Die Zufgahrt meines Lebens

35. Alles ist anders…

Der Zug rollte davon und ließ Bern, die Hauptstadt der Schweiz, hinter sich. Wenn ich aus dem Fenster blickte, konnte ich die Schönheit der pompösen Berge bestaunen. Eine wirklich sehr beeindruckende Gewalt der Natur, erhob sich über Millionen von Jahren aus der Erde. Aber wieso kommen mir gerade jetzt solche Gedanken in den Sinn? Lag es vielleicht daran, dass Erik nun fort war und ich ihn womöglich für eine längere Zeit nicht mehr zu Gesicht bekäme, oder lag es einfach daran, dass ich sehr poetisch veranlagt war? Ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie ich einst an einem späten Winterabend an meinem Schreibtisch saß. Die Nachttischlampe brannte auf meinem Schreibtisch, auf der ein Notizblock lag, während mein Teppichboden mit zerknüllten Papier zugemüllt war. Stundenlang saß ich da und versuchte mich an einem Gedicht, doch die passenden Verse und Reime zu finden, war leichter gesagt als getan. Das Wort „Liebe“ bereitete mir so allerhand Probleme, denn die einzigen Reime die mir dazu einfielen waren „Hiebe“, „Diebe“, „Getriebe“, oder auch „Ziege“.
Klang alles nicht sehr poetisch und mein Papiereimer war hinterher randvoll. Doch ich übte mich in Geduld und da Übung bekanntlich einen Meister hervorbrachte, gab ich nicht auf. Eine Woche später hatte ich das Gedicht endlich fertiggestellt und konnte es der Person überreichen, der ich so viel Schmerzen verursacht habe. Es war der Beginn eines neuen Lebensabschnitts von mir…
„Boah hab ich einen Kohldampf!“, hörte ich Liam auf einmal laut sagen, der das Schlafabteil betrat und mich auf diese Weise aus meinen Gedanken riss. „Hey, was machst du denn noch hier? Wieso bist du nicht wieder ins große Abteil zurückgekehrt? Klein-Liam wollte sich von dir verabschieden.“
„Dein Timing ist mal wieder erste Sahne.“, erwiderte ich kopfschüttelnd, da ich die Ruhe um mich herum gerade sehr genossen habe. „Und deine Miniaturausgabe hat sich noch von mir verabschiedet… auf seine ganz spezielle Art und Weise, mit rausgestreckter Zunge und so…“
„Tse, ganz schön frech der Kleine und das in seinem Alter. Ich war früher nie so, war immer brav und artig. Hab immer das gemacht, was Andere mir gesagt haben.“, sagte Liam ohne auch nur im geringsten zu zucken. Ich starrte ihn an und glaubte ihm nicht ein Wort. „Tja wie dem auch sei, es wird langsam spät und ich geh in den Speisewagen. Kommst du mit?“
Ich musste kurz überlegen, ehe ich Liam eine Antwort gab. Eigentlich wäre es die perfekte Chance, endlich zu ein wenig Ruhe zu kommen, doch dann wurde mir bewusst, dass auch ich schon seit längerer Zeit nichts mehr gegessen hatte. Zudem hatte ich es mir noch in den Kopf gesetzt, mit Liam ein paar wichtige Worte zu wechseln. „Ja, ich komme mit, aber du lädst mich ein!“
„Waaaaas?!“ Liam stieß einen entsetzten Schrei aus, beruhigte sich jedoch schnell wieder.
„Na gut, ich lade dich auf ein Stück Brot und ein Glas Wasser ein. Leitungswasser wohlgemerkt!“
Liam schritt aus dem Schlafabteil und ich folgte ihm. Als wir durch unser Sitzabteil marschierten, warf ich einen kurzen Blick auf die anderen Fahrgäste. Das frisch verheiratete junge Ehepaar saß wieder auf ihren Plätzen, allerdings hatten sie ihre Plätze getauscht, so dass die Frau nun der hübschen Schönheit gegenüber saß. Die wiederum hatte ihre Augen zugemacht und hörte Musik über ihren IPod. Ihr Top war sehr eng an ihrem Körper angelegt, so dass ihr Vorderbau stark erkennbar war, doch der rothaarige Junge, der neben ihr saß, schien sich auch weiterhin nicht daran zu stören. Erstmals kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht einfach nicht sein Typ war, ja womöglich stand er sogar auf Jungs, so wie ich. Ich ging weiter und kam an Frau Wolle vorbei, die sich vorhin ein wenig um den kleinen Liam kümmerte. Sie schenkte mir ein Lächeln, als ich an ihr vorbei schritt, doch wechselten wir keine Worte miteinander. Der nette Polizist war ebenfalls noch an Bord.
Kurz bevor wir das Abteil verließen, kamen wir noch an dem Mädchen mit dem blonden, lockigen Haar vorbei, die erst kürzlich mit ihrem Freund telefonierte. Auch jetzt schien sie wieder mit ihm zu telefonieren, doch hörte es sich dieses Mal weitaus weniger liebevoll an.
„Jetzt sag mir doch endlich was mit dir los ist. Du stotterst schon die ganze Zeit herum, als ob du mir etwas Wichtiges erzählen willst.“, hörte ich sie aufgeregt und ungeduldig sagen. Doch mehr bekam ich von ihrem Telefonat nicht mehr mit, da Liam und ich das Abteil dann verließen und die Tür sich automatisch schloss.
Im Zwischengang war es sehr eng und als uns vereinzelt ein paar Fahrgäste entgegen kamen, mussten wir uns seitlich am Fenster entlang schlängeln, damit alle genügend Platz hatten. Auch den hünenhaften Zugbegleiter trafen wir wieder und er überbrachte uns gute Nachrichten. „Ah, zu euch wollte ich gerade. Mir wurde soeben mitgeteilt, dass eure Freundin und ihr Baby wohlbehalten im Krankenhaus angekommen sind. Ihr müsst euch also keine Sorgen machen.“
„Danke, dass sie uns die Botschaft überbringen. Das ist sehr nett von ihnen.“, bedankte ich mich.
„Keine Ursache, hab ich doch gerne gemacht.“, erwiderte der Zugbegleiter freundlich. Er wollte weiter gehen, doch wandte sich uns noch einmal zu. „Eure Fahrkarten hab ich schon kontrolliert?“
„Ja, das haben sie.“, antwortete ich schnell und der Zugbegleiter nickte, als würde er sich ebenfalls daran erinnern. Liam blieb etwas verdeckt im Hintergrund. Wurde er auch schon kontrolliert?
„Na dann wünsch ich euch noch eine schöne Weiterreise.“, sagte der Zugbegleiter und schritt davon.
Auch wir setzten unseren Weg fort und irgendwann kamen wir in das Abteil, in dem Erik ursprünglich saß. Doch seinen Platz tauschte er bekanntlich mit dem schnieken Mann. Dieser schien nun aber ebenfalls nicht mehr an Bord zu sein. Sowohl er, als auch sein Aktenkoffer und sein Laptop waren verschwunden. Vermutlich war er zusammen mit Erik und Klein-Liam in Bern ausgestiegen. Dafür begegnete ich dem netten muskulösen Jungen wieder, der mir vor einigen Stunden wieder auf die Beine half, als ich tollpatschig stolperte. Unsere Blicke trafen sich, als ich an ihm vorbei marschierte, weshalb ich mich zu einem herzlichen Winken hinreißen ließ. Liam entging das nicht und warf dem Jungen auf der Stelle einen eifersüchtigen Blick zu. Seltsamerweise war mir dies nun gar nicht mehr unangenehm, mich freute es sogar auf eine ziemlich abstruse Art und Weise. Die Situation blieb kommentarlos bestehen und nach weiteren Gehminuten kamen wir schließlich im Speisewagen an.

36. Gesucht werden: Tischmanieren!

„Was darf es denn sein?“, fragte mich eine ältere Dame, die im Speisewagen das Essen verteilte.
Ich studierte noch aufmerksam die Karte, also erlaubte sich Liam, sich vorzudrängeln. „Also ich bekomme bitte einmal die grünen Bandnudeln mit Tomatensauce, einmal die Nürnberger Rostbratwürstchen und eine Currywurst mit Brötchen. Dazu hätte ich gerne eine große fette Cola – ach sagen wir besser gleich zwei große fette Cola!“ Liam grinste über beide Ohren, während die alte Dame ihn nur verdattert anstarrte und ich das Gleiche von der Seite aus tat.
„Für mich bitte auch die grünen Bandnudeln mit Tomatensauce und eine Apfelschorle.“, bestellte ich höflich, nachdem bereits fünf Minuten vergangen waren, bis Liam seine Bestellung entgegen nahm.
Als wir uns zusammen in den Speisesaal setzten, war dieser bis auf wenige freie Plätze sehr gefüllt. Kein Wunder, war es doch die beste Zeit zu Abend zu essen. Liam fiel ohne groß Worte zu verlieren über sein Essen her, während ich nun doch leicht angewidert anstarrte. Tischmanieren hat der Kerl… so gar keine! Ich warf einen vorsichtigen Blick zum Nachbarstisch rüber und musste mit Entsetzen feststellen, dass das Ehepaar das dort saß, Liam bereits von oben bis unten musterte. Ich wollte im Erdboden versinken, so unangenehm war mir die ganze Situation gerade eben. Sollte Erik Recht behalten haben und ich hab für Liam irgendwann einmal sowas wie Sympathie und Zuneigung empfunden, so hat jener sie mit einem Schlag zunichte gemacht. Wenn ich da an Luca dachte, wurde mir ganz warm ums Herz. Er schlang sein Essen nicht einfach so herunter, sondern aß es mit Wonne und einer Prise Eleganz. Vermutlich lag es aber auch daran, dass mein Freund etwas eitel war.
Ich wollte mich vorsichtig an Liam heran tasten… „Dir isst keiner das Essen weg…“, sagte ich und Liam hielt augenblicklich inne. Eine grüne Nudel hing ihm zur Hälfte aus dem Mund und an seiner Wange hatte er Tomatensauce kleben. Okay, vergessen wir das mit dem vorsichtig herantasten und fallen mit der Tür ins Haus. „Deine Tischmanieren sind unterirdisch, um nicht zu sagen unter aller Sau!“
„Of ghanckeee!“, erwiderte Liam mit vollem Mund, so dass ich seine Worte fast schon entziffern durfte. Inzwischen kam mir sogar der Gedanke, dass er absichtlich diese Manieren an den Tag legte, um wieder ein paar Minuspunkte bei mir zu sammeln. Vielleicht steht er darauf, gehasst zu werden… Ehrlich, so benimmt sich doch kein vernünftig denkender Mensch! Vielleicht war Liam ja ein Alien…! Liam versuchte was zu sagen, doch bemerkte nun selber, dass er sich den Mund zu voll gestopft hat, weshalb er erst einmal keuchend runter schlucken musste. „Was ist los, Lolo? Du isst ja kaum was.“
Mein Kopfkino spielte mir einen Streich. Es zeigte mir ein fettes saftiges Schwein, das mir gegenüber saß und soeben mit mir gesprochen hat. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und fegte dieses Bild wieder weg. „Kannst du nicht endlich damit aufhören, mich immer Lolo zu nennen?“
Liam schob sich ein Nürnberger Rostbratwürstchen mit einem Happs in den Mund, ehe er mir unter Kauen und Mampfen antwortete: „Neim, gann ich nick!“
Glasklar! Erik hatte sowas von Unrecht! Ich und Gefühle für diesen Kerl? Niemals! Never ever! Eher würde ich mir eigenhändig das Herz herausreißen und es an Schweine verfüttern. Apropos Schweine… „Vorhin im Schlafabteil…, da hast du mich heute aber zum ersten Mal Milo genannt.“
„Whaaas hob ich?!“, fragte Liam schockiert und mit der halben Currywurst im Mund.
Ich übte mich in Ruhe und Geduld, doch wie viel kann ein Mensch davon überhaupt in sich tragen. „Als wir im Schlafabteil eingesperrt waren und Katharina in den Wehen lag, da hast du mich erstmals bei meinem richtigen Namen gerufen: Milo. Das war kurz bevor ich in Ohnmacht gefallen bin und du hast mich nicht nur einmal, sondern gleich drei- oder viermal so gerufen.“
Liam nahm einen großen Schluck Cola zu sich und schluckte das zerkaute Essen in seinem Mund hastig runter, ehe er wieder mit mir auf menschliche Art und Weise redete: „Dein richtiger Name ist nicht Lolo, sondern Milo?!“ Das mit der menschlichen Art nehme ich hiermit wieder zurück!
„Du machst mich fertig!“, stieß ich erschöpft aus und fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht.
„Ich weiß!“, erwiderte Liam wieder breit grinsend. „Auf diese Seite von mir stehst du ganz besonders, deshalb mach ich das auch nur um dich zu ärgern.“
„Ha! Dann gibst du also zu, dass du das mit Absicht machst, um mich in den Wahnsinn zu treiben?!“, entgegnete ich triumphierend. Dieser Bastard. Ich wusste es!
In der letzten Sekunde fand Liam seine Tischmanieren, nahm sich eine der greifbaren Servietten und befreite seinen Mund – eigentlich sein halbes Gesicht – von der Tomatensauce. Sein Ton schlug ebenfalls wieder schlagartig um, als wäre der lustige und auch verrückte Liam nun wieder fort gegangen und der ruhige und ernsthafte Liam wieder gekommen. „Nein, ich will dich nicht in den Wahnsinn treiben. Bestimmt nicht. Und natürlich weiß ich, dass dein Name Milo ist. Ich bin vielleicht ein Chaot und vergesse hin und wieder mein Hirn einzuschalten, aber deinen Namen würde ich in zehntausend Jahren nicht vergessen.“
Meinte er das ernst? So langsam stieg in mir Verdacht, dass Liam schizophren sein könnte. Na hoffentlich nicht. Die Bekanntschaft mit einem Psychopathen war das Letzte, was ich gebrauchen konnte. „Ich will dich besser kennen lernen, Liam.“, sagte ich, wobei ich mir darin inzwischen gar nicht mehr so sicher war. „Unsere Unterhaltung im Schlafabteil wurde ja leider jäh unterbrochen.“
„Du willst mich also besser kennen lernen und damit meinst du vermutlich weder meine schöne Schokoladenseite, noch meine unschöne Schweineseite. Also schön… dann frag mich!“ Liam saß mir mit verschränkten Armen gegenüber und grinste ausnahmsweise mal nicht. Er saß einfach nur da und schaute mich mit großen Augen an, während er auf meine erste Frage wartete.

