, konnte ich eine Pfütze auf dem Bahnsteig erkennen. Das Wasser war allerdings so klar, dass ich mich darin spiegeln konnte. Doch wieder wurde ich überrascht, denn ich sah nicht in mein Spiegelbild, sondern Liam. Ich fing an meinen Körper und mein Gesicht abzutasten. Jetzt endlich wurde es mir klar. Ich war nicht Ich – Ich war nicht Milo, sondern Liam! Bedeutete das etwa, dass ich sehen konnte, was in Liams Kopf vor sich ging? Doch richtig schlau daraus wurde ich trotzdem nicht. Jonas und seine Worte, dass Liam seine Schuld nicht ungeschehen machen konnte, das heranrasende Auto und Lucas Worte über Liams erste große Liebe ergaben für mich keinen Sinn. Nur eines verstand ich: In Liams Gedanken, hatte ich Luca offensichtlich für ihn verlassen, während Luca daraufhin mit Erik zusammen kam. Na das sind ja tolle Voraussichten. Doch wieso bin ich überhaupt in der Lage, Liams Gedanken zu sehen? Sind das überhaupt seine Gedanken? Vielleicht befand ich mich auch in einer Parallelwelt.
„Milo.“ Mein zweites Ich sprach nun doch mit mir und rief mich bei meinem Namen, obwohl ich ja in dieser Gestalt Liam war. „Es wird Zeit für dich wieder aufzuwachen.“
„Aufzuwachen? Ist das alles etwa nur ein Traum gewesen?“, fragte ich verstört.
Mein zweites Ich lächelte mich an und antwortete mir: „Traum und Realität liegen oftmals näher beieinander als man sich vorstellen kann. Doch du musst nun erst einmal wieder aufwachen, denn deine Reise ist noch nicht zu Ende und du darfst nicht länger an diesem Bahnhof verweilen.“
„Ja aber…“, ich wollte widersprechen. Ich hatte noch so viele Fragen. Doch beschwor ich damit wohl den Zorn meines zweiten Ichs auf. Er verwandelte sich wieder in einen Schatten und kam auf mich zugeschossen. Ein furchterregender Schrei dröhnte mir ins Ohr, sodass ich mir die Ohren zuhalten musste. Ich kniff auch meine Augen zu, als der Schatten gegen mich prallte. Seine Wucht riss mich von den Füßen, ich stürzte und fiel in ein tiefes Loch. Unter mir rollte der Zug dahin und ich drohte auf die Gleise davor zu fallen. Ich würde sterben. Dann schrie ich und wachte auf!

57. Herzklopfen

Ich schrie, und zwar mir die Seele aus dem Leib. Noch während meines Schreis öffnete ich meine Augen und sah, dass es nach wie vor dunkel war. Ich war verschwitzt und spürte mein Nachtshirt auf meiner Haut kleben. Meine Haare waren so durchnässt, als wäre ich gerade frisch vom Duschen gekommen. Zuerst war ich in Panik, doch dann ging ein Licht an und ich versuchte mich zu beruhigen. Mit meinem Geschrei hatte ich Liam offensichtlich ebenfalls aus dem Schlaf gerissen. Er kam von seinem Bett runter gesprungen und hatte eine Taschenlampe in der Hand, mit der er mir ins Gesicht blendete. „Was ist denn los?“, fragte er mich besorgt. „Du schreist ja lauter als eine Todesfee.“
„Nur schlecht geträumt. Geh wieder schlafen.“, antwortete ich ihm kurz und bündig. Auf eine lange Unterhaltung mit ihm verspürte ich keine Lust, da ich mich gerade so schrecklich fühlte.
„Ich werde kaum schlafen können, wenn du hier so rum jaulst!“, meinte Liam zu mir, während er das gebündelte Licht seiner Taschenlampe weiterhin auf mich fixierte und mich damit blendete.
„Hättest du vielleicht die Güte…?“, fragte ich genervt, während ich meine rechte Hand schützend vors Gesicht hielt. Liam leuchtete mit seiner Taschenlampe auf eine andere Stelle und entschuldigte sich, da er seiner Tat nicht bewusst war. Ich beugte mich in meinem Bett nach vorne, stützte mich mit meinen Ellenbogen auf meinen Beinen ab und legte meine Hände auf den Kopf. Was für ein irrer Traum – und ich erinnerte mich noch an jede Einzelheit.
„Muss ja ein echter Albtraum gewesen sein…“, sagte Liam leise und setzte sich unerlaubt zu mir aufs Bett. Ich sprach zu ihm kein Wort, denn ich musste erst meine Gedanken sortieren. „Magst du mir erzählen, wovon du geträumt hast? Vielleicht kann ich dir ja helfen?“
„Liam… bitte… lass es doch einfach mal gut sein.“, sagte ich nun etwas erschöpft.
„Ja aber…“ Liam wollte Einspruch erheben, doch das ließ ich nicht zu.
„Nein, kein aber!“, erwiderte ich nun lautstark. „Kannst du mich nicht einfach mal in Ruhe lassen?“
Liams Antwort war vorhersehbar…, zumindest der erste Teil davon: „Nein kann ich nicht..., den ich hab mich in dich verliebt!“ Was hat er da gerade gesagt? Hat er gerade etwa…? Hat er gesagt, dass er mich…? Mir war ja schon lange klar, dass Liam einen Narren an mir gefressen hat, doch das er seine Gefühle mir gegenüber nun so offen preisgab, war selbst für mich neu. Wie sollte ich damit denn nun umgehen? Nach seinem Geständnis musste ich ihm unweigerlich in die Augen sehen – seine schönen blaugrauen Augen, die auf einmal wie Kristalle für mich funkelten. Liam erwiderte meinen Blick. Er sah traurig und glücklich zugleich aus. Und auf einmal, ohne dass ich es kommen sah, beugte er sich zu mir nach hinten, zog meinen Kopf sachte zu sich heran und küsste mich voller Leidenschaft auf die Lippen.
Es musste ja so kommen. Den ganzen Tag über hab ich mich mit Händen und Füßen gegen seine Anmachversuche gewehrt, doch all dies war zwecklos. Mein Herz raste wie verrückt und es schlug schneller als ein Sekundenzeiger auf einer Uhr. Liam küsste mich und ich konnte mich nicht mehr dagegen wehren. Ehrlich gesagt wollte ich das inzwischen auch gar nicht mehr, denn der Kuss fühlte sich so verdammt gut an! Liam war ein Chaot, ein Spinner, eine Nervensäge, ein Quälgeist und trotzdem… mir war von Anfang an klar, dass er fantastisch gut küssen kann.
Als sich unsere Lippen schließlich wieder voneinander lösten, fühlte es sich für mich so an, als würde sich ein Teil von mir entfernen. Nun konnte selbst ich meine Gefühle nicht mehr verleugnen. Erik hatte also von Anfang an Recht, denn Liam sprühte eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus, der ich nun erlegen war. Ich fühlte mich wie ein Magnet, der von ihm angezogen wurde und so kam es, dass der nächste Schritt von meiner Seite aus gestartet wurde, indem ich mich nun vorbeugte und ihn küsste. Dieses Mal jedoch mit Zunge! Heilige Mutter des schwulen Gottes – ein Traumkuss!
