Die Zufgahrt meines Lebens

1. Die Reise beginnt

Ich blickte noch einmal in meinen vollgepackten Koffer und kontrollierte, ob ich auch nichts vergessen hatte. Von der Kleidung zu den Körperpflegeprodukten bis hin zu meinem Tablet und meinem Mp3-Player. Nachdem alles meinen Augen zur Kontrolle fiel, klappte ich meinen Koffer zu und schloss ihn mit Müh und Not. Vermutlich würde mir alles entgegen springen, wenn ich ihn in vierundzwanzig Stunden wieder öffnete, aber das darf dann mein Freund übernehmen. Der freut sich, wenn ihm meine Boxershorts ins Gesicht fliegen. Sollten es jedoch meine Socken sein, die ihm unter die Nase kommen, kann er froh sein, dass sie frisch gewaschen sind.
Ich stolzierte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und stellte meinen schweren Koffer neben meinen bereits bereitgestellten Schuhen ab. Meine Mutter kam mir etwas wehmütig aus der Küche entgegen und trug meinen Rucksack bei sich, indem sich noch allerhand Verpflegung für meine bevorstehende Reise befand. „Ich vermiss dich jetzt schon mein Engel!“, sagte sie traurig, aber mit einem Lächeln im Gesicht, zu mir und drückte mich dabei noch einmal ganz fest an ihre Brust. Das war mir natürlich etwas unangenehm, schließlich war ich mit meinen siebzehn Jahren kein kleines Kind mehr, aber es sah mich ja keiner, also ging das schon in Ordnung. Hätte sie das in der Schule mit mir gemacht, wäre ich jetzt wieder das Gespött meiner Mitschüler und sie würden mich lachend „Muttersöhnchen“ rufen, aber es waren Sommerferien und heute begann für mich eine tolle Reise.
In einer knappen halben Stunde ging mein Zug vom Berliner Hauptbahnhof weg. Mein Reiseziel: Das legendäre Rom in Italien! Denn dort lebte mein italienischer Freund zusammen mit seiner Familie. Ich hab ihn nun schon seit den Osterferien nicht mehr gesehen. Damals war er bei uns zu Besuch und nun würde ich ihn für drei hoffentlich herausragende Wochen besuchen. Ich freute mich schon sehr darauf ihn endlich wieder in meinen Armen zu halten und ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Mit dem Internet kann man heutzutage ja vieles anstellen – chatten, camen – aber nicht die gegenüberliegende Person in den Arm nehmen. Mein Herz kribbelte schon wie wild, dabei würde ich meinen Freund erst morgen sehen, da ich fast vierundzwanzig Stunden mit dem Zug unterwegs war. Eine lange Reise und mir taten meine Pobacken von dem ewig langen Sitzen jetzt schon weh.
Mein Vater kam in den Flur geschlürft und fragte mich ob ich startklar sei. Ich antwortete ihm mit einem knappen Ja und konnte es nicht verhindern, dass meine Mutter mich noch einmal in ihre Arme zog. Mein Vater ging inzwischen schon einmal zur Haustür raus und lud meinen vollgepackten und gefühlten zehn Elefanten schweren Koffer in den Kofferraum ein. „Hast du dein Zimmer leergeräumt, oder sind das Ziegelsteine?“, fragte er mich hinterher etwas schwer atmend.
Ich grinste nur breit und blieb ihm die Antwort schuldig. Als wir ins Auto stiegen und aus der Einfahrt fuhren, winkte mir meine Mutter von der Haustür noch einmal hinterher. Ich winkte zurück und blickte ihr nach, bis das Auto um eine Ecke bog und ich sie nicht mehr sah. Zum Bahnhof waren es etwa zehn Minuten mit dem Auto. Genug Zeit, dass mein Vater mir noch einmal Ratschläge gab und mir zur Vorsicht mahnte. Wäre vollkommen in Ordnung, wenn er mir das Alles nicht gestern schon beim Abendessen vorkaute. „Und vertrau keinen fremden Menschen, sprich nicht einmal mit ihnen, das wird das Beste sein!“, riet er mir zur Vorsicht und ich rollte mit meinen Augen.
„Dad, ich bin kein Baby mehr.“, entgegnete ich nach einer Weile, als er auch noch meinte, ich solle nichts Unbedachtes anstellen – in Bezug auf meinen Freund, wenn ihr wisst was ich meine.
Ich war froh, als wir endlich am Bahnhof ankamen und es sich nur noch um Minuten handelte, bis ich im Zug nach Rom saß. Der Bahnhof war gerammelt voll – verständlich, in den Sommerferien. Mein Vater und ich kämpften uns durch eine Gruppe von japanischen Touristen, die es sogar für nötig hielten, einen deutschen Mülleimer zu fotografieren und kamen kurze Zeit später am Bahnsteig an, von dem mein Zug weg fuhr. Der Zug stand bereits da und viele Fahrgäste stiegen ein. In fünf Minuten war Abfahrt. „Also dann.“, sagte ich schließlich zu meinem Dad und überlegte kurz ob er mich zum Abschied auch in den Arm nahm, aber er war ein Mann…, ich war ein Mann… Männer umarmen sich nicht, das ist sowas von uncool! Zumindest keine Hetero-Männer…
„Pass auf dich auf, melde dich kurz wenn du angekommen bist und schick uns eine Postkarte, auf dem das Kolosseum zu sehen ist.“, sagte er nur zu mir, nachdem er mir dabei half, meinen Koffer in den Zug zu lupfen, während mein Rucksack auf meinem Rücken baumelte.
„Werde ich, versprochen!“, rief ich ihm zu, gerade als der Pfiff einer Trillerpfeife ertönte, gefolgt vom lauten Zuschlagen aller Waggontüren. Ich starrte durch das Türfenster zu meinem Vater, der mir ein letztes Mal lächelnd entgegen winkte. Der Zug setzte sich in Bewegung und verließ mit langsamer Geschwindigkeit den Berliner Hauptbahnhof.

