Die Zufgahrt meines Lebens

10. Liam und die Lunch-Box

Nach der Auseinandersetzung mit dem schnieken Mann, kehrte zum Glück wieder Ruhe ein. Zumindest dachte ich das für wenige Minuten, denn das nächste Beben machte sich kurz darauf stark bemerkbar. „Oh, ich glaube mein Magen schreit „Fütter mir!“.“, gluckste ich, als dieser knurrte. „Kein Wunder. Wir sind inzwischen schon eine Weile unterwegs und es ist Mittag.“
„Essen! Eine sehr gute Idee!", stieß Liam hocherfreut aus, als hätte ich etwas gesagt, was ihm soeben den Tag gerettet hätte. „Ich gehe in den Speisesaal. Kommst du mit?“
„Bist du wahnsinnig? Das Essen im Zug ist doch völlig überteuert. Zum Glück hat meine Mum mir eine Lunch-Box hergerichtet, bevor ich losgefahren bin. Sie ist in meiner Tasche und ich geh sie kurz holen. Du kannst gerne in den Speisesaal gehen. Bis später!“
So trennte sich Liams und mein Weg – zumindest für kurze Zeit – und ich war froh, mal wieder ein wenig Ruhe vor ihm zu haben. Klar, er ist ein lieber und unterhaltsamer Kerl, aber mindestens auch so verrückt und anstrengend. Seine Eltern muss er in den Wahnsinn getrieben haben. Da fällt mir gerade ein, dass ich eigentlich so gar nichts über ihn weiß.
Während der ganzen Fahrt bisher, hat er mir immer nur Löcher in den Bauch gefragt, aber andersherum eigentlich so gut wie gar nicht. Ich bin nicht gerade der Neugierigste, aber vielleicht sollte ich etwas mehr Interesse an ihm zeigen, wenn er schon so freundlich zu mir ist. Außerdem verbringen wir ja auch noch genügend Zeit miteinander. Doch erstmal ist Essen an der Reihe. Wo ist denn die Lunch-Box?
Ich durchwühlte meinen Koffer, auf der Suche nach meiner Lunch-Box, als der Zug um eine Kurve bog und ich mein Gleichgewicht verlor. Ich kippte zur Seite und versuchte mich irgendwo festzuhalten. Doch da war es schon zu spät und ich knallte mit meinem Hinterkopf gegen die Bettkante.
Um mich herum drehte sich alles und mein Bewusstsein driftete in eine andere Welt ab. Alle Farben dieser Welt erschienen um mich herum, während ich mich in einer völlig verdrehten Welt wiederfand. Es roch vorzüglich nach Essen und während die Gerüche meine Sinne benebelten, tauchte ganz unerwartet Liam vor mir auf. Doch er war nicht alleine, sondern in Begleitung einer Armee von tanzenden und singenden Gurken. Ich traute meinen Augen kaum und rieb einmal kräftig an ihnen, doch als ich noch einmal hinsah, bestätigte sich meine erste Sicht. Liam stand inmitten von grünen Gurken auf zwei Beinen, Arm in Arm und sie tanzten und sangen gemeinsam, aber das war noch längst nicht alles, auch Tomaten, Zwiebel- und Käsecracker, Apfelschorlen und selbstgemachte Sandwiches waren mit von der Partie. Gemeinsam veranstalteten sie ein riesiges Tohuwabohu.
Liam und die tanzenden Gurken legten mit einer Polonäse Blankenese los, während die Tomaten wie wild auf dem Boden umherrollten. Die Sandwiches stellten sich als Trampolins zur Verfügung, auf der die Zwiebel- und Käsecracker ausgelassen herumhüften und dabei zu jodeln anfingen. Inzwischen schüttelten sich die Apfelschorlen von selber und spritzten in die Höhe, als sie sich öffneten. Liam kam mit seiner Gurken-Polonäse an mir vorbei und dabei hörte ich ihn lauthals dieses Liedchen trällern, das zwar keinen Sinn ergab, aber richtig Laune machte:

„Los Leute wir lassen es jetzt krachen,
wir mischen diese Lunch-Box gehörig auf.
Wie Schnitzel gehen wir ab, wir machen jetzt `ne Sause,
die Gurken sind los und torkeln übers Parkett.
Los Tomaten rockt die Bühne Rock´n Roll,
und ihr Cracker lasst es so richtig krachen.
Hier wird gefeiert und getanzt und nicht gemampft,
lasst die Schorle knallen und die Apfelschaumparty beginnt!
Hier fliegen keine Löcher aus dem Käse,
denn nun geht sie los unsere Gurken-Polonäse
Von Blankenese bis hin zu den Hamburger.
Wir ziehen los, mit Gerdi und Gitta Gurke,
und Gerdi fasst der Gitte von hinten an die Schale.
Das hebt unsere Stimmung und es kommt Freude auf!“

Liam und die Gurken-Polonäse zogen erneut an mir vorbei und diesmal heftete ich mich an ihre Fersen und stimmte in den Gesang mit ein. Was für eine durchgeknallte Party…!
Völlig abrupt öffnete ich wieder meine Augen und blickte zur Decke des oberen Teils des Stockbettes. Jemand hatte mich auf mein Bett gelegt, nachdem ich mein Bewusstsein verlor und dieser Jemand war natürlich kein geringerer als… „Ah du bischt emdlich aufgewafft. Wie gäht esch dir?“, fragte mich Liam mit vollgestopften Mund. Er war gerade dabei mein Essen aus der Lunch-Box zu verdrücken.
Ah mein Kopf tut weh.“, sagte ich noch etwas in Mitleidenschaft gezogen, während ich mich an die Bettkante setzte und meine linke Hand meinen Hinterkopf streichelte. „Das gibt eine Beule…“ Moment mal… Liam isst mein Essen aus der Lunch-Box? Mein Essen?! „Hey, was soll denn das?!“, schrie ich Liam nun verärgert an. „Du kannst doch nicht einfach an meine Sachen gehen! Das Essen hat mir meine Mama gemacht. Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“
„Tut mir leid, aber als du von deinem Essen in der Lunch-Box geschwärmt hast, dann wurde ich neugierig. Dann fand ich dich hier bewusstlos vor und während ich darauf wartete, dass es dir wieder besser geht, bekam ich eben großen Hunger. Deine Mutter macht ausgezeichnete Sandwiches!
„Ich glaub das einfach nicht…“, gab ich fassungslos über Liams Verhalten von mir.
„Ja ich auch nicht. Diese Tomaten sind wirklich sehr rot.“, meinte Liam. „Die müssen sich ja in Grund und Boden geschämt haben. Was hast du angestellt? Dich vor ihnen ausgezogen?“
„Ich glaub das einfach nicht…“, wiederholte ich.
„Wo ich diese Sandwiches sah, kam in mir die Frage auf, ob du weißt was eine Sandwich-Stellung ist.“, sagte Liam, der nun in eine der saftigen Tomaten biss, aus denen Tomatensaft spritzte.
„Ich glaub das echt nicht…“

    

