Die Zufgahrt meines Lebens

20. Neue Fahrgäste

Neben Herrn Wimmer und der alten Dame stiegen noch zwei weitere Personen dieses Abteils aus dem Zug aus. Allerdings kannte ich diese Leute nicht, da sich zwischen uns immer die Vierer-Sitzreihe befand, in der auch der Polizist saß. Doch die freien Plätze blieben nicht lange leer, denn es dauerte keine drei Minuten, da saßen darauf schon neue Fahrgäste. Lediglich der Platz der alten Dame blieb vorerst leer. Auf den ehemaligen Platz von Herr Wimmer setzte sich nun eine Frau Anfang Dreißig. Sie trug dunkelbraunes langes Haar und hatte volle Lippen. Sie war eine echte Schönheit und zu dieser Erkenntnis schien auch der frischverheiratete junge Mann ihr gegenüber zu kommen, da er ihr unentwegt ins Dekolleté starrte. Ihre Haut war von reiner Natur und sah besonders zart aus. Ich musste mir selber eingestehen, dass wenn ich jetzt nicht schwul wäre, diese Frau mich enorm antörnen würde.
„Hast du was verloren Malte?“, fragte die junge Ehefrau ihren Mann provokant, der der unbekannten Schönheit noch immer ins freizügige Dekolleté starrte.
„W-Wie? Was? N-Nein, gar nicht Julchen.“, antwortete ihr Mann. Julchen… musste wohl so eine Art Kosename sein. In Wirklichkeit hieß sie dann vermutlich Julia.
„Dann richte deine Augen doch bitte auf die wirklich wichtigen und schönen Dinge im Leben.“, meinte seine Frau zu ihm. „Sieh doch, wir fahren wieder und wenn du aus dem Fenster blickst, dann siehst du eine wunderschöne Landschaft.“
„Also… Schönes findet man auch hier drinnen vor.“, sagte Malte, der nur widerwillig sein Blick von der schönen Unbekannten lassen konnte. Doch seine Worte sollte er schnell bereuen, denn seine Frau zwickte ihn nun in die Schulter und er verspürte einen beißenden Schmerz.
„Ich hoffe, dass du mich damit meinst!“, rief Julia ihm leicht erzürnt ins Ohr.
Ich war beglückt. Es gab in diesem Zug auch noch andere Menschen die sich stritten. Doch über die schöne Unbekannte war ich dann doch ein wenig verwundert, denn sie ließ sich so gar nichts anmerken. War es ihr egal, dass man sie wie ein Zootier begaffte? Der verheiratete Mann war schließlich nicht der Einzige, der ständig Blicke zu ihr rüber warf. Der Polizist ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, alle zehn Sekunden zu ihr rüber zu starren, auch wenn er nicht besonders viel sah, da neben der schönen Frau noch ein Junge mit rotem stoppeligem Haar saß. Er nahm den freien Platz des Jungen ohne Fahrkarte ein, der in Leipzig aus dem Zug sprang. Neben der schönen Unbekannten sah er wie das hässliche Entlein aus, während sie wiederum die Rolle des schönen Schwan einnahm. Der Junge trug zudem eine Brille auf der Nase, die seine unzähligen Sommersprossen ein wenig verdeckte, und las gerade in einem Comic, dessen Titel ich gerade nicht erkennen konnte. Der unbekannten Schönheit neben ihr, schenkte er aber keinerlei Beachtung. War sie nicht sein Typ?
„Erde an Milo. Hallo, bist du noch da?“, fragte mich eine Stimme, die sich anhörte, als würde sie von sehr weit wegkommen. Ich drehte meinen Kopf wieder gerade und blickte zu Erik.
„Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass du schwul bist, dann würde ich sagen, du hast der Frau gerade auf die Möp…“
Psssscht.“, zischte ich ihn schnell an, da Erik mir das ein wenig zu laut sagte… und es auch nicht stimmte. Ich schaute zu der schönen Frau, doch schien sie Erik nicht gehört zu haben.
„Sprich noch ein wenig lauter und vulgärer und du bist der Nächste, mit dem ich zu streiten anfange.“
„Apropos, hast du deine Meinung inzwischen geändert?“, fragte Erik mich.
„Zu was?“, erwiderte ich mit einer selten dummen Gegenfrage.
Erik wollte mir gerade antworten, da kamen ein kleiner Junge und eine hochschwangere Frau auf uns zu. Der kleine Junge setzte sich wortlos auf den leeren Platz von Liam. Erik und ich tauschten kurz Blicke miteinander aus, als die schwangere Frau und fragte:
„Entschuldigt, ist dieser Platz noch frei?“, Sie schob ihre rutschende Handtasche wieder ein wenig nach oben und deutete auf den leeren Platz der alten Dame. Sie sah ein klein wenig erschöpft aus. „Ich glaube zwar, dass dies mein reservierter Platz nach Bern ist, aber ich habe mich gerade eben schon mal geirrt, als ich in den verkehrten Waggon eingestiegen bin. Jetzt musste ich drei Abteile zurücklaufen, was mich ziemlich angestrengt hat und ich wäre wirklich froh und erleichtert, mich endlich hinsetzen zu können.“
„Der Platz ist frei. Setzen sie sich doch bitte.“, antwortete Erik ihr besonders vornehmlich.
„Oh, vielen Dank!“, stieß die schwangere Frau aus und ließ sich neben Erik auf den Sitz fallen. „Ich heiße übrigens Katharina. Dies wird euch vermutlich egal sein, da ihr mich nicht kennt, aber ich wurde von meinem Vater dazu erzogen, mich anderen Menschen vorzustellen, wenn ich mich mit ihnen unterhalte. Bis nach Bern sind es schließlich auch ein paar Stunden.“
„Das ist gar kein Thema. Ich heiße Erik.“, stellte sich Erik bei ihr vor und schüttelte ihr zur Begrüßung die Hand. Katharina lächelte ihm freundlich zu, während sie seine Hand schüttelte.
„Milo.“, stellte ich mich nun ebenfalls bei ihr vor und beugte mich dabei über den Tisch, um ihre Hand zu schütteln, damit sie mit ihrer „schweren Last“ sich nicht so viel zu bewegen brauchte. Danach widmete ich mich ihrem Sohn, der nicht älter als zehn sein dürfte. Der Junge hatte braunes kurzes Haar, trug neongelbe Turnschuhe, eine hellblaue kurze Hose und ein grünes Shirt mit einer gespickten Kuh drauf. „Und wie heißt du?“, fragte ich den kleinen Jungen freundlich.
Der kleine Junge blickte mich verwundert an. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass ich ihn von der Seite her ansprach. „Mein Name ist Liam und wie ist dein Name?!“, erwiderte der kleine Junge mit einem frechen Grinsen.
Ich wollte ihm antworten, doch sein Name brachte mich für einen kurzen Augenblick aus dem Konzept. Haben die Eltern heutzutage alle einen Knall? So ein schöner Name ist „Liam“ nun auch wieder nicht. Gibt viel schönere Jungennamen: Balthazar, Gotthard, Hamed, Arnulf, Ulf und so weiter. „Hallo Liam, ich heiße Milo!“, stellte ich mich dem kleinen Jungen schließlich doch noch vor.
Ich und Erik tauschten erneut kurz gegenseitige Blicke aus. Liams Platz war mit dem kleinen Liam nun besetzt, aber das konnte doch nur bedeuten… Liam ist aus dem Zug ausgestiegen?!

21. Für immer fort?

Das Liam in Frankfurt am Main aus dem Zug ausgestiegen ist, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. So sehr konnte ich ihn gar nicht verärgert haben, dass er sich nicht einmal mehr von mir verabschiedet. Hätte ich ihn doch nur gefragt wo seine Reise eigentlich hingeht, aber Erik hatte Recht mit dem was er zu mir sagte. Ich hab Liam keine einzige persönliche Frage gestellt, aber daran war er ja auch nicht unschuldig… dieses Plappermaul. Jedenfalls saß nun eine Miniaturausgabe von Liam auf seinem Platz, aber das konnte doch nur bedeuten, dass dieser Platz in Frankfurt frei wurde und das Liam dort aus dem Zug ausgestiegen ist. Ich musste mir Gewissheit verschaffen…
ch stand von meinem Platz kurz auf, doch überlegte ich es mir anders und setzte mich wieder hin. „Was ist los?“, fragte Erik mich. „Willst du nicht nachsehen, ob Liam wirklich aus dem Zug gestiegen ist? Wenn sein Gepäck fort ist, wissen wir Bescheid.“
„Wieso sollte ich ihm hinterherrennen?“, fragte ich bockig und verschränkte die Arme.
„Och Milo, ich dachte das hätten wir bereits geklärt.“, sagte Erik erneut enttäuscht von mir.
„Wieso sollte ich ihm hinterherrennen?“, fragte ich bockig und verschränkte die Arme. „Die Labertasche hatte ständig seine Waffel offen, da wäre es doch wirklich nicht zu viel verlangt gewesen, wenn er sich von uns verabschiedet.“, verteidigte ich meine Haltung.
Plötzlich wich Eriks Enttäuschung einem breiten Grinsen. „Haha, jetzt verstehe ich.“ Ich starrte meinen damaligen besten Freund verwirrt an. „Falls Liam wirklich aus dem Zug ausgestiegen ist, dann bist du sauer, dass er sich nicht von DIR verabschiedet hat. Und warum? Ganz einfach, weil er dir gefällt! Versuch es gar nicht erst zu leugnen Lolo, denn ich hab dich durchschaut!“
„Das ist überhaupt nicht wahr und nenn mich nicht Lolo, verstanden?!“, schrie ich Erik aufgebracht an. Der kleine Junge neben mir erschrak ein klein wenig und rutschte von mir weg und auch Katharina war über meinen plötzlichen Ausbruch etwas verwirrt und verängstigt. „Entschuldigung!“
„Nehmen sie es ihm nicht übel, er ist nur gerade ein wenig konfus, was bei ihm völlig normal ist, aber meistens ist er ein ganz friedliebender und fröhlicher Mensch.“, erklärte Erik Katharina.
„Boah, rutsch mir doch den Buckel runter! Ich geh jetzt Liam suchen, aber nur damit du endlich Ruhe gibst und um dir zu beweisen, dass deine Behauptungen nicht stimmen.“, sagte ich und stand erneut von meinem Platz auf, während Klein-Liam mich in den Gang raus ließ.
„Es gibt noch einen zweiten Liam?“, hörte ich Katharina Erik fragen.
„Ja…“, antwortete Erik ihr schmunzelnd, aber ansonsten etwas wortkarg.
ch wollte gerade zu den Schlafabteilen aufbrechen, als die automatische Wagentür sich vor meinen Augen öffnete und ein Zugbegleiter das Abteil betrat. „Personalwechsel. Fahrkartenkontrolle!“
„Entschuldigen Sie, dürfte ich noch kurz ins Schlafabteil gehen?“, fragte ich den Mann freundlich.
„Befindet sich dein Fahrschein dort?“, erwiderte der Zugbegleiter mit einer Gegenfrage.
Ähm nein, aber ich müsste da kurz etwas überprüfen…“, antworte ich verlegen, doch war mir die Antwort des Zugbegleiters hierauf natürlich sofort klar.
„Zuerst dein Fahrschein und wenn alles passt, kannst du gehen wohin du willst.“, antworte der Zugbegleiter mir, der keinerlei Anstalten machte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich wollte mich auch nicht zur Wehr setzen, da es ein Hüne von einem Mann war, mit breitgebauten Schultern. Also zog ich schnell mein Ticket aus meinem Rucksack, der sich oben in der Ablage befand, und überreichte dem Zugbegleiter mein Ticket. Dieser brauchte doppelt so lange wie der erste Mitarbeiter der Bahn, um mein Fahrschein zu kontrollieren. Schließlich bestätigte er mein Ticket und ich stopfte es mir zufrieden in die linke Hosentasche, damit ich nicht noch einmal meinen Rucksack von der Ablage herunter holen musste. Inzwischen kontrollierte der Zugbegleiter das Ticket des kleinen Liam, was ebenfalls einwandfrei zu sein schien. Danach waren die Tickets von Katharina und Erik an der Reihe. Für mich wurde derweil der Weg zu den Schlafabteilen freigegeben.
Ich rannte sofort los, doch wusste ich eigentlich selber nicht einmal, warum ich es plötzlich überhaupt so eilig hatte. Wenn Liam ausgestiegen ist, dann konnte mir dies doch nur Recht sein. Ich stand vor der Tür zu unserem Schlafabteil, doch traute ich mich nicht hinein zu gehen. Wenn er nun aber doch noch hier war? Dann saßen Katharina und ihr Sohn vielleicht doch im falschen Waggon. Sie sagte ja bereits, dass sie sich diesbezüglich nicht sicher war. Sollte Liam da drinnen sein, dann würde ich ihm den Kopf abreißen, weil er mich inzwischen so verrückt machte. Ach halt…, Erik wollte ja, dass ich mich wieder mit ihm vertrage und Herr Wimmer bat mich auch darum. Diesen Wunsch konnte ich ihm eigentlich nicht abschlagen, doch es war immer noch meine Entscheidung, mit wem ich befreundet sein möchte und mit wem nicht. Liam ist ein lustiger Kerl, aber er hat es zu weit getrieben, das ist nun einmal Fakt! Trau dich Milo und öffne die Tür, sprach ich zu mir selbst. Liam erlebt jetzt sein blaues Wunder! Ich schöpfte neuen Mut und schob die Tür mit einem Ruck ganz auf. „Ha, hab ich dich erwischt!“, rief ich ins Abteil… doch das war leer.
Also das Abteil war nicht gänzlich leer. Mein Gepäck lag noch immer am Boden und meine leer gefutterte Lunch-Box lag auf dem unteren Bett. Auch Liams Gepäck befand sich noch immer im Raum. Er war also tatsächlich noch an Bord dieses Zuges, aber er selber war nicht aufzufinden. Komisch. Wo könnte er nur abgeblieben sein? Vielleicht saß er wieder einmal auf dem Klo…, aber dort fange ich jetzt ganz sicher nicht an nach ihm zu suchen. Das kann er vergessen und Erik konnte dies ebenfalls nicht von mir erwarten. Ich schloss die Tür zu unserem Schlafabteil wieder und machte mich auf den Rückweg zu Erik und den anderen Passagieren. Ich hatte Liam zwar nicht gefunden, aber dafür den Beweis, dass er sich noch immer hier irgendwo an Bord dieses Zuges befand.

