Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 6: „Silent Night“

Als ich meine Augen öffnete, lag ich in meinem Bett eingekuschelt und starrte etwas verträumt zur Decke. Ich atmete einmal tief durch und versuchte zur Ruhe kommen. Ich kann froh sein, dass ich überhaupt noch atmete. Als ich da mitten in der Nacht auf der Straße stand und das Auto auf mich zugerast kam, dachte ich schon, dass war´s jetzt! Doch hatte ich Glück im Unglück. Der Fahrer des Autos bemerkte mich noch rechtzeitig und trat auf die Bremse, jedoch kam er bei der Eisglätte ins Schlittern, kam von der Fahrbahn ab und krachte gegen eine Laterne des Wirtshauses. Ich kam mit dem Schrecken davon. Der Fahrer verlor für einen kurzen Moment das Bewusstsein und wurde mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert. Ich hab also große Scheiße gebaut!
Ich drehte mich zur Seite und erblickte die Schneekugel, die auf meinem Nachtkästchen stand. Ich streckte meine Hand nach ihr aus und schüttelte sie einmal. Der Schnee darin wirbelte umher und es schien so, als würde der Junge mit dem schneeweißem Haar mich traurig ansehen. Jack, wo bist du nur? Wieso kommst du nicht zurück zu mir? Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf, die mich mehr und mehr deprimierten. Ich hatte mein Herz an einen Jungen verloren, den ich womöglich nie wieder sah. Wie dumm ich doch war…
„Ich weiß wirklich nicht, was du dir dabei gedacht hast. Das war unvernünftig und dumm, ohne zu schauen, auf die offene Straße zu rennen!“, belehrte mich mein Vater. Meine Familie war natürlich heilfroh, dass mir nichts Schlimmeres widerfahren war, aber meine Eltern waren dennoch auch sehr wütend auf mich. Wäre ich nicht bereits volljährig, hätten sie mir einen Monat Hausarrest gegeben.
Es war Heiligabend und wir saßen alle gemeinsam am Esstisch – meine Eltern, die Zwillinge, Lena und Christoph, meine Oma und ich. Unser Hund Niko aß in der Zwischenzeit aus seinem Fressnapf. Dieses Weihnachten gab es kein verkohltes Abendessen und keinen Stromausfall. Es hätte das perfekte Weihnachtsfest werden können, wenn mein Beinahe-Unfall nicht die Stimmung aller anderen mit runtergezogen hätte. Es herrschte eine unangenehme Stille beim Abendessen und nur vereinzelt wurden Unterhaltungen geführt. „Und morgen seid ihr bei deinen Eltern eingeladen, Christoph?“, hörte ich meine Mutter ihren Schwiegersohn und meinen Schwager fragen. Das war immer noch neu.
„Ja, meine Mum kocht wirklich ausgezeichnet.“, antwortete Christoph ihr. Lena räusperte sich daraufhin und er fügte noch schnell hinzu: „Oh, aber du kochst auch wirklich hervorragend, Sabine!“
„Danke dir!“ Meine Mutter lächelte Christoph erfreut zu, als ob sie seine Bemerkung nicht gehört hätte. Danach stand sie auf und richtete schon einmal die Nachspeise für später her.
„Dürfen wir unsere Geschenke schon aufmachen?“, fragte Sarah unseren Vater.
„Gleich, mein Liebes.“, antwortete dieser ihr.
Ich bekam jede Unterhaltung eigentlich nur am Rande mit, denn war ich weder besonders gut gelaunt, noch in großer Weihnachtsstimmung. Da vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Es war ein Anruf von Julius! Ich entschuldigte mich kurz und ging ins Wohnzimmer, um in Ruhe mit ihm telefonieren zu könne. Der Weihnachtsbaum stand hell beleuchtet neben dem Kamin und darunter lagen jede Menge Geschenke. „Hey Jules!“, begrüßte ich ihn liebevoll.
„Na du? Hast du dich von den Strapazen der letzten Tage erholt?“, fragte mich Julius zugleich.
„Mir geht´s gut. Mach dir keine Sorgen, aber was ist mit dir?!“, erwiderte ich besorgt.