2. Mein Sitz-und Schlafplatz

Der Zug ließ den Berliner Hauptbahnhof hinter sich und fuhr mit langsamer Anfangsgeschwindigkeit Richtung Süden. Ich stand mir die Beine in den Bauch, also beschloss ich, mich endlich auf die Suche nach meinem reservierten Abteil zu begeben. Zum Glück waren die einzelnen Abteiltüren mit Automatik versehen und öffneten sich, sobald man in ihre Nähe kam. Es wäre für mich nämlich etwas mühselig gewesen, jedes Mal meinen schweren Koffer abzustellen, wenn ich an einer Abteiltür ankam. So ging die Tür automatisch auf und ich kam in ein gewöhnliches, aber sehr stickiges Abteil, dass überfüllt mit Reisenden war, die entweder versuchten ihr Gepäck in den oben angebrachten Ablageflächen zu verstauen, oder versuchten sich durch das Gedränge der Menschen durch zu kämpfen. Mir kam sofort ein gut beleibter Herr entgegen, der ein dunkeltürkises Shirt und einen Strohhut auf dem Kopf trug. Der Schweiß tropfte regelrecht von seiner Stirn und seine feuchten Achseln waren auch nicht unbedingt der schönste Anblick. Das Schlimmste jedoch war der Geruch, der von ihm ausging. Er roch nach faulen Eiern und ich wünschte ich könnte mir die Nase zuhalten. Der Mann wollte an mir vorbei und ich war erleichtert, dass er offenbar in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war. Mir tat die Person jetzt schon leid, die sich ein Abteil mit ihm teilen musste. Irgendwie gelang es uns, an dem jeweils anderen vorbei zu huschen, was im Anbetracht seines massiven Körpers kein leichtes Unterfangen war und ich konnte mich weiter durch das Abteil kämpfen. Als nächstes kreuzte sich mein Weg mit einer jungen Frau mit Pferdeschwanz. Sie lächelte mir freundlich zu und ich konnte es in ihrem Gesicht ablesen, dass sie auch heilfroh war, wenn sie ihren Sitzplatz fand. Mein Sitzplatz befand sich am anderen Ende des Abteils und nachdem ich mich weiter durchs Abteil kämpfte, kam ich dort glücklich und wohlbehalten an. Allerdings handelte es sich hierbei nur um meinen Sitzplatz. Da ich über vierundzwanzig Stunden unterwegs war, war bei meiner Reservierung ein Schlafplatz inklusive dabei – und den durfte ich mir nun auch noch suchen. Da hier allerdings immer noch Leute herumschwirrten, saß ich mich erst einmal auf meinen Platz am Fenster. Es war ein Vierer-Platz samt Tisch in der Mitte und mir gegenüber saß ein schnieker Mann, der gerade dabei war seinen Laptop aus der Tasche herauszuziehen und sich auf dem Tisch breit zu machen. Neben ihm saß eine ältere Dame und ich rechnete schon damit, dass sie zugleich ihr Strickzeug hervorzog, doch wurde ich eines Besseren belehrt, als sie einfach nur ihre Augen schloss und vor sich hindöste. Ich beschloss es ihr in etwa gleich zu tun, lehnte mich an die Fensterscheibe und blickte wortlos aus dem Fenster. Während der Zug seinen weiten Weg fortsetzte, zogen Häuser und Bäume an mir vorbei. Wir befanden uns zwar immer noch in Berlin, aber schon ziemlich außerhalb des Zentrums und nachdem es ein wenig ruhiger im Abteil wurde, beschloss ich nach meinem Schlafplatz zu suchen. Der Sitz neben mir war noch immer frei, trotz der Anzeigetafel, dass hier reserviert sei. Wer sich da wohl noch neben mir setzte? Ob dieselbe Person auch in meinem Schlafabteil nächtigte? Solange diese Person nicht schnarcht ist mir alles recht. Es genügt mir schon, dass mein Freund aus Italien hin und wieder im Schlaf Bäume zu Fall bringt. In dieser Hinsicht bin ich leider ziemlich empfindlich und kann dann oftmals nicht weiter schlafen. Erst ein Stups nach meinem Freund, bringt ihn zum Schweigen und ich kann wieder in Ruhe weiter schlafen.
Die Suche nach meinem Schlafplatz ereignete sich zum Glück als weitaus weniger problematisch, als die Suche nach meinem Sitzplatz. Bereits nach zwanzig Sekunden stand ich vor dem Abteil mit meiner Reservierungs-Nummer. Ich öffnete die Tür und erspähte zugleich ein Stockbett, samt meinen „Mitbewohner“ für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Ich war überrascht und erleichtert zugleich, denn es war weder eine Frau, noch ein alter Mann, noch so ein Freak, die einem sonst so überall begegnen. Tatsächlich war es ein Junge der nicht viel älter als ich sein durfte. Er besaß dunkelbraunes Haar und blaugraue Augen. Ich mit meinen blonden Haaren und grünen Augen bildete dazu einen guten Kontrast. Ich begrüßte ihn erst einmal freundlich und streckte ihm meine Hand entgegen. Ich verbringe mit dieser Person schließlich viel Zeit in diesem Zug. „Guten Tag! Ich glaube, dass wir uns dieses Abteil teilen müssen.“
Der fremde Junge starrte mich etwas eigenartig an und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches oder Dummes von mir gegeben hätte, da dies bei recht häufig der Fall war. „Du glaubst? Check lieber noch einmal dein Ticket, sonst könntest du das am Ende noch bereuen.“, meinte der Junge zu mir und zwinkerte mir dabei verschmitzt zu, was mich etwas aus der Fassung brachte.
„Äh… also, eigentlich bin ich mir schon sicher, dass dies auch mein Abteil ist.“, erwiderte ich daraufhin.
„Wenn das so ist.“ Der Junge streckte mir nun ebenfalls seine Hand entgegen, packte kräftig zu und wir schüttelten uns die Hände. Dann sagte der Junge allerdings etwas, was mich wirklich aus der Fassung brachte: „Na sieh mal einer an. Das muss mein Glückstag sein. Du bist schwul!“