11. Der neue Sitznachbar

„Ich glaub das noch immer nicht…“, sagte ich zum inzwischen hundertsten Mal, als Liam und ich uns auf dem Rückweg ins Abteil machten – in meinen Händen, die halb leer gefutterte Lunch-Box meiner Mama. „Du bist sowas von unverschämt und gefräßig!“
„Und du bist sowas von egoistisch. Ich dachte du teilst gerne dein Essen mit mir und schließlich hab ich dir freundlicherweise ja auch die Hälfte übrig gelassen.“, erwiderte Liam verteidigend. „Du könntest ruhig ein wenig dankbarer zu mir sein, schließlich hab ich dich ja auch auf dein Bett gelegt, nachdem du bewusstlos wurdest und bevor ich mich über das Essen in der Lunch-Box hermachte.“
Die automatische Tür sprang auf und wir kehrten in unser Abteil zurück, in dem alle Fahrgäste saßen. Auch der Polizist war inzwischen wieder zurückgekehrt. „Das war MEIN Essen!“, betonte ich nun extra laut, so dass es jeder im Abteil hören könnte.
„Na wenn das nicht die zarte Stimme meines guten alten Freundes Milo ist.“, sagte eine mir nicht unbekannte Stimme und als ich auf den Sitzplatz starrte, auf dem bis vor kurzem noch der schnieke Mann saß, entdeckte ich einen alten Schulfreund.
„Du hast wie es scheint noch immer einen Hang zur Dramatik!“ Der Junge stand auf und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen.
„Wem sagst du das. Der Knabe ist ein richtiger Drama-Boy.“, pflichtete Liam ihm Augenbrauen zuckend bei. „Hey, Moment mal. Wer zum Teufel bist du denn jetzt?!“
„Du meine Güte, Erik, wie schön dich wieder zu sehen!“, stieß ich bei dem Anblick meines alten Schulfreundes vor Begeisterung aus und schüttelte ihm nicht nur die Hand, sondern viel ihm vor Wiedersehensfreude auch noch um den Hals… - sehr zum Leidwesen von Liam wie es schien.
„Ja… schön… hallo… das reicht jetzt auch wieder… hallo?!“, murmelte er wenig erfreut.
Ich löste die Umarmung mit Erik und wir setzten uns wieder auf unsere Sitzplätze.
Vergessen war meine von Liam halb leer gefutterte Lunch-Box, vergessen war die Beule auf meinem Hinterkopf, vergessen war Liam – ich hatte nur noch Augen und Ohren für Erik, den ich nach langer Zeit endlich wieder traf. Ich hatte so viele Fragen an ihn und er ebenso an mich.
„Wie lange ist das nun her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben?“, fragte Erik mich.
„Zwei Jahre, sieben Monate, achtzehn Tage, zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten.“, antwortete ich ihm explizit genau, denn das war einer der traurigsten Tage in meinem Leben.
„Du hattest von uns Beiden schon immer das bessere Gedächtnis.“, lachte Erik über meine Genauigkeit. „Fehlten eigentlich nur noch die Sekunden.“
Ja, aber was machst du eigentlich hier?“, fragte ich ihn neugierig.
„Och, ich bin gerade auf dem Weg in die Schweiz. Genauer gesagt auf den Weg nach Bern.“
„Arbeitet dein Vater immer noch dort?“, fragte ich Erik weiter aus.
„Ja und offenbar gefällt es ihm dort sehr gut. Solange sind wir noch nie an einem Ort verblieben. Ständig mussten wir umziehen, weil mein Vater eine neue Arbeitsstelle annahm.“
„Das ist sehr schön.“, sagte ich, denn Erik und seinem Vater schien es wirklich gut zu gehen. Doch dann fiel mir etwas ein, was die Wiedersehensfreude etwas dämpfte. „Moment mal. Du bist im selben Zug wie ich, bedeutet das etwa, du warst in Berlin und hast nichts gesagt, mich nicht besucht?!“
Erik wandte sein Gesicht beschämend ab und blickte zum Fenster raus. „Tut mir wirklich leid, Milo, aber ich dachte, dass du mich vielleicht nicht sehen willst, nach allem was geschehen ist.“
„Hey du da, ja du am Fenster. Traust du dich nicht, ihm das ins Gesicht zu sagen?!“, fragte Liam, der bis jetzt stillschweigend neben mir saß, wodurch ich ihn für kurze Zeit vergaß. Sein Tonfall klang alles andere als freundlich und ich sah den nächsten Ärger schon vorprogrammiert.
„Sei nicht so unfreundlich. Erik ist voll cool und lieb, also halte dich etwas zurück.“, ermahnte ich Liam. „Du weißt ja noch nicht einmal, worum es hier geht.“
„Schon in Ordnung Milo. Dein Freund hat ja Recht.“, mischte sich Erik nun ein. Als er Liam als „meinen Freund“ bezeichnete, stellten sich mir zugleich die Nackenhaare auf. „Es geschah damals nur alles so unglaublich schnell und inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich mich gar nicht mehr dazu im Stande fühlte, mich irgendwie bei dir zu entschuldigen.
Nun sitze ich dir aber völlig unerwartet gegenüber und das auch nur, weil ich meinen Platz mit so einem schmierigen Kerl mit Laptop tauschen sollte.“
„Na toll, dann bin ich auch noch Schuld daran, dass dieser Kerl mir dazwischen funkt.“, nuschelte Liam vor sich hin, was aber weder von Erik, noch von mir vernommen wurde.
Meine Augen waren gänzlich auf Erik gerichtet, der wie bereits damals strubbeliges braunes Haar und Augen so schwarz wie die Nacht hatte. Er trug ein orange-blau-kariertes Hemd und dazu eine azurblaue kurze Hose. Insgesamt sah er Liam gar nicht mal so unähnlich, aber Erik wirkte für sein Alter weitaus reifer und ausgeglichener. Nicht umsonst war er der Traummann eines jeden Mädchens… und auch der Traummann eines ganz bestimmten Jungen…
Dass ich Erik nun endlich wiedersah, erfüllte mein Herz mit purem Glück und unendlicher Freude, doch mit ihm kam auch die Vergangenheit wieder hoch…

12. Die Besiegelung unserer Freundschaft

Erik und ich hatten wirklich einiges zu bereden und das möglichst unter vier Augen. Deshalb zogen wir uns in mein Schlafabteil zurück, was selbstverständlich auch Liams Schlafabteil war. Jeder klar denkende Mensch hätte erkannt, dass wir ungestört bleiben wollten, doch Liam gehörte allem Anschein nicht zu dieser Sorte von Mensch. Die Tür zum Schlafabteil sprang auf und Liam stolzierte herein, als wäre das das Normalste auf dieser Welt. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, der ihn aber kalt ließ. Er setzte sich auf seinen Koffer und musterte uns Beide eingehend.
„Schon gut Milo. Mich stört es nicht, wenn er dabei ist. Er ist schließlich dein Freund.“, sagte Erik und meine Nackenhaare stellten sich erneut auf. Liam war nicht mein Freund… er war auf Dauer unerträglich!
Siehst du Lolo, ich kann den Typen immer besser leiden.“, gab Liam von sich, was meine Wut nur noch mehr zum Kochen brachte. Muss er mich ausgerechnet jetzt so nennen?
„Lolo? Mei wie süß…“, lachte Erik lauthals.
„Unser lieber Lolo findet das nur leider gar nicht so süß.“, stimmte Liam in das Gelächter mit ein, während ich vor mich hin grummelte. Das die Beiden sich verbrüdern, passte mir gar nicht.
„Aber mich interessiert es jetzt schon, was damals zwischen euch vorfiel.“, sagte Liam hinterher. Wird dessen Neugier eigentlich nie gestillt? „Du hast dich vorhin entschuldigt, aber warum und wofür?“
„Das ist eine etwas längere Geschichte. Darf ich sie ihm erzählen Milo?“, fragte Erik mich. Im Grunde genommen war es mir eigentlich egal, wenn Liam davon erfuhr, also nickte ich und Erik begann von unserer gemeinsamen Schulzeit zu berichten:
Ich muss etwas ausholen, also fange ich am besten von Anfang an. Es war vor fast drei Jahren. Mein Vater und ich waren aufgrund seiner Arbeit von Hannover nach Berlin gezogen. Für mich bedeutete das eine neue Stadt, eine neue Schule und viele fremde Menschen. Doch zum Glück war ich nicht der einzige Neuling an der Schule. Ich lernte einen Jungen namens Luca kennen und wir freundeten uns an. Seine Familie stammte ursprünglich aus Italien und auch er fühlte sich völlig fremd in seiner neuen Umgebung.“
„Ah Luca… der Name sagt mir was.“, unterbrach Liam Eriks Erzählung. Dabei grinste er ganz verschmitzt und mir schoss zugleich seine unverschämte Frage mit der Reizunterwäsche in den Kopf.
„Jedenfalls waren wir Beide neu an der Schule. Es vergingen keine zwei Tage, da erzählte er mir, dass er homosexuell sei und somit quasi auf Jungs stand. Er wollte es mir gleich sagen, damit ich ihn unter den richtigen Voraussetzungen kennenlernte. Seine sexuelle Orientierung war mir egal und seine Ehrlichkeit mir gegenüber zeigte nur, dass er es mit einer Freundschaft ernst meinte. Zudem hatte dies zum Vorteil, dass wir uns bei der Suche nach der großen Liebe nicht in die Quere kamen.
Zu diesem Zeitpunkt kannten wir allerdings auch Milo noch nicht, der unser beider Leben gehörig auf den Kopf stellte.“ Mir trieb es unvermeidlich ein Lächeln ins Gesicht, denn ich konnte mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. „Bei einem Fußballspiel gegen eine gegnerische Klasse lernten wir den guten Milo hier kennen. Ich stand im Tor, während Milo mit dem Ball auf mich zuraste und Luca in der Verteidigung stand. Eines steht jedenfalls fest: Schwul hin oder her, das was die Beiden sich geliefert haben war kein Frauenfußball, sondern ein fairer Zweikampf unter Männern.
Die Zwei haben sich nichts geschenkt. Milo ließ sich den Ball nicht entlocken, doch auch Luca gab nicht so schnell auf. Es war ein erbittertes Duell, den Luca letzten Endes aber für sich entscheiden konnte, nachdem Milo der Ball ins Gesicht flog und er rücklings zu Boden ging. Es folgte eine kurze Spielunterbrechung. Ich rannte kurz aus meinem Tor und beugte mich über den kurz bewusstlos gewordenen Milo. Als dieser seine Augen langsam öffnete, erblickte er mich und fragte…“
„Bist du ein Engel?“, beendete ich den Satz von Erik, den auch an diesen Moment konnte ich mich noch gut erinnern. Ich war peinlich berührt, dass sich Erik sogar an dieses Detail noch erinnerte.
„Ganz genau.“, sagte Erik und er grinste zu mir herüber, ehe er sich wieder zu Liam wandte und mit seiner Geschichte fortfuhr.
„Ich half Milo wieder auf die Beine, der außer einer krummen Nase und Kopfschmerzen keinerlei Schaden nahm und nachdem das Spiel vorüber war, entschuldigte Luca sich bei ihm für seine harte Herangehensweise. Italiener spielen eben etwas temperamentvoller. Damit war auch schon die Grundlage für unsere Dreier-Freundschaft geschaffen, die durch unsere Ehrlichkeit gegenüber dem jeweils anderen zusätzlich gefestigt wurde. So merkte ich schnell, dass ich nun zwei schwule Freunde hatte und keiner von Beiden mir auf der Jagd nach der passenden Traumfrau ins Gehege kam. Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Gemeinsam gingen wir auf Party, oder auch mal ins Kino. Wir statteten der nächsten Eisdiele einen Besuch ab, oder legten uns auch einfach mal ins Gras und beobachteten wie die Wolken an uns vorüber zogen. Es war eine schöne Zeit, bis die Tage dunkler wurden, die Blätter von den Bäumen herab fielen und der Winter in mir ein schwere Depression auslöste…