22. Die schwangere Katharina

Ich wusste nicht was ich fühlen sollte. Erleichterung, dass Liam sich noch immer an Bord dieses Zuges befand, oder doch lieber Enttäuschung, da er mir vermutlich auch weiterhin gehörig auf den Keks gehen wird. Nun ja… momentan war er ja nicht aufzufinden, was bedeutete, dass ich die Ruhe noch etwas genießen sollte, ehe der ganze Ärger mit ihm wieder von vorne losging.
Andererseits gab es da nun noch etwas zu klären. Katharina und ihr Sohn saßen wohl doch auch den falschen Plätzen. Vermutlich mussten sie in den hintersten Zugwaggon. Ich sollte die schwangere Frau schonend darauf vorbereiten, denn sie ruhte sich nach wie vor auf dem Platz aus, auf dem sie gerade saß. Als ich wieder in den Zugabteil zurückkehrte, unterhielt sie sich gerade mit Erik. Ich wollte die Beiden nicht stören, also schwieg ich erst einmal. Stattdessen kümmerte ich mich um den kleinen Liam, der nach wie vor still auf seinem Platz saß. Er schaute nach unten zu seinen Füßen, die in der Luft baumelten und sie bewegte, als würde er gerade einen Tanz aufführen. Ich beugte mich lächelnd zu dem kleinen Jungen runter. Er dachte, ich wolle wieder hinten rein auf meinen Platz, doch dem war nicht so.
„Hey Liam, willst du dich vielleicht ans Fenster setzen?“, fragte ich ihn. „Dann kannst du ein wenig beim Fenster hinaus blicken. Da gibt es viele tolle Sachen zu sehen.“
Und wie der kleine Liam wollte. Mit einem Ruck rutschte er an den Fensterplatz, während ich mich neben ihn setzte und ihn noch etwas beobachtete. Dies war natürlich nur vorübergehend. Liam – also ich meine den Großen – war schließlich noch immer nicht zurückgekehrt. Solange konnten Katharina und ihr Sohn natürlich noch sitzen bleiben.
Erik unterhielt sich mit Katharina. Offenbar waren sie auf einer Wellenlänge. Für mich kam das nicht sonderlich überraschend, denn Katharina schien genau der Typ Frau zu sein, für die Erik früher immer schwärmte, bevor er sich auch Jungs hingezogen fühlte – und zwar sowohl optisch, als auch von der Persönlichkeit her. Sie war eine junge Frau mit langem braunem Haar. Wenn sie zu lachen anfing, dann sah es so aus, als hätte sie zwei Hamsterbäckchen. Sie hatte eine sehr schöne Haut und gut gepflegte Fingernägel, kam aber weder eitel noch arrogant rüber. Ich versuchte ihrer Unterhaltung zu folgen, um mitreden zu können.
Erik fragte sie, in welchem Monat der Schwangerschaft sie sich gerade befand. „Ich bin nun im achten Monat.“, antwortete sie Erik. „Ich weiß, zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Zug umher zufahren ist waghalsig und gedankenlos, aber ich wollte mir den sechsten Geburtstag meiner Nichte nicht entgehen lassen, die zugleich auch mein Patenkind ist.“
„Deine Nichte lebt in Bern?“, fragte Erik sie weiter. „Dies ist nämlich auch mein Reiseziel.“
„Ja, meine Schwester und ihr Mann leben dort zusammen mit ihr. Ihr Mann ist dort aufgewachsen und sie konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen, von Deutschland in die Schweiz zu ziehen. Naja, sie leben dort aber glücklich und zufrieden und das ist doch die Hauptsache.“, sagte Katharina. „Mein Mann und ich hingegen sind in einem Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main sesshaft. Meinen Mann kriegen keine zehn Pferde aus Deutschland heraus – schon gar nicht in die Schweiz. Er wäre wohl heute trotzdem mit mir mitgekommen, aus Sorge um mich, aber seine Arbeit verlangt seine Anwesenheit. Er ist Sanitäter müsst ihr wissen.“
„Oh, ich stell mir das praktisch vor, so jemanden im eigenen Haus zu wissen.“, warf ich ein.
„Und wie!“, stieß Katharina laut lachend aus. „Er hat mich auch nicht gehen lassen, ohne mich vorher noch einmal gründlich abzuchecken. Doch in vier Stunden kommt der Zug ja in Bern an und meine Schwester holt mich dort vom Bahnhof ab – inzwischen sogar nur noch dreieinhalb Stunden.“
„Und wisst ihr auch schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“, fragte Erik Katharina.
„Nein. Mein Mann und ich wollen uns in dieser Hinsicht überraschen lassen.“, antwortete Katharina ihm freudestrahlend. „Wenn es ein Junge werden sollte, nennen wir ihn womöglich Jakob und sollte es ein Mädchen werden, werden wir sie auf den Namen Sophie taufen.“
„Beides sehr schöne Namen.“, sagte ich lächelnd, während Katharina mit ihrer Hand liebevoll über ihren Bauch streichelte, der natürlich enorm groß war. Liam würde sicherlich wieder einen dummen Spruch von sich geben, wie „Sind sie so gefräßig, oder einfach nur fett?!“.
„Apropos Namen. Liam ist auch ein sehr schöner Name…“, sagte Erik zu Katharina, die ihn etwas verwirrt anstarrte, dann jedoch zustimmte indem sie mit dem Kopf nickte. „Milo wolltest du unseren großen Liam nicht suchen gehen? Hast du ihn gefunden? Habt ihr euch ausgesprochen?“
„Nein, ich hab ihn nicht gefunden, aber sein Gepäck liegt noch immer im Schlafabteil, was bedeuten muss, dass er hier irgendwo rumgeistert.“, antwortete ich Erik. „Deshalb gehe ich auch davon aus, dass sie doch auf dem falschen Platz sitzen, Katharina.
Katharina starrte mich überrascht und verwirrt an. „Wirklich? Komisch…, als der Zugbegleiter vorhin mein Ticket kontrolliert hat, hab ich noch einmal nachgesehen und ich war der Meinung, dass dies zu neunundneunzig Prozent mein Platz ist.“
„Das kann aber leider nicht sein.“, erklärte ich ihr, mit der Betonung auf das Wort „leider“, da sie echt nett zu sein schien und der kleine Liam mir tausendmal lieber als der große Liam war. „Wenn sie hier sitzen würden, dann würde ihr Sohn ja auf demselben Platz wie unser großer Liam sitzen.“
„M-Mein Sohn?!“, stieß Katharina nun erschrocken aus. „Entschuldigung, aber ich bin das erste Mal schwanger. Ich dachte der kleine Junge gehört zu euch…“ Nun war die Überraschung für uns alle gleichermaßen groß. Erik, Katharina und ich tauschten Blicke miteinander aus, ehe sich unsere Augen auf den kleinen Liam richteten, der mit einem Mal noch kleiner wurde, als man ihn ertappte.

23. Kleiner Junge, große Probleme!

Kleiner, kleiner Liam… und nicht der Sohn von Katharina! Okay, jetzt war ich mehr als verwirrt, doch schien ich damit nicht der Einzige zu sein. Katharina blickte mich fragend an und Erik verstand die Welt nicht mehr. „Nochmal zum Mitschreiben für alle.“, sagte ich schließlich, nachdem ich versuchte meine Gedanken zu ordnen. „Dieser Junge“, ich zeigte mit dem linken Zeigefinger auf den kleinen Liam und stupste ihn dabei sachte an, „ist gar nicht dein Sohn?“
„Ich bin zum ersten Mal schwanger!“, entgegnete Katharina erneut. „Ich hab den Jungen in meinem ganzen Leben noch nie zuvor gesehen.“
„Wir dachten das aber, weil er zusammen mit dir hier ankam und sich mit dir auf die freien Plätze hier setze.“, erklärte Erik ihr und sagte ihr damit das, was auch ich mir vorhin dachte.
„Das war nur Zufall. Er ging auf einmal vor mir, aber ich weiß wirklich nicht wer der Junge ist.“, sagte Katharina und Erik und ich glaubten ihr selbstverständlich.
„Hey Junge, wer bist du und wo kommst du her?“, fragte ich den Jungen schließlich.
„Ich heiße Liam, das hab ich dir doch bereits gesagt und ich komme aus einer deutschen Stadt.“, antwortete der Junge mir schlagfertig. Mit solchen Antworten wusste ich nur wenig anzufangen.
„Hey Liam, reist du etwa alleine?“, fragte Erik ihn nun, während ich mich schweigsam zurücklehnte.
Doch Liam antwortete Erik auf diese Frage hin nicht, noch machte er irgendeine Gestik, die uns weiter half. Stattdessen wandte er seinen Kopf wieder zum Fenster und blickte hinaus.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, wandte sich Erik fragend an mich.
„Woher soll ich das denn wissen?!“, erwiderte ich überfordert.
„Offenbar scheint der Junge alleine unterwegs zu sein und das in so jungen Jahren…“, meinte Katharina. „Liam, magst du uns verraten wie alt du gerade bist.“
Liam wandte sich nur widerwillig vom Fenster ab. Er starrte Katharina mit einem bösen, aber süßen Blick an. „Ich bin überhaupt nicht alt! Ich bin gerade mal sieben Jahre jung!“
So ein frecher kleiner Kerl…, an wen mich der wohl erinnert. Erik, Katharina und ich warfen uns weiterhin fragwürdige Blicke zu. „Ganz schön jung, um alleine zu reisen.“, sagte ich schließlich. „Ich meine…, der Junge ist nicht größer als ein Gartenzwerg. Welche Eltern lassen ihr Kinder alleine mit einem Zug reisen?“ Den Satz mit dem Gartenzwerg hätte ich mir mal lieber gespart, denn der kleine Liam fand dies überhaupt nicht lustig und rächte sich dafür an mich, indem er mir mit seiner rechten Faust in die Eier schlug… „Auuuuuuuuuiiiiiiii. Das waren meine Kronjuwelen!“, jaulte ich auf.
„Was soll an denen denn schon wertvoll sein?“, fragte Erik mich belustigt, der das Ganze offenbar auch noch witzig fand. „Pass lieber auf was du sagst Milo. Der Junge ist schlagfertig!“
„Was du nicht sagst. Das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen.“, reagierte ich gereizt, während ich mich noch immer vor Schmerzen krümmte und diesen kleinen Bastard innerlich verfluchte.
„Liam, bist du alleine unterwegs?“, fragte Katharina den Jungen erneut. Doch wieder erhielt sie keine Antwort „Ich glaube das Beste wird sein, wenn wir den Zugbegleiter aufsuchen und diesen um Hilfe bitten. Würde einer von euch ihn vielleicht holen gehen?“
„Ich mach das schon.“, sagte Erik ganz schnell und Katharina ließ ihn in den Gang hinaus. „So wie ich das sehe, wird Milo in der nächsten Zeit sowieso nirgends mehr hingehen können.“
„Boah Erik, halt deinen Mund und verschwinde!“, rief ich meinem alten Schulfreund wütend zu, der sich einen Spaß daraus machte mich zu ärgern und mit einem Grinsen ins nächste Abteil verschwand.
Ich hielt es für das Beste den kleinen Liam so lange in Ruhe zu lassen, bis Erik mit dem Zugbegleiter zurückkehrte, doch Katharina wagte einen weiteren Versuch. „Liam, magst du mir vielleicht mal dein Zugticket zeigen?“, fragte sie ihn, doch Liam schüttelte nur mit dem Kopf.
„Schade.“, meinte Katharina zu mir. „Wenn dein Freund immer noch auf diesem Platz sitzt, dann muss der kleine Liam logischerweise auf dem falschen Platz sitzen. Wenn wir wüssten, wo sein richtiger Platz wäre, könnten wir dort mit ihm hingehen und schauen, ob wir jemanden finden, der ihn kennt.“
Mal davon abgesehen, dass der große Liam nicht mein Freund ist…, so wunderte es mich doch noch immer, welcher verantwortungslose Mensch sein Kind alleine lässt. Andererseits schoss mir gerade noch ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf. „Liam, bist du vielleicht weggelaufen?“
„Willst du noch einen Schlag in deine Weichteile?“, antwortete mir der kleine Junge mit einer Gegenfrage und mir klappte vor Schreck der Mund auf. So ein frecher kleiner Bastard!
„Entschuldigung!“ Eine ältere Frau kam an unserem Platz und stellte sich ganz vornehm vor uns hin. Sie trug eine schlichte Kleidung und eine große Brille lag auf ihrer Nase. Sie hatte kurzes braunes Haar, das sie sich allerdings rot färben ließ und hier und da waren bereits Falten in ihrem Gesicht zu erkennen. Ich betete, dass sie die Mutter des kleinen Jungen war, doch meine Gebete wurden leider nicht erhört. „Ich sitze da vorne am Platz und ihr Problem drang bis zu mir vor. Ich arbeite als Kindergärtnerin und dachte mir, dass ich vielleicht einmal mit dem Jungen reden kann. Ich arbeite zwar vorzugsweise mit sehr kleinen Kindern, aber ich denke, dass ich auch mit diesem Jungen klar komme. Jungs in dem Alter sind verspielt und störrisch. Bitte lassen sie es mich einmal versuchen.“
„Bitte. Tun sie sich keinen Zwang an, aber geben sie Obacht.“, sagte ich zu der netten Dame. Ich räumte meinen Platz und gesellte mich neben Katharina, die auf Eriks Platz am Fenster rutschte. Mir war es sehr recht, dass ich aus der Schlagreichweite des Jungen kam.
Die Kindergärtnerin setzte sich neben den kleinen Liam und versuchte sich ihm langsam anzunähern. „Hallo Liam, so heißt du doch nicht wahr?! Ich bin die Frau Wolle, aber du kannst mich auch gerne Astrid nennen. Magst du mir nicht erzählen, wieso du hier ganz alleine sitzt?“ Wow, soweit waren wir auch schon, aber ich war nun sehr gespannt auf die Antworten des kleinen Jungen.
„Ich sitz doch gar nicht alleine. Hier sitzen noch die liebe schwangere Frau, der dumme Junge mit den kaputten Weichteilen und nun auch noch sie, sie verschrumpelte alte Tante!“, antwortete Liam ihr ganz frech. Mit so einer schlagfertigen Antwort hatte ich bereits gerechnet. Mir schoss automatisch ein Gedanke in den Kopf: Ob es wohl verboten war, Satansbraten aus dem Zug zu werfen?!
Doch Frau Wolle ließ sich nicht so leicht unterkriegen, auch zeigte sie keinerlei Spur von Ärgernis, weil sie als verschrumpelte alte Tante beschimpft wurde. Stattdessen entgegnete sie Liam mit einem smarten Lächeln. Die Frau hat Nerven aus Stahl. Solche sollte ich mir vielleicht auch mal zulegen, oder aber noch besser Eier aus Stahl! „Liam, was soll denn das? Glaubst du, dass du mit deinem Verhalten uns gegenüber irgendetwas erreichst? Wir wollen dir doch nur helfen!“
„Helfen? Helfen?!“, Klein-Liam schien aufgebracht zu sein. Es war eine automatische Bewegung von mir, dass ich meine Hände schützend über meine Kronjuwelen hielt. „Wenn sie mir wirklich helfen wollen, dann lassen sie mich in Ruhe und bringen sie meinen Dad hinter Gittern!“