3. Freut mich dich kennen zu lernen „Mitbewohner“

„W-Was?“, brachte ich nur stotternd aus meinem Mund heraus. Meine Augen weiteten sich vor Schreck, denn mir war nicht bewusst, dass ich irgendwelche Anzeichen machte, schwul zu sein. Mit dieser Aussage brachte mich der fremde Junge nun völlig aus der Fassung. Wer ist dieser Kerl?
„Ich habe gesagt, dass heute mein Glückstag zu sein scheint, da du ganz offensichtlich schwul bist.“, entgegnete mir der Junge voller Selbstbewusstsein.
Und wie kommst du zu dieser Annahme?“, fragte ich ihn daraufhin.
Dem Jungen entfiel ein Lächeln, ehe er mit der Sprache rausrückte: „Also erst einmal hast du einen ziemlich sanften Händedruck. Dieses Indiz trifft recht häufig auf Homosexuelle zu, aber das allein reicht natürlich noch nicht, um jemanden als so einen zu enttarnen. Da spricht dein Verhalten, seitdem du dieses Abteil betreten hast, schon mehr Bände.“ Ich blickte ihn wortlos an, wusste aber genau was er meinte. Mir war mein Verhalten ihm gegenüber plötzlich peinlich, aber daran war nur er schuld! „Seitdem du dieses Abteil betreten hast, waren deine Augen auf meinem Oberkörper gerichtet. Vielleicht klopfst du das nächste Mal vorher an, wenn du mich nicht beim Umziehen erwischen willst, aber ich gebe gerne zu, dass mein heißer Body unwiderstehlich ist.“
Ich wurde knallrot im Gesicht. Dieser Moment war mir wirklich außerordentlich peinlich. Ich versuchte stark zu bleiben und ihm etwas entgegen zu setzen: „Wieso ziehst du dich überhaupt am helllichten Tag in einem Zug um? Hattest du keine Zeit mehr, dies bei dir zuhause zu erledigen?“
„Doch natürlich, aber ich war verschwitzt und alles und ich wollte meinem „Mitbewohner“ nicht den miefigen Schweißgeruch meiner Achseln zumuten.“ Na wenigstens spricht er dieselbe Sprache wie ich, dachte ich mir, während ich inständig hoffte, dass er sich endlich wieder was drüber zog.
„Könntest du vielleicht…“, bat ich ihn und versuchte zwanghaft wegzusehen.
„Was? Könntest du deinen Satz vielleicht auch beenden, oder soll ich raten? Soll ich mir etwas überziehen, oder möchtest du dass ich mir meine Hose auch noch ausziehe? Versteh mich nicht falsch, aber ich steh nicht so auf Sex beim ersten Date… wobei das hier nicht einmal ein Date ist…“
Der Junge macht mich wahnsinnig! „Könntest du dir bitte etwas überziehen!“, rief ich ihm nun lautstark entgegen.
„Jaja, schon gut Kleiner.“, sagte der Junge, der sich daraufhin ein Tank Top überzog, wodurch ich seine athletischen Oberarme immer noch erkennen konnte. „Übrigens sieht dein Koffer sehr schwer aus. Soll ich dir helfen ihn hier rein zu lupfen, oder schaffst du das alleine?“
„Schon gut, die paar Zentimeter kriege ich gerade noch alleine zustande.“, antwortete ich ihm ein wenig bockig, dabei hatte ich keinerlei Grund dazu. Schließlich war er so freundlich mir seine Hilfe anzubieten. Doch schien es mein Schicksal zu sein, mich weiter vor ihm zum Deppen zu machen, denn ich stolperte versehentlich über meine eigenen Füße, ließ den Koffer zu Boden fallen und fiel im Anschluss daran über den Koffer drüber und landete auf allen Vieren zu den Füßen des Jungen. Dabei fiel mir sein braungebrannter Hautton auf, da er wie ich Sandalen trug. Natürlich ließ er sich wieder zu einer Bemerkung hinreißen. „Suchst du da unten nach Ameisen? Ich glaube die gibt es hier im Zug nicht, aber bei deinem Geschick schaffst du es sicherlich, auch noch aus dem Zug zu fliegen.“ Ich stand hastig vom Boden wieder auf und schlug dabei die reichende Hand des Jungen aus. Komischer Typ… einerseits ist er so freundlich und im nächsten Moment macht er sich wieder lustig über mich. „Nur damit das klar ist…“, sagte der Junge kurz darauf, „…ich schlafe oben. Ich schlafe immer oben - ob nun alleine, oder zu zweit, wenn du verstehst.“ Der Junge lachte und warf seinen Rucksack aufs obere Bett. „Hier ist es zwar etwas eng, aber dann wird es dafür umso kuschliger. Was denkst du?!“
„Schlussfolgere ich richtig, dass du auch schwul bist?“, fragte ich den Jungen daraufhin. „Hab ich deine Hand wie eine Pussy gedrückt? Nein! Hab ich dir die ganze Zeit auf deinen nicht vorhandenen Sixpack gestarrt? Nein! Wieso zum Geier sollte ich also schwul sein?“, antwortete der Junge mir und seine Argumentationen wären stichhaltig, hätte er nicht auch einen groben Schnitzer begangen.
„Darf ich dich dann daran erinnern, dass du kurz bevor du mich auf meine Orientierung hingewiesen hast, von deinem Glückstag sprachst.“, sagte ich nun grinsend zu ihm. „Ach das…“, sagte der Junge und erstmals schien er nach Worten zu suchen. „Vielleicht war das ironisch gemeint. Daran schon gedacht? Vielleicht gehöre ich zu einer Anti-Schwulen-Bewegung.“
„Ja klar und ich bin der Weihnachtsmann.“, entgegnete ich lauthals lachend.
„Darüber macht man keine Witze!“, schrie mich der Junge nun an und für einen kurzen Moment bekam ich Angst vor ihm und trat ein Schritt zurück. „Der Weihnachtsmann ist ein feiner alter Mann und du solltest ihm Respekt zollen, dass er sich in seinem Alter noch jedes Jahr durch den Kamin zwängt, um dir Geschenke unter den Christbaum zu legen.“, erklärte der Junge mir. Meine Angst wich der totalen Verwunderung. Glaubt der Junge etwa diesen Käse den er von sich gab? Der Junge blickte mich böse funkelnd an, doch kurze Zeit später konnte er sich das Lachen nicht mehr verkneifen und sagte: „Das war Spaß! Glaub doch nicht jeden Scheiß den ich dir erzähle. Ich bin etwas abgedreht und aufgeregt, das ist alles. Übrigens: Ich heiße Liam und wie heißt du?!“
Eindeutig ein komischer Typ, aber ich bin ja flexibel und stell mich mal auf eine verrückte Zugfahrt mit diesem Kerl ein. „Hallo Liam, ich heiße Milo!“

4. Konfrontation am Sitzplatz

Es war ein ziemlich chaotischer Beginn meiner vierundzwanzig Stunden Zugfahrt, aber ich war optimistisch, dass es ab sofort etwas ruhiger wurde. „Du heißt Milo? Das ist mir zu lang. Ich werde dich einfach nur Lolo nennen, okay?“, meinte Liam zu mir, als ich ihm meinen Namen nannte. Wie gesagt: Ich bin optimistisch, dass es nun ruhiger wird!
Liam und ich kehrten in das Abteil mit den Sitzplätzen zurück und ich setzte mich wieder ans Fenster. Der schnieke Mann von gegenüber saß noch immer an seinen Laptop und tippte eifrig in die Tasten. Solange er das nicht die ganze Zugfahrt über machte, ging das für mich in Ordnung. Da hörte ich ein Lispeln im rechten Ohr und ich zuckte ein wenig zurück. Es war Liam, der mir etwas ins Ohr flüsterte: „Sag mal, glaubst du das die alte Frau da noch atmet?“ Obwohl ich seine Frage mehr als unpassend fand, ließ ich es mir nicht nehmen, einen kurzen Blick auf die alte Dame zu werfen, die mir schräg gegenüber saß. Bevor ich auf die Suche nach meinem Schlafplatz ging, hatte sie ihre Augen geschlossen und vor sich hingedöst, doch nun schien sie nicht einmal mehr zu atmen. Ihr Körper bewegte sich nicht und aus ihrem Mund strömte auch kein leichter Atemzug. Die Frau war doch nicht wirklich im Schlaf gestorben…, oder doch? Liam streckte seinen rechten Arm nach der alten Dame aus und spitze seinen Zeigefinger. Vermutlich wollte er die alte Dame im Gesicht anstupsen. Ich spürte bereits den fragwürdigen Blick des schnieken Mannes, der mir gegenüber saß und mich und Liam aus den Augenwinkeln heraus musterte. Liams Zeigefinger war nur noch eine Fingerspitze weit weg vom Gesicht der alten Dame. Jeden Augenblick würde er sie berühren und dann würden wir erfahren, ob sie noch unter den Lebenden weilte. Eine komische Situation. Noch komischer wurde es, als die alte Dame unerwartet zu Grunzen anfing, Liam erschreckt seine Hand zurückzog und es mich halb vom Sitz lupfte. Was für eine Schreckenssekunde, aber immerhin lebte die alte Dame noch.
Der schnieke Mann versteckte seinen Kopf zwar hinter seinem Laptop, dennoch konnte ich erkennen, wie er uns spöttisch auslachte und dabei den Kopf schüttelte. Liam sah das offenbar gar nicht gern und sprach den Mann nun an: „Haben sie ein Problem, Mister?“ Der Mann beachtete ihn gar nicht und tippte weiter eifrig in seine Tasten. In Liams Augen konnte ich ablesen, dass er das als Provokation empfand. Merkwürdig. Obwohl ich Liam erst seit einer halben Stunde kannte, wusste ich bereits was in seinem Kopf ungefähr vorging. Doch gegen alle Erwartungen blieb Liam ausgesprochen ruhig und streckte dem Mann sogar seine Hand entgegen. „Guten Tag. Dürfte ich ihren Namen erfahren?“ Wieder beachtete der Mann ihn nicht und in Liam fing es allmählich an zu brodeln. Ich wusste, dass das kein gutes Ende nahm „Hören sie schlecht?“, fragte Liam den Mann nun gereizt. „Haben sie wenigstens so viel Anstand, um mir ihren Namen zu nennen. Ignorieren sie mich nicht!“
Liams Worte zeigten nur bedingt Wirkung, denn der Mann blickte nur kurz zu ihm rüber, ehe er sich wieder seiner Arbeit am Laptop widmete. Für Liam war das zu viel. Er stand von seinem Sitzplatz auf und klappte den Laptop des Mannes mit seinen beiden Händen zu. Der Mann versuchte seine Hände noch zeitig rauszuziehen, doch gelang ihm das nur mit einer Hand. Die andere Hand wurde eingeklemmt und der Mann jaulte auf vor Schmerz. „Bist du verrückt geworden?!“, schrie der Mann ihn an und stand nun ebenfalls von seinem Platz auf. Sein hervorgegangener Schrei erweckte auch die alte Dame aus ihrem tiefen Schlaf. Etwas schlaftrunken, blickte sie zuerst zu dem Mann und dann zu Liam, die sich nun böse funkelnd anstarrten. Die Konfrontation schien unausweichlich.
„Kann ich vielleicht helfen?“, fragte ein maskuliner Mann, der sich nun ebenfalls von seinem Sitzplatz erhob. Sein Platz war ein Vierer-Platz weiter und zum Gang hin. Er blickte zu den beiden Streithähnen und versprühte dabei eine machtvolle Aura. „Ich bin Polizist. Hier ist meine Dienstmarke. Wenn sie sich prügeln wollen, nur zu, aber dann werde ich persönlich dafür Sorge tragen, dass sie diesen Zug nicht ohne eine Anzeige verlassen werden.“
Der schnieke Mann setzte sich wortlos, aber innerlich kochend wieder auf seinen Platz. Lediglich Liam blieb stehen und blickte diesmal den Polizisten herausfordernd an. Bin ich hier eigentlich im Kindergarten? Ich umschlang mit meiner Hand Liams linken Arm und versuchte ihn wieder auf seinen Platz zu zerren. „Jetzt lass es schon gut sein. Das muss doch wirklich nicht sein.“, sagte ich zu ihm.
Liam ließ sich schließlich widerwillig auf seinen Platz nieder. Er und der schnieke Mann wichen jedem weiteren Augenkontakt aus. Ich blickte zu dem Polizisten und bedankte mich bei ihm mit einem freundlichen Nicken. Der Polizist setzte sich ebenfalls wieder auf seinen Platz und ich stieß einen leisen Seufzer aus. Die Zugfahrt ist alles andere als langweilig und mit jeder Sekunde wich mein Optimismus, dass es hier noch ruhiger zugehen würde.