13. Orientierung

Erik erzählte die Geschichte unaufhaltsam weiter und inzwischen schaffte er es sogar, dass Liam ihm nicht mehr ständig reinredete und irgendwelche Kommentare ablieferte oder Fragen stellte. So schritt die Geschichte im zügigen Tempo voran und allmählich erreichte Erik die Stelle, an der alles komplizierter wurde.
„Es waren Weihnachtsferien und Silvester stand vor der Tür. Klar, dass einige Schüler aus unserer Schule aus gegebenem Anlass eine Party veranstalteten. Milo war noch bei seiner Großmutter zu Besuch, während Luca und ich durch eine Einkaufspassage schlenderten und uns über die bevorstehende Party unterhielten. Wir unterhielten uns über die aus dem Ruder laufenden Partys, bei denen am Ende die Polizei vor der Tür stand, sowie über weinende Mädchen und sturzbetrunkene Jungs, die über Kloschüsseln hingen. Doch dann nahm unsere Unterhaltung eine unerwartete Wendung, denn Luca erzählte mir auf einmal, dass er sich in Milo verliebt hätte, doch dieser seine Gefühle allem Anschein nach nicht erwiderte. Zumindest dachte Luca das zu diesem Zeitpunkt, da unser lieber Lolo hier, mit Scheuklappen durch die Gegend rannte.“ Der Lolo gibt dir gleich einen saftigen Tritt in den knackigen Hintern, schoss mir durch den Kopf.
„Luca wünschte sich schon lange die große Liebe. Er hat eben italienische Wurzeln und die Italiener sind Romantiker.“, fügte Erik zu seiner Geschichte hinzu.
„Jedenfalls, stimmte auch mich das daraufhin sehr nachdenklich. Die große Liebe… daran glaubte ich nicht wirklich. Ich war ein echter Weiberheld und Frauenschwarm und zu dieser Zeit genoss ich es sogar, dass mich die Mädels anhimmelten. Doch die Richtige war für mich nie wirklich dabei.“ Erik hielt mit seiner Erzählung kurz inne und schien in sich zu gehen. Ich erwartete bereits, dass Liam ihn ungeduldig dazu aufforderte, weiter zu erzählen, doch wurde ich dieses Mal eines Besseren belehrt. Liam saß seelenruhig, wenn natürlich auch immer noch neugierig, auf seinem Koffer und wartete gespannt Eriks Fortführen der Geschichte ab. Erik warf kurz einen verträumten Blick zum Fenster hinaus, ehe er fortfuhr.
Ich nutzte die Ferien, um mir selbst ein kleines Geschenk zu bereiten. Ich verabredete mich mit allerlei Mädchen, schleppte sie zu mir nach Hause und den Rest kannst du dir vielleicht denken. Du kannst mich gerne ein Scheusal nennen, denn damals war es mir völlig egal, dass ich die Mädchen nur ausnutzte und ihnen ihr kleines verliebtes Herz brach. Erst später wurde mir bewusst, dass ich mich in einem schwarzen Loch befand, aus dem ich so schnell nicht wieder herauskam. Ich wusste nicht mehr wer ich bin, geschweige denn was ich wollte. Als ich dann eines Abends nicht einmal mehr einen hoch bekam, fiel ich komplett in dieses Loch und damit in eine tiefe Depression. Dann stand Silvester vor der Tür und Party war angesagt.
Selbstverständlich waren Milo, Luca und ich auch mit von der Partie. Es war ein lustiger und besonnener Abend. Alkohol war zwar für uns damals noch verboten, aber dennoch schafften es einige unserer Mitschüler, Alkohol zu organisieren. Luca ließ die Finger davon, aber Milo und ich tranken ein wenig was davon und schon bald spürte ich ein eigenartiges und neuartiges Kribbeln in meinem Bauch. Der Abend näherte sich immer mehr seinem Höhepunkt und irgendwann merkte ich, dass Milo damit anfing mich anzubaggern.“
„Das war der Alkohol…“, verteidigte ich meine Tat vor Liam, der mich mit großen Augen anstarrte.
Als strikter Hetero hätte ich ihn natürlich von mir gewiesen und wäre auf Abstand gegangen“, führte Erik fort, „aber ich war noch immer sehr deprimiert, auch wenn ich mir nichts anmerken ließ, und der Alkohol tat dann sein Übriges. Ich genoss Milos Zuwendung und etwa eine Stunde vor Mitternacht packte ich ihn am Arm und zerrte ihn mit ins Badezimmer. Es war ein sehr warmes Badezimmer und auf dem Boden lag ein Teppich. Ich schloss also hinter uns die Tür ab und wir setzten uns auf den warmen Teppichvorleger. Zuerst blödelten wir noch ein wenig herum und unterhielten uns über den lustigen Abend, doch dann kam es über mich und ich küsste Milo auf den Mund.“
Bevor Erik seinen Satz zu Ende sprach, konnte ich mit ansehen, wie Liam nach und nach die Kinnlade runterfiel. Wenn er jetzt schon so schockiert dreinsah, dann war ich sehr gespannt auf seine Reaktion, auf das was gleich kam.
„Als ich merkte, was ich da soeben tat, wich ich erschrocken zurück und eine Träne kullerte mir die Wangen hinunter. Milo versuchte mich daraufhin zu trösten und ich schämte mich nur noch mehr. Ich beichtete ihm schließlich, dass es mir nicht gut ging und in welchem Dilemma ich mich befand. Milo ist ein echt guter Zuhörer, selbst wenn er mal gelangweilt war. Ich war so ein Dummkopf. Ich spielte mit den Gefühlen anderer und so auch mit denen von Milo. Er verstand was in mir vorging und ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über mich verloren zu haben. Es kam zu einem zweiten Kuss und zu einen dritten – mit Zunge! Noch während wir uns küssten, fing ich an, die Knöpfe an Milos weißem Hemd zu öffnen. Milo tat dasselbe bei mir und keine fünf Minuten später, lagen wir ohne Hemd und Hose aufeinander… den Rest kannst du dir sicher auch so denken.“
„Ihr habt Bodypainting veranstaltet?!“, meinte Liam mit einem ironischen Unterton.
„Ja genau… Bodypainting…“, bestätigte ich im selben Tonfall.
Wir hatten Sex.“, sagte Erik, der Liams ironische Antwort wohl nicht verstand. „Wir hatten Sex, im Badezimmer, an Silvester und zwar um Punkt Mitternacht, während draußen die Raketen abgefeuert worden sind und unsere Mitschüler sich alle ein gutes neues Jahr wünschten. Ich war fix und fertig.“
„Wie? War der Sex mit Milo so gut?“, fragte Liam nun grinsend in die Runde. Nun war ich es, der ihn schockiert anstarrte. „Was denn? Meine Neugier kennt keine Grenzen…“
Erik ignorierte Liams Frage und kam langsam zum Ende seiner Geschichte: „Wir zogen uns wieder an. Mir konnte es gar nicht schnell genug gehen, von dort wegzukommen, während Milo sich nur sehr langsam wieder anzog. Ich war auf dem Weg zur Badezimmertür, als Milo mir seine Gefühle für mich vor den Latz knallte. Ich wusste nicht, was ich daraufhin sagen sollte und ließ seine Worte einfach im Raum stehen. Ich sperrte die Badezimmertür wieder auf, doch hätte ich sie mal lieber verschlossen gehalten. Auf einmal stand Luca vor uns, der uns suchte. Ein Blick auf mich und den noch immer halbnackten Milo und ihm war bewusst, was geschehen war. Luca war in Milo verknallt und Milo in mich. Ich hatte das Gefühl zwei Leben zerstört zu haben.“