Es war alles so unbeschreiblich schön, wäre da nicht das schlechte Gewissen, das sich von Sekunde zu Sekunde stärker bemerkbar gemacht hätte. Luca. Natürlich musste ich an Luca denken. Er ist mein Freund, oder besser gesagt Noch-Freund, denn wenn er hier von erfuhr, würde er sich bestimmt von mir trennen. Dann wäre Schluss! Kein Luca mehr, kein italienisches Temperament mehr – nie mehr! Und mit einem Mal fühlte ich mich schlechter, als alle Partynächte mit Vollrausch zusammen, denn Fremdgehen war für mich nie eine Option! Ich hatte so stark um meine Beziehung mit Luca gekämpft und nun gab ich sie auf für… für Liam… für den besten Küsser im ganzen Universum. Oh man, was soll ich jetzt nur machen? Ich brach den Zungenkuss schließlich ab und rutschte ein Stück nach hinten.
„Was ist los? Küss ich so schlecht?“, fragte Liam mich mit einem sehr süßen Blick.
„Schlecht? Soll das ein Witz sein?“, erwiderte ich verdattert. Ich sollte ihm besser nicht direkt ins Gesicht sagen, was für ein fantastischer Küsser er ist, denn dann würde er wirklich abheben und das Letzte was ich zu meinem Gefühlschaos noch benötigte, war ein Liam mit Engelsflügeln der abhob.
„Es ist wegen Luca richtig?!“, schlussfolgerte Liam dann schließlich selbst. „Es tut mir Leid.“
„Das ist nicht deine Schuld. Du kannst am Wenigstens etwas dafür. Du bist schließlich Single und kannst tun und lassen was du möchtest. Nur ich sollte mich schämen. Das passt eigentlich nicht zu mir.“, versuchte ich Liam möglichst plausibel zu erklären. „Du lässt dich von deinen Gefühlen leiten.“
„Ja und meine Gefühle sagen mir, ich will ganz nah bei dir sein.“, berichtete Liam mir, während er sich nun vollständig zu mir ins Bett gesellte. Mein Herz fing wieder an schneller zu schlagen. Liam stützte sich von der Matratze ab und beugte sich über mich. Eigentlich sollte ich mich gegen meine Gefühle für Liam wehren, doch wusste ich nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Ich wusste nur noch eines… „Und was sagen dir deine Gefühle… Milo?“, flüsterte Liam mir sanft lächelnd zu.
„Das ich dich nicht mehr gehen lassen sollte.“, antwortete ich ihm und zog ihn wieder ganz nah an mich heran. Es war soweit. Ich gab mich meinen Gefühlen für Liam vollständig hin. Was mit einem Albtraum begann, wurde zu einem herrlichen Traum, denn falls ich es vergessen haben sollte zu erwähnen: Liam schlief nur in Boxershorts und lag halbnackt auf mir, als wir Beide unseren Gefühlen hingaben.

58. Eine unvergessliche Nacht

Als ich meine Augen wieder öffnete, schien eine rote Morgensonne durch das Fenster des Abteils. Es war ein herzerwärmender Augenblick. Wenn mir jetzt noch jemand das Frühstück ans Bett liefern würde, wäre ich rundum glücklich. Ich gähnte leise vor mich hin und streckte meine Arme, damit sich auch meine Gliedmaßen wieder wohl fühlten. Danach schaute ich mich im Abteil um. Liam lag nicht mehr in meinem Bett. Ich stand schließlich auf und als ich zum oberen Bett rauf sah, fand ich ihn. Tief und fest schlief er in seinem Bett, während er hin und wieder grunzende Geräusche von sich gab. Irgendwie süß, auch wenn ich schon wieder den Vergleich mit einem Schwein im Kopf hatte.
Ich nutzte einen ruhigen Moment, um ein wenig aus dem Fenster zu blicken und die letzte Nacht Revue passieren zu lassen. Es war wahrlich eine unvergessliche Nacht, die mit diesem furchtbaren Albtraum begann. Doch dann kam Liam zu mir ins Bett gekrochen und wir haben uns das erste Mal geküsst! Doch das war noch längst nicht alles, denn nach dem Kuss ging es noch weiter.
Nachdem Liam sich über mich beugte und wir uns tief in die Augen sahen, wusste ich, dass ich mich Hals über Kopf in Liam verliebt hatte. Ich fühlte mein Herz rasen. Mein ganzer Körper bebte vor Anspannung, doch Liam verstand es sehr gut, jemanden die Anspannung und die Angst zu nehmen. Ganz sachte streichelte er mich an den Armen, als sich unsere Lippen ein drittes Mal berührten und wir uns unseren Gefühlen hingaben. Zunächst war ich sehr schüchtern und zurückhaltend, denn ich traute mich nicht so recht auch ihn zu berühren und zu streicheln. Doch als wir uns für nur drei Sekunden voneinander lösten und Liam mich anlächelte, da verschwand jegliche Scheu meinerseits. Ich legte meine Hände auf seinen Rücken und streichelte diesen ebenfalls. Seine Haut fühlte sich rein und zart an, fast wie Babyhaut, und trotzdem konnte ich jeden einzelnen Muskel seines Körpers ertasten. Das Liams Körperstruktur gut gebaut war, wusste ich ja bereits, als ich das erste Mal auf ihn traf und ihm dabei versehentlich beim Umziehen erwischte, aber das sein Körper so muskulös war, hätte ich im Leben nicht gedacht. Nicht dass das eine Rolle spielen würde, ob sein Körper gut gebaut ist oder nicht, aber ich müsste lügen, wenn ich sage, dass mich das in dem Moment nicht sehr anturnte. Ich streichelte ihm also den Rücken und tastete mich dabei ganz langsam nach oben – nach oben, nicht nach unten! Ich kam zu seinen dunkelbraunen Haaren und fuhr mit meiner Hand durch sie hindurch, während Liam damit begann, meinen Hals zu küssen. Ich schloss meine Augen und stellte mir vor, was er gleich alles mit mir anstellen würde. Eine Erektion meinerseits war unvermeidbar. Liam, der auf mir drauf lag, spürte das natürlich sofort und ließ sich zu einem breiten Grinsen hinreißen. Den ganzen Tag über kam er immer wieder sehr ungehobelt und rücksichtslos rüber, doch jetzt kamen auch seine galanten Züge zum Vorschein: „Darf ich dir dein Shirt ausziehen, oder ginge dir das zu weit?“, fragte er mich, indem er mir dazu leise ins Ohr flüsterte.