5. Fahrkartenkontrolle!

Nach der kindischen Konfrontation zwischen Liam und diesem schnieken Mann kehrte fürs Erste – und zu meiner großen Erleichterung – Ruhe in das Abteil ein. Ich traute allerdings meinen Augen kaum, als die alte Dame, die sich danach kurz in ihr Schlafabteil zurückzog, mit Wollknäuel und Strickzeug zurückkehrte. War meine Vermutung zu Beginn der Reise also doch richtig.
Ich schaute mich ein wenig im Zugabteil um. Auf der anderen Fensterseite saßen ebenfalls vier Personen. Ein junger Mann und eine junge Frau, die offensichtlich gemeinsam auf Reise waren, ein Mann so geschätzt um die Mitte Fünfzig und ein etwas älterer Junge. Der Junge trug kurze Shorts und ein rotes Shirt. Sein braunes Haar war inzwischen so lang, dass ihm ein Scheitel ins Gesicht hing und er diesen immer wieder mit seiner Hand ein wenig zur Seite schob. Seine Füße waren ständig in Bewegung und er blickte sich etwas unruhig im Abteil um. Irgendetwas schien ihn nervös zu machen.
Auf einmal stand Liam von seinem Sitzplatz auf. „Ich geh mal kurz auf die Toilette. Bin gleich wieder da.“, sagte er zu mir und schritt in Richtung Schlafabteile davon.
Mir stand noch eine lange Fahrt bevor. Ich nutzte die Gelegenheit um meine Gliedmaßen zu strecken, als die Tür zum Zugabteil aufsprang und ein Mitarbeiter der Bahn herein stolziert kam. „Fahrkartenkontrolle!“, stieß er laut aus, damit es auch jeder im Abteil vernahm und sein Zugticket bereithielt. Ich holte also meinen Rucksack von der Gepäckablage herunter und zog mein Ticket hervor, das ich vorsichtshalber in einer Klarsichtfolie aufbewahrte, damit keine Flecken drauf kamen.
Als ich mich wieder auf meinen Platz niederließ, wanderte mein Blick wieder zu dem Jungen mit dem Scheitel im Gesicht. Er war kreidebleich im Gesicht und Schweiß tropfte von seiner Stirn. Seine vorherige Nervosität wich einer innerlichen Panik. Ich hatte eine starke Vermutung, was der Grund dafür sei und beobachtete das bevorstehende Dilemma mit regem Interesse.
Der Mitarbeiter der Bahn kontrollierte jedes einzelne Ticket der Fahrgäste, als ein Signal aus dem Lautsprecher ertönte, gefolgt von der Stimme des Zugschaffners. „Liebe Fahrgäste. In Kürze erreichen wir Leipzig Hauptbahnhof, bei dem wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Wir bedanken uns bei allen aussteigenden Fahrgästen. Bitte beehren sie uns bald wieder. Ausstieg ist dann in Fahrtrichtung links.“ Der Lautsprecher verstummte wieder.
Der Kontrolleur trat nun an meinem Sitzplatz und ich reichte ihm mein Ticket ohne Aufforderung. Während er mein Ticket genauestens musterte, fiel mir ein, dass Liam noch nicht zurückgekehrt war. Naja, er und der Kontrolleur würden sich schon noch über den Weg laufen. Ich erhielt mein einwandfreies Ticket zurück und der schnieke Mann war als Nächstes an der Reihe. Selbstverständlich hatte er sein Ticket nicht auf Papier, sondern in seinem Handy gespeichert. Mit der „DB Navigator App“ war dies in der heutigen Zeit kein Einzelfall mehr. Die Sache zögerte sich hinaus und ich konnte sehen wie der Junge mit dem Haarscheitel nervös zur Tür blickte. Es war offensichtlich dass er in diesem Zug ohne Ticket mitfuhr. Der Zug wurde allmählich langsamer und es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis der Zug am Leipziger Hauptbahnhof ankam.
Inzwischen kontrollierte der Kontrolleur das Zugticket der alten Dame, die ihr Strickzeug einstweilen auf dem Tisch neben dem Laptop des schnieken Mannes ablegte. Vergangenheit und Zukunft prallten hier aufeinander. „Verzeihen sie, aber auf meine alten Tage höre ich leider nicht mehr so gut. Wie heißt die nächste Haltestation noch einmal?“, fragte sie den Kontrolleur.
„Leipzig.“, antwortete der Kontrolleur ihr kurz und bündig. Er wollte sich gerade zu dem Jungen mit dem Haarscheitel umdrehen, als die alte Dame ihm eine weitere Frage stellte. Der Junge atmete kurz erleichtert aus, da der Zug noch immer in Bewegung war. Ich fand das ungeheuer spannend!
„Dieser Zug hält aber schon auch in Frankfurt am Main oder?“, fragte die alte Dame.
„Natürlich.“, antwortete der Kontrolleur ihr wieder. „Sie können die Haltestellen unseres Zuges übrigens auch in dem Fahrplan-Prospekt entnehmen, der sich an ihrem Sitz befindet.“, fügte er noch hinzu und deutete auf den Prospekt. Ich fand, dass er ein wenig unfreundlich rüber kam, aber der Schein konnte auch trügen, da er auch im Gesamteindruck eher grimmig drein sah.
Der Zug wurde von Sekunde zu Sekunde langsamer. Der Kontrolleur hatte nur noch die vier Personen auf der anderen Fensterseite zu kontrollieren – darunter der in Panik geratene Junge. Er war auf jeden Fall nicht dumm, denn er tat so, als würde er immer noch in seiner Tasche nach dem Ticket suchen. Inzwischen kontrollierte der Kontrolleur die Tickets der anderen Reisenden und der Junge konnte das Unvermeidliche hinausschieben. Doch dann endlich war auch er an der Reihe! „I-Ich suche noch… ei-einen Moment bitte.“, bat er den Kontrolleur mit zittriger Stimme. Der Mann starrte ihn von oben herab skeptisch an, als der Zug endlich zum Stillstand kam.
Dann ging alles furchtbar schnell. Der Junge sprang wie vom Blitz getroffen von seinem Platz auf, rempelte den Kontrolleur an und flitze den Gang entlang in Richtung Ausgang. „Halt! Sofort stehen bleiben!“, schrie der Kontrolleur und rannte ihm fuchsteufelswild hinterher. Es war eine große Aufregung und nun wandten sich ohne Ausnahme alle Fahrgäste dieses Abteils dem Spektakel zu. Der Junge sprang aus dem Zug, der Kontrolleur hinterher, dann verschwanden beide aus meinem Blickfeld. Leider erfuhr ich somit auch nie, ob der Junge dem Kontrolleur auch wirklich entwischte. Der Polizist, der vorhin den Streit zwischen Liam und dem schnieken Mann ein jähes Ende bereitete, stand ebenfalls auf und verließ für wenige Sekunden den Zug, um nach dem Rechten zu sehen. Nach etwa fünf Minuten setzte sich der Zug wieder in Bewegung und verließ den Hauptbahnhof von Leipzig. Aus meinem Gedächtnis vollkommen gelöscht, tauchte auf einmal auch Liam wieder auf. Er ließ sich auf seinen Platz nieder und fragte mich: „Sorry, hatte Verstopfung. Hab ich was verpasst?“