14. Aussprache

Hetero bist und wusstest, dass er in dich verknallt ist. Luca hat euch dann zusammen gesehen und der wiederum war in Milo verknallt.“, fasste Liam korrekt zusammen und Erik nickte ihm zu.
„Danach ging alles sehr schnell.“, sagte Erik, der seine Erzählung nun beendete. „Mein Vater hatte ein Jobangebot in Bern bekommen und am 2.Januar zogen wir dann auch schon um. In dem Glauben, dass sowohl Luca als auch Milo mich nun hassen würden, wollte ich ohne ein Wort des Abschieds Berlin verlassen, doch dann kam Milo…“
„Ich wollte Erik nicht einfach so gehen lassen.“, erzählte ich nun. „Ja, er hat damals Mist gebaut, aber ich leider auch. Wir waren so gute Freunde, dass ich es ihm wenigstens schuldig war, dass ich mich von ihm verabschiede und ihm alles Gute wünsche.“
„Tja und das ist auch schon das Ende unserer Geschichte.“, sagte Erik. Im Schlafabteil kehrte eine kurze Stille ein und man hörte lediglich das Voranschreiten des Zuges.
„Nach allem was damals passiert ist, wundert es mich aber doch ein klein wenig, dass ihr hier so locker leicht miteinander umgeht.“, meinte Liam, der mich und Erik verwundert anstarrte.
„Naja es war ja kein völliger Kontaktabbruch.“, erklärte ich ihm. „Wir hatten noch immer über E-Mails Kontakt. Wir schrieben uns war nur einmal alle paar Monate, aber immerhin.
„Ich kann mich nur noch mal für alles entschuldigen. Ich war damals wirklich blöd und steckte in einer Identitätskrise.“, rechtfertigte sich Erik. „Heute bin ich aber ein anderer Mensch, das musst du mir glauben, Milo!“
„Schon gut. Die Zeit heilt alle Wunden. Ja, ich war damals in dich verliebt und du hast mir das Herz gebrochen, aber dort wo einst eine offene Wunde ragte, ist nur noch eine Narbe der Erinnerungen.“ Ich warf Erik ein beiläufiges Lächeln zu und versicherte ihm damit, dass ich darüber hinweg war.
„Eine Sache würde mich jetzt aber noch brennend interessieren.“, warf Liam ein und irgendwie überraschte es mich so gar nicht, dass seine Neugierde noch immer nicht gestillt war. „Was bist du denn nun? Hetero? Schwul? Hast du das inzwischen herausgefunden?“
Erik fing zu lächeln an, als Liam ihm diese Frage stellte und ich musste innerlich zugeben, dass auch mir bereits diese Frage auf der Zunge lag. „Weder noch, denn ich bin Bisexuell!“
„Ein bisschen Bi schadet nie!“, lachte Liam nun lauthals.
„U-Und bist du mit jemandem zusammen?“, fragte ich vorsichtig weiter nach. Erik schenkte mir sein sanftes Lächeln, ehe er mir antwortete: „Ich hatte eine Beziehung mit einem anderen Jungen, der ein Jahr älter war als ich. Nach vier Monaten Beziehung erfuhr ich aber, dass er mich mit einem anderen Kerl mehrmals betrog. Tja, Karma würde ich sagen…“
„Oh, das tut mir Leid für dich. Das hast du nicht verdient.“, sagte ich ehrlich mitfühlend.
Erik winkte locker ab und versicherte mir, dass er darüber hinweg sei und inzwischen nur noch nach vorne blickte. „Zurzeit bin ich eh nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Ich glaube, dass mir das Singledasein ganz gut tun würde, aber es freut mich sehr, dass du dich neu verliebt hast Milo.“
„Ja…, also was das anbelangt… Moment mal, woher weißt du das?“, fragte ich nun irritiert.
Erik erwiderte meinen verwirrten Blick. „Na das sieht doch ein Blinder, dass du und Liam glückliche Zeiten miteinander erlebt. So schlecht sieht der Knabe ja nicht aus.“
Liam fing wieder lautstark zu lachen an. „Genial! Obwohl ich mich durch deinen letzten Satz ein wenig gemobbt fühle, aber das nehme ich dir keinesfalls übel. Ja, Lolo ist ein Schatz!“
„Spinnt ihr jetzt Beide oder was?“, schrie ich nun fuchsteufelswild durchs Schlafabteil. Ich versuchte meine Stimme zu senken, denn meinen Wutausbruch musste im Zug nicht jeder mitkriegen. „Liam und ich sind doch nicht zusammen und werden es auch niemals sein! Der Junge ist die Pest! Zudem hab ich schon einen Freund, einen viel hübscheren, intelligenteren und weniger nervigeren!“
„Wenn du mich fragst, klingt das nach einem ziemlichen Langweiler und Spießer.“, sagte Liam.
„Ach, du und Liam seid gar kein Paar? Aber ich dachte…“ Erik war sichtlich verwirr
Hör auf zu denken, das verursacht bei mir das nackte Grauen.“, meinte ich zu ihm.
„Ich schmeiß mich weg! Das ist so genial und amüsant!“, rief Liam noch immer lachend. Inzwischen ging es sogar so weit, dass er vor Lachen Tränen in den Augen hatte.
„Okay, ihr Beide seid also nicht zusammen…?“, fragte Erik mich nun vorsichtig.
„Nein!“, antwortete ich ihm kurz und bündig. „Wenn du es genau wissen willst, ich und Luca sind ein Paar und ich bin gerade auf dem Weg zu ihm nach Italien.“
„D-Du und Luca?“, wiederholte Erik ungläubig. „Dann hat er dir nach der Sache mit mir verziehen? D-Das ist schön. Das freut mich wirklich für euch.“
„Danke…“
„Er muss mich sehr gehasst haben, dafür was ich ihm angetan habe, oder?“, fragte Erik mich.
„Nein…, aber er war verletzt und das du dich nicht bei ihm entschuldigt hast, den Schwanz eingezogen hast und einfach abgehauen bist, hat die Lage damals nicht verbessert.“, erklärte ich ihm. „Doch sein Wunsch ging in Erfüllung und ich bin ihm doch noch ins Netz gegangen… und ich bin sehr froh darüber, denn Luca ist ein wundervoller Mensch und ich liebe ihn sehr!“
Liam starrte mich mit großen Augen an. „Oh ist das romantisch… ich glaube ich muss brec…“
„Liam, ich schwöre dir, solltest du es in Erwägung ziehen, diesen einen Satz zu beenden, dann schneide ich dir eigenhändig deine Zunge raus und werfe dich über Bord!“ Ich schaute Liam böse an, setzte gleichzeitig aber ein Lächeln auf und auch Liam grinste mich an – wenn auch ängstlich.