Ich lächelte ihn an und gab ihm die Erlaubnis. Er half mir dabei mein Shirt auszuziehen, das daraufhin am Boden landete. Nun lagen wir Beide oberkörperfrei in meinem Bett und seine Brust schmiegte sich an meine. Es fühlte sich warm an und ich konnte spüren, dass sein Herz ebenfalls sehr schnell schlug. Ich war Liam so nah wie noch nie zuvor und es gefiel mir sehr. Wir küssten uns wieder und nebenbei ging ich einen Schritt weiter, indem ich meine Hand unter seine Boxershorts steckte und seinen knackigen Hintern massierte. Jetzt konnte ich auch deutlich eine Erregung bei Liam spüren. Es war soweit. Wir Beide waren inzwischen so heiß aufeinander, dass wir nicht mehr zu bremsen waren. Liam küsste meinen Nacken, ehe er ein wenig mit seiner Zunge an meinen Brustwarzen herum spielte. Kurz darauf zogen wir uns gegenseitig mit zärtlicher Leidenschaft die Boxershorts runter und es kam zum intimsten Moment überhaupt. Zuerst lagen wir einfach nur aufeinander und rieben unsere Genitalien aneinander, was für noch mehr Erregung sorgte. Ich starrte in Liams Gesicht und da war es wieder: Sein freches, aber verführerisches Grinsen. Ich zog ihn näher an mich heran und küsste ihn mit Zunge, während ich mit meiner Hand nun sein Genital berührte. Eigentlich spielte es keine Rolle, denn ich hatte gerade weitaus Besseres zu tun, dennoch musste ich darüber nachdenken, ob Liam während der Zugfahrt auch mal mit seinem „Ding“ angegeben hat. Er hätte jeden Grund dazu, denn er war hammermäßig bestückt! „Wollen wir…?“, fragte er mich leise und ich wusste genau worauf er hinaus wollte. Wir wollten und natürlich hatte Liam Kondome parat. „Du hast mir ja gesagt, dass du sowohl aktiv als auch passiv sein kannst. Würde es dir dann was ausmachen, heute den passiven Part einzunehmen?“, fragte Liam mich behutsam, aber auch frech.
„Wieso wundert es mich nicht, dass du der Dominante sein willst?!“, erwiderte ich breit grinsend.
Ich war einverstanden und stülpte Liam das Kondom über sein Genital. Danach legte ich mich auf den Bauch und Liam schob sein steifes Genital behutsam in meinen Hintern. Was folgte war der beste Sex seit ewig langer Zeit! Nun gut, mein letzter Sex mit Luca lag ja auch bereits wieder einige Monate zurück... Luca… und wieder kam das schlechte Gewissen in mir hoch. Dennoch war der Sex mit Liam unbeschreiblich und für mich unvergesslich. Es war wahrlich eine unvergessliche Nacht.
Nach dem Sex schienen wir irgendwann Arm in Arm in meinem Bett eingeschlafen zu sein, doch jetzt lag Liam auf einmal wieder in seinem Bett und ich fragte mich warum. Ich muss tief und fest geschlafen haben, da ich seine nächtliche Wanderung nicht mitbekam. Ich blickte aus dem Fenster und beobachtete den wunderschönen Sonnenaufgang. Die italienische Landschaft zog an mir vorbei und wieder grübelte ich über so viele Dinge nach. Hauptsächlich führten alle Gedanken aber zu einer einzigen Frage: Luca oder Liam? Ich fühlte mich überfordert, doch nach der letzten Nacht dürfte die Lage eigentlich klar sein…, oder doch nicht? Es war ja nicht nur mein schlechtes Gewissen gegenüber Luca, das mich in einen Zwiespalt brachte, sondern auch meine weiterhin stark vorhanden Gefühle für ihn. Jedoch lebte Luca nun einmal in Rom, während Liam wie ich in Berlin sein Zuhause hatte.
Ich warf einen kurzen Blick auf mein Handy. Noch etwa eine Stunde bis zur Ankunft in Rom. Nach so einer langen Zugfahrt, könnte ich Luca endlich in meine Arme schließen, doch war er überhaupt noch der Richtige für mich? Ich bin so verwirrt! Meine Augen wanderten wild durch die Gegend, mal aus dem Fenster, mal zu Liam und dann zu… Liams Gepäck. Das Bild, das sich Liam letzten Abend noch ansah, bevor er zu Bett ging, lugte ein wenig heraus und meine Neugier packte mich wieder. Dieses Bild war der Grund, warum Liam zu Weinen anfing. Soll ich, oder soll ich nicht? Meine Neugier siegte und ich zog das Bild heraus. Mir stockte der Atem, was ich darauf sah.
„Hey, warum schnüffelst du in meinen Privatsachen herum?!“, hörte ich Liam plötzlich laut sagen. Ich blickte zu ihm und konnte sein verschlafenes, aber auch wütendes und enttäuschtes Gesicht erkennen.
Meine Stimme bebte vor Schock. „W-Wieso steht da m-mein Na-Name drauf?“

59. Bilder der Vergangenheit

Mir blieb die Stimme im Halse stecken, so schockiert war ich über meine Entdeckung. Trotzdem musste ich meine Frage an Liam wiederholen: „Wieso steht da mein Name drauf?“
Liam kam langsam von seinem Bett runter geklettert, ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Er schien nicht weniger schockiert über das aktuelle Geschehen, doch war mir dies gerade herzlich egal, denn… mein Name stand auf dem Bild! Milo, das ist mein Name und dieser wurde mit einem Filzstift auf das Foto geschrieben. Doch jetzt kommt´s: Auf dem Foto war nicht ich zu sehen, sondern ein anderer Junge, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Der Junge zog eine witzige Grimasse auf dem Foto und streckte einem seine Zunge entgegen. Er wirkte überaus glücklich. „Liam. Ich frage dich jetzt ein letztes Mal: Wieso steht da mein Name auf dem Foto. Wer ist dieser Junge?!“
Ich sah Liam einmal kräftig schlucken. Seine Hände zitterten und sein Blick war starr vor Schreck. Mit dieser Entwicklung der Ereignisse hatte er offensichtlich nicht gerechnet und allmählich bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Ich warf einen weiteren Blick auf das Bild und musste an meinen Traum, beziehungsweise Albtraum, zurück denken. „Dieser Junge…“, sagte ich schließlich langsam und ungewiss. „…ist er tot?“ Die Frage war mir unangenehm, doch ich musste sie Liam einfach stellen. Als ich Liam gestern kennen lernte, war er für mich das reinste Rätsel und ich versuchte mehr über ihn und seine Vergangenheit herauszufinden. So langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen.
Liam antwortete mir auch weiterhin nicht, doch das war auch gar nicht nötig, denn sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er bekam verquollene Augen und als die erste Träne an seinen Wangen hinunter kullerte, wusste ich die Antwort bereits. Ich konnte mir sogar denken, was mit ihm passiert sein könnte, denn mein Albtraum der letzten Nacht hat es mir bildlich vor Augen geführt. Doch wollte ich es lieber von Liam persönlich hören. „Es war in einer späten Sommernacht… das Auto fuhr so unheimlich schnell und ehe ich mich versah, da… da lag er auch schon auf der Straße.“
„Ist das…, war das dein Freund?“, fragte ich nun etwas mitfühlender, wenn ich auch nicht recht wusste, wie ich mit den neusten Erkenntnissen umgehen sollte. Liams erster Freund hieß also auch Milo…, deshalb hat er auch gesagt, er würde meinen Namen nie vergessen! Vielleicht hat er mir deshalb auch den Spitznamen Lolo verpasst, um nicht ständig an seinen verstorbenen Freund erinnert zu werden.
„Ja, der Junge auf dem Foto war mein erster Freund und du ähnelst ihm in vielerlei Hinsicht, wenn dir auch sein herrlicher Humor fehlt. Sein Name war auch Milo und er war der tollste Freund, den man sich nur wünschen konnte. Er würde heute noch leben, wenn ich nicht gewesen wäre.“
„Was ist passiert?“, fragte ich, da ich nun die ganze Geschichte hören wollte. Doch erst einmal musste Liam seinen Gefühlsausbruch unter Kontrolle bringen. Er ließ sich auf mein Bett fallen und weinte bittere Tränen. Ich fühlte mich hilflos, setzte mich aber neben ihn und streichelte ihm die Hand. „Alles wird gut.“, redete ich beruhigend auf ihn ein. Liam weinen zu sehen, war für mich etwas ganz Ungewöhnliches. Auf mich machte er bisher immer einen lebensfrohen Eindruck.