„Mein Arzt meinte, dass ich nächstes Jahr im Frühjahr vielleicht wieder nach Hause kann. Die Therapie schlägt gut an und alle Chancen stehen auf Genesung. Du wirst mich also schon sehr bald wieder an der Backe haben.“ Diese Nachricht freute mich ungemein und war wohl das schönste Geschenk, das man mir überhaupt bereiten konnte. „Apropos Backe…“ Jetzt kam´s, dachte ich mir. „Du kleiner Bastard! Wer dich als Freund hat, der braucht wahrlich keine Feinde mehr. Hatten wir nicht ausgemacht, dass wir uns zu Weihnachten nichts schenken? Wieso überreicht mir meine Mum heute Mittag ein Paket, das von dir zugestellt worden ist? Und noch schlimmer: Wieso in Herrgotts Namen schenkst du mir rosarote Unterwäsche mit Herzchen drauf?!“
Ich lachte lauthals. „Damit ich später einmal deinen süßen Hintern darin bewundern kann!“
„Träum weiter! Das wird nie im Leben geschehen!“, erwiderte Julius, von dem ebenfalls ein Lachen zu hören war. Es bereitete mir Freude, ihn Lachen zu hören. Nun würde alles wieder gut werden.
„Ich vermiss dich, Jules.“, sagte ich schließlich.
„Ich vermiss dich auch. Wir hören und sehen uns. Bis bald!“ Julius legte auf und ich hörte nur noch das Knistern im Kamin, von dem eine wohlfühlende Wärme ausging.
„Geschenkeee!“, hörte ich meine kleine Schwester Sarah auf einmal schreien, die alsdann auch mit Sebastian ins Wohnzimmer gestürmt kam. Kurz darauf stolzierte auch meine restliche Familie herein. Meine Mutter machte das Radio an, aus dem weihnachtliche Musik ertönte und schon bald herrschte eine friedvolle und warme Atmosphäre. Ich ging zu meinen Eltern und sagte zu ihnen etwas, was Kinder ihren Eltern heutzutage viel zu selten sagen: „Ich hab euch lieb und es tut mir Leid!“
Meine Mum hatte Tränen in den Augen, lächelte aber und sah zu meinem Dad rüber, der mich noch immer finster anschaute. Doch dann fuhr auch ihm ein Lächeln übers Gesicht und er nahm mich in den Arm. Es war ein wundervoller kurzer Augenblick. Nun war denk ich alles wieder gut und wir konnten Weihnachten so richtig genießen.
Nachdem die ersten Geschenke geöffnet waren und Sebastian für reichlich Unterhaltung mit dem Chemie-Set sorgte, dass ich ihm schenkte, setzte ich mich neben meine Oma, die gerade ein paar von Lenas selbstgebackenen Plätzchen probierte. „Was ich dich eigentlich schon längst einmal fragen wollte. Habt ihr noch die Eltern des kleinen Mädchens gefunden. Im Shopping-Center mein ich.“
„Mädchen? Ach du meinst sicherlich die kleine Bell. Naja… eigentlich nicht, denn kurz nachdem du weg warst, war sie wie vom Erdboden verschwunden. Lena und ich haben überall nach ihr gesucht. Wir haben dann vermutet, dass sie ihre Eltern gefunden hat und sie einfach vergessen hat, sich von uns zu verabschieden. Ich hab sie jedenfalls nie wieder gesehen.“, erklärte mir meine Oma, die jetzt wohl darüber nachgrübelte, ob es dem kleinen Mädchen auch wirklich gut ginge.
Mein Handy fing erneut zu vibrieren an. „Oh entschuldige.“, sagte ich zu Oma, die mit den neuartigen Techniken nur wenig anzufangen wusste. Diesmal war es kein Anruf, sondern eine neue WhatsApp-Message von Lexi: „Yasin und ich würden dich heute gerne noch einmal sehen. Warten im Stadtpark am Dom am großen Weihnachtsbaum auf dich. Bis gleich!“ Ein trauriges Lächeln breitete sich in meinem Gesicht aus. Es war die letzte Gelegenheit mit meinen Freunden Weihnachten zu feiern, also erklärte ich meiner Familie den Sachverhalt und die hatten Verständnis dafür. Ich zog mir also schnell was über und machte mich auf den Weg in den Stadtpark.