37. Das Frage-Antwort-Spiel

Seit unserem ersten Aufeinandertreffen im Schlafabteil waren bereits Stunden vergangen und seitdem sammelten sich in meinem Kopf auch so allerhand Fragen über meinen ominösen „Zimmergenossen“. Immerhin wusste ich schon ein paar Dinge über Liam, wenn auch nur recht wenig. Erstens: Er konnte sehr lustig, aber auch schnell nervig sein.
Zweitens: Er hat einen ungeheuren Appetit und seine Tischmanieren sind unter aller Sau. Drittens: In Stresssituationen behält er die Nerven, bestes Beispiel lieferte er bei Katharina ab, deren Baby er zur Welt brachte. Viertens: Er ist unglaublich neugierig! Fünftens: Er sieht einfach unverschämt gut aus. Seine Augen, seine zarte Haut, seine wuscheligen Haare, sein verschmitzter Gesichtsausdruck und sein heißer Body, der mir gleich zu Beginn meiner Reise – natürlich unabsichtlich – ins Auge stach.
„Was ist jetzt? Ich warte. Hast du keine Fragen mehr?“, hörte ich Liam sagen, der mich aus meinen Gedanken riss, in die ich kurzzeitig abdriftete. Es war so weit. Das war meine Chance!
„Also gut, meine erste Frage lautet…“, fing ich an, doch schon unterbrach Liam mich auch wieder. Ich hätte es mir ja gleich denken können, dass ich nicht sehr weit komme…
„Moment. Ich hab da eine Idee. Ich fände es nur fair, wenn diese Fragestunde auf Gegenseitigkeit beruht.“, sagte er und erhielt dafür einen verwirrten Blick von mir. „Ich erklär es dir. Du stellst mir eine Frage, ich antworte. Dann komme ich an der Reihe und wir wechseln uns immer ab. Das wär doch nur fair, oder? Derjenige der auf eine Frage nicht antworten will, muss stattdessen etwas tun. Ist wie bei einem Trinkspiel. Der Verlierer darf saufen bis zum Umfallen.“
„Ähm… okay. Ich bin einverstanden.“, sagte ich, denn was blieb mir auch anderes übrig. Welche Fragen konnte Liam schon noch groß an mich haben. Er wusste bereits mehr über mich, als ich über mich selbst. Außerdem hatte ich nichts zu verbergen. „Aber ich werde mir hier nicht die Birne volllaufen lassen… zumal es hier an Bord vermutlich an Alkohol mangelt.“
„Es gibt ja auch Alternativen.“, erwiderte Liam nun wieder breit grinsend. „Zum Beispiel muss derjenige der nicht antworten will, dem anderen einen Kuss auf den Mund geben.“
Meine Augen weiteten sich und meine Antwort stand außer Frage: „VERGISS ES!“
„War ja nur Spaß.“, lachte Liam. „Dann würden wir ja mit dem Knutschen nicht mehr hinterher kommen, zumal ich dann absichtlich nicht mehr antworten würde.“
„Wenn du das nicht ernst nimmst Liam, dann können wir es auch gleich bleiben lassen.“, meinte ich.
„Schon gut.“, sagte Liam schnell, um mich zu beruhigen. „Besserer Vorschlag: Wenn der Befragte auf eine Frage nicht antworten möchte, dann darf ihm einfach eine weitere Frage gestellt werden.“
„Okay, aber ich fange an.“, sagte ich und rieb mir schon innerlich die Hände vor Freude. Ich musste auch gar nicht erst überlegen, um mir eine Frage auszudenken, denn auf dem Weg hierher in den Speisewagen, ergab sich automatisch eine. „Besitzt du überhaupt eine Fahrkarte?“
Jetzt war es sehr interessant Liams Mimik und Gestik zu beobachten. Zuerst schien er sehr verblüfft über diese Frage zu sein, dann grinste er wieder heimtückisch und zwinkerte mit einem Auge. Seine Antwort fiel zu meinem Missfallen allerdings sehr kurz aus: „Ja, habe ich! Gut, ich bin dran.“
„Mo-Moment!“ Ich erhob starken Einspruch. „Dass das weil von vornherein klar ist: Keine Lügen, Märchen, oder andere unsinnigen Schauergeschichten! Ich bin aufmerksamer als du denkst. Immer wenn der Kontrolleur kam, warst du irgendwo verschwunden. Kannst du mir dein Ticket zeigen?“
„Nein, nein Lolo.“, sagte Liam kichernd. „Das wäre bereits deine zweite Frage und wir haben eine ausgemacht. Du musst dich genauso an die Spielregeln halten wie ich.“ Ich grummelte vor mich hin, während Liam nun mit Fragestellen dran war. „Meine erste Frage: Bist du sexual aktiv oder passiv?“
Dieses Mal weiteten sich meine Augen nicht, sie fielen mir regelrecht aus dem Kopf. Ich sollte mir mal wieder meine Ohren putzen. Das hat er mich nicht gerade wirklich gefragt, oder…. Oder?! „Die Frage meinst du hoffentlich nicht ernst.“ Liam starrte mich an und ersparte mir die Antwort, denn natürlich war es sein Ernst. Sollte ich ihm nun die Wahrheit sagen? Ich habe mich auf dieses Frage-Antwort-Spiel eingelassen, also wollte ich auch kein Spielverderber sein. „Ich bin sowohl als auch. Bei Erik zum Beispiel war ich passiv und bei Luca bin ich immer aktiv.“
„Haha, nett von dir, dass du das so schön detailliert für mich beschreibst.“, lachte Liam und ich grummelte wieder vor mich hin. Ich bin so ein Idiot! „Stell mir eine Frage Milo.“
„Selbe Frage wie vorhin: Kannst du mir bitte dein Ticket zeigen?“
Liams Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Nein, kann ich nicht. Ich bin wieder dran.“
„Moooooooment!“, erhob ich erneut Einspruch. „Ein Nein steht in diesem Falle nicht zur Option. Du hast ein Ticket und ich möchte es sehen. Keine Widerrede, oder ich gehe zu dem netten hünenhaften Zugbegleiter und der wird dich dann schon dazu bringen, dein Ticket vorzuzeigen.“
„Wow Lolo, ich bin stolz auf dich. Du erpresst mich!“, entgegnete Liam grinsend, aber ich konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er sich in die Enge gedrängt fühlte. „Ich zeige dir mein Ticket, aber du musst mir versprechen, dass all das hier unter uns bleibt. Sonst rede ich kein Wort mehr mit dir!“
Seine Drohung wirkte nicht, denn wenn er sich nicht mehr mit mir unterhielt, hätte ich wenigstens meine Ruhe. Doch meine Neugier siegte, also versprach ich es ihm.
Geheimnisse ausplaudern, oder petzen war noch nie mein Ding. Liam zog ein Ticket aus seiner Hosentasche und drückte es mir in die Hände. Das Ticket war sehr zerknittert, doch die Druckschrift darauf war dennoch gut lesbar: Reisedatum: 18.Juli.2014, von Berlin Hauptbahnhof nach Roma (Italien), Platz Nummer 43 in Wagen 2, Name: Henriette von Bergen. „Hm… Zumindest Datum, Zug und Sitzplatz stimmen, liebste Henriette.“ Liam grinste und tat so, als würde er sich elegant vor mir verbeugen, während ich nun etwas misstrauisch wurde. „Wer bist du, Liam? Wo kommst du her und was führst du im Schilde?“
„Ah ah.“ Liam wedelte mit dem rechten Zeigefinger. „Immer nur eine Frage und ich glaube mich zu erinnern, dass ich nun wieder an der Reihe bin, liebster Milo!“

38. Diebstahl und Poesie

„Nun bin ich wieder an der Reihe und meine Frage lautet: Mit was kann dein Partner dir am meisten eine Freude machen?“ Liam liebäugelte mich und wartete gespannt meine Antwort ab.
„Eine Freude, hm…“, ich musste kurz nachdenken, doch dann fiel mir die passende Antwort dazu ein. „Ich denke, die größte Freude kann mein Partner mir damit bereiten, indem er einfach immer für mich da ist und ein offenes Ohr für mich hat.“
„Aber ist das nicht im genauen Kontrast zu deiner Beziehung mit Luca?“, fragte Liam mich weiter.
Unsicher wandte ich meinen Blick von Liam ab. Ich wollte es natürlich nicht zugeben, aber dieses eine Mal hatte Liam sogar Recht. Doch seine Frage war umsonst, denn ich war mit Frage stellen wieder an der Reihe: „Wer ist Henriette von Bergen und warum bist du im Besitz ihres Tickets?“
„Das sind eigentlich gleich zwei Fragen, da sie aber miteinander verbunden sind, möchte ich mal nicht so kleinlich sein.“, zwinkerte Liam mir zu. „Henriette von Bergen ist eine pummelige Frau mit großer Brille und einer Hundehandtasche in Chihuahua-Format, der ich rein zuuufällig am Berliner Hauptbahnhof begegnet bin. Ich hab sie angerempelt – rein versehentlich natürlich. Dabei ist ihr wohl das Ticket runtergefallen und ich war so nett es aufzuheben und an mich zu nehmen, ohne dass sie Wind davon bekam.“ Ich musterte Liam leicht schockiert. Von wegen zufällig und versehentlich. Liam schien mein Blick gar nicht zu gefallen. „Sieh mich nicht so an. Ich bin kein Dieb. Die pummelige Frau hatte reichlich Perlenketten um ihren Hals und allerhand Ringe an ihren Fingern. Die konnte sich bestimmt ein neues Ticket leisten…, oder sie sucht auch jetzt noch danach, haha.“
„Das Bild was ich seit längerer Zeit von dir habe, bestätigt sich immer mehr.“, sagte ich lediglich dazu.
„Hey, verurteil mich nicht, bevor du überhaupt meine Hintergrundgeschichte kennst.“, meinte Liam zu mir und stellte hinterher die nächste Frage: „Wann hast du Geburtstag?“
„Am 22.Juli!“, antwortete ich und wusste was nun kommen würde.
„Oooh, das ist ja bereits in vier Tagen.“, stellte Liam erfreut fest. „Vielleicht sollte ich dann in Rom an deinen Versen bleiben, damit wir gemeinsam feiern können, da ich am selben Tag Geburtstag hab.“
„Ist nicht wahr? Wir sind gleichalt? Unfassbar!“, entgegnete ich aufgeregt. „Ich muss dich aber leider enttäuschen, denn meinen Geburtstag werde ich einzig und alleine mit Luca feiern. War schon schwer genug meine Mama davon zu überzeugen, dass ich allein zu Luca nach Rom darf und somit an meinem Geburtstag nicht zu Hause sein werde. Wie auch immer. Meine nächste Frage lautet: Wieso reist du nach Rom? Muss ja unglaublich wichtig sein, wenn du dafür ein Ticket klaust.“
„Naja… das ist eine Antwort die ich dir nur schwer beantworten kann. Einen triftigen Grund gibt es eigentlich nicht. Ich reise deshalb nach Rom, um einer ganz bestimmten Person nahe zu sein…“, versuchte Liam mir zu erklären und ich bemühte mich, seine Aussage zu entschlüsseln. Er möchte einer bestimmten Person nahe sein? Wer kann damit gemeint sein? Vielleicht sollte ich ihn einfach in meiner nächsten Frage danach fragen, aber irgendwie schien ihm dieses Thema unangenehm zu sein. „Ich darf wieder fragen!“, stieß Liam plötzlich wieder begeistert aus. „Nachdem Luca dich und Erik beim Sex auf frischer Tat ertappt hat, war er stinksauer und Erik ist ausgewandert. Dennoch bist du hinterher mit Luca zusammen gekommen. Wie ist dir das gelungen? Wieso hat er dir verziehen?“
„Ui, eine Mammut-Frage, aber du sollst deine Antwort bekommen.“, sagte ich, während ich einmal kurz tief ein- und wieder ausatmete. „Du hast Recht. Luca war stinksauer, als das an Silvester geschehen ist, doch mehr als das war er einfach nur enttäuscht und tief verletzt. Es war für mich auch kein leichtes Unterfangen, das er mir verzieh. Ich benötigte dafür sehr viele Anläufe, bis er mir überhaupt zuhörte. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass ich ein Dummkopf war, denn ich wollte nicht die ganze Schuld auf Erik oder den Alkohol abwälzen. Er verzieh mir schließlich und wir wurden langsam wieder Freunde. Sein Herz war dennoch gebrochen.
Das Sprichwort heißt nicht umsonst: „Wunden heilen, doch Narben bleiben für immer!“ Eines schönen Samstagabends veranstalteten Luca und ich dann einen DVD-Abend mit Horror-Filmen. Ein Fehler und Glücksfall zugleich für mich, denn ich hatte eine Mordsangst und ertappte mich irgendwann dabei, wie ich mich ängstlich an Lucas Arm fest klammerte. Zuerst war mir dies ja peinlich, doch dann spürte ich, dass mein Herzklopfen nicht von den abgetrennten Gliedmaßen im Film kam, sondern davon in Lucas Nähe sein zu dürfen. Luca blieb ganz gelassen und ließ sich nichts anmerken. Vielleicht wollte er sich auch nur nicht wieder Hoffnungen machen… Jedenfalls wurden meine Gefühle für ihn immer stärker, je mehr Zeit wir miteinander verbrachten. Ich hatte allerdings die Befürchtung, dass wenn ich ihm meine Gefühle stand, er mir entweder nicht glauben würde, mich auslacht, oder mir sogar seine Faust ins Gesicht schlägt.
Ich wollte also auf Nummer sicher gehen, setzte mich eines späten Winterabends an meinen Schreibtisch und fing an, meine Gefühle für ihn in Form eines Gedichtes aufzuschreiben. Es dauerte eine ganze Woche, bis ich das Gedicht zu Ende schrieb und als ich es ihm schließlich überreichte, zitterten meine Hände vor Angst. Meine Füße fühlten sich wie Wackelpudding an und in meinem Bauch schwirrten lauter bunte Schmetterlinge herum. Ein irres Gefühl! Ich war gespannt darauf, wie Luca auf das Gedicht reagieren würde. Wenn er mir eine verpasst hätte, wäre es für mich in Ordnung gewesen, da ich selber ja auch Schuld trug. Nur auslachen durfte er mich nicht! Doch es kam anders als erwartet. Noch während er sich das Gedicht durch las, fing er plötzlich an zu weinen. Ich wusste nun nicht mehr, ob seine Narbe sich wieder geöffnet hat und er Schmerz verspürte, oder ob er von meinen Worten wirklich gerührt war. Als er zu Ende gelesen hatte, fiel er mir um den Hals und umarmte mich von Herzen, was tausend Glücksgefühle in mir hervorrief. Ich gestand ihm meine Liebe und dann küssten wir uns zärtlich auf den Mund. So wurden Luca und ich doch noch ein Paar.“