24. Wer ist der Vater?

„Bitte was?“, stieß Frau Wolle irritiert aus und auch ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hat der kleine Liam gerade tatsächlich darum gebeten, dass wir seinen Vater hinter Gitter bringen sollen?
Noch ehe Frau Wolle weitere Fragen in Bezug auf Liams Vater stellen konnte, kehrte Erik zusammen mit dem hünenhaften Zugbegleiter zurück. „Wie mir zu Ohren kam, sitzt hier ein kleiner Junge ohne Begleitung eines Erwachsenen.“, sagte der Zugbegleiter, dessen Stimme sehr tief war.
„Ja…“, sagte ich und zeigte auf den kleinen Liam.
„Junge, dürfte ich bitte noch einmal deine Fahrkarte sehen.“, forderte der Zugbegleiter den kleinen Liam auf, der ihm nur sehr widerwillig sein Ticket überreichte. „Platz 92 in Wagen Nummer 6. Mit anderen Worten, dass dies hier nicht dein Platz ist. Kommst du bitte mit mir!“
„Äh… einen kurzen Moment bitte!“, bat ich den Zugbegleiter und richtete mich vor ihm auf, doch fühlte ich mich ihm gegenüber wie ein kleiner Zwerg. „Hören sie, es gibt das eventuell ein Problem. Vielleicht sollten wir erst einmal zu dem ihnen genannten Platz gehen und schauen, ob sich dort jemand aufhält, der den Jungen auch kennt. Würden Sie vielleicht solange auf den Jungen aufpassen?“ Ich richtete meine Frage an Frau Wolle, die verständnisvoll nickte.
Auch der Zugbegleiter erklärte sich dazu bereit und so ging ich zusammen mit ihm, Erik und einer weiteren Person in Wagen Nummer 6. Auf dem Weg dorthin berichtete ich dem Zugbegleiter von dem, was uns der kleine Liam erzählte. „Kinder können heimtückisch und gemein sein, aber kein Kind würde doch einfach so von sich geben, dass er seinen Vater am liebsten hinter Gittern sehen würde.“
„Wir werden der Sache auf den Grund gehen.“, sagte die vierte Person, die uns auf dem Weg in Wagen Nummer 6 begleitete. Es war der couragierte Polizist aus meinem Abteil und er stellte sich dem Zugbegleiter als Kommissar Petz vor. Wie praktisch, einen Polizisten mit an Bord zu haben.
Tut mir wirklich außerordentlich leid Kommissar Petz, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen, wo sie sich doch womöglich auf dem Weg in den Urlaub befinden.“, sagte der hünenhafte Zugbegleiter.
„Schon in Ordnung.“, winkte Kommissar Petz locker ab. „Ich war eh gerade dabei mich zu langweilen, da kommt ein bisschen Arbeit nicht ungelegen.“
„Ich wünschte, mir wäre mal langweilig.“, hörte ich den Zugbegleiter vorne vor sich hin murmeln. Ich und Erik tauschten amüsierte Blicke aus. Ein wirklich sehr abenteuerlustiger Tag ist das heute!
Wir Vier durchquerten den Speisewagen und kamen schließlich an der Tür zu Wagen Nummer 6 an. Die automatische Tür öffnete sich und zunächst einmal folgte eine Reihe von Schlafabteilen, ehe wir zu den Sitzplätzen kamen, von denen einer dem kleinen Liam gehörte. Der Zugbegleiter schritt auf Platz Nummer 92 zu und kam dort zum Stillstand. Wie bei mir, bestand auch dieser Platz aus vier Sitzen, wovon einer frei zu sein schien.
Vermutlich der Platz des kleinen Jungen Liam. Die übrigen drei Plätze waren mit jeweils einem Mann besetzt. Der erste Mann trug Lederstiefel, eine lange schwarze Hose, sowie ein dunkelblaues Hemd. Sein Outfit wäre mir bei der Hitze entschieden zu heiß, obwohl es irgendwie zu ihm passte, da er sehr finster drein schaute. Ich würde jede Wette eingehen, dass er der Vater des kleines Liam ist, doch war sein Platz schräg gegenüber von dem freien Platz, was nicht wirklich Sinn ergab, wenn er zusammen mit seinem Sohn unterwegs war.
Neben dem finster drein schauenden Mann saß ein etwas schwergewichtiger Typ mit Glatze und Schnurrbart. Ich vermutete stark, dass er sich die Haare vom Kopf selbst abrasierte und sie ihm nicht nur einfach ausgefallen sind. Des Weiteren machte er einen sehr netten Eindruck, doch schätze ich ihn ehrlich gesagt zu alt ein, um der Vater des kleines Liam zu sein. Auf dem Fensterplatz, neben dem freien Platz vom kleinen Liam, saß wiederum ein sehr schlanker Mann, mit stoppeligen Bart und sommerlicher Kleidung – allem voran stach mir sein Hawaiihemd ins Auge. Der Typ sah etwas schräg aus und optisch konnte ich keine Ähnlichkeit zwischen ihm und dem kleinen Liam entdecken, aber vielleicht täuschten mich auch meine Augen.
Oh, verzeihen Sie bitte.“, sagte ich zu einem sitzenden Mann hinter mir, dem ich versehentlich auf die Füße trat. Der Mann erwiderte kein Wort, also widmete ich mich wieder dem Geschehen vor mir. Mein siebter Sinn sagte mir nach wie vor, dass der Vater des kleinen Jungen der mit dem düsteren Gesichtsausdruck sein muss, aber ob dieser ihm wirklich schräg gegenüber saß? Normalerweise würde man doch immer zwei Plätze nebeneinander buchen, oder aber genau gegenüber, wenn man zu zweit unterwegs ist, deshalb erschien mir mein Verdacht wieder nichtig, doch ließ ich den Zugbegleiter und den Polizisten nur machen. Kommissar Petz behielt sich bedeckt und sagte kein Wort. Sollte der Vater des kleinen Liam wirklich eine Straftat begangen haben, sollte dieser keinesfalls gewarnt werden. Andererseits war es schon sehr auffällig, dass wir hier nun zu viert im Gang standen. Die Fahrgäste in diesem Abteil warfen uns allmählich neugierige Blicke zu, während der Zugbegleiter mit den drei Männern kommunizierte.
„Entschuldigen Sie die Herren, aber reist einer von ihnen zufällig in Begleitung eines kleinen Jungen?“ Als der Zugbegleiter den drei Männern die Frage stellte, setzte jeder von ihnen einen anderen Gesichtsausdruck auf. Der Mann mit dem Hawaiihemd gab Verwirrtheit zum Ausdruck, der düster drein schauende Mann schaute nur noch finsterer aus der Wäsche und der Mann mit der Glatze rümpfte die Nase und fühlte sich nicht einmal angesprochen. Doch alle schüttelten sie hinterher den Kopf! „Keiner?“, harkte der Zugbegleiter nach.
„Hier saß vorhin zwar ein kleiner Junge, aber zu mir gehörte der nicht, sofern sie den meinten.“, sagte der Mann, denn ich als Vater eigentlich unter Verdacht hatte.
„Von welchem Jungen ist hier denn bitte die Rede?“, fragte der Mann mit dem Hawaiihemd.
„Sie müssen wissen, dass ich mich erst gerade wieder hingesetzt habe, da ich mich für ein kleines Mittagsschläfchen in meinem Schlafabteil aufs Ohr gelegt hatte.“
„Und ich bin gerade eben erst vorhin in Frankfurt am Main eingestiegen, aber da saß hier kein kleiner Junge.“, antwortete der Mann mit der Glatze.
Dilemma hoch drei! Also damit hatte ich wahrlich nun nicht gerechnet. Keiner der drei Männer wollte der Vater des kleinen Liam sein, aber für mich war klar, dass einer der Drei uns ein Lügenmärchen auftischte. Kommissar Petz kam wohl zu demselben Entschluss, denn er forderte die drei Männer auf, uns zurück in Wagen Nummer 2 zu begleiten. Liam dürfte seinen Vater unter den drei Männern wohl erkennen dürfen und wenn er diesen wirklich hinter Gittern sehen möchte, dann wird er uns die Wahrheit sagen. Also marschierten wir – inzwischen zu Siebt – zurück in Wagen Nummer 2. Die drei Männer begleiteten uns nur widerwillig, aber einem Kommissar wollten sie sich dann doch nicht widersetzen. „Ist das nicht irre aufregend?!“, flüsterte Erik mir vor Begeisterung ins Ohr. Meine Freude hielt sich allerdings in Grenzen, denn eigentlich wünschte ich mir nur endlich etwas Ruhe…!
Zurück in unserem Abteil, stellten sich drei Männer vor dem kleinen Liam auf. Frau Wolle saß nach wie vor neben ihm und passte auf ihn auf – mit mehr oder weniger Erfolg – doch dafür schien nun Katharina verschwunden zu sein. „Liam, leider wissen wir nicht wer dein Vater ist und alle drei streiten es ab, dein Vater zu sein.“, erklärte der Zugbegleiter dem kleinen Jungen freundlich. „Würdest du uns bitte den Gefallen tun, und ihn für uns identifizieren? Wer ist dein Vater?“

25. Vater und Sohn

Die drei Männer stellten sich vor Liam auf und alle warteten gespannt, wer der Vater des kleinen Jungen war. „Wer dieser drei Männer ist dein Vater, Liam?“, fragte der Zugbegleiter ihn erneut.
Die Anspannung stieg inzwischen ins Unermessliche, denn ich wollte unbedingt erfahren, wer der Vater des kleinen Liam ist und wieso dieser seiner Meinung nach ins Gefängnis gehört.
Liam schaute die drei Männer ganz genau an. Ich konnte beobachten, wie seine Augen von einem Mann zum Nächsten wanderten und er sie von oben bis unten musterte. Danach schloss er für einen kurzen Augenblick seine Augen, was mich stutzig werden ließ. Schließlich öffnete er seinen Mund und gab uns eine Antwort, mit der so gar keiner gerechnet hatte: „Keiner dieser drei Männer ist mein Vater. Ich kenne sie nicht.“ Mit dieser Antwort hatte ich so gar nicht gerechnet. Ich war mir doch noch so sicher, dass dieser finstere Typ sein Vater war.
„W-Was? Wie bitte?“, stieß der Zugbegleiter nun verwirrt aus und der kleine Liam wiederholte seine Aussage von gerade eben noch einmal. „Ja aber dein Platz ist doch die Nummer 92 und die drei Männer saßen auf den Plätze 91, 93 und 95.“, erklärte der Zugbegleiter dem Jungen.
„Ja schon, aber mein Vater ist trotzdem nicht unter ihnen.“, erwiderte der kleine Liam.
„Okay, dann muss ich dich nun darum bitten, mit mir zu kommen.“, sagte der Zugbegleiter zu Liam. Liam gehorchte nur sehr widerwillig, doch beugte er sich und stand von seinem Platz auf.
„Entschuldigen Sie bitte.“, hörte ich inzwischen Erik zu Frau Wolle sagen. „Wo ist denn Katharina abgeblieben? Also die schwangere Frau meine ich.“
„Sie sagte, dass ihr etwas schwindlig sei, da riet ich ihr, sich in einen der Schlafabteile ein wenig hinzulegen.“, antwortete Frau Wolle Erik, während dieser sich wieder auf seinen Platz nieder ließ.
„Was ist los? Kommst du nicht mit?“, fragte ich Erik, während der Zugbegleiter, der kleine Liam, Kommissar Petz und die drei Männer zurück in Wagen 6 marschierten.
„Ne lass mal. Meine Beine sind müde, aber du kannst gerne mitgehen, wenn du unbedingt willst.“, erklärte Erik mir. Also machte ich mich ohne ihn auf den Weg, denn ich wollte wissen wie die Geschichte nun ausging und wer der Vater des kleinen Jungen war. Zugegeben…, ich machte mir auch ein wenig Sorgen um Klein-Liam, aber wirklich nur ein klein wenig, denn meine Kronjuwelen schmerzten nach wie vor. Wer der Erzeuger dieses frechen Jungen war, wollte ich nun wissen!
Die Anderen waren bereits ein paar Schritte voraus, also ging ich etwas zügiger, um sie wieder einzuholen. Auf dem Weg in Wagen Nummer 6 konnte ich die drei Männer miteinander tuscheln hören. „Wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat?“, fragte der Mann mit der Glatze den Mann mit dem finsteren Gesichtsausdruck, den ich ursprünglich für Liams Vater hielt.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, aber es muss mit dem kleinen Jungen da vorne zu tun haben.“
„Schon eigenartig, dass der Junge so weit von seinem Vater entfernt sitzt.“, merkte der Mann im Hawaiihemd an. „Vielleicht ist etwas vorgefallen…“
Zurück in Wagen Nummer 6 stieg die Anspannung erneut an. Hoffentlich konnte Liam seinen Vater nun ausfindig machen. Der Zugbegleiter schritt voran und hielt erst an den vier leeren Plätzen an, auf die sich die drei Männer wieder setzten, ihre Blicke aber nicht von uns abwanden. Zwischen mir und Liam stand Kommissar Petz, wodurch ich den kleinen Jungen nicht richtig sehen konnte, aber was ich klar und deutlich zu erkennen vermochte war, dass sein rechter Zeigefinger auf den Platz zeigte, der links von Liams Sitzplatz lag. Somit saß sein Vater doch neben ihm, lediglich auf der anderen Seite des Flures und zu meinem Erstaunen war der Vater auch noch der Mann, dem ich vorhin erst versehentlich auf den Fuß getreten bin. „Das ist mein Vater.“, hörte ich Liam sagen.
„Was hast du nun wieder angestellt du wandelnde Katastrophe?!“, stieß Liams Vater laut aus.
„Entschuldigen sie Sir, aber sind sie der Vater dieses kleinen Jungen?“, fragte der Zugbegleiter den Mann, um auf Nummer sicher zu gehen.
„Ja der bin ich… zwangsweise.“, antwortete Liams Vater, der mir mit seinem Verhalten äußerst suspekt war. Der finstere Mann von vorhin war da noch der reinste Sonnenschein, aber Liams Vater starrte nicht nur mürrisch drein, sondern war auch noch die Unfreundlichkeit in Person.
„Sie lassen ihren Jungen alleine im Zug herum laufen? Machen sie sich denn gar keine Sorgen um ihn, dass ihm etwas zustoßen könnte?“, stellte der Zugbegleiter weitere Fragen.
„Was soll in einem Zug denn schon groß passieren. Weglaufen kann er ja schlecht.“, antwortete der Mann mit Gleichgültigkeit in der Stimme und in mir schäumte es allmählich vor Wut. „Würden sie uns bitte ein Stück des Weges begleiten. Vielleicht gibt es einen Ort, an dem wir in Ruhe weiter sprechen können.“, meinte Kommissar Petz, der sich noch immer nicht als Polizist zu erkennen gab. Liams Vater schaute den Kommissar misstrauisch an, doch folgte er seiner Bitte und wir marschierten gemeinsam zurück zu den Schlafabteilen. Der Zugbegleiter schritt erneut voran und öffnete die Tür zu einem leeren Schlafabteil. Liam und sein Vater gingen rein und ich wollte ihnen folgen, doch wurde ich vom Arm des Kommissars zurückgehalten. „Endstation mein Junge. Ich denke ab hier ist es für alle Beteiligten das Beste, wenn wir privat unter uns sind.“
„O-Okay…“, sagte ich, denn traute ich mich nicht ihm zu widersprechen.
Nein bitte!“, hörte ich Liam auf einmal schreien. „Lassen sie ihn auch rein. Ich hätte ihn gerne dabei.“ Liams Reaktion überraschte mich ein weiteres Mal, doch schien er auch nicht mehr derselbe Junge von vorhin zu sein. Aus dem frechen Knirps war inzwischen ein Kind geworden, das völlig verängstigt und traurig zu sein schien. Kommissar Petz ließ mich schließlich gewähren und ich setzte mich zu Liam aufs Bett. Liams Vater lehnte sich ans Waschbecken, während Kommissar Petz und der hünenhafte Zugbegleiter aufrecht standen und Liam und seinen Vater genau beobachteten.
„Zunächst einmal würde ich sie gerne nach ihrem Namen fragen.“, sagte Kommissar Petz.
„Walter Schmitt.“, antwortete Liams Vater. „Dürfte ich vielleicht auch mal erfahren, wer Sie sind und was hier vorgeht? Der Junge ist mir davon gelaufen, na und?“
„Ich bin Kommissar Petz und nur rein zufällig an Bord dieses Zuges. Ihr Sohn hat eine Aussage gemacht, die den Zugbegleiter und mich sehr bedenklich stimmte. Herr Schmitt… ich will offen mit ihnen reden und ich erwarte von ihnen mindestens dasselbe. Ihr Sohn hat sich gewünscht, dass sie ins Gefängnis wandern. Können sie mir zu dieser Behauptung irgendetwas sagen? Überlegen sie sich genau, was sie nun antworten, denn notfalls werde ich es anordnen, ihr Gepäck untersuchen zu lassen und ihre Personalien zu überprüfen. Die Wahrheit kommt so oder so ans Licht.“
Ob Kommissar Petz gerade flunkerte? Ich war sehr gespannt auf die Antwort von Liams Vater. Dieser schien sich noch nicht sicher zu sein, was er antworten sollte. Schließlich sagte er: „Verdammt nochmal Liam…, drehst du nun völlig durch?!“