Dort angekommen, schlenderte ich erstmal gemütlich den langen Weg durch den Park. Nur vereinzelt kamen mir Personen entgegen, darunter ein älterer Herr mit seinem Hund und ein junges Liebespaar. Inzwischen hatte es auch wieder angefangen zu schneien und im Licht der Laternen sah dies wunderschön aus. Etwas wehmütig blickte ich zum Himmel, dann durch den Park und die schneebedeckte Natur. In mir ist nach wie vor der Drang vorhanden, Jack endlich wieder zu sehen, doch musste ich mich wohl damit abfinden, dass er nicht zu mir zurückkehren würde. Leider.
Als ich am Christkindlmarkt ankam, war dieser verlassen und alle Buden natürlich geschlossen. Den Heiligabend verbrachte in der Regel jeder im Kreise seiner Familie. Doch es gab ein Anzeichen für Leben auf dem Platz, als ich zum großen und beleuchteten Weihnachtsbaum blickte. Lexi stand davor und in ihren Armen hielt sie Yasin. Die Beiden gaben ein wirklich schönes, wenn auch ungleiches Paar ab. Sie standen eng umschlungen unter dem Weihnachtsbaum und irgendwie hoffte ich noch immer vergebens auf ein Weihnachtswunder. „Frohe Weihnachten euch Zwei!“ Yasin und Lexi lösten sich aus der Umarmung und sahen mich glücklich lächelnd an.
„Das ich dir wünschen auch.“, erwiderte Yasin, der mir freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
Lexi schlang ihre Arme um mich und ließ sich von mir ganz fest an sich drücken. Yasin zeigte keine Spur von Eifersucht, denn da ich homosexuell war, ging von mir schließlich keinerlei Gefahr aus. „Ich hoffe ihr konntet den Abend auch ein wenig genießen.“, sagte ich betrübt.
„Wir haben mit meinen Eltern zu Abend gegessen.“, erklärte Lexi mir, nachdem sie sich von mir löste. „Sie nehmen das Ganze noch immer sehr gefasst auf, auch wenn ich glaube, dass meine Mum nachts zu weinen anfängt. Ich tu ihnen das auch nur ungern an, aber ich hab keine andere Wahl.“
„Sie verstehen es, ich denke.“, meinte Yasin tröstend dazu.
„Ich wünsch euch Beiden nur alles erdenklich Gute.“, sagte ich dieses Mal an Yasin gewandt. „Das du mir gut auf sie Acht gibst. Sie hat den Hang dazu, sich in Schwierigkeiten zu bringen.“
Lexi fing zu lachen an. „Als ob du besser wärst!“ Es war ein schönes Gefühl, sie noch einmal so fröhlich zu sehen. „Doch wir werden gegenseitig auf uns aufpassen.“ Dann umarmte sie mich erneut und ich erwiderte die Umarmung. „Ich werde dich vermissen Lukas. Du bist der beste, dümmste und naivste Freund den ich je haben werde!“
„Ach ja?“, reagierte ich etwas sauer.
„Ja! Du hast bis jetzt immer noch nicht das letzte Rätsel geknackt, dabei ist die Lösung doch so leicht. Du stehst quasi davor und läufst dennoch blindlings durch die Gegend.“ Lexis Worte regten mich zum Nachdenken an - „Dreh das Rad des Schicksals, dann ist das Wunder vollbracht!“ Und auf einmal ging mir ein Licht auf. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich um den Christbaum herum und blickte zu dem großen Riesenrad. „Na bitte, du hast es endlich begriffen. Da wird ER sich freuen, wo er doch schon so lange auf dich wartet, du ihm aber kaum Beachtung geschenkt hast, weil du so vernarrt in diesen Jack bist.“ Ich schaute Lexi verwirrt an. Wen könnte sie meinen? „Ich gebe dir mal einen Tipp: „Renn nicht einem Typen hinterher, der dich ohnehin nicht verdient hast. Zumal du auch was Besseres verdient hast. In dem Riesenrad wartet ein Junge auf dich, der sich etwas ganz Besonderes für dich einfallen lassen hat. Mit viel Liebe und Freundschaft hat er dir bewiesen, wie wichtig du ihm bist.“
„Du meinst…, hinter all den Rätseln steckt…?“ Ich konnte es nicht glauben. War dem wirklich so?
„Jetzt geh endlich. Keine Sorge, wir sehen uns schon noch einmal, bevor ich abreise. Doch wenn du jetzt nicht gehst, wird jemand ganz anderes für immer aus deinem Leben verschwunden sein!“ Lexi war eine wirklich gute Freundin und ich hatte sie sehr lieb. Ich drückte sie noch einmal zum Abschied und ging anschließend aufs Riesenrad zu, während sie zusammen mit Yasin durch den Schnee nach Hause stapfte.