39. Die Fragestunde geht in die heiße Phase

Noch während ich Liam die Geschichte über das Zusammenkommen von Luca und mir erzählte, kamen mir all die Erinnerungen von damals wieder hoch. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, dass das alles geschehen war. Inzwischen lebte Luca gemeinsam mit seiner Familie wieder in Italien und wir mussten zwangsweise eine Fernbeziehung führen. Ich liebe Luca und er liebt mich. Da stand es für uns außer Frage, dass wir es zumindest versuchten, auch auf größeren Distanzen vereint zu sein. In einer Zeit der hochmodernen Kultur, in der es Internet, Handys und anderen technischen Kram gab, war eine Fernbeziehung weitaus öfters vertreten, als noch zu damaliger Zeit. Luca und ich chatteten miteinander so oft wie es uns möglich war. Durch Skype konnten wir uns sogar sehen und uns in die Augen blicken. Nichtsdestotrotz fehlte es mir natürlich schon sehr, ihn auch mal in den Arm zu nehmen und selber in den Arm genommen zu werden. Seine temperamentvollen Küsse gingen mir ebenfalls ab, ganz zu schweigen von dem kribbeligen Bauchgefühl, dass ich in seiner Nähe empfand. Doch uns konnten noch so viele Kilometer voneinander trennen… im Herzen waren wir vereint!
„Hey Lolo, schläfst du? Du bist wieder dran mit Frage stellen.“, sagte Liam, der mich erneut aus meiner Gedankenwelt riss. In den letzten Stunden geschah dies relativ häufig.
„Achso ja. Meine nächste Frage lautet… hm lass mich kurz überlegen.“ Sollte ich ihn nun nach der geheimnisvollen Person fragen, weswegen er nach Rom reist? Einerseits interessierte es mich natürlich, andererseits hatte ich das Gefühl, dass ihn dieses Thema traurig stimmte.
„Ich warte…“, meldete sich Liam ungeduldig zu Wort.
„Äh ja… hast du Geschwister?“, fragte ich ihn schließlich, da mir nichts Besseres einfiel.
„Das ist deine Frage?“, erwiderte Liam ungläubig. „Offenbar war ich dir bisher nicht rätselhaft und interessant genug, wenn du mir solch eine Frage stellst. Aber um sie zu beantworten: Nein, ich habe keine Geschwister. Ich bin ein Einzelkind und meine Eltern leben in Berlinortsteil Charlottenburg.“ Eigentlich hatte ich unzählige Fragen an Liam, aber nach der Geschichte mit Luca hatte ich einen kleinen Blackout im Hirn. „Ich bin wieder an der Reihe!“, rief Liam erfreut, während ich Bammel vor seiner nächsten Frage hatte. „Wir wissen Beide, dass du mich attraktiv, intelligent, unterhaltsam und großartig findest…“ Ähm wie bitte? „Nehmen wir mal an du wärst nicht mit Luca zusammen. Würdest du es dann in Betracht ziehen, eine Beziehung mit mir einzugehen?“
Nochmal: Ähm wie bitte? Auf diese Frage musste ich erst einmal kräftig schlucken. Liam fackelt wirklich nicht lange und fällt mit der Tür direkt ins Haus. Sein starkes Selbstbewusstsein in allen Ehren, aber das ging mir nun doch ein wenig zu weit. „Liam… all die Eigenschaften, die du von dir aufgezählt hast – ob sie nun stimmen oder nicht, sei mal dahin gestellt – können dennoch nicht darüber hinweg täuschen, dass etwas Grundsätzliches für eine Beziehung fehlen würde.“
„Und das wäre?“, fragte Liam, dem das Grinsen nun langsam verging.
„Liebe.“, antwortete ich ihm klar und deutlich. „Du hast ein starkes Selbstwertgefühl, weshalb ich es in den Kauf nehme, dir das ins Gesicht zu sagen. In einen Menschen wie dich, könnte ich mich niemals verlieben. Du wirkst in vielen Dingen auf mich zu unreif und oftmals leider auch nervig.“
„Autsch…“, reagierte Liam daraufhin lediglich, der nun wie drei Tage Regenwetter drein blickte. „Und ich dachte immer meine Offenheit kennt keine Grenzen, aber jetzt kommst du und haust mir sowas um die Ohren, mit dem ich niemals gerechnet hätte.“
„Tut mir Leid.“, sagte ich nun etwas einfühlsamer. Jetzt tat er mir fast schon leid, aber was musste er mir auch diese bescheuerte Frage stellen. Ich gebe ja gerne zu, dass Liam mir in den letzten Stunden immer sympathischer wurde und er mir auch optisch gefällt, aber an Luca reicht er für mich bei Weitem nicht ran. Da fehlt es bei ihm schon mehr als nur an Tischmanieren. „Wenn du willst können wir die Fragerei an dieser Stelle auch beenden.“, schlug ich ihm gütig vor.
„Ach was, schon in Ordnung. Ist alles gut!“, meinte Liam, der nun versuchte ganz lässig rüber zu kommen. „Los, stell deine Frage! Wehe du frägst mich jetzt noch nach meiner Schwanzgröße!“
Liam wie er leibt und lebt. Den Kerl bringt so schnell nichts aus der Fassung. Immer ein flotter Spruch auf Lager. Die nächste Frage an ihn wusste ich auch schon. Es interessierte mich nun brennend, wie er zu dem wurde der er heute ist. Manchmal hatte ich das dumpfe Gefühl, dass seine stets gute Laune nur Fassade war. Ich wollte mehr über ihn und seine Vergangenheit erfahren, was er erlebt hat, auf welche Schule er ging, ob er Freunde hat und vor allem ob er selber schon einmal verliebt und mit jemanden zusammen war. „Gut, meine nächste Frage lautet: …“ Nun war ich kurz davor, die interessantesten aller Fragen zu stellen, doch wie so oft im Leben, sollte es am Ende anders kommen. Ich konnte ja auch nicht ahnen, dass just in diesem Augenblick ein Junge in den Speisewagen stolziert kam, den ich vor ein paar Stunden unfreiwillig kennen lernte. „Wer ist Jonas?“
„Jonas? Jonas? Achsooo du meinst den Jungen aus den Schlafabteil, am Ende des Ganges, wo sich auch unser Schlafabteil befindet.“, schlussfolgerte Liam, dem zunächst nicht ganz klar war, von wem ich sprach. Doch auf einmal stand er vor uns und Liam war sehr erfreut ihn wieder zu sehen. „Hey, na du!“, stieß Liam begeistert aus, stand von seinem Platz auf und fiel ihm vor Freude in die Arme. Jonas schien sich ebenfalls über das Wiedersehen zu freuen, denn er konnte kaum die Finger von Liam lassen. Da hatte ich doch glatt vergessen, dass Liam heute Nachmittag aus dem Schlafabteil dieses Jungen kam, der auch noch halbnackt in seinen Bett lag. Zuvor war Liam für längere Zeit verschwunden und nun stellte sich mir wieder die Frage, was die Beiden die ganze Zeit miteinander getrieben haben. Liam bot Jonas den Platz neben ihm an und stellte uns einander vor. Wir schüttelten uns die Hände und ich nickte ihm mit einem zwanghaften Lächeln zu. Wenigstens hatte Jonas jetzt was an… und nein ich bin nicht eifersüchtig!

40. Wer ist Jonas?

Jonas – Wer war dieser Junge? Liam unterhielt sich mit ihm und berichtete, wie er Katharinas Baby zur Welt brachte, während Jonas über beide Ohren strahlte. Dem ersten Eindruck nach zu urteilen, würde ich Jonas als einen richtigen Sonnyboy bezeichnen. Seine Augen leuchteten hell und sein smartes Lächeln war ansteckend. Er legte eine äußerst charmante Art an den Tag und im Gegensatz zu manch anderen Leuten im Speisewagen hatte er auch Tischmanieren… Für mich war er ein Gemisch aus Liam und Luca. Er sah mindestens genauso gut wie Liam aus, besaß zum Glück aber einen weitaus freundlicheren Charakter, der mich ein wenig an Luca erinnerte. Interessiert beobachtete ich die Zwei, wie sie sich miteinander unterhielten. Die Beiden verstanden sich prima, als ob sie auf einer Wellenlänge lägen. Die Chemie stimmte einfach. Für mich unbegreiflich, eben wegen den unterschiedlichen Charaktereigenschaften. Haben sie sich wirklich erst heute hier im Zug kennen gelernt? Fast unvorstellbar! Also noch einmal meine Frage: Wer ist Jonas?!
„Reist ihr eigentlich zusammen?“, hörte ich Jonas plötzlich fragen, wobei er die Frage speziell an mich richtete. Offenbar wollte er mich in die Unterhaltung miteinbeziehen, damit ich mich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlte. Ein weiterer Beweis für seinen freundlichen Charakter.
„Äh nein, aber unser Reiseziel ist dasselbe. Rom.“, antwortete ich ihm und stellte ihm bei dieser Gelegenheit die Frage nach seinem Reiseziel.
„Für mich ist in Milano Endstation.“, antwortete Jonas mir mit seinem zarten Lächeln, dass irgendwie zum dahin schmelzen war. Oh Gott, was rede ich denn da…
„Milano?“, wiederholte ich fragwürdig. „Die Ortschaft sagt mir rein gar nichts.
Liam lachte lauthals drauf los. „Oh man Lolo du Schussel! Milano ist doch das italienische Wort für Mailand, eine der größten Städte in Italien. Mailand wirst du ja wohl kennen, oder?!“ Mit einem Mal wurde ich beschämend rot im Gesicht. Vor den Beiden war mir das peinlich. Woher soll ich denn wissen, was Mailand auf Italienisch bedeutet. Dies war natürlich wieder ein gefundenes Fressen für Liam, der mich nun auslachte. Jonas hingegen blieb ganz gelassen, was mich etwas beruhigte.
„Ist doch nicht schlimm, wenn er das nicht weiß.“, meinte er zu Liam. „Italienisch ist ja nun wirklich keine Weltsprache, die ein jeder Mensch beherrschen sollte. Ist schon in Ordnung, Milo.“
Diese leuchtenden Augen… dieses sanfte Lächeln… dieser süße Charakter… um Himmels Willen was denke ich da. Jetzt nur nichts anmerken lassen. „U-Und reist du ganz alleine?“, fragte ich Jonas.
„Ja, ich wohne ursprünglich in einer Wohngemeinschaft in Berlin, mit zwei anderen Jungs, doch da gerade Ferien sind, wollte ich meine Freundin in Mailand besuchen, die ein Auslandsjahr absolviert.“, antwortete Jonas mir und mein erster Gedanke danach war: Er ist Hetero! Jonas schien meine Gedanken lesen zu können, denn gleich darauf sagte er: „Ich bin übrigens homosexuell. Das sag ich dir, damit kein falscher Eindruck entsteht und weil ich offen damit umgehe, egal was andere sagen.“
„Dass du nicht Hetero sein kannst, haben wir ja bereits heute Nachmittag festgestellt.“, sagte Liam daraufhin, der wieder einmal über beide Ohren hinaus grinste. Was war heute Nachmittag, beziehungsweise will ich das denn überhaupt wissen? Eigentlich geht es mich ja auch nichts an…
„Jedenfalls ist die Freundin in Mailand nicht meine Freundin, sondern nur eine sehr gute Freundin, wenn du verstehst.“, klärte Jonas mich sicherheitshalber noch etwas genauer auf.
„Wenn sie ein Auslandsjahr absolviert, müsste sie ja bereits etwas älter sein als du, oder?“, fragte ich, da meine Neugier geweckt war und ich nun natürlich mehr erfahren wollte.
„Nein gar nicht. Wir sind gleich alt. Wir sind beide zwanzig.“, antwortete Jonas mir.
„Oh…“, gab ich überrascht von mir. „Du siehst locker drei Jahre jünger aus.“
Jonas kicherte beschämend und dankbar zugleich. „Das ist sehr reizend von dir das zu sagen.“
„Wie habt ihr Beide euch eigentlich kennengelernt?“, fragte ich anschließend und ließ es dabei so klingen, als würde ich ganz nebenbei mal danach fragen, obwohl es mich eigentlich gar nicht so wirklich interessierte. In Wirklichkeit brannte ich darauf, die Antwort aus ihm heraus zu pressen.
„Ui ui ui, da ist aber einer neugierig geworden.“, grinste Liam breit.
Währenddessen sah es so aus, als würde Jonas meine Gedanken lesen können. Er musterte mich zunächst eindringlich, bevor er wieder einen Ton von sich gab. „Du Liam, wärst du so gütig und würdest mir noch bitte ein stilles Wasser bringen?“ Jonas schob Liam ein paar Euromünzen zu und lächelte ihn bettelnd an. Liam war seinem Charme inzwischen so erlegen, dass er gar nicht mehr nein sagen konnte. Er stand auf und verschwand für eine kurze Zeit. „So, jetzt können wir frei miteinander reden ohne irgendwelche nervigen Unterbrechungen.“
„Nervig? Hier ist doch keiner nervig…“, erwiderte ich grinsend und mit einer Brise Ironie.
„Wundert mich eigentlich, dass du ihn danach noch nicht gefragt hast, nachdem du uns Beide in meinem Schlafabteil gesehen hast – mich wohlgemerkt oben ohne. Das Ganze ist schließlich bereits heute Nachmittag gewesen.“, meinte Jonas zu mir. „Andererseits hätte Liam dir vermutlich gar nicht die Wahrheit erzählt, da unser erstes Aufeinandertreffen mehr ein Versehen als Absicht war. Er schien ein wenig verwirrt zu sein, als er in mein Schlafabteil trat und war auch sichtlich überrascht, als er mich dort im Bett liegen sah. Nun gut, ich war wie gesagt halbnackt, aber das war glaube ich nicht der Grund warum er so überrascht schien. Ich hatte beinahe das Gefühl, er sah einen Geist.“
„Also warst du bereits halbnackt, als Liam dein Abteil betreten hat?!“, schlussfolgerte ich.
„Hm ja, mir war so heiß, also hab ich mein Oberteil ausgezogen.“, erklärte Jonas mir. „Aber wieso interessiert dich das überhaupt? Sag bloß du dachtest, das da zwischen uns Beiden etwas lief…!“
„Äh nein… natürlich nicht.“, log ich, denn auf diesen Gedanken bin ich sehr wohl gekommen.
„Und wieso ist er dann bei dir geblieben?“, fragte ich behutsam, da ich in Jonas nicht den Verdacht erwecken wollte, ich sei eifersüchtig. Ich kann es nur noch einmal betonen: Ich will nichts von Liam!
„Tja… gute Frage. Sein plötzliches Auftauchen überraschte mich ebenso sehr wie ihn und zunächst war mir dies ein wenig peinlich, aber dann fingen wir schnell an uns darüber lustig zu machen. Wir kamen ins Gespräch und spürten wohl beide, das wir auf einer Wellenlänge lagen.“, erklärte Jonas mir und ich fand ihn von Minute zu Minute sympathischer. Jonas war wirklich ein offenherziger Mensch. Auch er stellte mir eine Frage und wäre ich vorher eine Wette eingegangen, hätte ich sie zu hundert Prozent gewonnen. „Kann es sein, dass dir Liam gefällt?“