26. Familienkrise

Es war mehr als offensichtlich, dass Liams Vater nun wütend zu sein schien. Doch worüber genau, wurde mir nicht so ganz klar. War er sauer, weil sein Sohn herum erzählte, dass er ins Gefängnis gehörte? Dann hätte er eben besser auf ihn aufpassen müssen und ihn nicht frei in den Gängen rumstolzieren lassen sollen. Mir kam es so vor, als steckte hinter der ganzen Sache viel mehr…
„Ich muss mich für meinen Sohn entschuldigen.“, sagte Herr Schmitt in die Runde. „Ich befürchte, er weiß nicht wovon er spricht. Am besten ignorieren sie das, was er von sich gibt.“
Ich glaube nicht, dass ich das tun kann.“, erwiderte Kommissar Petz. „Ihr Sohn behauptet schließlich, dass sie ins Gefängnis gehören und bei solchen Behauptungen muss ich der Sache nachgehen.“
„Sieh doch was du angerichtet hast, Liam. Bist du nun zufrieden? Ständig bereitest du mir Ärger. “, sagte Herr Schmitt erzürnt zu seinem Sohn, doch schlug seine Wut schnell in Trauer um. „Das hab ich nicht verdient… das hab ich alles nie gewollt!“
„Was haben sie nie gewollt?“, fragte Kommissar Petz nun etwas genauer, der den kleinen Liam und seinen Vater nicht aus den Augen ließ und ihr Verhalten genauestens studierte.
„Es ist so… eigentlich bin ich gar nicht der Vater von Liam – zumindest nicht der leibliche.“, erklärte Herr Schmitt sich und allmählich kam Licht ins Dunkeln. „Liams Eltern haben sich bereits vor vielen Jahren getrennt. Sein Vater hat die Trennung damals nicht verkraftet und hat sich das Leben genommen. Irgendwann lernte ich Erica, also Liams Mutter, kennen und wir verliebten uns ineinander. Wir haben geheiratet, doch stand noch die Adoption von Liam aus. Erica bestand darauf, dass ich Liams neuer Vater werde und ihr zuliebe wollte ich ihr diesen Gefallen erwidern, obwohl ich nie besonders gut mit Kindern umgehen konnte. Doch dann ereignete sich ein schlimmer Autounfall, bei dem Erica leider ums Leben kam… Für mich war das natürlich ein großer Schock und für Liam natürlich genauso…“ Herr Schmitt erzählte die traurige Geschichte und alle Anwesenden hörten gebannt zu. Plötzlich spürte ich einen festen Griff, der meine Hand berührte. Ich blickte runter und sah, wie Liam Halt und Wärme bei mir suchte. Sein Körper zitterte wie Espenlaub und seine Augen waren verquollen. Er war den Tränen nahe. Der Tod seiner Mutter ging ihm sehr nahe und nun wurde mir sein bisheriges Verhalten auch verständlich. Er war nicht der freche und unverschämte Junge, was ein jeder von uns dachte, sondern ein kleiner Junge, der erst vor kurzem seine Mutter verlor.
Ich hielt Liams Hand zunächst ganz fest, damit er sich nicht so allein fühlte, doch dann ging ich einen Schritt weiter und legte meinen kompletten Arm um ihn. Kurz darauf lehnte sich Liam an mich. Er weinte nicht und versuchte stark zu bleiben, was bei mir ein beherztes Lächeln erzeugte.
„Bitte verstehen sie. Ich war mit der kompletten Situation einfach überfordert.“, erzählte Herr Schmitt weiter. „Liam war außer Rand und Band und ich am Ende meiner Kräfte. Also beschloss ich, ihn zu seinen letzten lebenden Verwandten nach Bern zu bringen – seinen Großeltern. Wir sind in Leipzig eingestiegen und ich irgendwann muss ich eingenickt sein. Liam muss die Gelegenheit genutzt und sich aus dem Staub gemacht haben, aber deswegen bin ich sicherlich kein Schwerverbrecher, der ins Gefängnis gehört. Ich habe nichts verbrochen, das müssen sie mir bitte glauben.“
Kommissar Petz und der hünenhafte Zugbegleiter warfen sich einen kurzen gegenseitigen Blick zu. Der Zugbegleiter nickte und Kommissar Petz richtete sich nun an Liam: „Stimmt das alles, was er uns soeben erzählte? Bitte sag uns die Wahrheit Liam. Ich verspreche dir, dass alles in Ordnung kommt.“
„Es stimmt…“, antwortete Liam nuschelnd und beschämt zugleich. Seine vorherigen Behauptungen schienen ihm inzwischen Leid zu tun und ich drückte ihn nur noch fester an mich.
„Gut. Damit wäre der Fall klar.“, sagte Kommissar Petz lächelnd. „Bist du weggelaufen, weil du deinem Adoptivvater Kummer und Ärger bereiten wolltest, oder weil du nicht zu deinen Großeltern nach Bern willst?“
„Weder noch… ich wollte nur einfach nicht herumgereicht werden, das ist alles.“, erklärte Liam dem Polizisten. „Ich mag meinen neuen Papa doch eigentlich, aber er will mich einfach so weggeben…“
Herr Schmitt sah bestürzt drein und beugte sich zu Liam herunter, der inzwischen seine Arme um meine Taille gelegt hatte. „Es tut mir so unendlich leid, Liam. Ich will doch nur das Beste für dich, bitte versteh mich doch. Ich habe deine Mutter geliebt und dich natürlich auch, deshalb will ich doch auch, dass es dir gut geht und es dir an nichts mangelt. Deine Großeltern können dir so viel geben, was ich nicht kann und sie freuen sich auch schon sehr, dich endlich wieder zu sehen. Sieh mich doch an Liam, ich kann nicht mehr. Ich trauere so sehr um deine Mutter, dass ich nachts kein Auge zu bekomme. Ich habe Angst davor, etwas falsch zu machen und dir die Zukunft zu versauen.“
„Mit Verlaub, Herr Schmitt.“, mischte ich mich nun ein. „Der Tod ihrer Frau tut mir wirklich sehr Leid, aber wenn sie sie geliebt haben und wenn sie Liam lieben, dann müssen sie stark bleiben und ihrer Angst entgegen treten. Liam braucht sie, auch wenn er sich nach außen hin stark gibt, so ist er innerlich doch noch immer ein kleiner Junge, der seine Mutter vermisst.“
Nach diesen Worten streckte sich Liam ein wenig, um mir etwas ins Ohr zu flüstern: „Treib es nicht zu weit, oder ich boxe dir noch einmal in deine Weichteile.“ Liam grinste mich frech an und ich riss entsetzt meinen Mund auf. „Du kleiner Wicht hast meine Gutmütigkeit schamlos ausgenutzt! Na warte, das gibt Rache!“, schrie ich, lachte jedoch dabei und fing an, Liam am ganzen Körper auszukitzeln. Liam lachte unaufhaltsam und alle Sorgen und Tränen schienen wie weggeblasen.
„Für uns gibt es hier anscheinend nichts mehr zu tun.“, sagte Kommissar Petz und er und der Zugbegleiter verließen das Schlafabteil, nachdem sich Herr Schmitt noch bei ihnen bedankte.
Schließlich hörte ich auf, Liam weiter auszukitzeln und es wurde wieder still im Abteil. Doch da kam Herr Schmitt eine Idee: „Liam… es tut mir Leid und dein neuer Freund hier hat Recht. Dich einfach abzuschieben ist falsch, das sehe ich nun ein. Dennoch benötigen wir beide Hilfe, weshalb ich deine Großeltern darum bitten werde, auch bei ihnen einziehen zu dürfen. Dann kann ich bei dir bleiben. Was sagst du dazu?“ Liams Antwort darauf fiel mit einer herzlichen Umarmung aus, die an seinen Adoptivvater gerichtet war. Ich beschloss die Zwei nun allein zu lassen und ging zurück in mein Abteil.