„Also schön.“, sagte er schließlich und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. „Ich werde dir alles erzählen, aber du musst mir davor etwas versprechen. Du darfst mich weder verurteilen, noch zur Polizei gehen. Bitte, das musst du mir versprechen!“
„Zu-Zur Polizei?!“, wiederholte ich verwirrt.
„Versprich es mir! Keine Polizei!“
Liam sah mich mit einem flehendes Gesichtsausdruck an und seine noch nicht getrockneten Tränen taten ihr Übriges, dass ich seine Bitte nicht abschlagen konnte: „Okay…, ich verspreche es dir!“
Liam versuchte sich wieder zu beruhigen und atmete einmal tief durch. Dann fing er an, mir seine Geschichte über seine Vergangenheit zu erzählen: „Genau wie du, waren mein damaliger Freund und ich Schüler an einer stinknormalen Schule. Wir gingen nicht nur in dieselbe Klasse, seine Familie wohnte auch gegenüber meiner Familie, womit wir quasi Nachbarn waren. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und irgendwann verliebten wir uns ineinander und wurden ein Paar. Unsere Familien hatten keine Probleme damit und auch in der Schule kümmerte es nur recht wenige. Diejenigen, die meinten sie müssen von uns angewidert sein, konnten uns gelinde gesagt kreuzweise. Wir waren ein Herz und eine Seele, bis zu dem Tag, der mir später zum Verhängnis wurde. Milo musste noch ein Referat zusammenstellen und ich war mit ein paar Freunden zum Basketball spielen verabredet, also ging ich alleine dorthin. Der Treffpunkt war nicht gerade in einer der schönsten Gegenden Berlins. Es stank furchtbar nach Abgasen und überall lag Müll herum, da die Mülltonnen überfüllt waren. Wände und Mauern waren mit Graffitis zu gesprüht und an mancherorts streunten Hunde herum und alte Bettler wühlten im Müll. Ich wollte so schnell wie möglich durch diesen Bezirk durch, doch als ich an einer Gasse vorbei kam, musste ich inne halten. Da waren zwei große Typen, einer von ihnen war ein Türke, der andere aber ein waschechter Berliner, das konnte man an seinem Dialekt hören. Sie waren jedoch nicht alleine. Ein Mädchen war bei ihnen, sie dürfte so alt wie ich damals gewesen sein, also so um die sechzehn. Die Jungs waren ziemlich grob zu ihr, drückten sie gegen eine Hausmauer und bedrängten sie. Als ich ihren gequälten Gesichtsausdruck sah, wusste ich, dass sie Hilfe benötigte. Also ging ich dazwischen und verhalf dem Mädchen zur Flucht. Ich habe sie danach nie wieder gesehen. Doch nun wurde ich vom Retter zum Opfer, denn die zwei Kerle hatten es daraufhin auf mich abgesehen. Weißt du was sie gesagt haben? Ich kann es dir sagen, denn ich werde ihre Worte nie vergessen. Sie sagten: „Hey, statt zwei geile Titten, bekommen wir einen geilen Schwanz zum Blasen. Das Geschlecht ist mir wurscht, ich will denjenigen nur gescheit durchficken!“ Tja und dann haben sie mich statt dem Mädchen genommen. Sie haben mich vergewaltigt und für mich kam keine Hilfe. Ich wurde Opfer meines Beschützerinstinktes. Ob ich es bereue, dem Mädchen geholfen zu haben? Nein, aber wäre dieser Vorfall nicht gewesen, dann wäre mir das Schlimmste hinterher erspart geblieben… und nun ich rede nicht mehr von der Vergewaltigung.

60. Die ganze Wahrheit

Eine Vergewaltigung. Das musste ich erst einmal kräftig sacken lassen, denn damit hätte ich bei Liam am allerwenigsten gerechnet. Das er mir das nun erzählte, kostete ihn bestimmt eine Menge Überwindung und ich hab ihn auch noch dazu gedrängt, es mir zu sagen. Gott, war mir übel. Liam konnte in meinem Gesicht lesen, wie in einem offenen Buch. „Ich weiß ganz genau was du jetzt wieder denkst.“, sagte er zu mir. „Der arme Liam, er wurde vergewaltigt. Der arme Junge. Doch bitte erspar mir dein Mitleid, denn ich hab keins verdient. Ich erzähle dir auch warum, denn an dem Tod meines Freundes trage ich alleine die Schuld. Nachdem die zwei Kerle mit mir fertig waren… ergriffen sie die Flucht und ich lag da – in dieser schmuddeligen Gasse, auf dem kalten Boden und ich verlor mein Bewusstsein. Ich kam wieder zu mir, als ich etwas Feuchtes auf meiner Handfläche spürte. Ein streunender Hund lag auf allen Vieren neben mir und leckte mit seiner Zunge meine Hand ab. Die Nacht brach inzwischen herein und mit Schmerzen am ganzen Körper, torkelte ich nach Hause, als wäre ich auf Drogen. Meine Eltern und mein Freund hatten sich natürlich schon Sorgen um mich gemacht und wollten die Polizei verständigen, doch kam ich gerade noch rechtzeitig.“
„Rechtzeitig? Wieso das denn?“, fragte ich Liam verständnislos. „Hätten sie die Polizei gerufen, hättest du ihnen gleich erzählen können, was die Kerle mit dir gemacht haben. Das sie dich…“
„…vergewaltigt haben?!“, beendete Liam meinen Satz, da ich mich dazu nicht Herr der Lage fühlte. „Glaub mir, mir ging es damals nicht viel anders als dir. Ich konnte das Wort gar nicht in den Mund nehmen und hab es deshalb auch meinen Eltern verschwiegen. Lediglich meinem Freund Milo hab ich es erzählt, aber auch nur, weil er spürte, dass mit mir etwas nicht stimmte und auch meine Verletzungen am Körper sah. Ich schämte mich so sehr und jede Berührung von ihm, war mir auf einmal so unangenehm. Ich fühlte mich nackt und wehrlos, selbst dann, wenn ich Kleidung trug. Milo riet mir immer wieder, es meinen Eltern zu sagen, einen Psychologen aufzusuchen und natürlich auch die Polizei zu verständigen, doch ich wollte dieses Erlebnis einfach nur totschweigen. Ich wollte mit niemanden darüber reden, auch nicht mehr mit Milo. Daraufhin zog ich mich immer mehr zurück, ging auf Abstand zu all meinen Freunden, Bekannten und Verwandten. Ich wollte einfach nur noch alleine sein. Aus diesem Grund geriet ich mit meinem Freund immer häufiger in Streit, doch eine Trennung kam für ihn gar nicht in Frage, auch als ich es vorschlug. Er wollte mich nicht alleine lassen in dieser schweren Zeit. Damals wusste ich das nicht zu würdigen, doch heute umso mehr. Er war wirklich der beste Freund, den ich mir nur wünschen konnte. Von einer Schulfreundin hab ich dann in