41. Sonnenuntergang

Natürlich musste diese Frage kommen, wie könnte es auch anders sein. Ich blickte aus dem Fenster des Zuges und konnte runter in ein Tal blicken. Weit hinten im Westen strahlte die Abendsonne in einem schönen Orange und verzauberte den Himmel in ein orange-rot-lila-blaues Feuerwerk. Es war eine Farbepracht wie aus dem Märchen Tausendundeiner Nacht. Schließlich wandte ich mich wieder Jonas zu, der mich interessiert beobachtete. Ich war ihm noch immer eine Antwort schuldig.
„So, hier ist dein stilles Wasser!“, rief Liam, der mit Jonas Bestellung zum Tisch zurückkehrte.
Er wollte sich gerade setzen, als Jonas ihn um einen weiteren Gefallen bat. „Oh verzeih mir Liam, aber kannst du mir vielleicht noch ein Glas besorgen? Ich trink so ungern aus der Flasche.“
„Ein Glas? Null problemo. Kommt pronto!“, erwiderte Liam leicht und glückselig, was auch auf seinem deutsch-italienisch zurückzuführen war. Er machte sich erneut auf den Weg.
„Du wolltest mir noch etwas sagen…“, meinte Jonas anschließend zu mir.
Ich kam nicht um die Antwort herum. „Ja, Liam gefällt mir, aber ich will nichts von ihm! Nicht im Geringsten!“, betonte ich extra stark. „Außerdem habe ich einen Freund und wir sind glücklich!“
„Wow, wow, wow, mach mal halblang. Ich hab dich doch nur gefragt, ob dir Liam gefällt, nicht ob du ihn gleich heiraten willst.“, meinte Jonas verteidigend. „Im Grunde genommen hab ich auch weniger an innere Gefühle gedacht, sondern nur an sein starkes Selbstbewusstsein.“
„Aha… du hast mich quasi in eine Falle gelockt und ich – dumm wie ich bin – bin darauf reingefallen.“, gab ich verbittert zu. Jonas konnte sich das Lachen nur schwer verkneifen, doch riss er sich im Zaum. „Liam hat ein sehr starkes Selbstbewusstsein, da hast du Recht.“, pflichtete ich Jonas schließlich bei. „Von ihm könnte ich mir eventuell wirklich eine Scheibe abschneiden. Nur hin und wieder ist sein Ego größer als alles andere… und mit „andere“ mein ich nicht sein unteres Genital!“ Jonas fing schließlich doch noch das Lachen an und ich musste in das Gelächter miteinsteigen.
Währenddessen kam Liam mit dem Glas zurück und schien über die ausgelassene Stimmung mehr als verwundert zu sein. „Ihr lacht und das ohne mich?“, sagte er und klang dabei leicht verärgert.
„Vielleicht lachen wir ja über dich, nicht wahr Milo!“, sagte Jonas kichernd.
„Ich bitte dich Jonas, so etwas würden wir doch niemals tun.“, erwiderte ich daraufhin ebenfalls kichernd. Ich konnte so richtig mit ansehen, wie wir Liam langsam zur Weißglut trieben.
„Ach Liam, kannst du mir vielleicht noch ein paar Eiswürfel zu meinem Wasser bringen?“, fragte Jonas, der damit noch eins drauf zu setzen versuchte. „Eiskalt schmeckt es mir nämlich noch besser.“
„Aha…, ich glaube ihr macht euch über mich lustig.“, sagte Liam mürrisch. Offenbar war es ihm gar nicht recht, dass wir uns auf seine Kosten amüsierten. Das ausgerechnet er nun auf beleidigte Leberwurst machte, war der Höhepunkt dieser lustigen Runde.
„Oh seht mal, die Sonne geht unter! Sieht das nicht traumhaft schön aus?“, fragte Jonas uns, der mit beiden Händen am Fenster klebte und dem Sonnenuntergang voller Enthusiasmus entgegen blickte.
„Ja, ich hab den Sonnenuntergang auch schon bewundert.“, pflichtete ich ihm bei.
„Du meine Güte. Ihr klingt wie zwei kleine Mädchen, die auf romantischen Kitsch stehen.“, meinte Liam, der nach wie vor mürrisch gestimmt war. „Ihr solltet heiraten. Ihr habt euch verdient.“
„Du bist süß, wenn du mürrisch bist. Hat dir das schon mal jemand gesagt?“, äußerte sich Jonas dazu.
„Und du bist mir auf einmal gar nicht mehr so sympathisch, wie ich zu Anfang dachte.“, erwiderte Liam, der mit seiner beleidigten Sturheit nun etwas zu weit ging.
Doch dem Sonnyboy Jonas konnten seine Worte nicht die gute Laune verderben und mich rissen Liams Sprüche inzwischen auch nicht mehr groß vom Hocker. „Jetzt setz dich wieder hin Liam.“, bat ich ihn freundlich darum. „Es ist ein wunderschöner Abend und du willst ihn doch nicht mit deinem gekränkten Stolz zunichtemachen, oder?! Ich verspreche dir auch nicht mehr weiter zu lachen.“
„Ja, das verspreche ich auch.“, pflichtete Jonas mir bei und schließlich setzte sich Liam wieder zu uns.
Zu dritt schauten wir nun dabei zu, wie die rote Sonne hinter dem Tal verschwand, dass von Bergen umgeben war. Es war ein malerischer Anblick, der mein Herz mit Wärme erfüllte.
Dieser sagenhafte Augenblick fand allerdings jäh sein Ende… und dreimal dürft ihr raten durch wen! „Und worüber habt ihr Beiden euch nun unterhalten, während ihr mich absichtlich zum Laufburschen degradiert habt?“, fragte Liam in die Stille hinein. „Hast du ihm erzählt, wie wir uns kennen lernten?“, richtete er seine Frage an Jonas. „Hast du ihm erzählt, dass zwischen uns sofort die Funken sprühten und wir übereinander hergefallen sind und wir heißen hemmungslosen Sex hatten?“
„Falls du versuchst mich eifersüchtig zu machen, kannst du dir das gleich sparen.“, meinte ich mit den Augen rollend zu ihm. „Jonas hat mir erzählt, dass du nur versehentlich in seinem Abteil gelandet bist und er zu jenem Zeitpunkt bereits halbnackt war.“
„Spaßbremse.“, zischte Liam Jonas sofort an, während dieser nur gleichgültig mit seinen Schultern zuckte. Jonas war viel cooler als Liam. Wenn ich mich in beide verlieben würde und mich zwischen ihnen entscheiden müsste, würde ich ganz klar zu Jonas tendieren. Was denke ich da schon wieder?!
„Vermutlich bist du nur in sein Abteil, weil du dich vor gewissen Leuten versteckt hast.“, mutmaßte ich und dachte dabei an den hünenhaften Zugbegleiter, der die Fahrkarten kontrollierte.
„Ja, vor dir hab ich mich versteckt.“, erwiderte Liam und brachte mich dabei wieder zur Weißglut.
„Frieden Jungs!“, rief Jonas, der den Ärger roch und schnell dazwischen ging. Lasst uns doch alle die nächsten fünf Minuten stillschweigen und weiter den Sonnenuntergang beobachten.“
Jonas hatte Recht. Wieso diskutiere ich überhaupt noch mit Liam? Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Da denkt man, er ist auf dem Weg der Besserung und dann haut er den nächsten dummen Spruch raus. Er ist nun mal so und das kann ich leider nicht ändern… Mich würde es allerdings schon interessieren, ob er schon immer so war, oder ob er durch gewisse Ereignisse so geworden ist. Ich grüble viel zu viel über den Spinner nach. Ich blickte wieder hinaus in die weite Ferne. Die Abendsonne war inzwischen fast gänzlich verschwunden und die Nacht brach herein.

42. Mutitas

Nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwand, machten wir Drei uns auf den Rückweg in unsere jeweiligen Abteile. Als wir jedoch in unserem Abteil ankamen, erwartete mich und Liam eine kleine Überraschung, denn wir hatten neue Sitznachbarn! Eine junge Mutter mit ihrer geschätzt acht Jahren alten Tochter saß auf den Plätzen, die zuvor Katharina und Erik noch belegten. Die Beiden blätterten gerade in einem Bilderbuch und schienen sehr glücklich zu sein.
„So, ab hier muss ich euch verlassen.“, sagte Jonas. „Mein Sitzplatz ist im hintersten Waggon, aber wir sehen uns sicher noch einmal, ehe ich in Milano aussteige.“
„Ist das eine Drohung?“, erwiderte Liam frech grinsend.
„Worauf du dich verlassen kannst!“, meinte Jonas ernst, obwohl er lächelte. „ Ärger den lieben Milo nicht zu sehr, oder du bekommt es mit mir zu tun. Haben wir uns verstanden?!“
„Uuuh, da hab ich aber Angst. Meine Knie zittern jetzt schon.“, erwiderte Liam, der nicht den Hauch von Furcht verspürte. „Vor der Kraft, die in deinen Wackelpuddingarmen schlummert, muss ich mich natürlich in Acht nehmen. Ach was rede ich da…, lass dich in den Arm nehmen!“ Auf einmal viel Liam Jonas um den Hals und vor Schreck riss ich die Augen weit auf. Das kleine Mädchen, das bis gerade eben noch in das Bilderbuch starrte, beobachtete das Geschehen und fing zu Kichern an. Allerdings klang ihr Kichern ein wenig ungewöhnlich, da es mehr einem kehligen Geschrei glich.
Anschließend verabschiedete sich Jonas auch noch von mir mit einer Umarmung und als er unser Abteil verließ, kam es mir mehr denn je vor, dass die Sonne untergegangen war. Diese Assoziation kam daher, dass Jonas für mich die Sonne in Person war, da er so fröhlich und aufgeweckt erschien.
„Guten Abend!“, begrüßte ich die Mutter und ihre Tochter, als Liam und ich wieder unsere Plätze einnahmen. Die Mutter grüßte zurück, während das Mädchen Liam angeregt musterte.
„Ach dann sind das also eure Plätze.“, stellte die Frau fest. „Wir haben uns schon gewundert, weil die Plätze ewig leer waren, aber das Gepäck hier noch herumlag.“
„Wir waren nur im Speisewagen und haben eine Kleinigkeit zu uns genommen.“, erklärte ich ihr.
„Was hat denn die Kleine?“, fragte Liam, der sich über das Verhalten des Mädchens wunderte. Sie kicherte ununterbrochen, versteckte sich dabei aber hinter ihrem Bilderbuch, so dass nur ihre Augen darüber hinweg sahen und Liam genauestens beobachteten. Nebenbei schien sie mit ihren Fingern Zeichen in die Luft zu machen, die auch ich nicht wirklich zu deuten wusste.
„Oh, ich glaube sie findet dich süß.“, klärte ihre Mutter uns mit einem breiten Lächeln auf.
„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte Liam perplex und ich war ebenso verwundert.
„Melody ist seit ihrer Kindheit leider stumm und wir können uns nur mithilfe von Gebärdensprache mit ihr verständigen.“, antwortete die Mutter uns und mir fiel vor Schreck die Kinnlade runter.
Liam erschien es ähnlich wie mir zu gehen. „Stumm? Sie kann nicht sprechen? Du meine Güte, das wäre die Hölle auf Erden für mich…“ Mein rechter Ellenbogen rammte sich in Liams Rippe. „Äh, also ich meine, das ist wirklich schrecklich und traurig.“, verbesserte sich Liam daraufhin ganz schnell.
„Das ist es, aber mein Mann und ich haben gelernt damit umzugehen und ich glaube, dass Melody damit inzwischen auch ganz gut zurechtkommt. Nicht wahr Schätzchen?“ Die Frau bewegte ihre Finger und stellte in Windeseile Wörter damit fest, die nur ihre Tochter verstand. Melody erwiderte ihrer Mutter ebenfalls mit Fingerzeichen und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Darf ich fragen, wie so etwas zustande kommt?“, richtete ich meine Frage an die Mutter.
„Ich kann mir das gar nicht vorstellen, stumm auf die Welt zu kommen und nie sprechen zu können.“
„Das können sich nur die Wenigsten vorstellen.“, meinte die Frau, während sie ihrer kleinen Tochter sanft übers lange dunkelblonde Haar streichelte. „Melody leidet aber leider wirklich an der angeborenen Stummheit. Die Ursache dafür ist ein genetischer Defekt, doch auch wenn unsere Tochter nicht sprechen kann, so lieben mein Mann und ich sie dennoch über alles. Melody wächst in einem harmonischen Umfeld auf, sie ist intelligent, besitzt ein intaktes Gehör und hat auch Freunde. Natürlich wird sie wegen ihrer Krankheit auch von anderen Kindern ihres Alters gehänselt, doch da steht sie drüber. Sie ist sehr tapfer und hat Träume vor Augen. Sie ist einfach bezaubernd.“ Die kleine Melody unterbrach ihre Mutter und machte ein paar Fingerzeichen. Liam und ich warteten gespannt ab, was sie uns zu sagen hatte. Ihre Mutter übersetzte anschließend: „Melody möchte wissen, ob du bereits eine Freundin hast und wenn nicht, ob du sie dann mal auf ein Date einladen würdest.“
„I-Ich?“, blubberte Liam aufgeregt. „Also eigentlich… ähm… nein ich habe keine Freundin. Bin einsamer Single.“ Liam versuchte auf seine eigene Weise Melody zu antworten. Dabei machte er komische Bewegungen, die für mich nicht wirklich Sinn ergaben. Doch Melody verstand ihn offenbar, denn als er fertig war, schien sie überglücklich zu sein.
„Manchmal glaube ich, dass sie einfach alles versteht.“, meinte ihre Mutter unter Lachen.
„Mein Respekt an die Kleine. Um Liam zu verstehen, muss man ein Genie sein.“, äußerte ich mich dazu und fing mir daraufhin einen grimmigen Blick von Liam ein. „Tja mein Lieber, sieht so aus, als hättest du eine neue Angebetete. Enttäusch sie nicht. Kleine Mädchen haben oftmals die größten Herzen und davon auch nur eines zu brechen, wäre eine Gräueltat fürs ganze Leben.“
„Hey, was redest du denn da?“, flüsterte Liam mir daraufhin ins Ohr. „Du weißt doch ganz genau, dass ich schwul bin, also quatsch hier nicht so einen Unsinn und hilf mir lieber.“
„Keine Sorge. Meine Tochter bricht so schnell keiner das Herz. Ehrlich gesagt ist es genau anders herum. Die Männerherzen fliegen ihr nur so zu und sie bricht sie reihenweise.“, lachte ihre Mutter, die unsere Unterhaltung wohl mitanhörte, wodurch die Wahrheit schnell ans Licht kam.
Liam strahlte stolz vor sich hin. „Sie ist wie ich… nur in weiblicher Miniaturausgabe und weniger gesprächig.“
„Na toll, das wäre dann die Dritte an einem Tag.“, murmelte ich vor mich hin und dachte dabei auch zurück an den kleinen Liam, der zweimal meine Kronjuwelen misshandelte.
„Wohin geht denn ihre Reise?“, fragte Liam die Mutter.
„Nach Rom, wir besuchen dort ihre Großeltern. Die sind nämlich Italiener.“, antwortete die Frau ihm.
„Das ist gut. Dann steht einem lustigen Abend ja nichts mehr im Wege.“, erwiderte Liam hocherfreut, während sich meine gute Laune gerade verabschiedete. Mir bleibt auch nichts erspart…