27. (K)Eine ruhige Minute

Ich kehrte entspannt zu meinem Sitzplatz zurück. Von den vier vorhandenen Plätzen war zurzeit aber nur einer belegt. Erik saß an seinem Fensterplatz und hatte sich das Buch „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“ stibitzt, das ich von Luisa geschenkt bekommen habe. Er schien sehr vertieft in die Geschichte zu sein und war bereits ein gutes Stückchen vorangekommen, da bereits ein paar der vorderen Seiten umgeblättert waren. „Und wie ist das Buch?“, fragte ich ihn neugierig.
„Ich bin gerade mal auf Seite 32, aber bereits jetzt fesselt es mich ungemein.“, antwortete Erik mir lächelnd. „Wie lief es bei dir? Habt ihr den Vater des kleinen Liam ausfindig gemacht?“
Ich nickte zufrieden. „Ja haben wir und es ist alles gut ausgegangen. Er und sein Vater sind nun wieder glücklich vereint. Eine lange Geschichte, aber im Moment bin ich zu erschöpft um dir genauer davon zu berichten. Hättest du uns begleitet, müsstest du nicht fragen.“
„Ist ja gut…“, nuschelte Erik grinsend und fügte leise hinzu: „Schlappschwanz!“
„Ach, lass mich doch in Ruhe.“, sagte ich griesgrämig, da mich dies an meine noch immer schmerzenden Kronjuwelen erinnerte, die Klein-Liam beschädigt hat. Nebenbei schloss ich meine Augen und lehnte mich an den Vorhang, der sich zugleich als Kissen für meinen Kopf anbot. Endlich ein wenig Ruhe und ich genoss es in vollen Zügen. „In vollen Zügen“…, was für ein lustiger Spruch, in Anbetracht meiner derzeitigen Lage. Ich streckte meine Gliedmaßen und versuchte mich zu entspannen, als ich Eriks Stimme aus weiter Ferne entnahm – zumindest erschien es mir so.
„Milo? Milo!“, hörte ich ihn nach mir rufen und nur sehr widerwillig öffnete ich wieder meine Augen.
„Hm… was ist denn?“, fragte ich etwas träge, denn ich war inzwischen wirklich erschöpft.
Erik starrte mich mit großen Augen an. Das Buch lag offen auf dem Tisch vor ihm, wodurch es ihm möglich war, seine Arme zu verschränken. Sein Blick war ernst und ich fragte mich, was er denn nun schon wieder wollte. „Hast du da nicht etwas Wichtiges vergessen?“, fragte er mich. Ich grübelte einen Moment nach, doch bei dem einen Moment blieb es auch, denn ich war aktuell einfach zu faul. Also schüttelte ich mit dem Kopf. „Okay ich gebe zu, dass meine Frage etwas unpräzise war, denn ob es etwas „Wichtiges“ ist, musst du für dich selber entscheiden.“, sagte Erik daraufhin. „Lass es mich also so ausdrücken: Hast du nicht etwas vergessen… Lolo?“
Lolo? Lolo?! Und mit einem Schlag kam es mir wieder. Ich gebe zu, dass der große, weitaus nervigere Liam für einen kurzen Augenblick aus meinem Gedächtnis verbannt war, aber wer konnte mir das verübeln? Mir ging es gerade recht gut und wenn ich an Liam dachte, sagte ich mir „Gott habe ihn selig“. „Ich hab doch bereits vorhin nach ihm gesucht und ihn nicht gefunden, Erik.“
„Dann such ihn eben noch einmal?!“, erwiderte Erik verständnislos.
„Boah, bin ich sein Kindermädchen? Bin ich seine Mutter? Bin ich mit ihm verheiratet? Dreimal ein entschiedenes Nein!“, entgegnete ich nun lautstark. Meine Trägheit war somit wie weggeblasen.
„Reg dich doch nicht gleich so auf.“, sagte Erik schmunzelnd. „Ob du ihn suchen gehst, oder nicht, bleibt schließlich dir überlassen. Ich wollte dich nur noch einmal darauf hinweisen, mehr nicht.“
Erik wusste haargenau, wie er mich zu bearbeiten hat. Er kannte mich von früher noch sehr gut und schon damals wandte er diesen Trick häufig bei mir an und immer hat es auch funktioniert. Doch nicht heute. Diese Zeiten waren vorbei! Ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich zu tun und lassen habe, ich… „Okay, ich geh ihn suchen.“, sagte ich schließlich und stand von meinem Platz auf.
Erik blickte mir breit lächelnd hinterher, während ich zu den Schlafabteilen verschwand. Bestimmt war er nun mächtig stolz auf sich und seinen erneuten Triumph über mich. Ich beschloss Liam erneut in unserem gemeinsamen Schlafabteil zu suchen, doch als ich dieses betrat, erwartete mich dort eine Überraschung. „Katharina? Was tun sie denn hier?“, fragte ich die schwangere Frau, die in meinem Bett lag und bis gerade eben dort offensichtlich ein Nickerchen hielt.
„Oh entschuldige Milo, ich hab mich wohl an der Tür geirrt.“, erklärte sie mir, während sie müde ihre Augen rieb. „Die Zugfahrt schlaucht mich mehr als ich zunächst annahm und da wollte ich mich ein wenig ausruhen. Allem Anschein nach bin ich eingenickt.“
„Ist schon in Ordnung, Katharina. Ruhen sie sich solange hier aus, wie sie möchten.“, sagte ich freundlich zu ihr. „Haben sie eventuell einen anderen Jungen hier reinspazieren sehen? Mit dunkelbraunen Haaren und blaugrauen Augen? Er ist auch etwas laut… und nervig…, aber hübsch, sehr hübsch sogar… das weiß ich, weil ich ihn halbnackt gesehen habe… und das kommt jetzt glaube ich etwas falsch rüber… sein Gesicht ist auch sehr hübsch… vor allem seine Lippen… Haben sie ihn gesehen? Nein? Gut, dann suche ich woanders, danke!“
Ich quasselte wie ein Wasserfall und zog die Tür hinter mir schnell zu, als ich spürte, wie mein Kopf schon wieder wie eine Tomate rot anlief. Mein Herz klopfte auch wieder zunehmend schneller. Dieser Liam raubt mir den letzten Nerv!
Ich ging ein paar Schritte weiter, als sich eine andere Tür öffnete, die in ein weiteres Schlafabteil führte. „Ich danke dir für diese wunderschöne Zeit, Jonas.“, hörte ich eine vertraute Stimme rufen und da stand er endlich wieder vor mir: Liam! Er schien gerade sehr glücklich zu sein und lächelte. Als er mich entdeckte, wurde sein Lächeln nur noch größer. Ich hingegen warf einen Blick in das fremde Schlafabteil und zu dem Jungen, mit dem Liam bis gerade eben noch gesprochen hat. Der Junge trug strubbeliges blondes Haar und lag mit nichts weiter als seinen Boxershorts bekleidet in seinem Bett. „Oh hi Lolo. Hast du mich vermisst?“, fragte Liam mich grinsend. „Mensch, wieso bist du denn schon wieder so rot? Vielleicht solltest du diesbezüglich mal zu einem Gynäkologen.“

28. Unversöhnlich

Die Tatsache, Liam endlich wieder gefunden zu haben, erfreute mich zugegeben, doch die Art und Weise des Wiedersehens sorgte bereits wieder für Unmut in mir. Liams dumme Sprüche war ich inzwischen gewohnt, das störte mich gerade gar nicht weiter. Was mich mehr störte und auch irritierte, war das Liam aus einem Schlafabteil kam, in dem ein halbnackter Junge im Bett lag. Was hat Liam da drinnen bei ihm getrieben? Will ich das überhaupt wissen? Seit seinem Verschwinden war einige Zeit vergangen… wer weiß, was er in der Zwischenzeit alles angestellt hat.
„Du machst ein Gesicht wie ein dünnes Nilpferd mit Afromähne beim Kacken.“, sagte Liam zu mir.
„Ja ich… was?!“, erwiderte ich perplex. Sein Beispiel ergab so gar keinen Sinn, doch entschied ich mich, dem lieber nicht genauer nach zu gehen. „Wo warst du die ganze Zeit? Ich hab dich gesucht!“
„Du hast mich gesucht? Oh ist das süß von dir!“, entgegnete Liam breit grinsend.
Ich spürte, wie meine Wangen leicht zu glühen anfingen. „Hör auf mit diesem rumalbern und gib mir eine Antwort!“, sagte ich nun laut zu ihm. „Ich hab dich gesucht, aber nirgends gefunden. Warst du etwa die ganze Zeit über da drin bei diesem Kerl?!“
Liam atmete einmal tief ein und wieder aus, ehe er mir eine ausführliche Antwort auf meine Fragen gab: „Zur Info: Ich finde deine Eifersucht gerade außerordentlich antörnend und das du nach mir gesucht hast, finde ich wirklich niedlich, weshalb ich mich glaube ich dazu entschließen kann, dir deinen Ausbruch von vorhin zu verzeihen. Und nein, ich war nicht die ganze Zeit bei Jonas – so der Name dieses wirklich heißen jungen Knaben, den ich erst vorhin hier im Zug kennen lernte – davor saß ich noch auf der Toilette, denn mein Magen ärgert mich heute wirklich ungemein, es rumpelt und blubbert, als hätte ich verfaulte Eier mit Knoblauch auf einer Blutwurst gegessen. Eine sehr widerliche Vorstellung wenn du mich fragst. Da stellt sich mir doch gerade die Frage, woran man erkennt ob Eier noch schmackhaft sind. Damit mein ich übrigens nicht die Eier, die ein jeder Mann besitzt und zwischen den Beinen baumeln – Oh, jetzt hab ich Hunger auf ein leckeres Omelett.“
Liam schweifte vom Thema ab und versank in Gedanken. Ich wiederum stand einfach nur still und starr da – Liam war wieder zurück und mit ihm all die Gründe, warum er mir so auf die Nerven ging! Ich war wirklich sprachlos – schon wieder – also drehte ich ihm einfach den Rücken zu und torkelte zurück zu Erik. Liam schien mir gefolgt zu sein, denn als ich mich auf meinen Platz nieder ließ, spürte ich eine weitere Bewegung rechts neben mir, jedoch ohne hinzusehen.
„Ah, du hast ihn gefunden.“, hörte ich Erik stolz sagen.
„Ja und das ist alles deine Schuld!“, rief ich nun Erik zu, denn meine Wut richtete sich nun an ihn, da er mich mehrmals dazu aufforderte, nach Liam zu suchen.
„Hey, hey, immer mit der Ruhe. Was ist denn nun schon wieder los?“, fragte Erik mich.
Ich antwortete Erik nicht, da ich nichts Falsches sagen wollte, doch dafür war Liam wieder in seinem Element und redete pausenlos. „Ich glaube Lolo ist eifersüchtig, weil er mich bei einem anderen Jungen vorfand – der unter uns gesagt, einen knackigen Hintern hat. Ich dachte, Lolo hat mich gesucht, um sich bei mir zu entschuldigen und jetzt muss ich feststellen, dass du ihn wohl dazu überredet hast, obwohl er dies eigentlich gar nicht wollte. Für einen kurzen Moment dachte ich also, Lolo hätte Eier in der Hose, aber da hab ich mich wohl geirrt. Moment… bedeutet das dann, er ist eine Frau? Och menno, ich hab immer noch Hunger auf ein Omelett.“
„Ich sehe schon, dass ist noch ein steiniger Weg zu eurer Versöhnung.“, hörte ich Erik daraufhin sagen. Ich schwieg weiterhin zu dem Thema. Versöhnung? Darauf kann er lange warten. Liam ist kein Mensch, sondern eine Nervenkrankheit! Am liebsten würde ich ihm das auch ins Gesicht sagen, aber ich riss mich zusammen. Gut, dass er meine Gedanken nicht lesen kann.
Liam stupste mich von der Seite her an. „Ich weiß was du gerade denkst, Lolo.“ Schockiert drehte ich ihm mein Gesicht zu, was dazu führte, dass Liam mich wieder angrinste. „Ja, guck nicht so. Ich weiß was du denkst! Du würdest dich nämlich sehr gerne bei mir entschuldigen, aber hast nicht den Mumm dazu, nicht wahr?! Ist es dein Stolz der dir im Weg ist? Jetzt rede schon mit mir, oder hast du deine Zunge verschluckt? Wenn du sie verschluckt hast, kannst du mir dann sagen, ob sie nach Gummi geschmeckt hat? Ach so… ohne Zunge kannst du ja gar nicht mehr reden, ich Dummkopf!“
„Endlich mal ein wahres Wort!“, applaudierte ich und streckte meine Hände in die Höhe, als würde ich den Segen des Herrn empfangen. „Du bist ein Dummkopf! Damit hast du sowas von recht!“
„Hey, kein Grund gleich beleidigend zu werden.“, erwiderte Liam mit einem verletzten Gesichtsausdruck, doch mutmaßte ich, dass er innerlich alles andere als verletzt deswegen war. „Hab ich dich jemals beleidigt? Nein! Also sei mal ein wenig netter zu mir…“
„Ein Punkt für Liam.“, pflichtete Erik dem „Dummkopf“ bei, woraufhin ich ihm einen bedrohlichen Blick zu warf. „Ich mein das doch nicht böse, Milo. Ich will doch nur zwischen euch vermitteln.“
„Indem du dich auf seine Seite stellst? Das ist doch kein vermitteln.“, schimpfte ich mit ihm.
„Ich hab das Gefühl, ihr habt euch gegen mich verbündet und wollt mich fertig machen!“
„Du meine Güte Milo, du reagierst total über.“, entgegnete Erik nun etwas lauter. „Ich glaube nicht, dass Liam dir was Böses will und ich erst recht nicht, aber das solltest du eigentlich wissen.“
„Ich mag dich Erik, hab ich das schon mal erwähnt?!“, hörte ich Liam sagen und rollte mit meinen Augen. „Vielleicht sollten wir uns einen ruhigeren Ort suchen und uns dort mal aussprechen. Was meinst du Lolo?“ Erik war von dieser Idee hocherfreut und schließlich gab ich klein bei und gab ihm meine Zustimmung, indem ich mich zu einem leichten Nicken hinreißen ließ.