der Schule erfahren, wie sich Milo mit ein paar Kerlen aus einer „wilden“ Gegend angelegt hat und es dabei anscheinend um mich ging. An jenem Tag hat er sich in der Schule krank gemeldet und als ich ihn bei sich zuhause aufsuchte, hat mir seine Mutter mitgeteilt, dass er mit einer gebrochenen Rippe, einem blauen Auge, sowie einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus lag. Mir war sofort klar, was er getan haben muss und wer ihm das angetan hat. Meinen eigenen Zustand tot zu schweigen war das Eine für mich, aber niemand vergriff sich an meinen Freund. Ich suchte die zwei Kerle auf und fand sie wider erwartend auf einem alten Schrottplatz. Als ich sie sah, wich jegliche Angst von mir. Zuerst erschraken die Beiden, als sie mich wieder erkannten, doch dann fingen sie laut zu lachen an und meinten, dass sie keine Angst vor mir hätten. Ich bewaffnete mich mit einer Brecheisenstange, die dort auf dem Boden lag, und wollte ihnen eigentlich nur drohen, mich und meinen Freund in Zukunft in Ruhe zu lassen, doch dann sagten sie etwas, was zu einer Kurzschlussreaktion bei mir führte: „Euch in Ruhe lassen, aber warum denn? Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, dich durch zu ficken und wir würden es jederzeit wieder tun. Hätten wir gewusst, dass der Knabe den wir krankenhausreif geschlagen haben zu dir gehört, dann hätten wir mit ihm dasselbe gemacht wie mit dir damals, so ordentlich einen reindonnern, aber das können wir ja nachholen!“
Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich sah nur noch rot und wollte den Beiden dieselben Schmerzen zufügen, die sie mir zugefügt haben. Also ging ich mit der Brecheisenstange auf sie los. Die Kerle haben nicht damit gerechnet, dass ich sie wirklich angreifen würde und waren demnach überrascht und schockiert gleichermaßen. Ich hingegen verspürte Genugtuung. Vor allem als ich den Türken mit der Brecheisenstange im Gesicht traf und dieser daraufhin zu Boden sackte. Wie besessen schlug ich weiter auf ihn ein, selbst dann als schon Blut aus seinem Mund spritzte und er verzweifelt rief, ich solle aufhören. Der Andere, zuerst starr vor Schreck, rannte schließlich auf und davon. Mein Zorn legte sich erst wieder, als ich den leblosen Körper des Türken vor mir liegen sah und mir langsam bewusst wurde, was ich da soeben getan habe. Ich habe einen Menschen getötet.“
Liam erzählte seine Geschichte immer weiter und war so vertieft darin, dass er gar nicht merkte, dass auch ich inzwischen starr vor Schreck war. Liam hat einen Menschen auf dem Gewissen. Das Motiv unbeachtet – er hat einen Menschen getötet!
„Ich hatte gehofft, dass es mit dieser Tat gewesen sei.“, erzählte Liam unbeirrt weiter. Es wirkte auf mich beinahe so, als befände er sich gerade in einer Art Trance, bei der die ganze Wahrheit raus musste. „Ich glaubte fest daran, dass es das gewesen sei, denn wenn der andere Kerl zur Polizei ging, dann würde auch ans Licht kommen, dass er mich vergewaltigt hat. Dann stand nicht nur Aussage gegen Aussage, er würde unweigerlich auch ins Gefängnis wandern. Doch natürlich gab es da noch Milo, der zusammen geschlagen wurde und auf Rat seiner Eltern hin, eine Zeugenaussage bei der Polizei machte. Ich war nicht mit auf dem Polizeirevier und wartete lieber draußen. Als Milo und seine Eltern raus kamen, fuhren seine Eltern alleine mit dem Auto nach Hause, denn wir hatten beschlossen heim zu laufen und uns dabei auszusprechen. In dieser Zeit wurde es auch dunkel. Er hat mir erzählt, dass er vor der Polizei kein Wort über meine Vergewaltigung verlor. Ich wiederum hab ihm den Totschlag auf den Türken verschwiegen. Doch das alles sollte sich als der größte Fehler meines Lebens herausstellen. Nachdem wir die ernsten Themen besprochen hatten, nahmen Milo und ich uns in den Arm und küssten uns. Dann grinste Milo und er entriss sich ruckartig meiner Umarmung. Er rannte auf die leere Straße, machte Jubelsprünge und schrie laut, wie glücklich er doch mit mir sei und das er mich gegen keinen Mann auf dieser Welt eintauschen würde. Plötzlich raste ein schwarzes Auto um die Kurve. Es kam in rasanter Geschwindigkeit. Ich schrie Milo zu „Pass auf!“ und wollte zu ihm auf die Straße rennen, um ihn beiseite zu schubsen. Es war zu spät. Das Auto raste auf Milo zu und traf ihn mit voller Wucht. Er flog über die Windschutzscheibe, über das Dach und rollte über die Straße, bis er regungslos und blutend liegen blieb. Wie vom Blitz getroffen rannte ich zu ihm, doch konnte ich nichts mehr für ihn tun. Mein Freund war tot und als sein Herz aufhörte zu schlagen, hörte gleichzeitig auch mein Herz zu schlagen auf.“

61. Eine gebrochene Seele

Ich war inzwischen von meinem Bett aufgestanden und stolzierte in dem kleinen Schlafabteil hin und her. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, davon auch einige, die meinen bisherigen Horizont bei weitem überstiegen. Das sich Liam nun als Mörder entpuppte war für mich einfach zu viel, doch das Seltsamste daran war, dass ich keinerlei Furcht vor ihm verspürte. „Du musst keine Angst vor mir haben, Milo.“, sagte Liam im ruhigen Ton zu mir, als ob er meine Gedanken schon wieder lesen könnte. „Ja, ich habe einen Menschen umgebracht, aber es war Totschlag und kein heimtückisch geplanter Mord. Und nachdem ich dir erzählt habe, was sie mit mir und meinem Freund angestellt haben… kannst du mich da nicht zumindest ein bisschen verstehen?“
„Doch ich verstehe dich…“, antwortete ich ihm auf der Stelle, „…aber du hast Selbstjustiz verübt!“
„Aber doch nur um mich und meinen Freund zu schützen!“, entgegnete Liam aufgelöst.
Ich hob meine Hand, damit er still schwieg, denn ich musste seine Geschichte erst richtig sacken lassen. Was sollte ich jetzt tun? Wie sollte ich nun weiter mit Liam umgehen? Ich fühl mich überfordert. „Was ist eigentlich nach dem Tod von… Milo geschehen?“, fragte ich Liam schließlich, hielt jedoch kurz inne, als es darum ging, meinen eigenen Namen in den Mund zu nehmen.