43. Die drei Affen

Arme Melody. Nie sprechen zu können, halte ich für ein hartes Los im Leben. Denn das würde auch bedeuten, dass sie bei ihren Lieblingsliedern nie mitsingen konnte. Wenn sie älter wird, wird es für sie schwierig einen Job zu finden, da nicht jeder Arbeitgeber etwas mit einer Stummen anzufangen weiß. Das Vorstellungsgespräch würde in ihrem Fall auch deutlich anders ausfallen. Da einzig Gute daran war, dass sie bereits stumm auf die Welt kam. Wäre sie erst im Laufe der Jahre stumm geworden, dann würde ihr ihre Stimme irgendwann mit Sicherheit fehlen.
„Nanu, was hast du denn da Schönes um deinen Hals hängen?“, fragte Liam die kleine Melody.
Die kleine Melody blickte auf ihren Körper runter und zog eine Kette unter ihrem rosafarbenen Shirt hervor. An der Kette hing ein Talisman, der aus Holz geschnitzt wurde. Es zeigte drei kleine Affen, die aufeinander saßen und von denen ein jeder etwas an ihrem Kopf mit ihren Händen bedeckte.
„Das sind die drei Affen.“, erklärte uns ihre Mutter. „Sie stehen für den vorbildlichen Umgang mit dem Schlechten. Der erste Affe hält sich den Mund zu, damit er nichts Böses sagt, der zweite Affe hält sich die Augen zu, damit er nichts Böses sieht und der dritte Affe hält sich die Ohren zu, damit er nichts Böses hört. Davon habt ihr doch sicherlich schon einmal gehört, oder?“
„Ich hab davon gehört.“, sagte Liam sofort. „Es soll sogar noch einen vierten Affen geben, der sich mit beiden Händen seinen Unterleib bedeckt. Im Sinne von „Tu nichts Böses“ oder „Habe keinen Sex“!“ Liam fing zu grinsen an und mich wunderte es gar nicht, dass er das wusste. „Allerdings wird der vierte Affe zumeist ignoriert und wenn ihr mich fragt zu Recht!“
Melody schien erfreut darüber zu sein, dass sich unsere Unterhaltung nun um ihren Talisman drehte. Sie machte Fingerzeichen, die natürlich weder Liam noch ich verstanden. Ihre Mutter übersetzte uns: „Sie sagt, dass sie die Kette von einem sehr guten Freund geschenkt bekommen hat, der leider gehörlos ist. Er hat drei davon geschnitzt. Eine andere Freundin, die nicht sehen kann, hat die dritte Kette erhalten. Die Drei haben sich auf einer Sonderschule kennen gelernt und sind im letzten Schuljahr sehr enge Freunde geworden. Melody ist sehr stolz darauf, diese Kette zu tragen.“
„Melody kann nicht sprechen, ihre Freundin kann nicht sehen und ihr Freund kann nichts hören. Na da haben wir ja die drei wichtigsten Sinne des Menschen beieinander.“, schlussfolgerte Liam. „Hey Lolo, weißt du was für ein Gedanke mir gerade durch den Kopf ging?“
„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen.“, erwiderte ich und zuckte mit den Augenbrauen.
„Ja, unsere Miss Universum da drüben. Die Männer werfen ihr doch andauernd lüsterne Blicke zu und schmieren ihr Honig ums Maul. Doch sie ignoriert das immer! Vielleicht ist sie ja taub und blind?“
„Weder noch. Wäre sie blind hätte sie einen Blindenstock dabei und wäre auch nicht so super gestylt. Taubheit ist auch auszuschließen, da sie vorhin noch Musik über ihren iPod hörte.“, erwiderte ich und widerlegte damit seine Vermutung. „Es macht mich traurig, dass es Menschen gibt, die so leiden müssen.“, sagte ich und beobachtete die Kleine, wie sie stolz ihren Talisman bewunderte.
„Ich kann sehr gut nachvollziehen was du meinst.“, pflichtete mir Melodys Mutter bei. „Doch schau dir meinen Engel doch einmal genauer an. Sieh ist glücklich mit ihrem Leben und auch wenn sie nicht sprechen kann, so beherrscht sie dennoch das Wichtigste überhaupt: Sie kann lieben!“
Nach ihren Worten verflog meine Traurigkeit und ich musste sanft lächeln. Sie hat Recht. Melody schien alles andere als unglücklich zu sein. „Hey Melody, magst du lieber rote Rosen oder eine große Tafel Schokolade zu unserem ersten Rendezvous?“, fragte Liam sie und fuchtelte dabei wieder wie wild mit seinen Armen und Händen herum. Melodys Mutter und ich fingen zu lachen an, denn dieses Mal verstand die Kleine nicht wirklich, was er sie zu fragen versuchte. Dies bewies ihr verwirrter Gesichtsausdruck und ihre Antwort, die von ihrer Mutter übersetzt wurde: „Ich soll mit ihm auf Klo?“
„Oh Klo, eine sehr gute Idee!“, stieß Liam laut aus. Musste der Kerl schon wieder? Ich hingegen musste heute noch kein einziges Mal, aber das sollte sich nun ändern.
Liam stand von seinem Platz auf und ich sprang ihm hinterher. Mit nur einem Finger hielt ich ihn am Kragen fest und mogelte mich an ihm vorbei. „Du wartest jetzt. Ich geh als Erster.
Wer weiß, wie lange du wieder brauchst. Am Ende hast du wieder Verstopfungen…“ „Die hatte ich heute gar nicht.“, lachte Liam und flüsterte mir zusätzlich ins Ohr: „Die hab ich doch nur vorgetäuscht, um dem Zugbegleiter und seiner Fahrkartenkontrolle zu entgehen.“
Hätte ich mir eigentlich denken können, da er zu der Toilette ging, die weiter weg war. Wäre er zu der gegangen, die am Nächsten ist, wäre er dem Zugbegleiter direkt in die Arme gelaufen. Zu dieser Toilette brach ich nun schließlich auf. Das andere kleine Mädchen, das noch hier im Abteil saß, kam mir schüchtern entgegen. Sie war auf dem Weg zu Melody und wollte sie fragen, ob sie ein wenig mit ihr spielte. Als ich an dem Platz dieses Mädchens vorbei huschte, konnte ich zwei kleine Puppen sehen. Das andere Mädchen war offenbar mit ihrer gesamten Familie unterwegs: Ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem großen Bruder und ihren Großeltern, die am gegenüberliegenden Vierertisch saßen. Bevor ich das Abteil verließ, kam ich auch noch an dem Platz des Mädchens mit dem lockigen Haar vorbei. Der Platz war leer. Der Weg zur Toilette war kurz, aber nicht ungefährlich. Der Zug wackelte hin und her und ich kam dadurch stark ins Schwanken. Als ich die Toilette schließlich erreichte, stand der Junge mit dem roten strubbeligen Haar bereits davor. Offensichtlich war besetzt und während er wartete, las er wieder angeregt in seinem Comic weiter. Ich beschloss auch zu warten, doch konnte ich nur hoffen, dass es nicht mehr allzu lange dauerte.
Pustekuchen…
Die Zeit verging und wer immer sich auch auf der Toilette befand, ließ sich gehörig Zeit. Plötzlich, ganz unerwartet, sprach mich der rothaarige Junge von der Seite her an: „Ich glaube da stimmt was nicht. Ich steh hier nun bereits seit zwanzig Minuten und die Tür ging kein einziges Mal auf. Ich hab weder jemanden rein- und rausgehen sehen, noch hab ich auch nur einen Ton gehört.“
Das war wirklich seltsam! Und damit meine ich nicht, dass der Rotschopf plötzlich reden konnte, sondern seine Aussage. Ich trat näher an die Toilettentür und klopfte dreimal dagegen. Kein Mucks. Ich drückte den Hebel nach unten, doch die Tür war wirklich von innen verschlossen. Ich klopfte erneut dreimal dagegen und rief laut: „Hallo?! Hier wollen auch noch andere auf die Toilette!“
„Lasst mich in Ruhe und verschwindet!“, hörte ich laut von innen heraus schreien. Es war zweifellos eine Mädchenstimme und wenn ich raten müsste, dann klang sie verzweifelt und verweint.“