Auch das Riesenrad war hell beleuchtet, doch stand es still. Vor der untersten Gondel war ein roter Teppich ausgerollt, was an eine Filmpremiere erinnerte. Unsicher und nervös schritt ich auf die Gondel zu. War wirklich er es, der hinter all den Rätseln steckte? Er muss es sein, denn nur er konnte all die Verstecke kennen. Ich hätte schon viel früher drauf kommen können, aber ich war wohl wirklich blind. Ich hatte nur Jack vor Augen und gar nicht an… „Marcel?“, gedacht.
Ich hatte die Tür zur Gondel geöffnet und tatsächlich saß im Inneren ein Junge, den ich dieses Frühjahr genau an diesem Ort kennen lernte. Marcel wirkte traurig bis zu dem Zeitpunkt, als ich in die Gondel gestiegen kam. Von da an breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus und mir war so, als könnte ich sogar sein Herz klopfen hören. Das Versteck in der CODA, der Blumentopf in der Uni, die Krone eines Schneemanns, meine Schwester und nun das Riesenrad – hinter all dem steckte er, von dem ich nie gedacht hätte, dass er tiefer gehende Gefühle für mich hätte.
„Und ich dachte schon, du kommst nicht mehr.“, sagte Marcel sanft lächelnd zu mir.
„Ich bin doch wirklich der dümmste Mensch auf Erden.“, erwiderte ich etwas unsicher, da ich nicht so recht wusste, wie ich auf diese Offenbarung reagieren sollte. Ich meine, Marcel gefiel mir schon, aber ich hatte nie wirklich näher darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn wir zwei… „Tut mir Leid, dass du so lange warten musstest und ohne Lexi wäre ich wohl immer noch nicht hier.“, gab ich ehrlich zu.
„Ist schon gut. Jetzt bist du ja da. Es ist zwar schön, dass du gerade nur Augen für mich hast, aber hast du dich in der Gondel überhaupt mal umgesehen?“ Marcel deutete an die Fensterscheiben hinter sich und hinter mir, die mit jeder Menge Fotos vollgeklebt waren. Auf den Fotos waren allerlei Erlebnisse aus unserem gemeinsamen Jahr zu sehen: Ein Foto von mir, Lexi und Marcel, dann ein Foto wo ich mit den Zwillingen im Sommer im Planschbecken rumtollte, das letzte Foto von mir und Julius, bevor er in die Schweiz zog und auch ein Foto, wo ich mit Marcel zusammen an einem Eis schleckte, nur weil er mir die letzte Kugel meiner Lieblingseissorte weggeschnappt hatte. Es waren Fotos lauter schöner Erinnerungen, die fast alle Marcel selber fotografiert hatte. Von diesem Anblick wurde ich sentimental und es berührte mich zutiefst, wie viel Mühe er sich gab, nur um mir zu gefallen. „So und jetzt…“, Marcel gab ein Handzeichen nach draußen und auf einmal setzte sich das Riesenrad in Bewegung. „Das hab ich alles nur für dich organisiert, weil du mir wirklich viel bedeutest. Ich wollte dir zu Weihnachten ein ganz besonderes Geschenk machen.“
„Du bist einfach unglaublich und ich danke dir so von Herzen.“ Als Zeichen meiner Dankbarkeit und meiner Liebe schenkte ich Marcel einen Kuss auf die Wange, doch als ich ihm so nahe war, wollte ich plötzlich mehr. In meinem Herzen feierten Weihnachtselfen eine wilde Discoparty. Marcel schien es genauso zu ergehen. Mit seiner rechten Hand hielt er meinen Kopf fest und zog mich wieder näher an sich heran, damit sich seine Lippen mit den meinen berührten. Natürlich hatte ich Jack nicht vollends aus meinem Gedächtnis gestrichen, aber ich wollte es zumindest auf einen Versuch mit Marcel ankommen lassen, der einfach alles für mich gegeben hat. Unsere Gondel stand am höchsten Punkt des Riesenrads, um uns herum herrschte überall Weihnachtsstimmung und wir küssten uns.

geschrieben von Skystar
zum Epilog
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