„Nun, ich blieb solange bei Milo wie ich nur könnte. Irgendwann kamen ein Krankenwagen und die Polizei. Die konnten auch nur noch den Tod meines Freundes bestätigen und ich musste schließlich mit der ganzen Wahrheit herausrücken. Sie stuften mich jedoch nicht als gemeingefährlichen Straftäter ein und steckten mich in eine Spezialklinik – oder besser gesagt ins Irrenhaus. Dort hab ich dann auch Jonas kennen gelernt.“ Nun wurde ich mehr als hellhörig. Jonas und Liam haben sich beide während ihrer therapeutischen Behandlung kennen gelernt? „Jonas war dort, weil er sich selbst das Leben nehmen wollte und als wir uns das erste Mal trafen, lernten wir uns besser kennen. Er erzählte mir seine Geheimnisse und ich vertraute ihm meine an. Er verstand was ich durch machte und gab mir die nötige Kraft und den nötigen Halt die Tage dort durch zu stehen. Doch so einfach war das leider nicht. Egal mit wie vielen Menschen ich über das Geschehene sprach, konnte mich kein Gespräch wirklich von der Last, die ich in mir trug, befreien. Dann erfuhr ich auch noch, dass Milos Eltern ihn in Italien beisetzten, da dort ihre Wurzeln lagen und er ins Familiengrab beigesetzt werden sollte. Ich hatte also keine Möglichkeit mich noch einmal richtig von ihm zu verabschieden. Da ich mit dem Totschlag auf den Türken eine schwere Tat begangen habe, ließen sie mich aber natürlich auch nicht einfach gehen und so… flüchtete ich schließlich auf eigene Faust! Mein Ziel war Rom und das mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen. Ich hatte nur wenig Zeit und noch weniger, um mir Geld zu besorgen und mir ein Ticket zu kaufen. Also stahl ich mir ein Ticket und den Rest kennst du ja. Ich traf dich! Zufall oder Schicksal? Jedenfalls musste ich mich sehr zusammenreißen, dass ich mir nichts anmerken ließ, als du mir deinen Namen nanntest. Und jetzt kann ich es dir auch sagen: Es tut mir Leid, dass ich dich den ganzen Tag vollgelabert habe, aber während meiner Therapie hab ich eines gelernt: Schweigen ist nicht immer Gold, sondern auch das Reden! Es ist nicht gut, immer alles tot zu schweigen. Manchmal muss man auch offen miteinander reden. Letztendlich hab ich aber auch nur immer wieder Geheimnisse vor dir gehabt, doch damit ist nun Schluss!“
Wie versteinert stand ich vor Liam, nicht in der Lage auch nur ein Wort zu sagen. So unglaublich war seine Geschichte. Doch die kurze Stille wurde jäh zerstört, als eine Lautsprecherdurchsage des Schaffners folgte: „Sehr geehrte Fahrgäste, in zehn Minuten erreichen wir Rom Hauptbahnhof. Aufgrund des gestrigen Stillstands des Zuges, haben wir aktuell noch eine Verspätung von etwa fünf Minuten. Wir bitten Sie deshalb vielmals um Entschuldigung und hoffen, dass sie die Fahrt mit uns trotzdem genossen haben. Wir von der Bahn bedanken uns bei allen Fahrgästen und hoffen, dass sie uns bald wieder mit ihrer Anwesenheit beehren. Der Ausstieg in Rom ist in Fahrtrichtung rechts.“ In zehn Minuten war es also endlich soweit. Die lange Zugfahrt nahm ein Ende und ich würde Luca endlich wieder sehen… Luca… du meine Güte. Ich hatte mit Liam Sex! Während Liam und ich unser Gepäck zusammen suchten, sprach keiner ein Wort. Es war mucksmäuschenstill im Abteil und nur das Quietschen der Räder auf den Schienen war von draußen zu hören.
„Eines solltest du noch wissen, Milo.“, sagte Liam schließlich und erstmals sah ich ihm wieder in die Augen, die auf einmal eine sehr traurige Wirkung auf mich ausübten. „Ich hab nicht nur mit dir geflirtet, weil es Spaß machte, oder weil du denselben Namen wie mein verstorbener Freund hast. Ich hab wirklich Gefühle für dich, sehr starke sogar. Doch bin ich froh, dass es bei meinen Anmachen geblieben ist und ich nicht nachts auch noch über dich hergefallen bin. Ich hätte wirklich Lust dazu gehabt, aber ich glaube, dann hättest du mir eine gescheuert!“ Liam fing zu lachen an und ich hätte mitgelacht, wenn nicht…, wenn nicht…
„Ach du heilige Scheiße!“, stieß ich auf einmal sehr laut aus. Ich war so dumm, so unglaublich dumm! Der Sex mit Liam war gar nicht real, sondern fand nur in meinen Träumen statt! Nach meinem Albtraum bin ich zugleich in den nächsten Traum gewandert, was ich aber für die Realität hielt. Der Kuss mit Liam…, der Sex mit Liam…, alles nicht real gewesen! Ich bin dümmer als die Polizei erlaubt.
Die Tür unseres Abteils sprang auf und wie auf Kommando stand der Polizist vor uns, der nur eine Sitzreihe weiter saß. Liam wich automatisch einen Schritt zurück, während ich mir nun automatisch die Frage stellte, ob ich Liam verpfeifen sollte. Er ist schließlich aus einer Spezialklinik ausgebrochen, nachdem er einen Menschen getötet hat…! „Du hast so laut geschrien. Ist alles in Ordnung bei euch?“, fragte der Polizist sehr nett und seine Augen wanderten von mir zu Liam und wieder zurück.
Bevor ich dem Polizisten eine Antwort gab, blickte ich kurz zu Liam, der mich flehend ansah und sich nebenbei förmlich in die Hose machte. Er hat wirklich Angst. Liam hat Angst! „Ja! Hier ist alles in bester Ordnung, Kommissar!“, antwortete ich dem Polizisten schließlich. „Liam hat mir gerade nur eine seiner wilden Sex-Geschichten erzählt und sie können sich gar nicht vorstellen, was da abging.“
„Ehrlich gesagt möchte ich mir das auch gar nicht vorstellen.“, erwiderte der Polizist lächelnd. „Na denn Jungs. Ich verabschiede mich von euch. Die Zugfahrt war sehr unterhaltsam, was auch euer Verdienst war. Ich wünsche euch in Rom viel Spaß… oh und treibt es nicht mehr zu bunt.“ Der Polizist zwinkerte und schelmisch zu und schloss die Tür anschließend wieder.
Liam atmete erleichtert aus. „Wieso hast du mich nicht verpfiffen?“, fragte er mich verwundert.
Zuerst hatte ich das Gefühl, ihm diese Frage gar nicht so genau beantworten zu können, doch als ich ein bisschen nachdachte, antwortete ich ihm: „Ich hab den ganzen Tag gerätselt, warum du so bist wie du bist und jetzt hast du mir Antworten darauf geliefert. Du hast etwas Schlimmes getan, aber du hast auch etwas Schlimmes erlebt! Ich weiß, dass du kein schlechter Mensch bist, denn du hast das Herz am rechten Fleck. Du hast einen Fehler begangen, aber ich glaube, dass du bereits genug leiden musstest, da deine Seele völlig zerstört ist. Ich finde, du hast zumindest die Chance verdient, dich anständig von deinem Freund zu verabschieden – an seinem Grab.“

62. Endstation – Das Ende meiner langen Reise

Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis der Zug am Hauptbahnhof von Rom ankam, und meine lange Reise ein Ende nahm. Die letzten vierundzwanzig Stunden waren sehr schön, da ich, ohne es erwartet zu haben, viele neue Menschen kennen lernte. Eigentlich hatte ich mit einer stinknormalen Zugfahrt gerechnet, in der ich lediglich auf meinem Sitzplatz hocke, Musik höre, ein Buch lese und mein Essen aus der Lunch-Box verzehrte. Dank Liam kam jedoch alles ganz anders!