29. Aussprache unter vier, nein sechs, Augen

„Ihr Zwei werdet euch nun aussprechen und vertragen, damit das klar ist!“, sagte Erik in einem strengen Befehlston zu Liam und mir, während wir gemeinsam zu unserem Schlafabteil schritten. „Ihr geht jetzt da rein und kehrt nicht eher wieder, bis ihr euch heiß und innig liebt.“ Ich warf Erik nach diesen Worten einen bösen Seitenblick zu, der reagierte sofort. „Das war doch nur so dahin gesagt!“
„Also ich hab nichts dagegen, wenn wir uns heiß und innig lieben.“, gab Liam grinsend zu.
„Warum wundert mich das jetzt nicht?!“, erwiderte ich daraufhin mit einem gereizten Unterton.
„Jetzt hört schon auf – auch du Liam – vertragt euch.“, sagte Erik und gab uns einen Schubser in unser Schlafabteil. Danach schob er hinter uns die Tür wieder zu und wir waren allein.
Allein? Nicht ganz, denn Katharina lag noch immer in meinem Bett und hielt gerade ein kleines Nickerchen. „Vielleicht gehen wir doch besser woanders hin“, sagte ich schnell.
„Nein.“, sagte Liam daraufhin bestimmend. „Du willst dich doch nur wieder aus der Affäre ziehen und vor mir flüchten, aber das lasse ich nicht zu. Wir reden jetzt – hier!“
„Wer von uns Beiden ist denn vorhin wie eine beleidigte Leberwurst davon gedüst?“, erwiderte ich aufbrausend und auch etwas herausfordernd.
„Ich, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass du mich zu diesem Zeitpunkt auch schwer verletzt hast, aber das hast du wohl schon wieder vergessen.“, entgegnete Liam nun sehr viel ernsthafter.
„Ja, weil du mir tierisch auf den Wecker gegangen bist und das schon seit Beginn dieser Zugfahrt! Du gehst hier jedem auf den Wecker!“, versuchte ich ihm zu erklären.
„Erstens kann man nicht auf einem Wecker gehen, denn dafür sind die zu klein und sie würde sofort zu Bruch gehen und zweitens wollte ich nur freundlich zu dir sein. Ich bin eben ein sehr redseliger Typ, was passt dir daran nicht?!“ Liam starrte mich mit seinen blaugrauen Augen intensiv an und ich kam nicht umhin, seinen Blick zu erwidern. Für einen kurzen Augenblick versank ich in seinen Augen und driftete in andere Gedanken ab. „Liam an Lolo, hallo?!“
Ich kehrte zurück in die Realität. Liam und ich standen uns genau gegenüber und erst jetzt fiel mir auf, dass er ein wenig größer als ich zu sein schien. Naja Größe ist nicht alles, denn auf den Verstand kommt es auch an. „Wieso ich?“, gab ich schließlich als Gegenfrage zurück. Meine Frage war äußerst unpräzise, denn Liam schenkte mir einen verwirrten Blick. Also stellte ich die Frage etwas genauer: „Wieso musste es ausgerechnet mich treffen, dass ich mir ein Abteil mit dir teilen muss und wieso bist du so davon besessen, mich besser kennen zu lernen und mit mir zu quatschen und herum zu albern. Wieso lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Du musst doch gemerkt haben, dass ich keinerlei Interesse daran habe, dich näher kennen zu lernen. Ich war die meiste Zeit unfreundlich zu dir und das obwohl du dich so darum bemüht hast, mich immer wieder zu Lachen zu bringen. Wieso also?!“
Nun kehrte für wenige Sekunden Ruhe im Abteil ein. Liam sagte kein Wort. Legte er sich gerade wieder eine lange und sinnlose Antwort in seinem Oberstübchen zurecht? Ich würde es gleich erfahren. Inzwischen konnte ich seinem Blick nicht mehr standhalten und wendete meinen Blick auf mein Bett, in dem Katharina seelenruhig schlummerte. Liam öffnete seinen Mund und seine Antwort überraschte mich, denn sie war kurz und ehrlich. „Weil du der erste Mensch seit langer Zeit bist, denn ich wirklich mag und bei dem ich es besser machen wollte, als bei den Menschen zuvor.“
„Das hört sich nach einer sehr interessanten Geschichte an.“, sagte ich daraufhin neugierig und das erste Mal auch wirklich interessiert an L*iam und seinem Leben. Vielleicht war ich aber auch deshalb das erste Mal wirklich an ihm interessiert, weil er mal nicht herum alberte und mir eine ehrliche Antwort gab. „Jetzt würde ich doch gerne mehr über dich und dein Leben erfahren.“ Liam senkte seinen Kopf leicht, denn ihn schien irgendetwas traurig zu stimmen.
„Also schön. Bevor es noch unangenehmer für uns alle Drei wird…“ stieß plötzlich eine weibliche Stimme aus. Katharina richtete sich im Bett auf. Ganz offensichtlich hatte sie die letzten Minuten gar nicht mehr geschlafen und uns heimlich bei unserem Gespräch belauscht. „Tut mir wirklich leid. Ich wollte nicht lauschen, aber ich bin mitten in eurer Unterhaltung wach geworden.“
„Einer schönen Frau wie ihnen, verzeihen wir natürlich sofort.“, meinte Liam galant und verbeugte sich dabei dezent. Macht er jetzt einen auf Kavalier, oder doch wieder auf einen Clown? Der Typ ist mir ein Rätsel, aber nun wo er mich schon einmal neugierig machte, wollte ich auch mehr über ihn erfahren und ich ließ mich nicht mit irgendwelchen Witzen von ihm abspeisen. „Hey Lolo, hast du dir vor Angst in die Hose gemacht?“, fragte er mich wie aus dem Nichts geschossen.
Ich war verwirrt und verärgert zugleich. „Warum sollte ich?!“
„Hätte ja sein können, dass du Angst davor hattest, dich mit mir hier allein zu unterhalten. Außerdem würde das die Pfütze zu unseren Füßen erklären…“, antwortete Liam mir und ich war nur noch mehr irritiert. Ich blickte zu Boden und musste feststellen, dass wir tatsächlich in einer Pfütze standen.
„Die Tür ist abgesperrt. Wieso ist die Tür abgesperrt?!“, rief Katharina plötzlich ganz panisch.
„Das wird Erik gewesen sein…“, meinte ich grimmig und verfluchte Erik innerlich. Er setzte alles daran, mich und Liam zu versöhnen und inzwischen fragte ich mich, wieso ihm das so wichtig war.
„Keine Panik auf der Titanic.“, sagte Liam entspannt. „Er wird uns schon wieder rauslassen, wenn Lolo und ich uns in den Armen liegen…, zum Henker, wieso ist hier der Boden so nass?!“
Katharina packte Liam feste an seinem rechten Ohrwaschel. Dieser stieß einen Schmerzensschrei aus. „Keine Panik?! Meine Fruchtblase ist geplatzt du Grünschnabel! Meine Wehen haben eingesetzt. Ich bekomme gerade mein Baby!“ Ich schluckte… das war das letzte Mal, dass ich mit einem Zug reiste.

30. Eine schwierige Geburt

Katharina krümmte sich vor Schmerzen, während ihre linke Hand auf ihrem schwangeren Bauch lag und sie versuchte ein- und auszuatmen. „Wie das Baby kommt? Etwa jetzt?“, fragte Liam in einem selten dämlichen Tonfall.
Katharina schien zwar unter Schmerzen zu leiden, doch brachte sie ihre Wut über diese dämliche Frage noch ganz gut zum Ausdruck: „Nein nicht jetzt, die Fruchtblase ist nur aus Jux und Tollerei geplatzt und Wehen verspüre ich auch so gar keine.“ Liam lächelte zufrieden und erleichtert. Meinte er das gerade wirklich ernst? „Natürlich jetzt du Dummkopf!“, schrie Katharina ihn kurz darauf an.
„Oh… okay. Kannst du es nicht noch ein wenig zurückhalten?“, fragte Liam unbekümmert weiter.
„Milo, würdest du deinem Freund bitte eine runterhauen. Ich würde es ja selber tun, aber das Baby… argh!“ Katharina stieß einen lauten Schmerzensschrei aus und ich kam ihr schnell zu Hilfe, indem ich ihr meinen Arm anbot und ihr auf mein Bett half.
„Versuch langsam ein und auszuatmen.“, riet ich ihr unnötigerweise.
„Was glaubst du eigentlich, was ich hier die ganze Zeit mache?!“, entgegnete sie fuchsteufelswild.
Ich war ja für viele Probleme zu haben. Ich kümmere mich gerne um Leute, die meinen Rat brauchen, oder sich wegen Liebeskummer bei mir ausheulen. Ja ich helfe sogar kleinen frechen Kindern sich wieder mit ihrem Vater zu versöhnen, oder lege mich mit intoleranten Menschen wie diesem schnieken Mann an, doch einer schwangeren Frau das Kind zu entbinden, ging eindeutig zu weit!
„Handy!“, stieß ich mit einem Mal laut aus.
„Gute Idee. Dann kannst du Erik anrufen, er lässt uns hier raus und ich trete ihm in den Hintern.“, schlug Liam vor. Doch da gab es ein winziges Problem.
„Mein Handy ist in meinem Rucksack und der befindet sich im Sitzabteil.“, erklärte ich schockiert.
„Ich besitze kein Handy, aber vielleicht ist in der Handtasche der Frau ein Handy.“, meinte Liam.
Ich sah schließlich nach und zu unserem Glück wurde ich fündig. Doch… „Akku leer.“, stellte ich bedrückt fest. „War ja sowas von klar. Wir müssen hier raus und zwar schnell.“
„Ja, aber die Tür ist abgesperrt. Dein toller Freund Erik hat uns eingesperrt.“, erwiderte Liam.
„Das weiß ich auch, aber dann müssen wir eben um Hilfe schreien, oder die Tür aufbrechen.“, schlug ich schnell vor und versuchte dabei Ruhe zu bewahren. In Wirklichkeit bekam ich aber Schiss ohne Ende und wer Liam kennt, weiß, dass er keine allzu große Hilfe darstellte.
„Um Hilfe schreien. Tolle Idee.“, sagte er, während Katharina vor Schmerzen schrie. „Die Frau brüllt wie ein Löwe und trotzdem hört uns keiner. Tür aufbrechen ist auch nicht, viel zu stabil, da würde ich mir ja jeden Knochen brechen!“
„Ha! Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht!“, stieß ich triumphal aus. „Du bist ein Weichei. Du hast es ja noch nicht einmal versucht. Komm lass mich mal ran.“ Ich schubste Liam etwas ruppig zur Seite und setzte all meine Kraft dafür ein, diese dämliche Tür aufzubrechen. Doch all meine Mühe war vergeben, denn so oft ich auch meinen Körper gegen die Tür rammte, sie blieb verschlossen. „Erik dieser Idiot. Das verzeihe ich ihm nie!“, fluchte ich laut, während ich unbeirrt weiter machte.
„Bist du bald fertig?“, fragte Liam deutlich genervt. „Du führst dich wie ein Rhinozeros auf.“
„Halt die Klappe!“, schrie ich ihn daraufhin an. „Ich tu wenigstens was. Du stehst hier nur rum und bist nutzlos. Das Einzige was du tust, ist wie üblich dämliche Aussagen von dir zu geben.“
Liam ignorierte meine Worte gekonnt, auch wenn es an ihm nicht ganz vorüber ging, dass ich ihn als nutzlos erachtete. „Wenn du mal aufhören würdest, deinen zuckersüßen Körper gegen die Tür zu rammen, dann wäre ich gewillt dir einen Vorschlag zu unterbreiten.“ Ich gab auf. Die Tür war undurchdringbar. Nun war ich aber sehr auf Liams Vorschlag gespannt, rechnete aber bereits wieder mit einer neuen dummen Idee. Inzwischen schrie Katharina unentwegt weiter. Die Wehen kamen immer schneller und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis das Baby kam. „Also.“, sagte Liam ruhig und ich fragte mich schon, wo er diese Gelassenheit her nahm. „Die Frau liegt in den Wehen und wir sind hier drinnen eingesperrt. Sehe ich das richtig?!“
„Scharf kombiniert Sherlock Holmes.“, entgegnete ich sarkastisch und sah mich aktuell in der Hölle.
„Gut, dann gibt es nur eine Möglichkeit.“, sagte Liam.
„Hört mal Jungs, egal was ihr vorhabt, ich bin für jede Idee zu haben nur beeilt euch bitte!“, rief Katharina uns zu, während ihre Wangen rot und feucht waren und regelrecht glühten.
„Gut, denn wir werden nun dein Kind zur Welt bringen.“, erklärte Liam selbstbewusst.
„WIR/IHR WERDEN/T WAS?!“, schrien Katharina und ich gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen.
„Das Kind entbinden… wir.“, wiederholte Liam, als wäre es das Natürlichste auf dieser Welt, dass zwei Jugendliche einer werdenden Mutter bei der Entbindung ihres Kindes helfen.
„WIE BITTE?!“, stießen Katharina und ich wieder gleichzeitig aus.
„Ihr solltet euch mal die Ohren putzen, dann muss ich nicht alles dreimal sagen…“, sagte Liam weiterhin gelassen, während ich nun völlig in Panik geriet. „Lolo und ich werden dein Kind zur Welt bringen, gnädige Frau. Du kannst dich mit Händen und Füßen dagegen wehren, aber am Ende verlängerst du damit nur deine Schmerzen und schadest dabei deinem Kind.“
„A-Aber das geht nicht.“, sagte ich nun stotternd, während Katharina die Stimme versagte.
„W-Wir können das K-K-Kind nicht zur Welt bringen. D-Dafür benötigt man eine He-He-Hebamme.“
„Du meine Güte Lolo, lös den Knoten in deiner Zunge und hör auf dir in die Hose zu machen.“, sagte Liam im Befehlston zu mir. „Du musst das Kind nun zur Welt bringen, oder es wird sterben!“
„Wieso ich denn? Wieso machst du das nicht?!“, schrie ich Liam fragend an.
„Weil ich die Frau erst seit etwa zwanzig Minuten kenne und du bereits seit fast drei Stunden. Ihr seid schon vertrauter miteinander.“, erklärte Liam mir, doch seine Logik leuchtete mir nicht ein.
„Das war deine Idee, also bringst auch du das Kind zur Welt!“, entgegnete ich fest entschlossen und Liam widersprach mir ausnahmsweise mal nicht.
„Warte, ich habe eine noch bessere Idee.“, sagte Liam und ich erwartete bereits die nächste irrsinnige Idee, denn schließlich hieß der Ideenträger Liam… Liam ging ein paar Schritte im Abteil und schien nach etwas zu suchen. Ich wartete gespannt ab, Katharina hingegen war alles andere als entspannt. Die Wehen machten ihr verständlicherweise schwer zu schaffen.
„Wonach suchst du?“, fragte ich Liam schließlich ungeduldig, da meine Nerven mit mir durch gingen.
„Nach dem hier.“, antwortete Liam mir, während er einen roten Hebel umlegte, unter dem ganz fett „Notbremse“ geschrieben stand.

