Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 5: „Jingle Bells“

Es war ein herrlicher Wintertag. In der Nacht fiel Neuschnee vom Himmel und bedeckte das Land noch einmal mit neuem weißem Pulverschnee. Doch tagsüber stand bereits wieder die helle Sonne am Horizont und brachte die Schneeflocken zum Glitzern, als wären sie Juwelen. Meine Familie, meine Freunde und ich standen voller Vorfreude und hohen Erwartungen vor dem Standesamt, als endlich ein schwarzer Mustang vorfuhr. Der Trauzeuge von Christoph fuhr das Auto und als Erster stieg auch Christoph aus. Er lächelte uns allen entgegen, ging um das Auto herum und öffnete schließlich meiner großen Schwester die Tür. Zuerst sah ich ihren rechten Fuß den Asphalt betreten und bereits da konnte ich erahnen, dass sie ein wunderschönes Kleid tragen muss. Wenige Sekunden später blickte ich in das Gesicht meiner Schwester, die nie glücklicher zu sein schien. Sie trug ein weißes Hochzeitskleid… gut die Beschreibung ist jetzt nicht sehr originell, aber Lexi kannte sich da besser aus: „Das ist ein ganz schlichtes Brautkleid mit transparenten Ärmeln und transparentem Schallkragen. Schlicht, aber schön!“, erklärte sie mir, ihrem Freund Yasin und auch Marcel, der allein schon deswegen eingeladen wurde, weil sein Vater nun die Trauung vollzog.
„Sie sehen wie ein Engel aus.“, gab Yasin schwärmerisch von sich und zog sich damit den Groll von Lexi auf sich, die selbstverständlich eifersüchtig wurde. „Ich brauchen keinen Engel, denn ich habe ja leuchtendes Juwel wie dich an meiner Seite.“, sagte Yasin schnell, womit er Lexi wieder zu besänftigen versuchte und sich damit aus seiner Bredouille befreite.
„Oh, dass ich das noch erleben darf. Eine Hochzeit ganz in Weiß!“, hörte ich meine Oma begeistert rufen, die zusammen mit meiner Mum am Straßenrand stand, während mein Dad Fotos von dem jungen Glück schoss. „Sebastian und Sarah, seht nur wie schön eure große Schwester ausschaut!“
Die Zwillinge standen ganz in der Nähe von meiner Oma und warteten gespannt ab, was als Nächstes geschah. Es war die erste Hochzeit, auf der sie mit durften. Sarah trug ein typisches Kleid für kleine Mädchen und zwar ganz in rosa, während Sebastian einen himmelblauen Anzug trug. Er sah beinahe wie ein kleiner Prinz aus, zumindest fand das Lexi: „Du meine Güte! Lukas, dein kleiner Bruder ist ja zum Knuddeln, so süß sieht er aus. Wäre er zehn Jahre älter, wäre er der perfekte Prinz für mich!“ Mit diesen Worten wollte sie sich natürlich an Yasin für dessen Worte revanchieren.
„Mein Vater wartet drinnen auf uns.“, sagte Marcel, der einen braunen Anzug mit Krawatte trug. Er sah sehr elegant gekleidet aus, was mit seinem natürlichen Aussehen etwas im Kontrast stand, aber ich musste zugeben, dass er in dem Anzug eine gewisse anziehende Ausstrahlung auf mich ausübte. Ich hingegen hatte mich für einen dunkelblauen Anzug mit blau-weiß-gestreifter Krawatte entschieden und wenn ich mich im Spiegel beobachtete, fand ich mich eigentlich auch sehr attraktiv.
„Gut, dann lasst uns reingehen. Das ist der große Moment auf den alle gewartet haben.“, sagte mein Vater, der mit dem fotografieren aufhörte und das Gesicht eines stolzen Vaters an den Tag legte.
„Ich bin ja sooo aufgeregt.“, hörte ich Lexi mit halber Stimme kreischen.
„Sicher, dass du mit der zusammen bleiben willst?“, fragte ich Yasin schmunzelnd.
Yasin reagierte zunächst nicht drauf, aber dann sagte er doch noch: „Ich lieben Lexi, also ja, ich will!“
Wir spazierten alle in das Standesamt, in dem Pastor Eppstein bereits auf uns wartete. Es war eine sehr schöne und traditionelle Trauung. Lena und Christoph wirkten sehr glücklich und ihr Kuss, der die Ehe besiegelte, war von solch einer Romantik, dass der Raum nur so von Liebe erfüllt war.