6. Die Geschichte hinter dem Song

Ich berichtete Liam, was er alles in der Zeit verpasst hatte, in der er mit einer Verstopfung auf der Toilette saß. Zu meiner Verblüffung war er stinksauer und haute einmal kräftig auf den Tisch. Dabei kam der Laptop ins Wanken und der schnieke Mann warf Liam einen bösen Blick zu. Er sagte aber kein Wort, da er wohl keine Lust auf eine weitere Konfrontation mit ihm hatte. „Da ist man mal für eine Minute fort und schon findet hier eine Actionshow statt.“, beschwerte Liam sich lauthals.
Bisher hielt ich Liam ja für ein klein wenig irre, aber inzwischen war ich mir sicher, dass er wirklich durchgeknallt war! „Glaub mir, so spannend war es am Ende gar nicht.“, erklärte ich ihm. „Ich werde jetzt ein wenig Musik hören, um mich ein wenig zu entspannen.“
„Bin ich für dich keine Entspannung?“, fragte Liam mich und sein Mund stand erschrocken offen.
Ich musste lächeln und formte die Wahrheit schonend um. „Mit dir hier meine Zeit zu verbringen ist schön, aber ich benötige ein bisschen Zeit für mich und die Zugfahrt geht ja noch eine ganze Weile.“
„Eben. Der Zug hat noch eine lange Fahrt vor sich. Musik hören kannst du doch später auch noch. Jetzt unterhalte mich!“, meinte Liam frech zu mir.
Ich lächelte Liam an, aber auch meine Nettigkeit hatte seine Grenzen. „Liam… du bist ein lieber Kerl, aber wenn du mir weiterhin auf den Sack gehst, stopf ich dir dein vorlautes Mundwerk mit dem Wollknäuel dieser alten Dame.“ Nach diesen Worten war Liam erstmals sprachlos und ich drehte ihm erfreut den Rücken zu. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und drehte meinen Mp3-Player laut auf. Die Musik dröhnte in meine Ohren, indessen ich zum Fenster hinaus blickte und die Natur bestaunte. Felder, Flüsse, Bäume, Straßen, Autos und Häuser zogen an meinen Augen vorbei, während ich mich von der Musik mitreißen ließ und es mich in meine eigene Traumwelt riss.
Plötzlich zog mir jemand den rechten Hörer aus dem Ohr und als ich mich umdrehte, steckte sich Liam gerade meinen Hörer in sein linkes Ohr. „Hey, was soll denn das?!“, fragte ich ihn genervt.
„Mir ist langweilig, also will ich wissen, was für Schnulzen-Musik du so hörst.“, erklärte er mir. Schnulzen-Musik? Hat dieser freche Kerl gerade allen Ernstes mein Musikgeschmack beleidigt? Das was er da hörte dürfte seine Meinung von mir allerdings grundlegend ändern. „Oha…“, hörte ich aus seinem Munde und danach eine ganze Weile nichts mehr. Bis zum Ende des Songs sagte er keinen Ton mehr. Er hörte genüsslich zu und erst als der Song zu Ende war, wandte er sich mir wieder zu und sagte: „Du hast ja sogar Geschmack. Green Day mit ''Boulevard Of Broken Dreams'' ist zumindest nicht schlecht.“
Sollte ich mich jetzt für seine netten Worte etwa bedanken? Eigentlich hatte er gar kein Recht dazu, diese Musik zu hören, schließlich ist das mein Kopfhörer. Okay… ich klinge gerade ein wenig zickig, aber das ist reine Kopfsache. Allerdings wurde ich knallrot im Gesicht, als der nächste Song abgespielt wurde, von dem ich dachte, dass er erst sehr viel später an der Reihe kam. Ich versuchte schnell die Stopp-Taste zu drücken, doch durch meine hektischen Bewegungen fiel mir mein Mp3-Player zu Boden und unter meinen Sitz. Ich versuchte ihn schnell wieder rauf zu ziehen, indem ich am Kabel zog, doch dabei verhedderte sich mein Mp3-Player an meinem Rucksack. Ich fluchte innerlich über meine Schusseligkeit. Inzwischen hörte sich Liam den Song an und in seinem Gesicht bildete sich ein immer größer werdendes Grinsen. „Nein, das darfst du nicht hören, verdammt noch mal!“
Mami, der Junge dort hinten hat gerade geflucht, aber ich dachte das darf man nicht.“, hörte ich ein kleines Mädchen ein paar Plätze weiter vorne sagen, was mich zu einem weiteren Fluchwort hinreißen ließ, den ich an dieser Stelle aber nicht genauer erläutern möchte. „Warum regst du dich denn so auf?“, fragte Liam mich belustigt. „Das ist doch ein schöner Song und ich finde es irgendwie süß, dass er sich auf deiner Musikliste befindet.“
„Das ist überhaupt nicht süß!“, erwiderte ich mürrisch, als ich endlich meinen Mp3-Player wieder zur Hand hatte und auf die Stopp-Taste drückte – umsonst, da der Song nun sowieso zu Ende war.
„Du bist süß wenn du dich aufregst, weißt du das?!“, entgegnete Liam daraufhin.
Ich war inzwischen so rot wie eine Tomate, als ich zu Liam sagte: „Und ich bin auch nicht süß!“
„Lolo…“
„Hör auf mich so zu nennen, das mag ich nicht!“, schimpfte ich nun regelrecht mit Liam und zog damit die Blicke einiger Reisenden auf mich. Gott wie peinlich mir das alles hier war.
„Okay ich hör auf, aber verrate mir bitte, warum sich dieser Song auf deiner Musikliste befindet.“, bat Liam mich und sah mich mit seinen blaugrauen Augen lächelnd an.
Ich dachte fieberhaft darüber nach ob ich ihm die Bedeutung des Songs für mich erzählen sollte. Eigentlich ging es ihn ja gar nichts an, aber da mir klar war, dass er nicht locker ließ, erzählte ich ihm meine Geschichte: „Ich erklär dir, welche Bedeutung dieses Lied ''Never Alone'' von Lady Antebellum für mich hat, aber danach gibst du endlich Ruhe und stocherst nicht weiter über Details nach. Ich hatte eine ziemlich schwere Kindheit und fühlte mich oftmals sehr alleine. Doch dann lernte ich jemanden kennen, der mich aus einer heiklen Situation befreite. Einige Jahre später musste die Person allerdings das Land verlassen und hinterließ mir diesen Song, damit ich niemals vergesse, dass ich nicht alleine bin.“
„Das…“, setzte Liam zum Satz an und ich erwartete schon die nächste Unverfrorenheit von ihm, doch wurde ich eines Besseren belehrt, „… das klingt echt schön. Wunderschön sogar!“
„Danke…“, erwiderte ich überrascht und beruhigte mich nun wieder ein wenig.
„Darf ich dir einen Tipp geben?“ Liam konnte einfach nicht seinen Mund halten. Was wollte er mir denn jetzt schon wieder sagen? „Das nächste Mal, wenn du nicht möchtest, dass eine andere Person dieses Lied hört… zieh ihm einfach den Hörer aus dem Ohr!“ Liam grinste mich wieder an und ich klatschte mir zur Demonstration meiner eigenen Dummheit eine Hand ins Gesicht.