31. Ein neues Leben

Liam betätigte die Notbremse und ich rechnete bereits mit einem unsanften Stillstand des Zuges, doch zu meiner und auch Liams Überraschung, setzte der Zug seinen Weg unbeirrt fort. „W-Was ist los? Wieso bleibt der Zug nicht stehen?“, hörte ich Liam fragen – erstmals mit stotternder Stimme.
Ich wusste darauf auch keine Antwort, erst als ich einen Blick aus dem Fenster warf, wurde es mir klar. „Wir fahren gerade durch einen Tunnel. Deshalb ist der Zug nicht stehen geblieben! Alle Züge haben Anweisungen nicht in Tunneln stehen zu bleiben, da dies zu gefährlich wäre.“
„Na toll und wie lange ist dieser ungelegene Tunnel?“, fragte Liam mich aufbrausend.
„Aaaaaargh!“, schrie Katharina, während sie sich krampfhaft mit beiden Händen am Bettlaken fest hielt. „Ich halt das nicht mehr aus! Mein Baby kommt, mein Baby kommt!“
„Verdammt nochmal. Liam, wir müssen ihr helfen!“, schrie ich Liam zu, dem das Lachen nun auch endlich vergangen war. Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, was mir einen kurzen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Ein ungewohnter Anblick für mich.
Liam schritt Katharina zur Seite und kniete vor dem Bett nieder, während er ihre rechte Hand hielt. „Sie müssen jetzt ganz stark sein. Ihr Baby kommt und sie müssen anfangen gleichmäßig zu pressen.“
„Nein, das kann ich nicht und schon gar nicht hier!“, rief Katharina schweißgebadet, verängstigt und unter tränenden Schmerzen. „Ein Krankenhaus, ich muss in ein Krankenhaus!“
„Dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Sie müssen pressen!“, rief Liam ihr laut zu, während ich der Meinung war, im falschen Film zu sein. Katharina fing schließlich an zu pressen und schrie dabei aus voller Kehle. Gerade im Moment war ich heilfroh, als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Solche Qualen wollte ich nie erleben und würde ich zum Glück auch nie erleben.
„Hey, wir sind aus dem Tunnel heraus!“, rief ich ein wenig erleichtert, als das Tageslicht im Abteil wieder Einzug hielt. Doch was würde nun geschehen? Katharina brachte gerade ihr Kind zur Welt und Liam half ihr dabei! Ich wiederhole: Liam half ihr dabei! Ich starrte zu den Beiden herüber und sah auf einmal ganz viel Blut. Mit einmal Mal wurde mir ganz schummrig um die Augen und dann…
„Hey, Hey Milo!“, schrie Liam mich an. „Dass du mir hier jetzt nicht umkippst, hörst du! Milo? Milo!“
Doch es war bereits zu spät. Ich kippte bewusstlos nach vorne und blieb auf dem Boden liegen. Ich spürte noch wie der Zug eine Notbremsung ausführte, ehe ich mein Bewusstsein verlor.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer grünen Wiese, über mir der blaue Himmel und weiße Wolken zogen an mir vorbei. Eine Wolke sah aus wie ein lachendes Baby. Ein lachendes Baby? Mit einem Mal saß ich aufrecht und versuchte mich an der Umgebung zu orientieren. Nicht weit von mir stand eine Kuh-Herde, die auf derselben Wiese weidete. Es stank furchtbar nach Bauernhof.
„Besser ist es und du ruhst dich noch ein wenig aus.“, sagte eine vertraute Stimme zu mir. Es war Erik, der neben mir im Gras saß. Er reichte mir eine Wasserflasche, aus der ich nachfolgend ein paar Schlucke zu mir nahm, um Körper und Geist wieder in Schwung zu bringen.
„Was ist geschehen? Wo sind wir? Was ist mit Katharina? Geht es ihr und dem Baby gut?“, fragte ich kurz darauf ganz schnell, nachdem ich mir die aktuellen Ereignisse wieder ins Gedächtnis rief.
„Jetzt beruhig dich erst einmal. Allen geht es gut und niemand hat größeren Schaden erlitten.“, erklärte Erik mir im ruhigen Ton. „Nachdem Liam die Notbremse betätigt hatte und der Zug kurze Zeit später zum Stillstand kam, rannte ein Zugbegleiter herbei und stellte fest, dass euer Abteil zugesperrt ist. Das ging auf mein Konto. Ich hab dir in einem unbemerkten Augenblick deinen Schlüssel entwendet und euch beide dort eingesperrt, damit ihr euch wieder vertragt. Tut mir wirklich leid, da hab ich wohl Mist gebaut, aber ich hab es nur gut gemeint. Das musst du mir bitte glauben. Jedenfalls war der Zugbegleiter ganz schön stinkig auf mich, doch das war nur noch Nebensache, als er sah, was im Inneren des Schlafabteils vor sich gegangen war. Katharina hat ihr Baby zur Welt gebracht. Es ist ein Junge und beide sind wohlauf. Liam hielt den Jungen gerade in seinen Armen, als ich und der Zugbegleiter das Abteil stürmten. Er wird nun von allen als Held gefeiert!“ Erik grinste mich an. „Ich entdeckte dich auf dem Boden und dachte schon, dass du dir bei der Notbremsung den Kopf irgendwo angestoßen hast. Liam klärte mich schließlich auf, dass du nur in Ohnmacht gefallen bist, als du das viele Blut gesehen hast. Naja… jetzt steht der Zug seit fast einer halben Stunde schon hier und die Fahrgäste werden langsam ungeduldig, trotz ihres Verständnis für Katharina. Die wird übrigens gerade dort drüben in den Krankenwagen getragen, zusammen mit ihrem Baby. Wenn du dich also noch von ihr verabschieden willst, solltest du dich beeilen.“
Ich ließ meinen Blick umher schweifen und entdeckte eine Landstraße, auf der ein Krankenwagen stand. Ein paar Leute standen dort rum, darunter der hünenhafte Zugbegleiter und Liam. Ich stand von der Wiese auf und marschierte an der Seite von Erik zu ihnen rüber. „Bitte warten Sie!“, rief ich den Sanitätern gerade noch rechtzeitig zu, als Katharina gerade auf einer Liege in den Krankenwagen gehievt werden sollte. „Geht es ihnen gut, Katharina?“, fragte ich die frischgebackene Mutter.
„Mir geht es gut, ja. Ich bin so glücklich. Endlich hat mein kleiner Richard das Licht der Welt erblickt.“, antwortete Katharina mir freudestrahlend. Ihr Sohn heißt also Richard. Ein sehr schöner Name.
„Wo werden sie sie hinbringen?“, fragte ich den Zugbegleiter, der neben mir stand.
„In ein Krankenhaus, nur eine Ortschaft weiter. Ihr Reiseziel war zwar Bern, aber das hätten wir erst in einer dreiviertel Stunde erreicht. Das wäre also zu weit weg.“, erklärte der Zugbegleiter mir.
„Was ist mit ihrer Schwester?“, fragte ich nun wieder an Katharina gewandt.
„Ich hab darum gebeten, dass sie kontaktiert wird. Sie weiß schon bescheid und wird mich und Richard noch heute Abend im Krankenhaus besuchen kommen.“, antwortete sie mir. „Ich danke euch Jungs so sehr. Ihr habt mir und dem Baby das Leben gerettet. Vielen Dank, euch Beiden!“
„Ach, das war doch nicht der Rede wert.“, meinte Liam ritterlich.
„Es tut mir wirklich leid, aber wir müssen nun langsam weiter.“, meinte der hünenhafte Zugbegleiter. „Der Zug hat einen Zeitplan einzuhalten und wir haben nun große Verspätung.“
„Dann heißt es wohl jetzt Abschied nehmen.“, sagte ich lächelnd zu Katharina. Katharina reichte mir zum Abschied die Hand, ehe sie in den Krankenwagen gehievt wurde. „Passt gut auf euch auf Jungs. Mein kleiner Richard und ich sind euch zu ewigen Dank verpflichtet. Es ist schön, dass ihr euch wieder vertragen hat. Freunde halten eben zusammen.“
Ich wandte meinen Kopf zu Liam, der mich nur breit angrinste, während Erik stolz auf sich war, da sein Plan vollends aufging, wenn auch anders als erwartet. „Dies ist ein glücklicher Tag für alle, denn ein neues Leben hat das Licht der Welt erblickt. Dafür können wir dankbar sein.“, meinte Liam. Sein Grinsen wich einer für mich sehr rätselhaften Miene. Da war er wieder… der traurige Blick.

32. Liam + Liam = psychisch und physisch nicht ertragbar!

Der Krankenwagen, mit Katharina und ihrem kleinen Richard an Bord, fuhr davon und auch der Zug konnte seine Reise nun endlich wieder fortsetzen. Als er langsam wieder los fuhr, blickte ich durch die Glasscheibe der Waggontür. Was für ein Tag…, dass ich live bei einer Geburt dabei sein würde, hätte ich mir heute Morgen in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.
Nach einer Minute wandte ich mich von der Tür ab und schritt zusammen mit Liam und Erik in unser Abteil zurück. Viele Gedanken schossen mir auf dem Weg dorthin durch den Kopf und ein Anliegen lag mir ganz besonders auf dem Herzen.
„Du Liam…“, sagte ich mit etwas schüchterner Stimme. Liam drehte sich unterm Gehen zu mir um und wartete gespannt darauf, was ich ihm zu sagen hatte. „Du hast dich wirklich sehr gut geschlagen im Schlafabteil. Das es Katharina und ihrem Baby so gut geht, haben sie nur dir zu verdanken. Wirklich großartig. Das hätte ich dir im Leben nicht zugetraut.“
Da war es wieder. Liams smartes Lächeln, das jedes Eis zum Schmelzen brachte. „Ich hab mir das ehrlich gesagt selber nicht zugetraut, aber ich hatte schließlich keine andere Wahl oder? Menschenleben standen auf dem Spiel. Wärst du nicht in Ohnmacht gefallen, dann hättest du an meiner Stelle doch ganz sicher genauso gehandelt, oder?“ Ich schämte mich dafür, mein Bewusstsein verloren zu haben, aber beim Anblick vom vielen Blut ist mir zuerst schlecht und dann einfach schwindelig geworden. Ich fühlte mich mies deswegen, als hätte ich Katharina und Liam in unserer gemeinsamen misslichen Lage in Stich gelassen. Liam schien meine Gedanken zu lesen, denn er legte mir tröstend seine Hand auf die Schulter.
„Ist schon gut Lolo. Allen geht es gut und es gibt keinerlei Gründe dir irgendwelche Vorwürfe zu machen. Lass uns die weitere Zugfahrt einfach nur genießen. Vergessen wir auch unseren Streit, okay? Freunde?“
Liam streckte mir zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand entgegen. Er konnte ja richtig nett sein. Was ist mit dem nervigen Liam geschehen? Ich erwiderte seine Geste, nickte und schenkte ihm ein Lächeln, während sich unsere Hände berührten. Liam hatte sehr zarte Hände… ach was rede ich da?!
„Hey, ihr Beiden! Jetzt kommt endlich!“, rief Erik uns zu, der schon weiter voran gegangen war.
Liam und ich warfen uns einen kurzen Blick zu und erstmals hatte ich das Gefühl, dass wir soeben das Gleiche dachten. Wir Beide hatten noch ein Hühnchen mit Erik zu rupfen… uns einfach einzusperren. Andererseits... ist sein Plan aufgegangen. Liam und ich haben uns wieder vertragen. Kein Grund also unnötigen Ärger herauf zu beschwören. Kaum zu glauben, dass ich das nun denke, aber Liam hat Recht. Niemand wurde verletzt und allen geht es gut.
Plötzlich spürte ich einen gewaltigen Schmerz zwischen meinen Beinen, als ob mir jemand mit einem Stock in meine Kronjuwelen schlug – und genau so war es auch! Mit Tränen in den Augen und vor schäumender Wut im Bauch, drehte ich mich zu meinem Attentäter herum, der so groß war, dass er mir gerade einmal zum Bauchnabel reichte. „Liam, du kleiner Wicht!“, stieß ich laut aus, als ich Klein-Liam vor mir stehen sah. Dieser grinste mich frech an, auch wenn ihn etwas zu stören schien.
„W-Was? Ich hab doch gar nichts getan!“, rief der große Liam mir von hinten zu. Ach stimmt. Er kennt seine Miniaturausgabe ja noch gar nicht. Na das dürfte jetzt lustig und interessant werden.
„Ist es richtig, was man sich im Zug erzählt?“, fragte mich der kleine Liam. „Ein dummer Jugendlicher hat die Notbremse gezogen, weil er in seinem Schlafabteil eingesperrt war, in dem sich auch eine schwangere Frau befand, die gerade ihr Kind zur Welt brachte?!“
„Ähm ja…?!“, entgegnete ich verwirrt und noch immer unter Schmerzen.
„Ja danke dafür.“, sagte Klein-Liam wütend. „Ich hab zu diesem Zeitpunkt gerade ein leckeres Eis gegessen, was ich mir bei der Notbremsung über die Hose gekippt habe. Ich fühlte mich wie ein Eiszapfen und das habe ich nur dir zu verdanken. Nur du kannst auf diese glorreiche dumme Idee kommen, die Notbremse zu ziehen. Haben alle großen Jungs nur Pudding im Hirn?!“
„Bist du dann langsam fertig?“, fragte ich ihn mürrisch. „1. Eis auf der Hose – sieht zwar peinlich aus, ist aber halb so wild. 2. Nicht ich war es der die Notbremse gezogen hat, sondern er hier!“ Ich packte den großen Liam an der Schulter und stellte die Beiden miteinander vor. „3. Darf ich vorstellen: Liam das ist Liam, Liam das ist Liam. 4. Meine Kronjuwelen tun höllisch weh!“
Kronjuwelen tun höllisch weh!“
Die beiden Liams starrten sich an und waren ganz geschockt beim Anblick des jeweils anderen. Klein-Liam war der Erste, der seinen Ich-Zustand wieder fand. „Ach hab dich nicht so, Milo.“, sagte er frech grinsend zu mir, ehe er sich wieder an seine größere Namensausgabe wandte. „Du warst es also der die Notbremse gezogen hat…“ Liam wich verängstigt einen Schritt zurück. Ich kicherte innerlich, denn nun würde er auch einen Tritt oder Schlag abbekommen. „Dann warst du es auch, der das Kind der Schwangeren zur Welt brachte. Das war gute Arbeit. Du bist jetzt ein Held!“
Der große Liam strahlte nun über beide Ohren, während mir schockiert die Kinnlade runter fiel. „W-Was?!“, stieß ich entsetzt aus. „Du lobst ihn? Wieso schlägst du mich, aber ihn verschonst du?“
„Vielleicht weil meine Kronjuwelen wertvoller sind als deine.“, meine der große Liam breit grinsend dazu. Da war er wieder – der alte Liam – er war leider nicht allzu lange fort.
„Nein das ist es nicht. Ich ärgere dich einfach nur gerne, Milo.“, erklärte Klein-Liam.
„Haha, ich finde den Kleinen niedlich. Können wir den adoptieren?“, fragte Liam mich lachend. Ich grummelte vor mich hin. „Übrigens Kleiner, unser lieber Lolo hier, ist vorhin in Ohnmacht gefallen.“
„Waaaaas wirklich? Das ist ja mal peinlich.“, sagte Klein-Liam und fing laut an zu lachen. Sein größeres Exemplar stimmte in dem Gelächter mit ein. Ein kleiner Liam und ein großer Liam. Welcher der Beiden ist nun schlimmer und wen werfe ich als erstes über Bord?