Ich konnte unter meinen Füßen spüren, wie der Zug allmählich langsamer wurde und wenn ich aus dem Fenster blickte, konnte ich einen Blick auf die italienische Hauptstadt Rom werfen. Der Zug wurde langsamer und fuhr gemächlich in den Hauptbahnhof ein, doch dafür wurde mein Herz umso schneller. Nun hieß es also Abschied von Liam zu nehmen. Würde ich ihn jemals wiedersehen? Etwas betrübt war ich ja schon, dass sich über unsere letzte gemeinsame Stunde dieser dunkle Schatten legte, andererseits konnte ich nun in das Innere von Liam blicken und ihn dadurch auch viel besser verstehen. Unsere Koffer waren gepackt und wir waren beide bereit, aus dem Zug auszusteigen, sobald er am Bahnhof zum Stillstand kam. „Hier endet die Reise.“, sagte ich schließlich zu Liam, ohne meinen Blick von ihm abzuwenden. Er erwiderte den Augenkontakt, doch ließ er mir keine Chance mehr, seine derzeitigen Gedanken zu lesen. „Es war wirklich schön und ich glaube, dass ich dich vermissen werde.“ Es waren ehrliche Worte meinerseits, doch als ich ihm zum Abschied meine Hand entgegen streckte, fühlte ich mich dumm. Liam hat eigentlich mehr verdient als einen einfachen Handschlag. Er sah das offenbar genauso. Er reichte mir seine Hand, zog mich dann jedoch schnell an sich heran, so nah, wie ich ihm bisher nur in meinem Traum war. Jetzt konnte ich wirklich sein Herz schlagen hören. „Was tust du denn da?“, fragte ich ihn verlegen, aber nicht wirklich überrascht.
„Deine Reise ist hier noch nicht zu Ende.“, meinte Liam zu mir. „Entschuldige mein Verhalten, aber ich muss das jetzt einfach tun, oder ich werde das für den Rest meines Lebens bereuen.“ Nach diesen Worten beugte sich Liam ganz leicht zu mir nach vorne. Er schloss seine Augen und spitzte die Lippen, denn er wollte mich nun endlich küssen, doch… ich drehte mein Gesicht zur Seite. Ich konnte es einfach nicht. Es konnten noch so viele Schmetterlinge in meinem Bauch herum flattern, meine Gefühle für Luca waren einfach stärker. Diese Einsicht machte mich glücklich und traurig zugleich. „Ist schon in Ordnung, Milo.“, flüsterte Liam mir verständnisvoll zu und drückte mir stattdessen einen Kuss auf meine linke Wange. Dieser verflixte Kerl bringt mich noch in Teufelsküche.
Es klopfte an der Tür und als sie sich öffnete stand der Zugbegleiter aus Mailand im Türrahmen und musterte uns mit seinen großen Kulleraugen, als er uns eng umschlungen sah. „Oh äh, Verzeihung!“, entschuldigte er sich. Ihm schien dieser Moment sehr peinlich zu sein, doch mir ging es nicht anders. „Meine Aufgabe ist es zu kontrollieren, ob überhaupt alle Fahrgäste wach sind und auch aus dem Zug aussteigen, wenn dieser in Rom einfährt. Ich wusste nicht, dass… naja dass…“
„Schon gut Sir.“, sagte Liam grinsend zu ihm, während er mich los ließ und sein Gepäck zur Hand nahm. „Ich wollte sowieso gerade gehen. Entweder ist das heute der schönste Tag in meinem Leben, oder er wird noch zum Traurigsten.“ Liam mogelte sich an dem Zugbegleiter hastig vorbei und ich fragte mich, ob es das jetzt mit uns gewesen sei. Kein „Lebe wohl“ oder ein „Auf Wiedersehen“? Der Zugbegleiter versuchte seine Contenance zu bewahren, indem er das Gesehene überspielte. Dann entdeckte er jedoch etwas auf dem Boden und hob es auf. Es war eine Fahrkarte! „Junger Mann, sie haben ihre Fahrkarte verlo…“ Liam befand sich gerade im Gang, als der Zugbegleiter die Fahrkarte genau musterte und feststellte, dass sie nicht ihm gehören kann. Ein entsetzter Blick von Liam, ein entsetzter Blick von mir und ein entsetzter und zugleich sehr wütender Blick des Zugbegleiters. Nun war Liam aufgeflogen und ihm blieb nichts anderes übrig als zu rennen. „Sofort stehen bleiben, Bürschchen!“, schrie der Zugbegleiter ihm nach, während er ihm hinterherrannte. Fort. Liam war geflohen und ich würde ihn nie wieder sehen!
Nun stand ich alleine im Schlafabteil. Ich fühlte mich verloren und irgendwie auch einsam. Nicht mehr lange und ich würde Luca wiedersehen. Ich sollte glücklich sein! Wieso verdammt noch mal, bin ich nicht glücklich?! Ich wischte mit meiner linken Hand über meine Wangen und spürte die nasse Haut auf meinem Gesicht. Ich hatte Tränen in den Augen…, weil Liam wirklich fort war! Auf einmal vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Ich zog es heraus und als ich auf den Display schaute, zeigte es mir eine Nachricht von Erik an: „Hey, ich hoffe du bist gut in Rom angekommen! Wie ist es noch mit Liam gelaufen? Hast du auf dein Herz gehört und dich auf ihn eingelassen?“Nein, so darf das mit Liam nicht enden! Ich könnte tausend Gründe nennen, warum ich plötzlich los rannte, doch nur einer war wirklich von Bedeutung: Meine Reise war hier noch nicht zu Ende. Liam hatte Recht!