7. Mein italienischer Freund

Still und schweigsam saß ich an meinem Platz im Abteil und schaute zum Fenster raus. Meinen Mp3-Player hatte ich wieder in meinem Rucksack verstaut. Vereinzelt hörte ich, wie sich Passagiere miteinander unterhielten, darunter ein junger Mann und eine junge Frau, die sich offenbar gerade auf den Weg in die Flitterwochen befanden. „Onkel Justus hat bei der Hochzeit ganz schön sein Tanzbein geschwungen.“, sagte der Mann erheitert. „War wohl ein Glas Rotwein zu viel für ihn.“
„Das war der wunderschönste Tag in meinem ganzen Leben.“, meinte seine Frau. Dann küssten sie sich und ein Lächeln zauberte sich auf mein Gesicht. Ob ich wohl jemals heiraten werde?
„Was guckst du denn so freudestrahlend?“, fragte Liam mich, der zwischen mir und dem Pärchen auf der anderen Fensterseite saß, von denen ich meinen Blick nicht mehr abwenden konnte. Ich antwortete Liam nicht, schüttelte grinsend den Kopf und blickte wieder zum Fenster raus. „Sag mal…“, Liam stupste mich mit seinem Ellenbogen an, „…hast du eigentlich einen Freund?“
Die Frage kam so plötzlich, dass sie mich zu gleichermaßen schockierte und überraschte. Mein Herz rutschte mir in meine Boxershorts, die ich unter meiner Hose trug, und mich lupfte es halb aus dem Sitz. Gut das ich gerade nicht am Essen war, sonst hätte ich mich womöglich auch noch verschluckt. „W-Was? Wie kommst du denn nun auf diese Frage?“, fragte ich Liam fassungslos.
„Wir haben doch vorhin über diesen einen Song diskutiert und dass du schwul bist, haben wir ja bereits zuvor festgestellt, da hab ich eben eins und eins zusammen gezählt und mich gefragt, ob du Single oder glücklich vergeben bist.“, erklärte Liam mir genau, während ich ihn nach wie vor anstarrte, als hätte ich einen Geist gesehen.
„Äh… also… das ist so… im Grunde genommen… äh… naja…“, stotterte ich vor mich her.
„Hast du Balbuties, oder warum stotterst du so vor dich her?“, erwiderte Liam nun, womit er mich schon wieder auf die Palme brachte. Der Kerl ist so unverschämt und abgebrüht…
„I-Ich habe einen Freund, ja!“, antwortete ich ihm schließlich und fügte sogar noch hinzu: „Und wenn du es genau wissen möchtest, ich bin gerade auf dem Weg zu ihm.“
„Aha! Hab ich es mir doch gedacht!“, stieß Liam laut aus und lächelte mich breit an. Er schien sehr erfreut zu sein, mit seinem Verdacht Recht zu behalten. „Wie heißt er? Ist er so alt wie du? Wie sieht er aus? Welches Sternzeichen ist er? Er trägt doch hoffentlich keine Reizunterwäsche oder?“
Mir drehte sich der Kopf vor all diesen Fragen. Noch schlimmer war jedoch, dass ich gar nicht zum Antworten kam, selbst wenn ich wollte, da mir Liam unaufhörlich ein Loch in den Bauch fragte.
„Halt Stop!“, sagte ich schließlich und brachte Liam zum Schweigen, indem ich meine rechte Hand auf seinen Mund legte. Dabei ertappte ich mich, wie ein warmes Gefühl durch meine Adern zog, dass bis zu meinem Herzen reichte und es zum Pochen brachte. Was war denn nun geschehen?“
„Wenn du deine Hand nicht von meinem Mund nimmst…“, so hörte ich Liam nuscheln, „… dann schleck ich sie dir mit meiner Zunge ab. Was dich eventuell etwas anwidern könnte.“
Schnell nahm ich meine Hand wieder runter und blickte Liam in die Augen. Was war nur mit diesem Kerl los? Wieso bringt er mich so aus der Fassung? Ich versuchte Ruhe zu bewahren und die Gedanken in meinem Kopf nach dem Alphabet zu ordnen.
„Durchgeknallter Irrer“ kam vor „Nerviger, aber attraktiver Spinner“. Mein Leben ging Liam eigentlich nichts im Geringsten an, aber um seinen Wissendurst zu stillen – und er sowieso keine Ruhe geben würde, bis er ein paar Details erfuhr – antwortete ich ihm auf ein paar seiner Fragen. „Sein Name ist Luca, er ist so alt wie ich und ist gebürtiger Italiener. Bis vor zwei Jahren lebte er noch mit seiner Familie hier in Deutschland, doch dann bekam sein Vater einen neuen Job in Italien und sie zogen wieder um. Seitdem führen Luca und ich eine Fernbeziehung, die – man glaubt es kaum – sogar recht gut läuft.“
„Luca hm? Typischer Lieblingsname der Italiener.“, kommentierte Liam meine Antwort.
„Hätte mich auch gewundert, wenn sein Name Emanuele oder Giuseppe gewesen wäre.“
„Ich weiß gar nicht was du hast. Ich finde den Namen sehr schön.“, entgegnete ich.
„Jaaaa, aber er ist so typisch und vorhersehbar… naja auch egal. Wie sieht er aus? Kannst du ihn mir beschreiben?“, fragte Liam nun weiter. „Vielleicht hat auch jemand ein Blatt Papier und einen Stift dabei, dann kannst du ihn zeichnen, oder der äußerst nette Herr dir gegenüber, lässt dich kurz an seinen Laptop. Du und dein Freund habt doch bestimmt ein Facebook-Account – heutzutage hat jeder einen – und du kannst mir ein Bild von ihm zeigen.“
„Belassen wir es lieber dabei, dass ich ihn dir beschreibe.“, sagte ich mit einem Blick auf den schnieken Mann, der uns argwöhnisch beobachtete. „Luca hat schwarze Haare und diesen leicht verschmitzten Gesichtsausdruck. Die Sonne hat seine weiche Haut braun gebrannt und er selber ist auch der pure Sonnenschein, da er einem mit seiner puren Anwesenheit ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Es gibt für mich keinen attraktiveren Menschen auf diesem Planeten.“
„Jaja schon gut, hab schon verstanden.“, sagte Liam leicht beleidigt, was mich zum Schmunzeln brachte. „Die Antwort auf die wichtigste Frage überhaupt, hast du mir allerdings vorenthalten.“
„Die da wäre?“ Ich blickte Liam misstrauisch an.
„Na ob er Reizunterwäsche trägt!“