33. Das durchgeknallte Quartett

Ich weiß bei bestem Willen nicht, wieso mich der liebe Herr im Himmel so bestraft. Was habe ich ihm getan, dass er mir heute zwei Liams auf den Hals hetzt? Einer schlimmer als der andere! „Trägst du mich Huckepack, Milo?“, fragte der kleine Liam mich und machte dabei eine Schnute um mich zu verführen, doch nicht mit mir! Klein-Liam blickte mich von unten traurig an, doch ich blieb standhaft!
Diese Schnute… „Also schööööön, aber nur bis zu unseren Plätzen.“ Ach verdammt…
„Yippie!“, jubelte Liam mit ausgestreckten Händen und kurz darauf sprang er auf meinen Rucken.
„Uff… bist du schwer.“, stöhnte ich. Ich starrte zum großen Liam, der ganz plötzlich ebenfalls so eine traurige Schnute zog. „Oh nein, vergiss es! Du läufst auf deinen eigenen zwei Beinen, oder ich hacke sie dir eigenhändig ab, samt deinen unnützen Gliedmaßen, die eh nur herum baumeln.“ Liam wollte Einspruch dagegen erheben und bei seinem Charakter ahnte ich die kommenden Sätze schon voraus. Ausnahmsweise kam ich ihm mal zuvor. „Wage es nicht jetzt etwas zu sagen, was unsere neu angefachte Freundschaft auf einen Schlag wieder zerstören könnte!“ Liams Mund klappte wieder zu.
So machten wir uns schließlich auf den Rückweg zu unseren Plätzen. Dort angekommen wurden wir erst einmal Zeugen eines Telefongesprächs. „Ich vermisse dich jetzt schon.“, sagte ein junges Mädchen mit blonden lockigen Haar in ihr Handy. Am anderen Ende der Leitung hatte sie vermutlich gerade ihren Freund. „Ich liebe dich so sehr, bis dann!“ Sie legte den Hörer auf und lächelte sanft.
„So wir sind da. Bitte alles aussteigen, oder in deinem Fall runter steigen.“, sagte ich zu Klein-Liam, während sich der große Liam und auch Erik bereits wieder auf ihre Plätze setzten.
„Och menno. Ich will aber noch nicht.“, jammerte Klein-Liam, doch ließ ich ihm keine andere Wahl.
„Apropos besteigen. Ich…“, setzte Liam zu einem neuen Satz an, doch mein bedrohlicher Blick brachte ihn jäh wieder zum Schweigen. „Ach… war nicht so wichtig.“, sagte er hinterher.
„Liam, wo ist eigentlich dein Vater?“, fragte ich den kleinen Liam, doch fühlten sich beide Liams gleichermaßen angesprochen. „Nicht du. Der kleine Liam.“, klärte ich schnell auf.
„Keine Sorge. Ich bin ihm nicht schon wieder weggelaufen. Ich habe ihn gefragt, ob ich mich noch von euch verabschieden darf, ehe wir in Bern aus dem Zug steigen.“, antwortete Klein-Liam mir. „Er holt mich hier in Kürze ab. Ich wollte mich noch bei dir bedanken, dass du für mich da warst…“
Der kleine Liam wurde auf einmal ganz schüchtern und verlegen, was mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Er kann wirklich süß sein… wenn er will! „Das hab ich doch gerne gemacht.“, meinte ich.

Plötzlich beugte sich der große Liam nach vorne. Irgendetwas oder irgendjemand schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. „Boah, die Göttin der Schönheit!“, stieß er aus und so langsam konnte ich ihm folgen. Er meinte sicherlich die brünette Schönheit am Fenster gegenüber, die neben dem Jungen mit dem roten stoppeligen Haar saß. Der Junge hatte sein Comicheft inzwischen zur Seite gelegt und daddelte eifrig mit seinem Handheld. Von dem frisch verheirateten Ehepaar fehlte jedoch jede Spur. Entweder waren sie im Speisewagen, oder in ihrem Schlafabteil, wo sie… Ach, das habe ich euch ja noch gar nicht erzählt.“, sagte Erik, der sich ein Lachen nur schwerlich verkneifen konnte. Wir lauschten alle aufmerksam seinen Worten. „Bei der Notbremsung vorhin kam es zu einem kleinen Eklat. Die unbekannte Schönheit verlor dabei jeglichen Halt, ebenso der junge Mann der ihr gegenüber saß. Auf einmal hatte er seine Hände auf ihrem Dekolleté. Seine Frau wurde fuchsteufelswild und scheuerte ihm hinterher eine. Danach ist sie zu ihrem Schlafabteil abgezischt. Ihr Mann ist ihr hinterher, aber ob die Beiden sich inzwischen wieder vertragen haben, kann ich euch leider nicht sagen. Der hübschen Frau schien das allerdings gar nichts auszumachen…“
„Cool.“, gab Klein-Liam begeistert von sich. Ob er von solchen Dingen überhaupt schon eine Ahnung hatte. Ich bezweifelte es und gönnte mir ein paar Schlucke aus meiner mitgebrachten Flasche, die mir meine Mutter in den Rucksack gepackt hatte. „Ob ich ihre Möpse auch mal hupen darf?!“ Ein Wasserstrahl schoss aus meinem Mund, quer über die Sitzreihe, so schockiert und überrascht war ich über diese Worte. Ich traf Erik im Gesicht, der nicht viel anders schaute als ich. Liam hingegen lachte sich kaputt und lag schon halb unterm Tisch, weil er kaum noch Luft zum Atmen bekam. „Hab ich was falsches gesagt?“, fragte Klein-Liam uns hinterher ganz unschuldig und mit einem Engelsblick.
„Themawechsel bitte.“, sagte ich nach einer Minute, nachdem sich alle wieder ein wenig beruhigt hatten. Ich blickte zu Erik, der sich gerade mit einem Tuch sein Gesicht abwischte. „Wie bist du eigentlich auf die dämliche Idee gekommen, uns im Schlafabteil einzusperren?“, fragte ich ihn.
Die Stimmung wurde mit einem Mal etwas unangenehmer, aber Klein-Liam ließ sich davon nicht beirren. Da er am Gang saß, konnte er hin und wieder einen Blick rüber zu dem rothaarigen Jungen werfen und ihn dabei beobachten, wie er sein Videospiel spielte. Erik und ich tauschten Blickte miteinander aus. Bevor er in Bern aus dem Zug aussteigt, hatte ich noch ein paar Fragen an ihn, die ich ihm jedoch gerne unter vier Augen stellen würde. „War klar, dass die große Vorwurfs-Arie noch auf mich wartet.“, sagte Erik trocken. „Es mag dumm gewesen sein ja, aber meine Absichten dahinter waren wirklich ehrenhaft. Das musst du mir glauben.“
„Ehre, was ist das? Kann man das essen?“, fragte Liam desinteressiert.
„Halt die Klappe, Liam!“, sagte ich kurz und bündig zu ihm. Inzwischen wusste ich gut, wie ich mit ihm umzugehen hatte, also wandte ich mich schnell wieder Erik zu. „Warum war es dir eigentlich so wichtig, dass Liam und ich uns wieder vertragen? Du kennst ihn auch nicht viel länger als ich.“
„Ist doch jetzt egal.“, sagte Erik und versuchte das Thema zu wechseln. „Wir halten in Kürze in Bern und dann werden wir uns wieder für eine längere Zeit nicht sehen, noch voneinander hören. Sollten wir da nicht über wichtigere Dinge reden?“
„Das hier ist wichtig, Erik!“, erwiderte ich hartnäckig. „Die ganze Zugfahrt über predigst du mir, ich soll Liam doch eine Chance geben bla bla, wir sollen uns wieder vertragen bla bla, wir sollen uns besser kennen lernen bla bla. Warum ist dir das überhaupt so wichtig?“ Erik starrte mich wortlos an. Schließlich senkte er geheimnisvoll seinen Blick. „Liam, jetzt sag doch auch mal was dazu!“
„Ich? Du hast doch gesagt ich soll die Klappe halten…!“, entgegnete Liam geistig verwirrt. Ich verdrehte meine Augen. Erstmalig hörte Liam auf mich, dann wenn er nicht horchen sollte.

34. Wiedergutmachung

Ich und Erik hatten noch ein paar Dinge zu klären, auch wenn Erik das vielleicht anders sah. Doch viel Zeit blieb mir nicht mehr, denn der Zug steuerte unaufhaltsam den nächsten Bahnhof an. „Meine sehr geehrten Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Bern Hauptbahnhof. Aktuell haben wir eine Verspätung von genau achtunddreißig Minuten. Wir bitten dies vielmals zu entschuldigen und hoffen dennoch, dass sie uns mit ihrer Anwesenheit bald wieder beehren. Danke an alle aussteigenden Fahrgästen. Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts.“, hörte ich die Stimme des Zugschaffners aus dem Lautsprecher.
„Komm mit!“, befahl ich Erik und stand von meinem Platz auf, indem ich mich an Liam vorbei mogelte. Dieser war kurz davor auch aufzustehen, doch hielt ich ihn zurück. „Bitte bleib hier bei Liam, Liam…“, bat ich ihn freundlich drum. „Warte hier mit ihm auf seinen Vater.“ Liam war alles andere als begeistert, doch erhob er zu meiner Erleichterung keinen Einspruch und zog ein Kartenspiel aus seiner Hosentasche. Na hoffentlich veranstaltet er kein Strippoker, dachte ich mir.
„Was ist jetzt?“, fragte Erik mich, als wir das Schlafabteil von mir und Liam betraten und ich hinter mir die Tür schloss. „Geht es etwa immer noch darum, weil ich darauf bestand, dass du dich mit Liam wieder verträgst? Was willst du denn noch von mir hören?!“
Ich brauchte ein paar Sekunden um auf die Unterhaltung einzugehen, da mich die Umgebung an die schicksalshaften Minuten mit der schwangeren Katharina erinnerte. Die Bettdecke lag total zerknittert da und auch sonst sah es im Abteil sehr chaotisch aus.
chließlich riss ich mich zusammen und widmete Erik meine vollste Aufmerksamkeit. „Ich will von dir hören, warum es dir so wichtig war, mich und Liam wieder miteinander zu versöhnen. Komm mir nicht mit Ehre, denn das glaub ich dir nicht!“ Ich blickte Erik in die Augen und er starrte zurück. Ich blieb standhaft.
„Du nervst, Milo.“, antwortete Erik mir. „Freundschaften sollte man nicht so einfach wegwerfen, deshalb wollte ich, dass du dich mit Liam wieder verträgst. Ist das so schwer zu verstehen?“
„Ja, für mich ist das schwer zu verstehen…“, entgegnete ich, denn hatte sich ein Gedanke schon die ganze Zeit in meinem Kopf fest gebrannt. Bisher traute ich mich nicht, die Frage laut auszusprechen, doch nun wo wir unter vier Augen waren, nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte ihm diese Frage: „Bist du etwa in Luca verliebt? Hast du Kontakt zu ihm? Wolltest du mich mit Liam verkuppeln, damit du freie Bahn bei Luca hast? Sag bitte die Wahrheit!“
Erik starrte mich ganz entgeistert an. Sein entsetzter Blick wandelte sich aber schnell in Enttäuschung und dann Wut um. „Wenn du das von mir denkst, dann kann ich jetzt genauso gut gehen.“, sagte er, schubste mich mit der Hand sachte zur Seite und war gewillt, das Abteil wieder zu verlassen.
Schnell sah ich meinen Fehler ein und hielt ihn am Arm fest. „Tut mir Leid Erik, ich denke einfach nicht groß nach bevor ich rede.“, entschuldigte ich mich schnell bei ihm, nachdem es mir gelang, dass er stehen blieb und sich wieder zu mir umdrehte. „Das du in Luca verliebt sein könntest, ist ein so absurder Gedanke…, dabei hat er mir selber mal erzählt, dass er keinen Kontakt zu dir hätte.“
„Du redest wirklich schneller als du denkst und damit bist du Liam gar nicht so unähnlich, weißt du das?!“, meinte Erik, der mir mit dieser Aussage eins auswischen wollte – mit Erfolg.
„Autsch. Damit sind wir Quitt.“, erwiderte ich mürrisch.
„Oh man Milo…, wir sind noch lange nicht quitt.“, sagte Erik daraufhin. Er ließ sich auf das untere Bett fallen und wirkte auf einmal etwas niedergeschlagen. Ich setzte mich zu ihm und hielt seine Hand, die größer und rauer war, als die meine. „Das du dich mit Liam wieder verträgst, war mir deshalb so wichtig, weil ich das Verlangen danach hatte, bei dir wieder etwas gut zu machen.“
„E-Etwas gut machen, aber was denn?“, fragte ich begriffsstutzig nach.
„Oh man Milo…“ Erik stand vom Bett wieder auf und ich tat es ihm gleich. Er lief im Abteil umher, sofern es ihm der Platz erlaubte, traute sich aber nicht mehr, mir in die Augen zu sehen. Ich wollte ihn zu keiner Antwort drängen, aber so langsam dämmerte es mir auch so. Schließlich erzählte Erik: „Nachdem wir beide Sex hatten und Luca und dabei erwischte, hatte ich unglaubliche Schuldgefühle, euch beiden gegenüber, die durch meinen Umzug in die Schweiz nur noch verstärkt worden sind. Ich schämte mich dafür, dich damals so schamlos ausgenutzt zu haben und Luca gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ja von seinen Gefühlen zu dir wusste… Als ich dich dann heute wieder getroffen habe und du mir verziehen hast, da wollte ich dir eben was Gutes tun. Ich wollte meinen Fehler von damals wieder gut machen und dafür sorgen, dass du eine eventuelle Freundschaft nicht so einfach weg wirfst. Liam ist ein Chaot, aber ich glaube er hat das Herz am rechten Fleck. Das du mit Luca zusammen bist und ihn liebst, ist mir natürlich bewusst. Ich will dir keine Angst einjagen, oder dir deine Beziehung schlecht reden, aber Fernbeziehungen halten in der Regel nie sehr lange und zwischen dir und Liam da ist irgendwas. Streite es ab, schlag mich wenn du willst, aber du weißt das ich Recht habe!“ Der Zug wurde allmählich langsamer… Wir hielten gleich in Bern an.
Ich wusste nicht mehr was ich sagen sollte und selbst wenn, blieb mir nicht mehr genügend Zeit dazu, denn der Zug kam zum Stillstand und die Türen des Zuges öffneten sich. Also griff ich zu einer einfachen, aber sehr effektiven Methode. Ich legte meine Arme um Erik und drückte ihn ganz fest und lieb zum Abschied. „Ich danke dir für deine ehrlichen Worte.“, nuschelte ich auf seinem Rücken.
Mein Blick fiel zum Fenster raus, wo ich Klein-Liam und seinen Vater entdeckte, die sich gerade winkend von dem großen Liam verabschiedeten. Erik löste sich aus meiner Umarmung und lächelte mich an. „Mach´s gut Milo. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald wiedersehen.“ Danach verließ er das Abteil und ich blickte ihm wehmütig hinterher. Als der Zug seine Fahrt langsam wieder aufnahm, konnte ich einen letzten Blick auf Erik am Bahnsteig erhaschen. Klein-Liam entdeckte mich und winkte mir ein letztes Mal zu, ehe er mir zum Abschied noch frech die Zunge rausstreckte.

geschrieben von skystar 2014

4. Abschnitt: Bis Mailand - Drei Jungs und deren Geheimnisse

Es ist Zeit für Antworten! Milo und Liam stellen sich gegenseitig Fragen über ihr Leben und Milo ist sichtlich überrascht, was Liam ihm alles antwortet. Als sich dann auch noch der fremde Junge namens Jonas zu den Beiden gesellt, erfährt er auch noch über ihn so manch interessantes Detail. Und dann ist da ja noch das stumme Mädchen Melody  [...]

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