44. Das Toilettenproblem

Die Lage war für mich eindeutig. Irgendein Mädchen hat sich auf der Toilette eingeschlossen, um für sich allein zu sein. Der Grund war mir nicht klar, doch ihrer verzweifelten und weinerlichen Stimme nach zu urteilen, musste es etwas sehr Schlimmes sein. Doch was sollte ich jetzt tun? Wie sollte ich weiter vorgehen? Ich könnte einfach zu der nächsten Toilette gehen und das Mädchen in Ruhe lassen, doch erschien mir das als nicht richtig. Ich und mein Gewissen…
„Sieht ganz danach aus, als würde die Toilette nicht so schnell frei werden.“, schlussfolgerte auch der rothaarige Junge, mit dem Comic in der Hand. „Na dann gehe ich halt zur nächsten Toilette.“
Der Junge trabte in Richtung Speisewagen davon und ich sollte es ihm gleich tun, doch was würde dann aus dem Mädchen werden? Ich versuchte es mit ein paar beruhigenden Worten durch die Tür hindurch. „Ähm…, was immer dich auch bekümmern mag, sich da drin zu verstecken bringt nichts. Du musst dich deinen Problemen stellen.“ Sowas klingt oftmals einfacher als es in Wirklichkeit ist.
Das Mädchen schien mein freundliches Entgegenkommen gar nicht zu behagen, denn wieder hörte ich sie durch die Tür hindurch schreien: „Verschwinde du blöder Schwindlicha!“
Ich hatte keine Ahnung, was sie mir mit dem letzten Wort sagen wollte, doch hatte ich das dumpfe Gefühl, als wäre es kein Kompliment gewesen. Vielleicht sollte ich den Zugbegleiter holen? Der hünenhafte Mann schien mir recht nett zu sein und besaß sicherlich einen Schlüssel zur Toilette. Andererseits benötigte sie vielleicht auch nur noch ein wenig Zeit für sich alleine und käme dann von ganz alleine wieder raus. Sie konnte schließlich nicht ewig auf der Toilette sitzen und heulen. Allein schon der Gestank da drin würde mich stinkig machen. Sicherlich kommt sie da bald wieder raus…
Ich beschloss also eine andere Toilette aufzusuchen und marschierte zurück in das Abteil, in dem ich ursprünglich saß. Der Platz des Mädchens mit dem lockigen Haar war immer noch leer und ich fragte mich, ob sie das Mädchen auf der Toilette war. Möglich wäre es. Sie hat öfters mit ihrem Freund telefoniert und womöglich hatten sie Streit, während Liam und ich im Speisesaal zu Abend aßen. Melody und das andere kleine Mädchen spielten inzwischen gerade mit den zwei Puppen. Ich kam an meinem Platz vorbei und Liam stand auf, um mich wieder rein zu lassen. „Nicht nötig. Die Toilette war besetzt und jetzt versuche ich es in der hinteren Toilette. Bis gleich.“, erklärte ich ihm und Liam setzte sich wieder hin. Die automatische Tür ging auf und ich kam zu den Schlafabteilen.
Ich schlenderte den Gang entlang und erreichte nach etwa dreißig Sekunden die andere Toilette. Zu meiner großen Erleichterung war diese hier nicht besetzt, denn mit der Zeit wurde meine Blase größer und größer. Die nächsten fünf Minuten meines Lebens erspar ich euch lieber…
Als ich wieder aus der Toilette raus kam, stand Frau Wolle im Gang. „Gott sei Dank! Wenigstens eine Toilette die frei wird. Auf der anderen Toilette zwei Waggon weiter, sitzt so ein hysterisches Weib.“, berichtete sie mir, noch bevor sie sich nach mir in die Toilette zwängte und hinter sich abriegelte.
Vielleicht sollte ich doch lieber den Zugbegleiter aufsuchen. Am Ende übernachtete das Mädchen noch auf der Toilette. Mit ihr zu reden schien aussichtslos. Wobei ich auch nie der Typ für einfühlsame Worte war. Der hünenhafte Zugbegleiter war sicherlich auch eher ruppig als einfühlsam. Wer könnte noch mit dem Mädchen reden? Liam? Der reißt wieder nur dumme Witze. Der Polizist? Nein, am Ende bricht er noch die Tür auf und ich darf es bezahlen. Es musste schon jemand sein, der einem Engel gleich kam. Jemand, der nicht nur liebevoll aussah, sondern auch liebevoll mit einem umging. Und da kam mir auch die perfekte Person in den Sinn. Das ich nicht früher auf ihn gekommen bin: Jonas!
Es vergingen fünf weitere Minuten, in der ich in Jonas Abteil stürmte – er zum Glück angezogen war – und ihn mit mir schleifte, ohne ihm nähere Einzelheiten zu nennen. „Hey, ich kann auch alleine gehen.“, schimpfte er, weil ich ihm am rechten Arm hielt und hinter mir herzog.
Wir kamen wieder in mein Abteil und natürlich machte Liam große Augen, als er uns Beide sah. „Gehst du mit ihm Gassi, oder warum ziehst du ihn hinter dir her?“, hörte ich ihn fragen, doch beachtete ich ihn kaum und verließ ohne eine Antwort das Abteil wieder.
„So.“, sagte ich schließlich, als wir an der anderen Toilette wieder ankamen. Ich ließ Jonas Arm los, auf dem sich bereits ein roter Handabdruck von mir gebildet hatte. Jetzt war mir es mir ein wenig unangenehm, ihn so schroff mitzuschleifen. Wäre bestimmt auch sachter gegangen, doch wurde ich das ungute Gefühl nicht los, dass jede Sekunde zählte. Das Mädchen könnte sich ja auch was antun.
„Ja schön, eine Toilette. Kenn ich. Hab schon an die 3188 Toiletten in meinem Leben besucht.“, meinte Jonas ironisch dazu. Offensichtlich war er zu Scherzen aufgelegt. „ In der Regel funktionieren sie alle nach demselben Prinzip: Reingehen, Hose runter, Druck ablassen, wedeln und abwischen, Hose wieder hoch ziehen, Spülung betätigen, Hände waschen und wieder raus gehen.“
„Sei still und hör mir zu.“, zischte ich ihn schnippisch an. „Da drin hat sich ein Mädchen eingesperrt, das seit über einer halben Stunde nicht rauskommt. Du musst mit ihr reden. Bitte!“
Jonas guckte mich perplex an und stellte mir Fragen, auf die ich vorbereitet war: „Wieso soll ich mit ihr reden? Wieso redest du nicht mit ihr? Wieso holst du nicht einen Zugbegleiter?“
„Ich bitte dich, Jonas.“, sagte ich erneut. „Ich würde dich nicht um diesen Gefallen bitten, wenn ich nicht bereits alle Optionen durchgegangen wäre. „Das Mädchen benötigt vielleicht Hilfe.“
Jonas schaute alles andere als erfreut drein, doch gab er sich einen Ruck und klopfte wie ich, dreimal an der Toilettentür. „Entschuldigung. Miss? Kann ich ihnen irgendwie behilflich sein?“
Das Mädchen antwortete wie erwartet pampig zurück: „Behilflich sein? Verpiss dich, du Weiberer!“
„Das Mädchen hat Wörter in ihrem Wortschatz, die ich gar nicht kenne.“, sagte ich zu Jonas, nach seiner Abfuhr. „Mich hat sie vorhin als Schwindlicha beschimpft. Keine Ahnung was das sein soll und ob das überhaupt eine Beleidigung ist.“
„Ist es, denn Schwindlicha bedeutet, dass du ein Idiot bist. Und in ihren Augen bin ich ein Frauenheld, sonst hätte sie mich nicht als Weiberer abgestempelt.“, klärte Jonas mich auf und ich war beeindruckt. „Das Mädchen kommt allem Anschein nach aus Österreich.“
„Okay und wie willst du nun weiter vorgehen?“, fragte ich ratlos nach.
„Ganz einfach.“, sagte Jonas, der nun zu einem Lächeln aufgelegt war. „Ich setze das ein, weshalb du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten hast. Meinen unwiderstehlichen Charme!“

45. Liebeskummer

„Mutierst du gerade zu einem Liam?“, fragte ich Jonas erschüttert, nachdem dieser von seinem unwiderstehlichen Charme schwärmte. „Zwei Liams haben mir heute vollkommen gereicht und bis jetzt finde ich dich sympathisch. Mach das bitte nicht zunichte!“
Jonas lachte, doch ging darauf nicht ein. Stattdessen klopfte er erneut an der Toilettentür. Das Mädchen, das sich darin verbarrikadiert hat, machte ihm natürlich nicht auf. „Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich finde es gibt schönere Orte als Zugtoiletten!“, rief er ihr zu.
„Das ist es? Das ist dein unwiderstehlicher Charme?!“, fragte ich Jonas daraufhin ungläubig.
Jonas legte seinen rechten Zeigefinger auf seine Lippen und deutete mir an ruhig zu sein. Ich schloss also meinen Mund und wartete weiterhin gespannt ab. Auf einmal begann Jonas eine Geschichte zu erzählen: „Es gab da mal einen Jungen, ist schon viele Jahre her, der war unsterblich in seinen Mitschüler verknallt. Jedes Mal, wenn er ihn sah, bekam er ganz weiche Knie und auch kein Wort mehr heraus, dabei wollte er ihm doch seine Liebe gestehen. Also beschloss er all seinen Mut zusammen zu nehmen und dies am Valentinstag in die Tat umzusetzen. Für seinen Schwarm hat er selber ein paar Pralinen kreiert. Die hat er dann schön verpackt und oben mit einer schönen Blume versehen. Klingt kitschig, war es auch. Jedenfalls, als er seinem Schwarm erneut gegenüber stand – mit dem Valentinstaggeschenk in der Hand – bekam er wieder weiche Knie. Doch er blieb standhaft und drückte seinem Schwarm das Geschenk in die Hand. Dabei sagte er mit nervöser und zittriger Stimme: „Daaahass issst fur dick.“ Das war dem Jungen hinterher so peinlich, dass er davon rannte und sich auf die Schultoilette zurückzog.
Erst als er schon drin war, merkte er, dass es das versiffteste Klo überhaupt war und es nach Erbrochenem roch. Doch er blieb drin, da er begonnen hatte zu weinen und die gesamte Lage ihm nur noch peinlicher war. Doch jetzt kommt die Wendung in meiner Erzählung, denn noch während der Junge wie ein Wasserfall schluchzte, kam sein Schwarm auf die Toilette und bat ihn darum, aus der Kabine heraus zu kommen. Der Junge weigerte sich strikt und begründete es damit, dass er ein jämmerlicher Schlappschwanz sei. Also betrat sein Schwarm die Kabine neben an, stieg auf die Kloschüssel und guckte über die Kabinenwand zum anderen Jungen drüber. „Ich hoffe dir ist klar, dass das für uns Beide ein süßes und stinkiges Erlebnis zugleich ist. Mir hat dein Geschenk sehr gefallen, also hör auf zu weinen und komm raus, denn ich werde dir hier an diesem Ort bestimmt kein Liebesgeständnis machen.“, sagte sein Schwarm. Der Junge war natürlich mehr als überrascht und kam aus der Kabine wieder heraus. Zu seiner größten Freude nahm ihn sein Schwarm in den Arm und versprach ihm, dass alles gut werden würde. Die Beiden wurden schließlich ein Paar. Der Junge fand, dass er für seinen Freund selbstbewusster und stärker werden müsse, doch war er dies bereits, denn ihm in der Schulaula vor allen anderen Schülern ein Valentinstaggeschenk zu überreichen, dazu gehört schon sehr viel Selbstbewusstsein und Stärke. Was ich mit dieser doch recht langen Geschichte eigentlich sagen will ist, sich auf dem Klo zu verstecken bringt nichts, man muss Stärke zeigen und niemals die Hoffnung aufgeben!“
Jonas beendete seine Geschichte und ich starrte ihn mit offenem Mund an. Hat er das gerade einfach so erfunden, oder beruht das alles auf eine wahre Begebenheit? War er dieser Junge, der sich auf der Schultoilette verschanzte? Egal, denn Jonas Geschichte schien bei dem Mädchen Eindruck zu schinden. Die Toilettentür ging auf! Es war tatsächlich das Mädchen mit dem blonden lockigen Haar, ihre Augen waren ganz verquollen und ihre Wangen purpurrot. Sie erzählte uns schließlich auch, was vorgefallen ist. „Mein Freund ist ein Arsch. Er hat mich mit so einem Flittchen aus seinem Seminar betrogen. Zuerst sagt er mir am Handy noch wie sehr er mich liebt, nur um dann im nächsten Moment mit mir Schluss zu machen – übers Handy!“
„Das tut mir sehr leid.“, erwiderte Jonas mitfühlend und versuchte sie zu trösten. Er reichte ihr ein Taschentuch und streichelte ihr sanft über die Schulter. „Der Kerl hat dich nicht verdient. Solche schwanzgesteuerten Idioten gibt es überall auf der Welt, aber wenn du jetzt stark bleibst und deinen Glauben an die Liebe nicht verlierst, dann wirst du eines Tages wieder glücklich sein. Ach was rede ich da, du wirst sogar glücklicher sein, als du es mit diesem Kerl jemals warst. Du wirst deinen Traummann finden, ihn heiraten, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und Kinder zeugen!“
Jonas gelang es, dass Mädchen zum Lachen zu bringen. Ein Erfolg. „Du bist wirklich charmant.“, sagte sie und ich musste ihr Recht geben. „Dürfte ich deinen Namen erfahren?“
„Jonas.“, antwortete er ihr und reichte ihr nebenbei ein zweites Taschentuch.
„Ich heiße Walburga. Ich danke dir tausend Mal, vielen Dank!“ Das Mädchen schenkte Jonas zum Zeichen ihres Dankes einen Kuss auf die Wange. Ich verzog etwas angewidert das Gesicht, da ihre Wangen noch immer sehr feucht waren und sie zudem einige Zeit auf dem Klo verbrachte.
Das Mädchen kehrte schließlich in ihr Abteil zurück und ich kam nicht umhin, für Jonas Beifall zu klatschen. „Du hast meinen Dank und meinen Respekt. Dein Charme ist in der Tat unwiderstehlich.“
„Hab ich doch gesagt.“, erwiderte Jonas grinsend, doch dann sagte er etwas, was mir den Teppich unter den Füßen weg zog und mich zugleich zum Schmunzeln brachte. „Naja, wäre ich hetero, dann hätte ich schon allein bei ihrem Namen die Flucht ergriffen. Walburga… ich könnt heulen!“