8. Auseinandersetzung im Abteil

Noch während Liam mir über meinen Freund Löcher in den Bauch fragte, spürte ich die hasserfüllten Blicke des schnieken Mannes auf uns gerichtet. Dass er nicht sonderlich gut auf uns zu sprechen war, war mir inzwischen ja bewusst, spätestens nach seiner Konfrontation mit Liam natürlich, aber seine Blicke bedeuteten mehr als nur reine Abneigung.
Als hätte ich es vorausgeahnt, schlug der schnieke Mann plötzlich seinen Laptop zu und funkelte uns mit seinen Augen böse an. Dann erhob er seine Stimme und was er sagte, gefiel mir so gar nicht: „Ihr widerlichen Schwuchteln. Hört sofort auf mit eurem abscheulichem Gerede! Das hält man ja im Kopf nicht aus.“
Das war zu viel des Guten. Während ich noch wie erschüttert dasaß, erhob sich Liam von seinem Platz. Seine Miene ließ nichts Gutes verlauten. „Was haben Sie da gesagt? Das nehmen sie auf der Stelle zurück, oder ich werde ihnen eigenhändig die Fresse polieren, das ihnen Hören und Sehen vergeht!“, drohte Liam an. Der schnieke Mann stand nun ebenfalls von seinem Platz auf und die zweite Konfrontation war unausweichlich.
„Ich werde hier gar nichts zurücknehmen. Ich hab mir dieses bescheuerte Geschwafel von euch Beiden nun lange genug angehört. Da kommt mir ja die Galle hoch!“, entgegnete der schnieke Mann. Ich war sprachlos und saß wie versteinert auf meinem Platz. Mir war durchaus klar, dass es auch in der heutigen Zeit noch so intolerante Menschen wie diesen Mann gab, dennoch hätte ich nicht geglaubt, dass es so schlimm ist. Auch die alte Dame mir schräg gegenüber schien entsetzt zu sein.
„Homosexualität ist eine Krankheit!“, fuhr der schnieke Mann furchtlos fort. „Ihr seid alle Opfer dieser Krankheit und solltet weggesperrt werden, da es keine Heilung für euch gibt!“
„Was fällt ihnen eigentlich ein?!“, schrie Liam den schnieken Mann nun an, packte ihn am Kragen und zog ihn dabei ein wenig zu sich rüber. Der Tisch zwischen uns fing zu wackeln an. Liams geriet nun richtig in Rage, während seine Pulsschlagader momentan deutlich zu sehen war. Nun war Schluss mit Lustig und ich entdeckte eine völlig andere Seite an Liam. Einerseits fand ich es gut, dass er dem schnieken Mann so mutig entgegen trat, andererseits bereitete er mir aber auch ein wenig Angst. Was wenn Liam von Haus aus ein streitsüchtiger Mensch war und es regelrecht darauf anlegte?
Die Konfrontation schien in einer handfesten Prügelei zu enden, doch wieder einmal war es der Polizist, eine Sitzreihe vor uns, der dazwischen ging und Liam dazu zwang, den Mann los zu lassen. „Das reicht jetzt, alle Beide!“, rief er. „Dies ist ein Reisezug, in der die Passagiere ihre Ruhe haben wollen, aber ihr führt euch auf wie die Wilden!“
„Sagen sie das diesen elenden Schwuchteln!“, erwiderte der schnieke Mann laut. „Die verpesten hier die ganze Luft. Wer weiß, was für ätzende Krankheiten die noch mit sich herumtragen…!“
„Jetzt reicht es mir aber…!“ Liam wollte über den schnieken Mann herfallen. Er war nicht mehr zu bremsen. Doch nun war es an der Zeit das ich dazwischen ging und Liam vor einer Riesendummheit bewahrte. Ich legte meine Arme um seinen Körper und versuchte ihn zurückzuhalten, während die alte Dame panisch von ihrem Platz aufstand und einen Schrei losließ. Liam hatte bereits seine Faust geballt und wollte zuschlagen, doch der Polizist war zur Stelle und wehrte seinen Faustschlag mit seiner rechten Handfläche ab.
„Dieser Junge ist total irre!“, rief der schnieke Mann bestürzt, als wäre er vollkommen unschuldig an diesem Dilemma. „Verhaften sie diesen Jungen augenblicklich! Hätte vielleicht mal jemand die Güte und würde das Zugpersonal holen. Die beiden Jungs gehören aus dem Zug geworfen!“
Boah, was musste ich mich zusammenreißen, es Liam nicht gleich zu tun und über diesen geistig minderbemittelten Mann herzufallen. Doch mein Geduldsfaden war ausgesprochen lang. Liam hingegen wollte dem schnieken Mann nach wie vor eins auf die Nase geben, doch der Polizist hielt ihn zurück, in dem er ihn mit beiden Armen von hinten packte und Liam kampfunfähig machte. „Lassen sie mich verdammt noch mal los!“, fluchte Liam. „Ich werden diesem Kerl meine Meinung über ihn ins Gesicht prügeln. Er hat es nicht anders verdient!“
„Jetzt beruhige dich endlich Kleiner!“, versuchte der Polizist auf ihn einzureden.
„Der Junge ist ein Fall für die Psychiatrie. Kein Zweifel!“, gab der schnieke Mann hochnäsig von sich, während er seine Krawatte zurecht rückte und seinen Anzug von Falten befreite. „Jetzt möchte ich auch mal etwas sagen, denn ich habe mir das Ganze nun lange genug mit angesehen.“, sagte der Mann um die Mitte Fünfzig, der von meiner Seite ausgesehen, auf der genau schräg gegenüberliegenden Fensterseite saß. Ihm wiederrum gegenüber saß das junge Ehepaar, das das ganze Schauspiel hier mit regem Interesse verfolgte, so wie inzwischen jeder der Anwesenden im Abteil.
Der Mann, den ich auf Mitte Fünfzig schätze, trug eine braune Hose und ein khakifarbenes Shirt, der seinen gut befüllten Bauch gerade so verdeckte. Unter den Achseln schien er zu schwitzen, denn an diesen Stellen war auch sein Shirt leicht durchnässt. Für seinen korpulenten Körper besaß er einen recht kleinen Kopf, mit einer beginnenden Glatze. Seine Stimme klang sehr ruhig und sanft, doch schaffte er es durchaus sich Gehör zu verschaffen, wenn ihm danach war.
„Entschuldigen sie, dass ich mich hier einmische, aber schließlich waren sie es auch, der uns hier alle mit rein zog und behauptete Homosexualität sei eine Krankheit.“, sagte der ältere Mann zu dem schnieken Mann.
„Ich pflichte ihnen nämlich bei, dass Homosexualität eine Krankheit ist…“ Ich ahnte schlimmes voraus. Saßen denn nur ignorante Menschen in diesem Zug?
„…zumindest hab ich das bis vor ein paar wenigen Wochen noch selber geglaubt, doch musste ich mir eingestehen, dass ich einem Irrtum auferlegen war.“ Okay, jetzt war ich überrascht…