15. Auf dem Weg zum Speisewagen

Nachdem Erik Liam über unsere Vergangenheit aufgeklärt hatte und wir uns aussprachen, machten wir uns wieder auf den Weg zurück zu den anderen Fahrgästen ins Abteil. Doch noch ehe ich mich auf meinen Platz setzte, fiel mir etwas ein… „Mein Magen knurrt immer noch.“
„Oh ja, Essen, eine sehr gute Idee!“, pflichtete Liam mir grinsend bei.
„Ich hab Hunger, weil du Penner das Essen in meiner Lunch-Box verdrückt hast!“, ärgerte ich mich grün und blau. „Ach was soll´s, hilft ja alles nichts. Gehe ich nun halt doch in den Speisewagen. Kommst du mit Erik?“, fragte ich, während ich meinen Geldbeutel aus dem Rucksack zog.
„Ich hab was gegessen, bevor ich meinen Sitzplatz wechselte, aber danke.“, antwortete Erik mir.
„Na schön, gehe ich eben alleine.“, sagte ich und ignorierte dabei gekonnt Liam.
„Hey, und was ist mit mir?! Ich bin schließlich auch noch da!“, meckerte Liam mich an und ich lächelte, da ich mir einen Spaß daraus machte ihn zu ärgern.
„Du hast doch erst was gegessen… MEIN Essen!“, erwiderte ich noch einmal stark betont.
„Ja, aber eure Geschichte schlug mir auf den Magen und ich hab schon wieder Hunger. Also lass uns gehen.“ Ich zuckte mit den Schultern und schritt gemächlich voran. Liam folgte mir hintendrein.
Die automatischen Wagentüren sprangen auf und wir verließen unser Abteil, um in das nächste zu gelangen. Eine leicht kühle Brise wehte mir ins Gesicht. Eine Wohltat für meine Haut, im Anbetracht dessen, das es um die dreißig Grad hatte und ich schon wieder zu schwitzen anfing. Liam und ich kamen an einer Reihe weiteren Schlafabteilen vorbei, ehe wir im nächsten Abteil ankamen. Die automatische Tür öffnete sich und das starke Parfüm einer sehr eleganten Frau zog mir durch die Nase.
„Puh, da riechen die Füße meiner verstorbenen Oma ja noch besser.“, sagte Liam, der sich zu diesem Kommentar hinreißen ließ, in dem Wissen, dass die Frau ihn sehr wohl vernahm.
„Boah, komm jetzt!“, schimpfte ich, packte ihn an den Ohrwascheln und zog ihn hinter mir her.
„Aua, das tut weh!“, beschwerte Liam sich lautstark und schon hatte er wieder die Aufmerksamkeit der Leute aus diesem Abteil auf sich gezogen. Der Junge ist mir ein echtes Rätsel. Egal wo er hinkommt, er kann seine Klappe nicht halten und zieht die Blicke anderer Leute auf sich.
Bevor wir das Abteil wieder verließen, erkannte ich denn beleibten Mann, mit dem dunkeltürkisen Shirt und dem Strohhut auf dem Kopf, der mir zu Beginn meiner Reise auf der Suche nach meinem Sitzplatz entgegen kam, wieder. Er saß am Gang und noch immer vergoss er Niagara-Fälle vor Schwitzen. Neben ihm saß ein junges blondes Mädchen, das gerümpft die Nase verzog. Ich drehte mich kurz um, denn ich hegte den starken Verdacht einer neuen Bemerkung von Liam, doch Wunder geschehe, er war ganz still, ja fast schon in sich gekehrt. So kamen wir also unbeschadet weiter und verließen das Abteil wieder, auf dem weiteren Weg zum Speisewagen.
Wir marschierten weiter… und weiter… und weiter… und… „Verdammt, mach den Mund auf und sag wieder irgendwas was mich zur Weißglut treibt, sonst glaub ich noch du bist krank, oder man hat dich durch einen Cyborg ersetzt, der den Auftrag hat, mich zu terminieren!“, rief ich Liam zu.
„Bitte was?“, hörte ich ihn von hinten fragen. Scheinbar hatte er mir soeben gar nicht zugehört.
„Ach vergiss es…“, sagte ich daraufhin zu ihm. Ich sollte dankbar für jede ruhige Sekunde mit ihm sein. Trotzdem gab mir sein jetziges Verhalten zu denken. So still war er bis jetzt noch nie!
Wir kamen im nächsten Abteil an, das sehr vollgestopft war. Ich musste aufpassen wo ich hin trat, damit ich nicht über das Gepäck eines anderen stolperte – das ich über mein eigenes fiel genügte mir. „Na sieh mal einer an, wen haben wir denn da…“, hörte ich auf einmal Liam sagen. Ich war froh darüber, dass er seine Stimme wiederfand, doch auch nur bis ich sah, wen er eigentlich meinte. Mitten im Abteil, an einem Fensterplatz, saß der schnieke Mann mit seinem Laptop und als dieser Liam und mich kommen sah, verfinsterte sich seine Miene automatisch. Einfach nicht beachten und schnell weiter gehen, dachte ich mir, doch Liam musste natürlich wieder seinen Mund aufreißen.
„Na, schon wieder jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung als krankhaft eingestuft?“, fragte er den schnieken Mann provozierend. Ich rollte mit den Augen und roch neuen Ärger im Anflug. Liam legte sogar noch einen oben drauf, indem er sich an alle Fahrgäste im Abteil wandte:
„Meine sehr geehrten Damen und Herren… alle Kinder weghören, in unserer heutigen Gesellschaft ist es völlig normal, dass Frauen und Männer gleichgeschlechtliche Beziehungen führen. Ich zum Beispiel steh auf Jungs, vor allem auf solche Jungs, die ihren Blick von meinem Astralkörper nicht abwenden können, meinen Humor und mein Charisma lieben und dabei so genervt von mir sind, dass sie schon wieder süß sind und dabei gelegentlich tollpatschig werden!“ Eine Gruppe von vier Mädchen fing zu kichern an, ein Mann um die Vierzig runzelte mit der Stirn und ein Ehepaar nickte verständnisvoll. Doch für mich war das zu viel. Sofort wurde es heiß in meinem Kopf und ich spürte, wie dieser rot anschwoll. Ich konnte das Abteil gar nicht mehr schnell genug verlassen, doch da passierte es auch schon und ich stürzte über eine am Boden liegende Sporttasche.
„Sehen sie was ich meine. Genau diese Art von Jungs liebe ich!“, rief Liam lachend. Ich schrie innerlich!
Plötzlich schlangen sich zwei starke Arme um meine Taille und hoben mich wieder auf die Beine. Als ich mich umdrehte, stand zwischen mir und dem überraschten Liam ein großer muskulöser junger Mann. Sein Bizeps dürfte dem von Hercules oder Arnold Schwarzenegger Konkurrenz machen.
„Alles in Ordnung bei dir? Hast du dich verletzt?“, fragte er mich, während meine Gesichtsfarbe ein dezentes rosa annahm. „Tut mir Leid. Die Tasche über die du gestolpert bist, gehört mir.“
„Scho-Schon okay. Nichts passiert.“, antwortete ich ihm etwas schüchtern.
„Räum dein Gepäck in die dafür vorgesehene Ablagefläche, dann stolpert auch keiner drüber.“, beschwerte sich Liam bei dem muskulösen jungen Mann. Liams Reaktion gerade eben… und auch vorhin bei Erik… ist er etwa eifersüchtig?!
„Lass gut sein Liam. Komm wir gehen, sonst krieg ich heute nichts mehr in den Bauch.“, sagte ich und ging auf der Stelle weiter. Liam schritt mit einem „Finger-weg-von-meinem-Lolo“-Blick an dem muskulösen jungen Mann vorbei und folgte mir aus dem Abteil.