Nach der Trauung im Standesamt folgte eine Feier im engsten Kreise und zwar im Wirtshaus „Zur unteren Mühle“. Dieses Wirtshaus war an einem Fluss gelegen. Anbei gab es eine große Wiese mit Spielplatz und am Flussufer stand ein altes Mühlrad, wie es die Bauern im Mittelalter nutzten. Nun war natürlich alles mit Schnee bedeckt, weshalb die Kinder draußen nicht spielen konnten, doch dafür wurde ausreichend getanzt. Das Brautpaar vollzog den Hochzeitswalzer und kurz darauf betraten auch die jeweiligen Brauteltern und die Trauzeugen die Tanzfläche. Marcel benahm sich wie ein Gentleman und bat meine kleine Schwester Sarah um einen Tanz, die sofort rot anlief. Auch Yasin fand sich auf der Tanzfläche wieder, jedoch gegen seinen Willen. Er konnte nämlich überhaupt nicht tanzen, doch Lexi wollte es ihm beibringen. Was er alles für seine Freundin tat, war wirklich lieb, aber schließlich brachte sie auch ein großes Opfer für ihn, da sie ihre Familie, ihre Freunde, ja ihr ganzes Leben in Deutschland für ihn hinter sich ließ. Ihre Beziehung beruhte also auf Gleichberechtigung.
„Jetzt lunger hier doch nicht so herum, mein Junge!“, befahl meine Oma, die auf mich zugeschritten kam. Ich betete inständig, dass sie mich nicht zum Tanzen aufforderte. „Jetzt mach dir doch nicht gleich ins Hemd! Ich möchte doch gar nicht mit dir tanzen. Als ob ich nicht wüsste, dass ein alter Besen wie ich es bin, mit einem Jungspund wie deiner einer nicht mithalten könnte.“
„Du übertreibst Oma. Für dein Alter bist du doch noch sehr gut auf den Beinen.“, merkte ich an.
„Ja, aber das Alter geht auch an mir nicht vorüber.“, sagte Oma, die sehr in sich gekehrt wirkte. „Ich werde alt Lukas. Meine Tage sind gezählt und deine Generation ist nun an der Reihe, sich um die darauffolgende Generation zu kümmern. Sieh doch mal darüber.“, meine Oma deutete mit ihren alten knochigen Fingern in eine Ecke, in der völlig unbeachtet mein klein Bruder Sebastian saß. „Ich sehe und höre nur noch halb so gut, aber mein sechster Sinn sagt mir, dass ihn etwas bedrückt. Krieg also endlich deinen fetten Hintern von der Bank hoch und kümmere dich um ihn, so wie es sich für einen großen Bruder gehört.“
Oma hatte Recht, auch wenn ich angesichts ihrer Wortwahl sprachlos war. Ich umarmte meine Oma einmal liebevoll und ging anschließend zu meinem Bruder. Als er mich kommen sah, zogen schon die ersten Gewitterwolken auf. Egal was ich zu ihm sagen würde, er würde auf Krawall gebürstet sein, also versuchte ich es zugleich mit einer anderen Taktik. Ich nahm mir einen Teller und ein Stück Torte und erst dann setzte ich mich zu ihm. Ich ließ ihn völlig unbeachtet und sagte: „Boah, die Torte schmeckt so geil. Das ist jetzt schon mein drittes Stück! Vor allem die Marzipanrosen, die als Deko oben drauf liegen, sind der Hammer!“ Ich wusste natürlich, dass Sebastian Marzipan über alles liebte. So wollte ich ihn aus der Reserve locken und das mit Erfolg! Sebastian griff nach einer herumliegenden Gabel und klaute mir die Rose von der Torte. „Heeey, du kleiner Frechdachs!“ Mein Bruder grinste mich breit an und ich lächelte zurück. „Wenn du etwas willst, dann nimmst du es dir. Das ist keine schlechte Eigenschaft. Es ist immer gut zu wissen, was man einmal möchte. Das ist vor allem für die Zukunft entscheidend – Für den Beruf, den Lebensstil und auch für die große Liebe! Doch was rede ich da, du bist erst zehn Jahre alt, also noch viel zu jung, dass du dir über solche Dinge Gedanken machen solltest. Lass einfach alles auf dich zukommen wie es ist und dann ergibt sich alles ganz von allein. Du musst dich zu nichts zwingen, was du nicht möchtest. Du solltest dir selbst am Wichtigsten sein und dir stets treu bleiben, dann kann nichts schief gehen.“ Ich wählte meine Worte mit Bedacht und fand sie eigentlich ganz gut getroffen. Sebastian war ein kluger Kopf und ich hoffte, dass er meine Botschaft verstand. Ich vermutete einfach stark, dass er momentan Angst vor der Zukunft hatte, da um ihn herum so viel geschah – Lenas Hochzeit, Sarahs Geschenk von seinem besten Freund und dann auch noch meine Neigung zu Männern. Das hinterlässt auch bei kleinen Kindern Spuren. Mein Bruder sollte aber wissen, dass ich immer für ihn da sein werde.