9. Courage

Die letzten Worte des älteren Mannes überraschten mich und ich wartete gespannt ab, was er als nächstes zu sagen pflegte. „Ich habe eine Tochter, die ich nun seit etwa acht Jahren nicht mehr gesehen habe. Meine Sturheit und Ignoranz gegenüber dem Fortschreiten der Menschenliebe haben sie von mir fort getrieben. Vor acht Jahren kam sie zu mir und erzählte mir unter Tränen, dass sie auf Frauen stünde und sich dafür schämte. Wollen sie wissen was ich daraufhin getan habe?“
Der ältere Mann blickte den schnieken Mann mit strengen Augen an und ich ahnte, was er gleich sagen würde. „Ich habe meine Tochter am Arm gepackt, sie zur Tür gezerrt und aus dem Haus geworfen. Da sie volljährig war, vertrat ich die Meinung, dass sie dort hingehen konnte wo der Pfeffer wächst. Ich habe meine eigene Tochter aus dem Haus geworfen, während sie mich unter Tränen anflehte ich möge ihr doch bitte verzeihen. Ich war wie sie der Meinung, dass Homosexualität eine unheilbare Krankheit sei, doch anstatt meiner Tochter in ihrer schweren Zeit der Orientierung beizustehen, hab ich sie im Stich gelassen.
Meine Meinung über Homosexuelle war gefestigt, doch während die Jahre vergingen, wurde mir bewusst, dass ich einen schwerwiegenden Fehler begangen habe. Ich las Berichte über Homosexualität und schaute mir Fernsehreportagen dazu an. Ich fing an, meine Tat zu bereuen und hasste mich für das was ich meiner Tochter antat. Ich vermisste meine Tochter, also versuchte ich meinen Fehler wieder gut zu machen und sie zu kontaktieren.
Doch da viele Jahre ins Land zogen, wusste ich nicht wie und wo. Erst als ich eine ehemalige Schulfreundin meiner Tochter um Hilfe bat, gelang ich in den Besitz ihrer Telefonnummer. Drei Stunden saß ich vor dem Telefon und haderte mit mir und meinen Schuldgefühlen. Drei Stunden überlegte ich, ob ich anrufen sollte oder nicht. Was wenn sie sofort wieder auflegt, wenn sie meine Stimme hörte. Ich hätte es ihr nicht verübelt. Doch wissen sie was dann geschah? Ich wählte ihre Telefonnummer, sie nahm ab und als ich anfing mich bei ihr zu entschuldigen, da hörte sie mir einfach nur zu. Sie legte den Hörer nicht auf – sie hörte mir zu!
Als ich zu Ende geredet hatte, sagte sie: „Ich würde mich freuen, wenn du nächsten Monat auf meine Hochzeit kommst und mich zu der Frau führst, die mich so liebt wie ich bin und die ich so sehr liebe.“
Ich brach in Tränen aus, denn damit gab sie mir eine zweite Chance und dafür bin ich so dankbar! Meine Tochter ist nicht krank! Meine Tochter hat nur einen anderen Weg eingeschlagen, als ich damals erwartet hatte und trotzdem ist und bleibt sie meine Tochter, mit einem Herz aus Gold und ich freu mich schon sehr darauf, sie endlich wieder sehen zu dürfen.“
Als der ältere Mann seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, kehrte für wenige Sekunden Stille in das Zugabteil ein. Es wurde sogar so still, dass es mir fast schon unheimlich war. Meine Augen wanderten zu Liam rüber, der sich langsam wieder zu beruhigen schien, woraufhin der Polizist seinen Griff leicht lockerte, wenn er ihn auch noch nicht frei ließ. Die Gedanken des schnieken Mannes waren mir unergründlich. Er hatte dem älteren Mann aufmerksam zugehört, doch was ging nun in seinem Kopf vor sich? Verständnis? Danach sah er nicht gerade aus. Mitgefühl? Als ob jemand wie der zu so etwas überhaupt fähig wäre. Abscheu? Das könnte den Nagel auf den Kopf treffen!
„Was ich damit sagen will ist, dass keiner der beiden Jungs hier auch nur im Entferntesten krank ist.“, sagte der ältere Mann weiterhin an den schnieken Mann gewandt. „Diese Jungs haben sich nur für einen anderen Weg entschieden und das ist vollkommen in Ordnung so, denn so ist die Entwicklung des Lebens und wir Menschen dürfen nicht ignorant oder hasserfüllt gegen diese Entwicklung vorgehen, denn das führt nur zu noch mehr Hass, Unverständnis und Leid. Bitte lassen sie die beiden Jungs also in Frieden.“
Kaum hatte der ältere Mann seine letzten Worte gesprochen, geschah etwas völlig Unvorhergesehenes. Die ältere Dame, die Liam gegenüber saß und die bis vorhin noch fleißig am Stricken war, klatschte dem älteren Mann für seine Courage Beifall. Kurz darauf fing auch das junge Ehepaar zu klatschen an und nach und nach stimmten die Mitreisenden im Zugabteil mit ein. Völlig entsetzt blickte sich der schnieke Mann um, während Liam schadenfroh zu grinsen anfing. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ließ mir ebenfalls ein Lächeln entlocken. Mit dieser unvorhergesehenen Entwicklung der Ereignisse hatte ich wahrlich nicht gerechnet.
Der Polizist ließ Liam daraufhin wieder los und wandte sich kurz darauf dem schnieken Mann selber zu.
„Hören sie. Ich glaube es wäre das Beste für alle Anwesenden, wenn sie mit einem anderen Fahrgast aus einem anderen Abteil ihren Platz tauschen. Diese Lösung erscheint mir im Anbetracht der Umstände am Sinnvollsten. Sind sie damit einverstanden?“ Der schnieke Mann schien nach wie vor entsetzt über das Gesagte und Geschehene zu sein, doch nickte er einvernehmlich. Er nahm seinen Laptop unter die Arme und verließ in Begleitung des Polizisten den Zugabteil.
„Was für ein Spektakel.“, sagte Liam erfreut, als er wieder neben mir Platz nahm und mich angrinste. „Wer hätte gedacht, dass sich diese Zugreise als so ereignisreich herausstellt. Ich war natürlich Herr über die Lage, trotzdem möchte ich ihnen danken Herr…“
Liam wandte sich dem älteren Mann zu, der noch immer aufrecht stand. „…Wimmer. Mein Name ist Ferdinand Wimmer und keine Ursache, das habe ich doch gern gemacht.“
„Ich möchte ja nicht neugierig erscheinen, aber wie ging die Geschichte mit ihrer Tochter denn weiter?“, fragte ich Herrn Wimmer. „Haben sie sie wiedergesehen und hat sie ihnen verziehen?“
„Nun… was das anbelangt… wird sich noch herausstellen, denn just in diesem Moment bin ich auf dem Weg zu ihr. Sie hat einen Job als Tischlerin in Frankfurt am Main angenommen. Dort werde ich aussteigen und ihr nach über acht Jahren endlich wieder begegnen.“
„Ich hoffe sehr, dass sie ihnen verzeihen wird.“, sagte ich zu Herrn Wimmer aufmunternd.
„Ja das hoffe ich auch.“, pflichtete Liam mir bei. „ Wüsste sie von ihrem beherzten Einsatz von eben, dann wäre sie bestimmt stolz auf sie. Ich jedenfalls bin ihnen zum Dank verpflichtet.“
„Keine Ursache und auch ein Dankeschön an euch, für eure Hoffnung und euer Glauben.“, erwiderte Herr Wimmer lächelnd, während er seinen Platz wieder einnahm. „Das Leben ist schon erstaunlich. Bis vor acht Jahren verabscheute ich die Homosexualität und derer, die sich ihr hingaben und nun würde ich am liebsten zwei… Schwule in den Arm nehmen, die mein Herz von der Last befreiten.“
[...]

geschrieben von skystar 2014

2. Abschnitt: Bis Frankfurt am Main - Alte und neue Freunde

Milo trifft im Zug auf seinen alten Schulfreund Erik, mit dem ihm etwas ganz Besonderes verbindet. Nebenbei scheint Liam immer verrückter zu werden. Er zeigt deutlich Interesse an Milo, was diesem allerdings nur wenig behagt. Es kommt schließlich zu einer verheerenden Konfrontation! [...]

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