16. Im Speisewagen

Liam und ich erreichten schließlich den Speisewagen, in dem uns das Zugpersonal eine Auswahl an Speisen und Getränken anbot. Inzwischen tat mir sogar der Magen vor lauter Hunger weh, da ich seit meinem Frühstück bei mir Zuhause nichts mehr zwischen die Zähne bekam. „Lädst du mich auf einen Kaffee ein?“, fragte ich Liam, was alles andere als unverschämt von mir war, im Anbetracht dessen, dass er das Essen in meiner Lunch-Box verzehrte. Doch seine Antwort sah ich irgendwie kommen.
„Was krieg ich dafür von dir?!“, fragte Liam mich mit einem träumerischen Blick.
Ein fettes Dankeschön!“, antwortete ich ihm, was mit einer eiskalten Abfuhr gleichkam. Die Tatsache, dass ich genau Liams Beuteschema war, verunsicherte mich keineswegs, denn zu einer Liebelei gehörten immer noch zwei Personen und ich war glücklich an Luca vergeben.
Lediglich sein plötzliches Geständnis vorhin im anderen Zugabschnitt hat mich für einen kurzen Moment aus der Fassung gebracht, was mir meine Aufmerksamkeit raubte, sodass ich über die Sporttasche dieses einen muskelbepackten jungen Mannes fiel. Man hatte dieser einen Bizeps…
„Ich weiß genau was du denkst.“, sagte Liam plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Ich und mein attraktives Charisma gehen dir nämlich nicht mehr aus dem Kopf. Habe ich Recht?“
„Sowas von Unrecht hast du.“, entgegnete ich lächelnd. „Ich hätte gerne das Sandwich mit Schinken, Käse und Ei, sowie ein Mineralwasser, bitte.“, bestellte ich im Bordbistro.
„Schon klar. Du willst es nicht zugeben.“, sagte Liam, der mich von der Seite her instinktiv anstarrte. „Du hast schließlich deinen Freund und willst ihm treu bleiben, aber so schnell gebe ich nicht auf.“
Ich stieß einen dezenten Seufzer aus. So langsam ging mir Liams Verhalten auf die Nerven, aber ich bewahrte nach wie vor Ruhe und nahm mein Sandwich und mein Mineralwasser entgegen, dass mir die Frau hinter der Theke überreichte. „Was darf es für dich sein?“, fragte sie nun Liam.
„Für mich bitte eine Currywurst mit Brötchen und eine Coca Cola.“, antwortete Liam ihr freudig.
Kurz darauf bekam auch er seine Bestellung überreicht und wir setzten uns auf einen der freien Plätze im Speisesaal, auf dessen Tische jeweils ein kleines Blumensträußchen stand. Ich biss gleich in mein Sandwich und kaute genüsslich darauf rum. Endlich was zu essen! Eine wahre Wohltat!
Liam störte natürlich wieder: „Du machst ein Gesicht beim Essen, wie bei einem Orgas…“
„Halt – doch – einfach – mal – die – Klappe.“, sagte ich nun ganz langsam, aber wirklich gereizt.
„Ich mein ja nur…, denn wenn du dich auf mich einlassen würdest, dann wüsstest du ganz schnell, dass du bei mir einen noch viel besseren…“
„LIAM!“, schrie ich nun quer durch den Speisesaal, kochend vor Wut. Die anwesenden Fahrgäste richteten ihre Augen und Ohren auf uns, doch war mir dies im Moment völlig egal.
Am Tisch neben uns saß eine junge Frau mit Pferdeschwanz. Sie trank eine Tasse Pfefferminztee, während sie in einem ihrer Bücher las. Betonung auf „las“, denn auch sie beobachtete uns nun natürlich. „Tu-Tut mir außerordentlich leid.“, entschuldigte ich mich bei der jungen Frau für mein Verhalten und warf auch der Frau hinter der Theke einen entschuldigen Blick zu. Ich schämte mich für meinen kleinen Ausraster, doch Liam trieb es gerade wirklich auf die Spitze.
Liam jedoch ließ sich davon nicht einschüchtern, wenn er auch endlich mit diesem Thema Ruhe gab und sich stattdessen über sein Essen hermachte. „Currywurst und Cola… das hatte ich schon so lange nicht mehr. Weißt du auch warum?“, fragte er mich, denn offenbar wollte er mir etwas erzählen.
„Nein, aber mich interessiert es auch nicht.“, antwortete ich ihm beleidigt und bockig. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. „Behalt es für dich, denn ich hör dir nicht mehr zu.“ Meine Antwort stimmte Liam nachdenklich und endlich hielt er auch wirklich mal für wenige Minuten seinen Mund.
Mir war es egal, ob ich Liam mit meinem Verhalten gekränkt hatte, denn er war einfach einen Schritt zu weit gegangen. Mich interessierte seine Geschichte mit der Currywurst und der Cola somit auch überhaupt nicht. Stattdessen ließ ich meinen Blick im Speisewagen umherschweifen und blieb am Buch der jungen Damen hängen. Die Vorderseite des Buches zeigte in meine Richtung, wodurch der Titel für mich gut lesbar war: „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“. Ganz klare Sache. Der Autor dieses Buches hatte einen an der Klatsche.
Wem sonst fällt so ein bescheuerter Titel nur ein.
„Gefällt dir das Buch?“, fragte die junge Frau mich plötzlich, die bemerkte, dass mein Blick auf ihr Buch gerichtet war. „Wenn du magst, lass ich dich mal darin blättern.“
„Nein danke, lieber nicht.“, sagte ich im höflichen Ton.
Wohingegen Liam mal wieder seine Unsensibilität unter Beweis stellte: „Der Autor muss völlig gaga sein, oder wie kommt man sonst auf so einen bescheuerten Buchtitel?“
„Das Buch hab ich geschrieben.“, entgegnete die junge Frau ihm wortkarg.
Liam schaute betröppelt drein, während ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen konnte. „Verzeihen sie, aber Liams Mundwerk ist schneller als sein Hirn denken kann.“, erklärte ich ihr, damit sie etwas weniger verstimmt war und uns nicht mehr arg so böse musterte.
„Schon in Ordnung. Ich weiß, dass dies ein ungewöhnlicher Titel für ein Buch ist, aber wenn dein Freund den Inhalt lesen würde, wüsste er, dass es alles andere als „gaga“ ist.“, sagte die junge Frau, während ich zähneknirschend „Das ist nicht mein Freund“ zurück hielt. „Luisa Mayrock mein Name.“ Die junge Frau streckte mir freundlich ihre Hand entgegen. „So sieht man sich wieder.“
„Kennen wir uns?“, fragte ich verwirrt, noch während ich ihre Hand schüttelte.
„Nicht direkt nein, aber wir sind uns bereits begegnet.“, antwortete Luisa mir schmunzelnd.

Klare Worte

Ich war verwirrt, denn Luisa kannte mich offensichtlich, ich jedoch sie nicht. Ich versuchte scharf nachzudenken, aber Liams Verhalten machte mich immer noch so wütend, dass ich keine klaren Gedanken fassen konnte. „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“, gab ich schließlich verlegen zu.
Luisa lachte kurz auf. „Das macht überhaupt nichts. Es war ja auch nur ein kurzer Blickaustausch und es war auch nicht abzusehen, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen.“ In meinem Kopf machte es noch immer nicht Klick. „Erinnerst du dich wirklich nicht mehr an mich?“
„Wie viele Leute in diesem Zug kennst du eigentlich noch?“, fragte Liam mich von der Seite. „Erst dieser Erik und nun diese Frau, die ein Buch mit einem seltsamen Titel geschrieben hat.“
Ich beachtete Liam gar nicht so wirklich. Meine Aufmerksamkeit galt Luisa, die meine Neugier weckte. „Es tut mir wirklich leid, aber mein Erinnerungsvermögen lässt zu wünschen übrig.“
„Also schön, dann sage ich es dir eben.“, meinte Luisa. „Wir sind uns gleich zu Beginn dieser Zugfahrt in einem der hinteren Zugabteile begegnet. Alle Fahrgäste waren gerade dabei ihre Plätze zu suchen und zu finden und so kreuzten sich auch unsere Wege. Na erinnerst du dich jetzt?“
„Ich glaube schon… ja, jetzt wo du es sagst.“ So langsam lichtete sich der Nebel in meinem Kopf und eine junge Frau mit Zopf erschien darin. „Wir sind uns tatsächlich kurz begegnet.“
„Siehst du. Jetzt erinnerst du dich doch noch an mich.“, lächelte Luisa mir entgegen.
Verrückt. Wir waren mit dem Zug gerade erst ein paar Stunden unterwegs und trotzdem bekam ich das Gefühl, hier bereits mehr erlebt zu haben, als eine ganze Woche bei mir zu Hause. Zuerst das peinliche Kennenlernen mit Liam, dann der Junge der bei der Fahrkartenkontrolle aus dem Zug gestürmt ist, die Konfrontation mit dem schnieken Mann, Herr Wimmers traurige Geschichte über und mit seiner Tochter, mein völlig abgedrehter Traum mit Liam und der Lunch-Box, das unerwartete Treffen mit Erik und nun das hier. Normalerweise laufen Zugfahrten bei mir völlig unspektakulär ab. „Dann haben wir inzwischen ja beide unseren Sitzplatz gefunden.“, sagte ich zu Luisa.
„Oh ja und das war kein leichtes Unterfangen. Ich trottete nämlich einem Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf hinterher. Der war arg verschwitzt und roch nach faulen Eiern.“, erzählte Luisa mir und mir war sofort klar, dass sie und ich dem ein und denselben Mann begegnet sind.
„Darf ich fragen, worüber ihr Buch handelt?“, fragte ich sie, um auf ein anderes Thema zu kommen.
Was glaubst du denn?“, erwiderte Luisa mit einer Gegenfrage.
„Bei dem Titel ist es bestimmt im Bereich Horrorkomödie angesiedelt.“, meldete Liam sich zu Wort.
„Nein, ganz und gar nicht.“, entgegnete Luisa ihm etwas kühl.
„Ich weiß nicht…, vielleicht ein Krimi?“, riet ich, da ich wirklich nicht den blassesten Schimmer hatte. Nach einer romantischen Geschichte klang der Titel ja nicht gerade.
„Auch daneben. Es ist eine Art Satire. Was eine Satire ist weißt du oder?“, fragte sie mich und ich schüttelte mit dem Kopf. „Als eine Satire bezeichnet man etwas, wenn Zustände oder Missstände in sprachlich überspitzter und verspottender Form thematisiert werden. Heutzutage versteht man darunter aber meist einen künstlerisch gestalteten Prosatext, in dem Personen, Ereignisse oder Zustände verspottet oder angeprangert werden.“ „Das klingt interessant.“, meinte ich mit ehrlichen Worten.
„Wenn du wirklich Lust und Interesse daran hast, dann schau mal rein. In meiner Geschichte geht es um einen ärmlichen Bauern, der seine zehn Ziegen verkauft und durch einen Glücksfall an viel Geld gelangt. Doch das Glück ist ihm nur von kurzer Dauer…“, fasste Luisa ihre Geschichte kurz zusammen. „Ich muss jetzt zu meinem Platz zurück. Wir erreichen bald Frankfurt am Main und dort muss ich umsteigen, aber vielleicht sieht oder hört man ja noch einmal voneinander.“
„Ja, wenn es das Schicksal so will, dann schon.“, erwiderte ich und schüttelte ihr zum Abschied noch einmal die Hand. „Hat mich wirklich außerordentlich gefreut, dich kennen zu lernen.
Luisa schenkte mir ein liebevolles Lächeln und stand von ihrem Platz auf. Sie wollte gerade gehen, als sie noch einmal kurz inne hielt, als ob ihr eine Idee gekommen wäre. „Ach weißt du was. Ich schenk dir das Buch. Ich kann mir jederzeit ein neues Buch besorgen, schließlich bin ich die Herausgeberin.“
ow, Danke!“ Ich nahm Luisas Buch dankbar entgegen und hielt es eng umschlungen an meine Brust. Danach verabschiedete ich mich noch einmal von ihr und sie ging in Fahrtrichtung davon.
„Na endlich ist dieser Bücherwurm verschwunden.“, hörte ich Liam sagen. Ich beachtete ihn kaum. Stattdessen stand ich auf und begab mich auf den Rückweg zu meinem Platz, nachdem ich mein Sandwich zu Ende gegessen hatte. Liam folgte mir hinten drein. Wir befanden und gerade in einem Raum, zwischen Speisewagen und Schlafabteile, als er erneut etwas von sich gab, was das Fass zum Überlaufen brachte. „Immer diese Leute, die sich zwischen uns drängeln. Als ob sie einen Keil zwischen uns treiben wollten, aber nicht mit mir. Ich bin dein Freund und wir sind unzertrennlich.“
Ich war eigentlich ein sehr ruhiger und friedvoller Mensch, aber auch ich hatte Grenzen und diese waren nun überschritten. Es geschah alles so furchtbar schnell. Ich ließ das Buch von Luisa zu Boden fallen, drehte mich zu Liam um und drückte ihn mit meinem rechten Arm gegen die Wand. Zum ersten Mal sah ich Liam schockiert und ängstlich zugleich, denn nun ging ich alles andere als zimperlich mit ihm um. Meine Augen funkelten teuflisch und meine Stimme klang tief und bedrohlich. „Jetzt wollen wir doch mal eine Sache klar stellen. Ich bin nicht und werde niemals dein Freund sein! Ich bin nicht dein Eigentum, also hör auf dich wie ein Vollidiot zu verhalten und werde erwachsen. Ich meine es verdammt ernst. Solltest du dich weiterhin so verhalten, dann werde ich noch ganz anders mit dir umgehen und du lernst mich so richtig kennen. Das willst du doch die ganze Zeit, oder?!“ Ich drückte meinen Arm fest an seine Kehle. Ich wollte ihm nicht wehtun, aber ich wollte dass meine Botschaft bei ihm ankam. Ich ließ ihn schließlich wieder los und Liam starrte mich wortlos an. Die Zeit der Nettigkeiten war vorbei!