46. Spaß im Abteil

Und wieder eine gute Tat vollbracht. Doch ohne Jonas Hilfe wäre das Mädchen wohl nicht aus der Toilette heraus gekommen. Das hab ich nur ihm zu verdanken. Nach wie vor stellte ich mir aber die Frage, ob er selber der Junge in seiner Erzählung war, der sich auf der Schultoilette verschanzte. Doch wieso lange darüber nachdenken, wenn ich ihn doch auch einfach fragen kann. „Du Jonas, der schüchterne Junge, über den du erzählt hast, warst das vielleicht du?“, fragte ich ihn frei heraus, während wir auf dem Rückweg in mein Abteil waren.
„Wie kommst du denn darauf?“, erwiderte Jonas überrascht.
„Nenne es Intuition, Bauchgefühl, eine Ahnung, … So eine Geschichte saugt man sich doch nicht einfach mal schnell aus den Fingern.“, erklärte ich ihm meine Frage.
„Tja erwischt. Also die Wahrheit ist…“ Jonas wurde mit seiner Antwort jäh unterbrochen, als wir wieder an meinem Abteil ankamen, die Tür aufging und Liam vor uns stand, mit einem panischen Gesichtsausdruck. „Was ist denn mit dir geschehen? Hat jemand nicht über deine Witze gelacht?“
Ich musste über Jonas Bemerkung vor Lachen laut losprusten. Liam hingegen schien nicht nach Lachen zumute sein und er erklärte uns auch den Grund: „Melody und ihre kleine neue Freundin, die Sofia, wollen andauernd mit mir spielen und zwingen mich dazu, ihr ergebenster Diener zu sein!“ Jetzt hatte ich erst Recht einen Anlass dazu, laut zu lachen. Liam als Kindermädchen fand ich zum Schreien komisch und Jonas empfand das wohl genauso, denn auch er musste lauthals lachen. „Ihr seid gemein.“, sagte Liam daraufhin traurig. „Ihr habt euch alle gegen mich verschworen!“
„Hey du da!“, rief Meldoys neue Freundin, die kleine Sofia. „Runter auf alle Viere! Melody und ich wollen ausreiten und dazu benötigen wir ein Pferdchen.“
„Das ist kein Spiel mehr, das ist die reinste Folter!“, meinte Liam gequält zu uns, während die beiden Mädchen an seiner Kleidung zogen, damit er endlich in die Pusche kam. Er gab schließlich nach und schenkte den Mädchen einen Ausritt. Die anderen Fahrgäste fanden das wohl auch sehr amüsant.
„Sollten wir nicht Mitleid mit ihm haben und ihm aus der Patsche helfen?“, fragte Jonas mich, dessen schlechtes Gewissen nun ein wenig zum Vorschein kam, den Blick aber nicht von Liam lassen konnte, da er es wie ich als durchaus unterhaltsam fand.
„Nur noch eine Minute. Ich empfinde gerade so viel Genugtuung, das glaubst du nicht.“, antwortete ich ihm freudestrahlend.
Liam bewegte sich auf allen Vieren am Boden fort, während Melody ihm sanft den Kopf tätschelte. „Hüja Pferdchen!“, rief Sofia begeistert, die hinter Melody auf Liams Rücken Platz genommen hatte.
„Entschuldigung, dürfte ich mal vorbei?“, fragte eine Stimme hinter mir und der rothaarige Junge schob sich vorsichtig an mir und Jonas vorbei. Offenbar hat auch er inzwischen eine freie Toilette gefunden und wollte nun zu seinem Platz zurückkehren. Doch an dem Pferdchen und seinen zwei Reiterinnen kam er nicht so einfach vorbei, wie an uns.
„Sofia, ihr dürft gerne so viel spielen wie ihr wollt, aber stört die anderen Fahrgäste nicht dabei.“, ermahnte die Mutter ihre kleine Tochter. Die Mädchen stiegen von Liam runter und machten dem rothaarigen Jungen daraufhin genügend Platz, damit er an ihnen vorbei kam.
„Und was spielen wir jetzt?“, fragte Sofia ihre Freundin Melody.
„Alles, nur nicht wieder hoppe, hoppe Reiter, denn dann schreie ich.“, äußerte sich Liam dazu.
Melody machte wieder Handbewegungen, um mit Sofia zu kommunizieren. Dabei hielt sie sich unter anderem auch die Hände vors Gesicht. Ihre Mutter, die sie dabei beobachtete, übersetzte: „Sie schlägt vor, mit den drei hübschen Jungs „Blinde Kuh“ zu spielen. Sie bekommen nacheinander die Augen verbunden und müssen dann eine Person eurer Wahl an der Statur erkennen.“
„Hübsche Jungs? Na wie finde ich denn das? Sehr schmeichelhaft.“, sagte Jonas, der für dieses Spiel sofort Feuer und Flamme war. „Hat denn einer von euch eine Augenbinde, oder was ähnliches?“
Ich schüttelte den Kopf und auch Liam hatte Keines in seinem Gepäck dabei. Sofias Familie und auch Melody und ihre Mutter hatten kein Tuch oder ähnliches zur Verfügung und somit schien das Spiel auch schon wieder gescheitert zu sein, wäre da nicht… „Ihr könnt gerne mein Tuch haben. Es war ursprünglich dafür gedacht, falls ich mal Halsschmerzen bekomme, aber im Moment benötige ich es nicht weiter.“, sagte Frau Wolle freundlich zu uns und überreichte Jonas ihr dunkelblaues Halstuch.
„Vielen Dank.“, sagte ich zu der Kindergärtnerin.
„Mädels, wer von uns soll als Erster ran?“, fragte Jonas die zwei kleinen Mädchen und sie zeigten beide mit ihrem rechten Zeigefinger auf Liam.
„Wieso überrascht mich das jetzt nicht? Immer auf die Kleinen und Unschuldigen.“, jammerte Liam.
„Unschuldig?“, erwiderte ich fragwürdig, während Jonas Liam die Augen verband.
„Wir suchen eine Person aus und du musst sie erraten!“, rief Sofia Liam zu.
„Ja okay, aber es muss schon eine Person sein, die ich auch kenne, ja?! Sonst macht das Spiel ja keinen Sinn.“, meinte Liam und ausnahmsweise musste ich ihm auch einmal Recht geben.
Sofia und Melody tauschten sich mit den Augen aneinander aus und überlegten fieberhaft, wenn sie wählen sollten. Mich und Jonas schienen sie nicht nehmen zu wollen, da ihnen das zu einfach vorkam. Wie es das Schicksal so wollte, öffnete sich die Tür und der hünenhafte Zugbegleiter stand auf einmal vor uns. Die beiden Mädchen fingen zu kichern an, wobei Melodys Kichern wieder sehr ungewöhnlich klang. Sie spannten den Zugbegleiter ins Spiel ein, was ich wiederum für keine so gute Idee hielt. Liam ist nach wie vor im Besitz einer falschen Fahrkarte und wenn das rauskäme, dann wäre er mehr als fällig. „Also was ist jetzt? Ich warte!“, rief Liam uns ungeduldig zu. Na hoffentlich ging das gut, dachte ich mir und das Spiel „Blinde Kuh“ begann.

47. „Blinde Kuh“

Liam wurden die Augen verbunden und nun musste er eine Person allein durch die Hilfe seines Tastsinns erkennen. Das mag ein lustiges Spiel sein, doch ob Liam das auch noch so lustig fand, wenn er herausfand, wenn er da abtastet? Vielleicht war es aber auch sein Schicksal, das just in diesem Moment der Zugbegleiter in unser Abteil kam, die Mädchen ihn für das Spiel mit einspannten und dieser auch noch bereitwilligst zustimmte. Hat der Mann keine Arbeit? „Also was ist jetzt? Ich warte!“, rief Liam uns ungeduldig zu, während die Mädchen leise zu Kichern anfingen.
Der Zugbegleiter stellte sich vor Liam hin und war dank seiner hünenhaften Statur mindestens einen Kopf größer als sein Gegenüber. Liam konnte durch die Augenbinde natürlich nichts sehen und versuchte mit seinen Händen irgendetwas bzw. irgendjemanden zu ertasten. Schließlich berührte er den Oberkörper des Zugbegleiters, der ein weißes Hemd und darüber eine dunkelblaue Weste trug. Dazu trug er eine rote Krawatte und eine silberne Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Liam tastete die vor ihm stehende Person ohne Schüchternheit ab. Es sah schon beinahe danach aus, als würde es ihm sogar behagen, eine für ihn nicht erkennbare Person abzutasten. „Hm, wer könnte das sein?“, sagte er zu sich selbst, während wir alle gespannt abwarteten und keinen Mucks von uns gaben. „Oh eine schöne Uhr. Wenn sie wertvoll ist, kann ich sie dann haben?“, fragte er, als er an der silbernen Armbanduhr des Zugbegleiters ankam. Ich rollte mit den Augen. Das war wieder so typisch Liam. „Also Lolo ist das schon einmal nicht, denn der ist einfach zeitlos.“ Wie war die Aussage denn nun zu verstehen? Lieber nicht weiter darüber nachdenken. Die Antwort würde mir vermutlich ohnehin nicht gefallen. Liam ging mit seinen Händen etwas höher, kam an der roten Krawatte des Zugbegleiters an und… zog daran! „An meiner Ziege habe ich Freude!“, sang er lauthals und brachte die beiden Mädchen damit lauthals zum Kichern.
Dem Zugbegleiter war allerdings nicht nach Lachen zumute und musste einmal kräftig schlucken. Wenn Liam aus der Sache heil herauskam, dann musste er einen sehr starken Schutzengel haben, dachte ich mir. Liam tastete schließlich den Kopf ab, der sich natürlich etwas weiter oben befand, wodurch ihm aber wohl ein Licht aufging. „Äh… ich glaube ich weiß wer es ist, aber ich hoffe, dass ich mich irre…“ Nein Liam, du irrst dich leider nicht, denn er ist es wirklich! „Ist das mein lieber Freund, der riesengroße Zugbegleiter?“, fragte Liam und die Mädchen fingen lauthals zu jubeln an.
„Richtig geraten!“, rief Jonas ihm laut zu und Liam nahm sich daraufhin die Augenbinde selbst ab.
„Oha.“, stieß Liam beim Anblick des Zugbegleiters lediglich aus.
„Es war zugleich Freud und Leid, bei diesem Spiel mitzumachen und von dir die Luft zugeschnürt zu bekommen.“, sagte der Zugbegleiter mit einem gequälten Lächeln im Gesicht.
„Tut mir wirklich außerordentlich Leid.“, entschuldigte sich Liam verlegen. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie es sind…“
„Schon in Ordnung Junge. Ich muss dann auch mal weiter. Wir kommen bald in Milano an und ich muss noch ins hintere Abteil.“, erklärte der Zugbegleiter und schritt an Liam vorbei.
Liam atmete erleichtert aus, als der Zugbegleiter das Abteil wieder verließ und wenn ich ehrlich bin, ging es mir genauso. Unsere Blicke trafen sich und ich musste Liam grundlos zulächeln. Inzwischen ging das fröhliche „Blinde Kuh“-Spiel weiter. Jonas war an der Reihe und als man ihm die Augen verbunden hatte, überlegten sich die Mädchen fieberhaft ein passendes „Opfer“ für ihn aus. Ich hatte schließlich die glorreiche Idee, Walburga in das Spiel mit einzuspannen. Ich fragte sie leise, ob sie den Mädchen diesen Gefallen erwidern könnte und hatte gleichzeitig m Hinterkopf, dass ihr ein wenig Spiel und Spaß sicherlich auch gut tat. Walburga machte mit und schien sogar froh darüber zu sein, dass ich sie um diesen Gefallen bat. Sie stellte sich vor Jonas, der noch nichtsahnend und blind seinen Kopf umherdrehte. „Du kannst anfangen!“, rief Sofia ihm glücklich zu.
Jonas taste sich nur sehr langsam vor, als hätte er Angst vor dem was ihn erwartete. Liam stand hinter mir und stützte sich an der Lehne eines Sitzplatzes ab. Er schien gelangweilt und genervt zu sein, da ihm das zu langsam von statten ging. „Es ist auf jeden Fall eine Frau.“, meinte Jonas kurz darauf, als er ihre Arme abtastete und erklärte auch den Grund: „Nur Frauen haben solch eine zarte Haut.“ Jonas tastete die ihm unbekannte Person vor ihm weiter ab, vermied die Brust dabei aber tunlichst. Ein echter Gentleman. Liam hätte da keine Scheu gehabt und eiskalt darauf „rumgehupt“. Jonas kam schließlich zu Walburgas blondem lockigen Haar, was wohl die Erkenntnis in ihn hervorrief. „W-Walburga, bist du das?“, fragte er zaghaft und sie antwortete ihm auch zugleich. Er nahm erfreut die Augenbinde ab und die Beiden umarmten sich freundschaftlich.
„Das war doch viel zu einfach.“, meinte Liam hinterher. „Doch das Beste kommt sowieso zum Schluss. Lolo mein Schatz, du bist an der Reihe. Du wirst nun eine Blinde Kuh!“
Ich hatte die Hoffnung, diesem Spiel noch irgendwie zu entgehen, aber sie lies mich im Stich. Das Gefühl, nichts sehen zu können, behagte mir irgendwie so gar nicht, doch jeder musste einmal dran. Liam band mir sanft die Augen zu und flüsterte mir anschließend noch ins Ohr: „Keine Sorge. Für dich hab ich mir schon etwas ganz Besonderes ausgedacht. Das wird dir gefallen!“
Bei Liam hatte ich eher die Befürchtung, dass es mir missfallen könnte. Also setzte ich mein ganzes Vertrauen in Jonas. Um mich herum war Dunkelheit und im Moment konnte ich mich nur auf mein Gehör verlassen. Ich hörte beispielsweise das Fortbewegen des Zuges, der in Windeseile Italien durchquerte. Ich konnte hören, wie sich ein paar Fahrgäste vereinzelt unterhielten und unserem bunten Treiben nur wenig Beachtung schenkten und ich konnte das Knistern von Papier hören, in der sich eventuell eine Wurstsemmel oder ähnliches befand, die sich ein Fahrgast nun gönnte.
„Bist du bereit?!“, fragte mich Liam mit erhobener Stimme.
„Wenn ich ehrlich bin, nein!“, antwortete ich gerade heraus.
„Tja dein Pech, denn nun geht es los.“, erwiderte Liam und dann sagte er noch etwas, was mich stutzig machte: „Behalt deine Hände besser bei dir, denn es wird feucht!“
„Feuc…?“ Ich brachte das Wort nicht mehr ganz heraus, da spürte ich auf einmal, wie sich fremde Lippen auf meine drückten. Es war ein Kuss. Mich hat gerade wirklich jemand geküsst!