Ich stürmte in den Gang, der inzwischen voller Fahrgäste war, die drauf und dran waren, den Zug zu verlassen. Mit Müh und Not kämpfte ich mich an den Leuten vorbei und kassierte dafür auch den ein oder anderen bösen Blick, als ich sie anrempelte. Die Zeit drängt! Ich kam in mein Sitzabteil, indem sich ebenfalls einige Leute befanden, die sich für den Ausstieg bereit machten. Von Liam und dem Zugbegleiter fehlte jede Spur. Dafür entdeckte ich Melody und ihre Mutter, die sich weitaus mehr Zeit ließen, als die anderen Fahrgäste, und noch immer ruhig auf ihren Plätzen saßen. „Melody!“, rief ich, ohne zu Atem zu kommen. „Hast du Liam gesehen? War ein Zugbegleiter hinter ihm her?“
Ich hatte ganz vergessen, dass Melody stumm war und so antwortete sie mir in ihrer Zeichensprache. Allmählich wurde ich nervös, denn ich konnte die Bahnsteige sehen, wenn ich aus dem Fenster blickte. Melodys Mutter übersetzte schließlich die Worte ihrer Tochter: „Liam ist über die einzelnen Sitze gesprungen und ein Zugbegleiter hat ihn schreiend verfolgt. Es war eine richtige Hetzjagd!“
„Okay danke, war nett euch kennen gelernt zu haben. Vielleicht sieht man sich ja eines Tages mal wieder!“, rief ich den Beiden zu, während ich schon auf dem halben Sprung ins nächste Abteil war. Doch zuvor rannte ich noch in die unbekannte Schönheit rein, die während der ganzen Zugfahrt kein Wort mit anderen Fahrgästen wechselte, obwohl sie die Augen der Männer auf sich zog. Mein Gesicht lag in ihrem Dekolleté und ich wurde purpurrot im Gesicht. Erstmals hörte ich die Frau etwas sagen – auf Italienisch: „Si marmocchio impudente!“ Somit wurde auch das letzte Rätsel meiner Mitreisenden gelöst. Die Frau ist Italienerin und versteht kein Wort von dem, was wir sagen.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Sie gerade zu mir gesagt haben, aber es war bestimmt etwas ganz Nettes.“, erwiderte ich, während ich ihre Handtasche wieder aufhob, die zu Boden gefallen war. „Im Übrigen sind sie eine wunderschöne Frau, für die ich glatt wieder Hetero werden könnte, aber ich bin schwul und renne gerade dem größten Idioten aller Zeiten hinterher, also leben sie wohl!“
Ich verschwand in das nächste Abteil, als es einen kleinen Rumms machte. Der Zug stand still und das laute Scheppern bedeutete, dass die Waggontüren aufgingen. Die Zugfahrt war zu Ende! Mein Herz pochte wie wild und für ein paar Sekunden stand ich einfach nur regungslos da. Doch hinter mir kamen die nächsten Fahrgäste, darunter auch Frau Wolle, die mir gestern beim kleinen Liam ein wenig half, und warteten darauf, dass ich weiter marschierte. Also riss ich mich ein letztes Mal zusammen und sprang aus dem Zug. Es war unglaublich warm und die Sonne schien von oben sehr stark herunter. Das Bahnhofsdach schirmte uns zum Glück ein wenig ab, sodass genügend Schatten zum Abkühlen vorhanden waren. Der Bahnsteig war inzwischen voller Menschen, die alle in dieselbe Richtung rannten. Ich beschloss es ihnen gleichzutun, allerdings mit einer sehr viel höheren Geschwindigkeit. So rannte ich im Zickzackmodus weiter, an dem Mann mit Strohhut vorbei, der noch immer nach verfaulten Eiern roch, bis zur Treppe. Die ersten Stufen liefen glimpflich für mich ab, doch dann stolperte ich und stürzte. Zum Glück trug ich keine Verletzungen davon, was ich auch demjenigen zu verdanken hatte, der mich noch rechtzeitig auffing. Der muskulöse junge Mann hielt mich am Arm fest und lächelte mir freundlich entgegen. „Du fällst wohl gerne hin, wie? Dieses Mal trägt mein Gepäck aber keine Schuld!“ Gepäck? Verdammt, ich habe meinen Koffer und meinen Rucksack im Zug vergessen! „Du schaust ziemlich fertig aus? Kann ich dir weiter helfen?“
„Du willst mir helfen? Hier ist meine Fahrkarte, geh bitte zurück in den Zug und hol meinen Koffer und meinen Rucksack. Ich würde es selber machen, aber ich suche jemanden ganz Wichtiges!“
„Aaaaah, wohl der freundliche Knabe, der so eifersüchtig auf mich war.“, erwiderte der Junge grinsend. „Also schön, ich erwidere dir diesen Gefallen, aber auch nur, weil ich dich sehr süß finde!“
Nach diesen Worten kehrte der gut gebaute Junge um, zurück zum Zug, um mir mein Gepäck zu besorgen. Hat er gerade zu mir gesagt, dass er mich süß findet? Wo zum Teufel, kommen auf einmal all die heißen Jungs her, die anfangen mit mir zu flirten, oder in Jonas Fall mich sogar küssen?!
„Milo, hier bin ich!“, rief eine süßlich klingende Jungenstimme und als ich zum Geländer hoch blickte, entdeckte ich meinen Freund Luca. Womit wir beim nächsten heißen Jungen wären, der mir immer wieder die Sinne raubte. Doch bei Luca war es noch einmal etwas ganz anderes, denn als ich ihn sah, ging mein Herz wie die Sonne auf und zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Endlich sah ich ihn wieder und Körper und Geist tanzten vor Freude und Glückseligkeit!
„HEY! Bleib sofort stehen bleiben!“, schrie die Stimme des Zugbegleiters am Fuße der Treppe.
Ich drehte mich um und sah Liam die Treppe rauf rennen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass ich ihn doch noch einmal sah. Liam bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge, bis ihm das junge Ehepaar Malte und Julia den Weg versperrte, die Händchenhaltend auf der Treppe stehen blieben und eine Karte studierten. Liam steckte in der Klemme, denn der Zugbegleiter kam ihm bedrohlich näher. Das gäbe eine saftige Geldstrafe für Liam, wenn ihm nicht sogar noch mehr Unheil bevor stand. Doch Liam war ein Kämpfer und so tat er etwas sehr gefährliches. Er kletterte auf das aus Stein gemeißelte Treppengeländer und schlängelte sich daran hoch. Wenn er nun sein Gleichgewicht verlor, dann wäre es um ihn geschehen, doch Liam vollbrachte auch diese Tat und landete mit beiden Füßen neben mir. „Na, wie habe ich das gemacht? Bin ich nicht toll?“, fragte er mich breit grinsend.
„Ja sehr toll, du bist vor mir raus und warst dennoch hinter mir gewesen und wenn du nicht weiter rennst, kriegen sie dich am Ende doch noch und du weißt was für dich auf dem Spiel steht.“, meinte ich zu ihm.
„Ich muss schon sagen Milo…, du bist ein Phänomen! Ich danke dir von Herzen!“ Liam umarmte mich ein letztes Mal, obwohl die Zeit drängte, da der Zugbegleiter die Treppe rauf gerannt kam. Dann ließ er mich jedoch los und rannte weiter. Seine letzten Worte an mich: „Ich werde dich nie vergessen!“
In der Zwischenzeit kam Luca mir entgegen und auch er nahm mich freudig in die Arme. „Es ist so schön dich wieder zu sehen, aber warum stehst du hier denn so rum und wo ist dein Gepäck?“
„Das ist eine lange Geschichte.“, antwortete ich ihm. Ich hatte Liam noch immer im Blickfeld und wurde das Gefühl nicht los, dass meine Reise noch immer nicht zu Ende war. Ich riss meinen Mund also weit auf und rief mit aller Kraft folgende Worte über den gesamten Bahnhof: „Liaaaaam! Ich danke dir für die schönste Zugfahrt meines Lebens! Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben und ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute!“ Zuerst glaubte ich, dass Liam mich gar nicht mehr hörte, doch dann blieb er stehen und als er sich zu mir umdrehte, konnte ich sein freches Grinsen ein letztes Mal bewundern. Dann drehte er sich wieder um und verschwand für immer.
„Wer war das?“, fragte Luca mich verwirrt. „Kanntest du diesen Jungen?“
„Mach dich nicht lächerlich Luca, als ob man einen Menschen binnen eines Tages richtig kennen lernen könnte.“, gluckste ich und drückte meinem Freund einen Kuss auf die Lippen. Ich hab dir eine Menge zu erzählen.“, sagte ich hinterher, ohne Luca wieder los zu lassen.
„Oh ja, ich dir auch.“, meinte Luca. „Du weißt ja noch gar nicht, wo ich gestern gewesen bin…“
Luca redete, doch hörte ich ihm nur mit einem halben Ohr zu, denn meine Gedanken waren bei Liam, während ich einen letzten Blick auf den Zug warf. Jetzt war meine Reise wirklich zu Ende!

geschrieben von skystar 2014

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