18. Schlichtungsversuche

Als wir wieder in unserem Abteil ankamen und uns auf unsere Plätze niederließen, sah ich, wie Erik seine Augen geschlossen hatte und offenbar zu schlafen versuchte. Ich wollte ihn nicht dabei stören, da mir ohnehin nicht nach reden zumute war. Liam saß ebenfalls wortkarg neben mir und so lag eine äußerst ruhige, wenn auch angespannte Atmosphäre in der Luft. Die alte Dame, die Liam gegenüber saß, spürte wohl dass etwas nicht stimmte, da es wirklich gespenstig ruhig war. Kein Wunder. Seit der Abfahrt dieses Zuges bekam Liam seinen Mund nicht mehr zu und jetzt… Totenstille!
Schließlich öffnete Erik seine Augen doch wieder. Offenbar hat er nur ein wenig vor sich hingedöst. Er gähnte kurz auf und sagte dann: „Ihr seid ja wieder da. Hab euch gar nicht gehört.“ Das war der endgültige Beweis dafür, dass die Stimmung im Moment alles andere als rosig war. Erik schien das auch zu merken und fragte: „Was ist los? Ist was passiert? Ihr seid beide so ruhig.“
Alles bestens.“, antwortete ich Erik lediglich, hörte daraufhin aber ein Schnaufen neben mir.
„Ah ja…“ Erik glaubte mir natürlich kein Wort. Wie auch? Ich zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und Liams Gesicht war bestimmt nicht groß anders, wenn nicht sogar miesepetriger. „Woher hast du denn das Buch auf einmal?“, fragte Erik mich und deutete auf die gebundene Ausgabe von Luisa Mayrock. „Lese ich richtig? „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“? Das ist ein sehr interessanter Titel für ein Buch.“
„Ach wirklich? Da bist du wohl der Erste der das so empfindet.“, meinte ich und erklärte ihm kurz darauf auch, woher ich das Buch so plötzlich hab. „… und dann hat sie mir das Buch überreicht, ehe sie sich von mir verabschiedete und in die entgegengesetzte Richtung davon ging.“
„Das war ja nett von ihr und hast du schon mal reingeguckt?“, fragte Erik weiter.
„Nein…, ich hatte noch nicht die Zeit dazu.“, antwortete ich ihm und rollte mit meinen Augen zu Liam, ohne dabei aber meinen Kopf zu drehen.
Erik entging meine Haltung nicht und so stellte er die unvermeidbare Frage: „Hattet ihr Streit?“
„Nein – Ja!“, antworteten Liam und ich zeitgleich. Von mir ging das Nein aus und von Liam kam das Ja. Das war das erste Mal das er wieder etwas sagte und das erste Mal das wir uns wieder in die Augen sahen. Erik hingegen war nur noch verwirrter. Ich wollte meine Antwort revidieren, doch wieder sprachen Liam und ich zeitgleich und wieder unterschiedlich: „Ja – Nein!“
„Was denn nun?“, fragte Erik uns völlig verwirrt.
Ich versuchte Ruhe zu bewahren und erklärte Erik die Situation: „Es war kein richtiger Streit. Ich habe nur etwas klar gestellt, was schon lange überfällig war. Alles gut!“
„Alles gut?!“, wiederholte Liam empört. „Wenn alles gut ist, dann möchte ich nicht wissen, was du alles als nicht gut bezeichnest!“
„Also doch ein richtiger Streit…“, meinte Erik.
„Nein – Ja!“, stießen Liam und ich erneut gleichzeitig aus, wobei das Nein von mir stammte.
„Was auch immer zwischen euch beiden vorgefallen ist, streiten tut ihr wie ein altes Ehepaar, das steht schon einmal fest.“, sagte Erik, der uns mit seinen Augen genauestens beobachtete.
„Aaaaaaah!“, stieß ich laut aus und stand kurz auf. Ich könnte schon wieder toben vor Wut, doch ich versuchte mich schnell wieder zu beruhigen und setzte mich hin, da mich die übrigen Passagiere bereits wieder beobachteten. „Wir streiten uns nicht wie ein altes Ehepaar und mein Freund ist er auch nicht. Im Moment wünschte ich mir sogar, ich hätte ihn nie kennen gelernt!“
Nun hatte ich zu viel gesagt. Liam stand von seinem Platz auf und starte mich von oben herab an. Seine Augen funkelten böse, doch konnte ich darin auch eine Spur von Traurigkeit ablesen, was mich leicht verwirrte. „Du kennst mich doch gar nicht.“, sagte Liam zu mir. „Du weißt nichts über mich, weil du viel zu sehr mit dir selber beschäftigt bist und dich einen Scheißdreck um andere Leute scherst. Ja, manchmal tust du so, als würdest du dich für sie und ihr Leben interessieren, aber das ist alles nur Fassade. Du bist ein mieser, kleiner Heuchler.“ Nach diesen Worten zog Liam in Richtung der Schlafabteile ab.
Ich saß mit offenem Mund da, denn ich konnte nicht glauben, was ich da soeben gehört hatte. Wieso fühlte ich mich nun wie der Böse und wieso fühlte ich mich schuldig? Ich blickte zu Erik, in der Hoffnung er könne mir Antworten darauf geben, doch sein Blick sagte etwas anderes. „Was?!“
„Willst du ihm nicht lieber hinterher?“, fragte Erik mich.
„Warum sollte ich?“, erwiderte ich bockig. „Er ist zu weit gegangen und nicht ich!“
„Ja… er ist ein kleiner Hitzkopf…“, pflichtete Erik mir bei und mir fiel ein Stein vom Herzen, dass er mir Recht gab, doch vermutete ich ein Aber…, „aber…“ Ich wusste es! „… so ganz Unrecht mit dem was er sagt hat er auch nicht.“ Nun starrte ich Erik mit meinem offenen Mund an. „Geh mir jetzt bitte nicht auch noch an die Gurgel, aber ich kenne dich lange genug um zu wissen, dass du ihn vermutlich nie persönliche Fragen über sein Leben gestellt hast.
So wie der gerade abgezischt ist, hab ich ehrlich gesagt Angst, dass er sich aus dem Zug stürzt.“
Unfassbar! Liam hatte es doch tatsächlich geschafft, Erik auf seine Seite zu ziehen. Ich fühlte mich von allen Seiten betrogen. „Ich hoffe du hast Recht… und er stürzt sich wirklich aus dem Zug!“