48. Der Kuss

Ein Kuss. Ein Kuss? Ein Kuss! Welcher Idiot besaß die Frechheit mir einen Kuss auf den Mund zu drücken? Ich hoffe dieser Idiot war nicht Liam…, denn wer immer es auch war, küsste verdammt gut! Allein dieser Gedanke rief in mir sofort ein schlechtes Gewissen gegenüber Luca hervor. Ging ich ihm gerade fremd? Eigentlich nicht. Normalerweise sagt man immer, dass ein Kuss von zwei Seiten ausgeht, aber doch nicht, wenn einer der Beiden nichts sehen kann und nicht wusste, was auf ihn zukommt. Ich wollte natürlich sofort abblocken, doch…doch… ach verdammt, ich hab keinen wirklich verständlichen Grund für mein Handeln, bzw. Nichthandeln. Der Kuss fühlte sich einfach verdammt gut an, aber das sagte ich ja bereits. Ich bin ein schlechter Mensch. Luca wird mir dies nie verzeihen! Halt Moment. Musste er es überhaupt erfahren? Ja muss er, ich will ihn nicht belügen! Aber wieso ihn grundlos verletzen, wo gar nichts gewesen ist? Ein Kuss ist also nichts gewesen? Ich sollte dringendst aufhören Selbstgespräche in meinem Kopf zu führen und mir einen Therapeuten suchen.
Der Kuss war zu Ende. Ich zog meine Augenbinde auf der Stelle herunter. „Wer…?!“
„Hey, nicht die Augenbinde runter nehmen!“, rief Liam mir beleidigt zu. „Du musst schon erraten, wer dich geküsst hat.“ Liam stand drei Meter von mir entfernt, hinter den beiden Mädchen. Er war der besagte Idiot also nicht. Erleichtert atmete ich aus, doch mein Herz pochte dennoch wie wild, denn auch wenn es Liam nicht gewesen ist, so war es doch ein Junge – es war Jonas!
„Du…?!“, stieß ich verwirrt, überrascht und schockiert zugleich aus. Ich befand mich wieder einmal im Wechselbad der Gefühle. Ich hatte ehrlich gesagt wirklich gedacht – gedacht und nicht gehofft – dass Liam der Küsser war, denn keinem anderen hätte ich diese Schandtat zugetraut. Jonas am allerwenigsten. „Du, Jonas?“, wiederholte ich überrascht. „Bist du verrückt geworden?!“
Jonas stand vor mir und wusste nicht, was er mir antworten sollte. Seine Hände zitterten und er selber schien über sein Handeln irritiert zu sein. Er senkte seine Augen zu Boden und wich jedem Augenkontakt mit mir aus. Ich war wirklich mehr als verwirrt, was das nun zu bedeuten hatte. Auf einmal kam wieder eine Lautsprecherdurchsage des Zugschaffners: „Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Mailand Hauptbahnhof. Aufgrund des Stillstands des Zuges heute Abend, haben wir aktuell noch eine Verspätung von etwa zwanzig Minuten. Wir bitten Sie deshalb vielmals um Entschuldigung und hoffen, dass sie uns mit ihrer Anwesenheit bald wieder beehren. Danke an alle aussteigenden Fahrgästen. Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung links.“ Der Zugschaffner wiederholte seine Ansage auch noch einmal in der Sprache Englisch und in der Landessprache Italienisch. Doch ich hörte ihm nicht weiter zu. Meine Augen waren nach wie vor auf Jonas gerichtet, der nach dieser Ansage nervös wurde und wortlos an mir vorbei huschte, um zurück in sein Abteil zu gelangen.
„Na das hast du ja wieder toll hingekriegt.“, schimpfte Liam mit mir, während ich nach wie vor dümmlich aus der Wäsche guckte. „Dir liegen die Männer reihenweise zu Füßen und du verscheuchst sie jedes Mal aufs Neue. Erst mich, dann mich, dann noch einmal mich und jetzt auch noch Jonas.“
„Wieso hat er mich geküsst?“, fragte ich nun Liam.
„Ich könnte dir jetzt so allerhand Gründe dafür nennen, die mit deinem Aussehen und deiner Persönlichkeit zu tun haben, aber die würden in seinem Fall nicht zutreffen.“, meinte Liam zu mir. „Ihm ging es dabei um was ganz anderes, aber das solltest du ihn besser selber fragen…“ Liams Antwort war wenig hilfreich und ich stand weiterhin wie versteinert da. Da platzte selbst Liam wieder einmal der Kragen: „Himmel und Hölle, jetzt geh ihm schon hinterher, oder willst du warten, bis er am Bahnhof aus dem Zug ausgestiegen ist und du ihn vielleicht nie wieder sehen wirst?!“
Wie von der Tarantel gestochen, drehte ich mich um und rannte aus dem Abteil. „Na das war ja ein lustiges Spiel.“, hörte ich die kleine Sofia noch sagen, ehe die Tür sich hinter mir wieder schloss.
Als ich an Jonas Schlafabteil ankam, war er gerade damit beschäftigt, hastig seine Klamotten in seinem Rucksack zu verstauen. „Verdammt, wo ist denn mein grünes Shirt?!“, hörte ich ihn vor sich hin fluchen. Dann sah er mich im Türrahmen stehen und hielt einen Moment lang inne.
„Kannst du mir bitte erklären, was da gerade vorgefallen ist?“, fragte ich ihn im ruhigen Ton.
„Falls ich dich auf irgendeine Art und Weise verletzt haben sollte, dann tut es mir Leid. Ich fühlte mich nur so überrumpelt, denn damit hatte ich am Allerwenigsten gerechnet… und du küsst verdammt gut!“
küsst verdammt gut!“
„D-Danke.“, erwiderte Jonas nun leicht verlegen. „Mein Ex-Freund hat das damals auch gesagt…“ Jonas fand sein grünes Shirt unter seinem Kopfkissen. „… ehe er mit einem anderen Jungen ins Bett stieg und mich wie den letzten Idioten aussehen lassen hat.“
„Dein Ex-Freund… ist das der Junge aus deiner Geschichte, die du Walburga erzählt hast?“, fragte ich ihn behutsam. Ich wollte nun keinesfalls in ein weiteres Fettnäpfchen treten.
„Ja ist er und ich hätte mich niemals auf ihn einlassen dürfen.“, bestätigte Jonas. „Nur weil ein Junge dir selbstgemachte Pralinen schenkt und auf schüchtern macht, heißt das noch lange nicht, dass in ihm nicht auch ein Mistkerl schlummern kann!“
„Oh okay… Moment was?!“ Es dauerte ein paar Sekunden bis mir bewusst wurde, was Jonas mir da gerade erzählte. Ich hatte nämlich vermutet, dass Jonas der schüchterne Junge damals war. „Du bist der Junge, der über die Trennwand der Toilette geguckt hat?!“, fragte ich ihn überrascht.
„Ja, ich hatte schon immer ein Talent dafür, Leute aus den Toiletten raus zu jagen. Kein Talent auf das ich jetzt aber besonders stolz bin.“, gab Jonas sarkastisch von sich, während er seinen Rucksack schloss und auf seinen Rücken hievte. Der Zug wurde allmählich langsamer.
„Okay und warum hast du mich nun geküsst?“ Die Frage stand nach wie vor im Raum.
„Die Beziehung zu meinem Ex-Freund ist nun bereits sechs Jahre her, seitdem hatte ich keinen Freund mehr. Er hat mir das Herz gebrochen und mein Vertrauen in die Liebe zerstört. Ich hab ihn geliebt! Ich hab für ihn alles getan: Meine Freizeit mit ihm verbracht und ihn dazu ermutigt selbstbewusster zu werden. Dafür habe ich meine Freunde vernachlässigt, da er sich in meinem Freundeskreis nie besonders gut integrieren konnte. Auch andere Jungs waren mir verfallen, doch habe ich sie alle abblitzen lassen, weil ich ihn so sehr liebte… und dann betrügt er mich. Jeder betrügt jeden. Nenne mir einen Menschen, der noch nicht fremdgegangen ist!“
„Ich würde Luca niemals fremdgehen und er mir genauso wenig.“, erwiderte ich daraufhin. „Das sagst du, weil du es nicht besser weißt.“, entgegnete Jonas. „ Liam hat mich schon immer verstanden. Wir haben uns sogar so gut verstanden, dass wir uns gegenseitig unsere Geheimnisse anvertraut haben. Meins konnte aber mit seinem bei weitem nicht mithalten.“
„Und was ist dein Geheimnis?“, fragte ich ihn, wobei mich Liam sein Geheimnis ebenso interessierte.
„Wie gesagt hatte ich seit sechs Jahren keinen Freund mehr, auch keine One-Night-Stands, ja nicht einmal einfache Flirts. Mir war die Liebe einfach zuwider. Das ging so weit, dass ich in eine tiefe Depression fiel und sogar Selbstmord begehen wollte. Jämmerlich, ich weiß.“
„Nein, ja, nein eigentlich nicht.“, sagte ich, da ich nun nicht so recht wusste, wie ich mit Jonas weiter umgehen sollte. Dann rief ich mir seine Aussage in Erinnerung und war verwirrt: „Du und Liam… ihr habt euch schon immer gut verstanden? Ihr habt euch doch aber erst heute kennen gelernt.“
„Ähm nein… eigentlich nicht.“, gestand Jonas und nun wurde es richtig interessant.

49. Mil(an)o

Die Tatsache, dass sich Jonas und Liam bereits kannten, bevor sie diesen Zug bestiegen, war die Überraschung schlechthin für mich. Jonas selber hat mir doch noch erzählt, wie sie sich das erste Mal begegnet sind, als Liam versehentlich in sein Schlafabteil gerumpelt ist. Dies war also eine Lüge? Doch wieso hat er gelogen und warum hat auch Liam nicht die Wahrheit gesagt? Was zur Hölle geht hier eigentlich vor sich? „Es tut mir Leid, Milo. Ich würde dir gerne alles erzählen, aber ich muss hier aussteigen.“, sagte Jonas zu mir. „Warte, ich hab da eine Idee.“ Er zog schnell einen Kugelschreiber aus seinem Rucksack heraus, zog meinen rechten Arm zu sich heran und schrieb eine Reihe von Zahlen drauf. „Das ist meine Handynummer unter der du mich jederzeit erreichen kannst. Wir schreiben miteinander, oder telefonieren, versprochen!“ Jonas streckte mir zum Abschied seine Hand entgegen und ich erwiderte seine Geste. „Mach´s gut und pass auf dich auf!“ Mit diesen Worten verschwand Jonas aus dem Schlafabteil, während der Zug inzwischen zum Stillstand kam.
Das war´s jetzt? Er geht einfach und lässt mich mit all meinen Fragen alleine? Das kann er doch nicht machen! Blitzschnell rannte ich ihm hinterher und rumpelte dabei fast mit Liam zusammen. „Hey, nicht so schnell Lolo.“, bat er mich freundlich. „Ist Jonas bereits fort?“
„Ja.“, antwortete ich ihm lediglich und warf einen Blick auf seine Handynummer auf meinen Arm.
„Hat er dir erzählt, warum er dich geküsst hat?“, fragte Liam weiter.
„Ja.“, antwortete ich ihm wieder.
Liam schien zu spüren, dass mir einiges durch den Kopf ging und sagte: „Komm mit, frische Luft tanken! Der Zug pausiert hier für zehn Minuten. Genügend Zeit, draußen ein wenig die Beine zu vertreten und einen kühlen Kopf zu bekommen.“
Ich war einverstanden und kurz darauf standen Liam und ich an Bahnsteig 6 des Mailänder Hauptbahnhofs. Vielen Menschen waren unterwegs, darunter einige Reisende, aber auch der hünenhafte Zugbegleiter, der sich mit einem Kollegen unterhielt. Allem Anschein nach war auch seine Reise hier zu Ende, denn er hatte einen Koffer bei sich, während sein Kollege nun in den Zug einstieg. Ich war etwas unaufmerksam und stieß versehentlich mit einer anderen Person zusammen. „Hey, kannst du nicht aufpassen?“, blaffte mich der rothaarige Junge an. Auch für ihn war die Reise ganz offensichtlich zu Ende. Mit einem letzten genervten Gesichtsausdruck ging er schließlich an mir vorbei, den Bahnsteig entlang und… wurde von einer blonden Schönheit in die Arme genommen. „Oh Artie, da bist du ja endlich! Ich hab dich soooo vermisst!“, rief das Mädchen ein klein wenig überdreht. „Morgen startet die Mailänder Modewoche und ich bin schon sooo aufgeregt!“
„Ein Model, ernsthaft? Ich hätte schwören können, der wäre schwul.“, gab Liam erstaunt von sich.
„Du kannst dich glücklich schätzen. Irren ist menschlich. Und ich hab dich schon für ein Alien gehalten.“, erwiderte ich schmunzelnd, während meine Augen auf den rothaarigen Jungen und seine Modelfreundin gerichtet waren. „Die Schöne und das Biest ist wohl doch nicht nur ein Märchen.“
„Wie auch immer. Der Typ war mir von Anfang an suspekt und unsympathisch.“, meinte Liam.
„Kann ja nicht jeder so ein netter Kerl wie du sein.“, entgegnete ich grinsend und zauberte damit auch in Liams Gesicht ein Lächeln.
„Wir sollten allmählich wieder einsteigen. Es sei denn, du willst doch nicht mehr nach Rom.“, sagte Liam, der zurück zur Waggontüre schlenderte.
„Natürlich will ich nach Rom, aber was ist mit dir?“, fragte ich und folgte ihm. „Du klingst ja beinahe so, als würdest du nur meinetwegen nach Rom fahren.“
„So ein Quatsch. Ich hab dir doch bereits erzählt, dass ich deshalb nach Rom fahre, um einer bestimmten Person nahe zu sein.“, antwortete Liam mir, was mich allerdings nicht zufrieden stellte.
„Diese bestimmte Person bin aber nicht ich, oder?“, fragte ich misstrauisch.
„Doch natürlich.“, antwortete Liam und meine Kinnlade fiel herunter. Doch dann redete er weiter und die Ironie war unüberhörbar: „Ich reise nur wegen dir nach Rom. Ich hab auch genau gewusst, welche Person das Ticket besitzt, dessen Sitzplatz genau neben deinem ist. Ich bin Hellseher!“
„Haha, mach dich nur lustig über mich.“, erwiderte ich eingeschnappt. „Erklär mir lieber mal, woher du und Jonas euch kennt, denn im Zug habt ihr euch garantiert nicht erst kennen gelernt.“
„Oho, das hast du inzwischen also herausgefunden?!“ Liam war sichtlich überrascht und blieb für einen kurzen Moment auf einer der zwei Stufen stehen, die in den Zug führten. „Die Unterhaltung mit Jonas dürfte für dich sehr interessant gewesen sein.“
„Jetzt rede hier nicht um den heißen Brei und sprich Tacheles!“, befahl ich, auch wenn das unhöflich wirkte. Nebenbei stupste ich Liam in den Zug hinein. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn ein lauter Pfiff ertönte und die Türen schlugen zu. Der Zug setzte endlich seine Reise fort.
Wir befanden uns auf dem Rückweg zu unseren Sitzplätzen, während ich nach wie vor auf eine Antwort wartete. „Ich kann dir nur so viel sagen. Jonas und ich sind bereits Freunde gewesen, da kannte ich dich noch gar nicht. Außerdem beruht unsere Freundschaftsbasis auf traurige Ereignisse in unser beider Leben.“, antwortete Liam mir und gab mir damit zugleich wieder neue Rätsel auf.
„Du machst mich wahnsinnig.“, sagte ich, als wir unsere Sitzplätze erreichten und der Zug die Stadt Mailand, oder Milano wie Jonas sagen würde, langsam hinter sich ließ.
„Du hast ja gar keine Ahnung, was es wirklich bedeutet wahnsinnig zu sein.“, entgegnete Liam nun etwas weniger freundlich, was mich wiederum etwas erzürnte. „Nanu? Melody und ihre Mutter sind ja fort und Sofia und ihre ganze Familie ebenfalls.“
„Vielleicht sind sie ja schlafen gegangen.“, riet ich. „Es ist bereits nach 23 Uhr. Kein Wunder also, dass sie zu Bett gegangen sind und wenn ich es mir recht überlege, bin ich inzwischen auch sehr müde.“
„Müde? Wohl eher beleidigt.“, sagte Liam und dunkle Wolken zogen wieder über uns hinweg.
„Ich gehe schlafen, gute Nacht!“, erwiderte ich mürrisch und verließ auf der Stelle das Abteil.

geschrieben von skystar 2014

5. Abschnitt: Endstation Rom - Meine Reise endet hier!

Das Ziel von Milos Reise rückt immer näher, doch zuvor plagen ihn noch schlimme Albträume in der Nacht. Nur gut, dass Liam da ist und sich um ihn kümmert...! Als der Zug endlich am Bahnhof einfährt, kommt die ganze Wahrheit über Liam ans Tageslicht. Für wen wird sich Milo am Ende entscheiden - Liam oder Luca? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt! [...]

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