19. Ein letzter Ratschlag

„Liebe Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Frankfurt am Main Hauptbahnhof, bei dem wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Wir bedanken uns bei allen aussteigenden Fahrgästen. Bitte beehren sie uns bald wieder. Ausstieg in Fahrtrichtung links.“, hörte man die Stimme des Zugschaffners aus dem Lautsprecher.
„Jetzt geh ihm schon hinterher.“, sagte Erik erneut zu mir und mit „ihm“ meinte er natürlich keinen geringeren als Liam, der in Richtung Schlafabteile davon gezischt ist. „Steigt er hier aus?“
Nein, ich habe ihn zwar nicht gefragt, aber ich nehme an, dass er auch bis nach Rom fährt, da er wie ich ein Schlafabteil gebucht hat.“, antwortete ich Erik, noch immer mies gelaunt.
„Aha… du hast ihn nicht gefragt.“, hörte ich es aus Eriks Mund sagen und ich rollte mit den Augen.
„Ja du hast Recht. Ich hab ihm fast keine einzige persönliche Frage gestellt.“, erwiderte ich gereizt, doch Erik war nicht stolz darauf, dass er mit seiner Vermutung über mich richtig lag. Stattdessen guckte er mich wehleidig an, was mich kirre machte.
„Aber soll ich dir mal was sagen?“, setzte ich nun zum Gegenangriff an. „Ich konnte ihm doch auch nie auch nur eine einzige persönliche Frage stellen, weil diese nervige Labertasche ständig seine Goschen offen hatte!“ Bei dem Wort „Goschen“ schaute mich die alte Dame mit großen Augen an. „Entschuldigung, aber ist doch wahr.“, richtete ich meine Worte nun an sie. „Sie saßen doch andauernd hier und haben ihn auch ständig reden gehört.“
„Er ist in der Tat ein sehr gesprächiger junger Mann.“, pflichtete die alte Dame mir bei. Ich nickte ihr dankbar zu, während dieses Mal Erik an der Reihe war mit Augenverdrehen. „Doch wenn ich ihnen einen Tipp geben darf, junger Mann.“, sagte die alte Dame und ich war gespannt darauf, was sie nun zu mir sagte, da sie die ganze Fahrt über nicht auch nur ein Wort mit mir sprach. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!“
„Das ist doch schön.“, sagte ich hocherfreut. „Bestätigt nur noch mehr meine Meinung, dass ich Recht habe.
„Ist dir das so wichtig Recht zu behalten?“ fragte Erik mich und in seiner Stimme lag ein Gefühl der Enttäuschung. Plötzlich spürte ich ein ganz eigenartiges Gefühl in der Magengrube. Eigentlich war ich nie der Typ für Rechthaberei… Gehe ich vielleicht gerade zu weit? Aber Liam hat doch… Liam ist doch... Ich wollte doch einfach nur eine ruhige und entspannte Zugfahrt genießen.
„Entschuldigt ihr Lieben.“, sagte die alte Dame an mich und Erik gewandt. „Ich war noch nicht fertig. Ich sagte zwar, Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, aber man sagt auch, es ist nicht alles Gold was glänzt. Um es mit verständlicheren Worten auszudrücken: Nicht alles was auf dem ersten Blick wertvoll aussieht, ist auch wirklich wertvoll. Schweigen schön und gut, aber du musst zugeben, dass der junge Mann, der dich offenbar sehr erzürnt hat, mit seiner Art deine Reise auch unterhaltsamer gestaltete. Mir ist dieser gesprächige Junge immer noch lieber, als dieser ignorante Heini, der ständig an seinem Laptop saß und wie wild Zahlen in eine Tabelle eingab.“
Da hat sie Recht… verdammt, hab ich das gerade wirklich laut gedacht? Die alte Dame packte ihr Strickzeug zurück in ihre Handtasche und stand von ihrem Platz auf. Der Zug wurde allmählich langsamer, denn wir näherten uns dem Frankfurter Hauptbahnhof. „Was ich noch sagen wollte…“ Die gute alte Dame kam ja jetzt richtig in Fahrt. Also tot sieht definitiv anders aus. „…es gibt Menschen, die reden um des Redens Willen, es gibt aber auch Menschen die reden, damit man nicht hinter ihre Fassade geguckt. Meistens verbergen sich dahinter nämlich ganz furchtbare Dinge, die sie mit allen Mitteln zu verbergen versuchen. Ich kenne solche Menschen glaubt mir…, mein Nichtsnutz von Ehemann war genauso einer. Hat geredet wie ein Wasserfall, nur um zu vertuschen, dass er meine wertvolle Ming-Vase zertrümmert hat. Und was ist aus ihm geworden? Asche – in einer Urne – vergraben unter der Erde!“
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder verängstigt sein sollte. Hat die alte Dame ihren Ehemann aus Rache umgebracht? Wie eine Mörderin sah sie ja gerade nicht aus, aber eben solche sind es meistens in diesen schlecht gemachten Krimi-Serien. Ich und Erik tauschten kurze Blicke miteinander aus und ich wusste, dass ihm ähnliche Gedanken durch den Kopf sprangen.
„Ähm… mein Beileid.“, sagte ich schließlich zu der alten Dame, dabei versuchte ich glaubhaft rüber zu kommen. „Ich denke sie haben Recht…“ Mit Liam stimmt etwas nicht, fügte ich gedanklich hinzu.
Der Junge wird sich schon wieder einkriegen.“, mischte sich nun Herr Wimmer in das Gespräch ein, während er aufstand und seinen runden Bauch am Tisch vorbei schob. „Freunde streiten sich schon mal und unter Jungs erst recht. Du scheinst mir in Ordnung zu sein Milo, also spring über deinen Schatten und geh einen Schritt auf Liam zu. Madam, darf ich sie zur Tür begleiten?“ Herr Wimmer reichte der alten Dame seinen Arm und diese harkte sich dankbar bei ihm ein. „Ich muss hier auch raus, denn ich werde erwartet.“, sagte Herr Wimmer nervös zu mir. „Ich wünsch euch noch eine gute Reise und vertragt euch bitte wieder. Auf der Welt gibt es bereits genug Hass und Zwietracht.“
Herr Wimmer und die alte Dame schritten davon und ich blickte ihnen wehmütig hinterher.
Herr Wimmer war ein wirklich sehr netter Mann und ich wünschte ihm nur alles erdenklich Gute. Auch er hatte einst einen Fehler begangen, diesen aber eingesehen und sich bei seiner Tochter entschuldigt. Die alte Dame hatte sich zuletzt auch als sehr nett, wenn auch etwas schräg, herausgestellt. Wohin sie auch gehen mag, ich hoffte dass sie noch viele dieser Reisen bestreiten konnte.
Der Zug kam zum Stillstand und ich konnte einen Blick auf den Bahnsteig werfen. Am Gleis gegenüber stand ein ICE der deutschen Bahn. Auf der Anzeigetafel konnte ich ablesen, dass dieser Zug nach München fuhr. Auch einen Blick auf die Uhr am Bahnsteig konnte ich erhaschen: Es war viertel vor Drei. Inzwischen war ich bereits über vier Stunden unterwegs. Die Fahrgäste unseres Zuges stiegen nacheinander aus. Einige waren vollgepackt mit Koffern, andere wiederum trugen nur eine Handtasche oder einen Rucksack bei sich. Herr Wimmer half der alten Dame galant die Stufen aus dem Zug hinunter und sie kam wohlbehalten am Boden an. Danach warf er mir noch einen letzten Blick zu und winkte mir zum Abschied, ehe er den Bahnsteig entlangging, an dessen Ende bereits seine Tochter auf ihn wartete, die er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte. Viele Jahre waren vergangen, bis Herr Wimmer begriff, was er seiner Tochter angetan hatte und trotzdem hat sie ihm verziehen. Überglücklich konnten sie sich in die Arme nehmen und aussprechen. Nun konnte er auch auf die Hochzeit seiner Tochter und deren Verlobten.

geschrieben von skystar 2014

3. Abschnitt: Bis Bern - Schwangere Frauen und kleine Quälgeister

Liam ist spurlos verschwunden. In der Zwischenzeit lernen Milo und Erik die schwangere Katharina kennen und ein kleiner Junge sorgt für reichlich Trubel. Als Milo Liam dann bei einem halbnackten Jungen in einem anderen Schlafabteil vorfindet, ist das Chaos perfekt und es kommt zu einer brenzligen Situation in einem abgeriegelten Raum [...]

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