Und tatsächlich schien ich mit meiner Taktik Erfolg zu haben. Sebastian schenkte mir ein zufriedenes Lächeln und klammerte sich dabei liebevoll an meinen rechten Arm. Manchmal konnte mein kleiner Bruder wirklich süß sein… „Tanzt du mit mir?“, fragte er mich urplötzlich... und nervig war er auch.

Es war der schönste Tag im Leben meiner Schwester und ich wollte ihn auch zu dem meinigen machen. Ich hatte das Rätsel „Glocken läuten strahlend hell, das junge Glück dir weiter hilft“ letzten Endes doch noch gelöst, nachdem mich meine Mutter auf die richtige Fährte brachte. Des Rätsels Lösung war natürlich, wenn die Hochzeitsglocken läuten, mir das Brautpaar weiterhilft. Es war bereits dunkel draußen, als ich zu Christoph und Lena ging und sie darauf ansprach. „Dann hast du das Rätsel also doch noch gelöst. Das wird IHN aber sicherlich freuen zu hören.“, sagte meine Schwester, die übers ganze Gesicht strahlte und mir ein blaues Kuvert überreichte.
„IHN? Du weißt also, wer hinter all dem hier steckt?“, fragte ich. Natürlich wusste sie es, denn wer auch immer, muss ihr ja dieses Kuvert persönlich überreicht haben, damit sie es nicht selber öffnet. Doch sie nach demjenigen zu befragen wäre wohl zwecklos, da sie es mir ohnehin nicht preisgeben würde. Zudem wollte ich nun selber herausfinden, wer hinter dieser Schnitzeljagd steckte.
„Du scheinst dieser Person sehr viel zu bedeuten.“, sagte Lena zart lächelnd zu mir, als ich gerade dabei war, das Kuvert zu öffnen und den Inhalt zu lesen.
„Ja.“, antwortete ich ihr lediglich und musste natürlich an Jack denken. Ich las das Rätsel, dass nun auch das Letzte zu sein schien: „Dreh das Rad des Schicksals, dann ist das Wunder vollbracht!“ Das Rad des Schicksals? Dieses Mal musste ich erst gar nicht lange nachdenken, denn genau an diesem Ort befand sich ein Rad – das Mühlrad am Fluss! „Danke dir Schwesterchen!“, sagte ich noch zu Lena, ehe ich im Eiltempo aus dem Wirtshaus marschierte, bis hin zu dem Mühlrad am Fluss. Durch die Finsternis konnte ich nur wenig erkennen, aber zumindest der Schnee bot mir eine etwas freie Sicht. Ich stand vor dem Mühlrad und legte meine Hand auf eines der mit Moos bedeckten Achsen. Es fühlte sich rau und kalt an. Doch sollte ich wirklich an dem Rad drehen? Das erschien mir doch etwas übertrieben, aber vielleicht war das auch wieder nicht wortwörtlich zu nehmen.
Es lag eine gefrorene Stille in der Luft. In der Ferne glaubte ich ein Glöckchen zu hören, das jäh von einer Stimme unterbrochen wurde: „Lukas?“ Ich drehte mich schreckartig um und mir gegenüber stand Marcel. Ich hatte ihn gar nicht durch den Schnee auf mich zu stapfen gehört. „Was tust du hier?“
„Ich…“, ich war mir unschlüssig darüber, was ich ihm antworten sollte. „Ich dachte ich dreh mal am Rad des Schicksals, damit mir das Wunder von Weinachten zu Teil wird und ich Jack endlich wieder sehe.“
„Jack?“, Marcel starrte mich zunächst verwirrt an, doch dann erinnerte er sich doch noch an den Namen. „Ach du meinst den Kerl, der dir letztes Jahr zu Weihnachten das Herz gebrochen hat.“
„Er hat mir nicht das Herz gebrochen.“, reagierte ich pampig. „Jack ist ein Schatz.“
„Ach du meine Güte. Wann begreifst du endlich, dass es diesen Jack nie wirklich gab. Das war alles nur eine Einbildung von dir!“ Marcels Worte trafen mich zutiefst.
„Ich hab mir Jack nicht eingebildet, er existiert wirklich!“, schrie ich Marcel nun lauthals an.
„Ach und wo steckt er dann? Wenn es ihn wirklich gibt, so wie du sagst, wieso ist er dann nicht hier… bei dir? Wieso lässt dich der Kerl all die Zeit alleine? Er muss doch wissen, wie sehr du dich nach ihm sehnst. Wie kannst du nur jemanden lieben, der dich einfach sitzen gelassen hat?!“ Genug. Das war zu viel. Marcel meinte es vielleicht nur gut mit mir, aber er löste einen großen Schmerz bei mir aus. Ich rannte fort und Marcel schrie mir hinterher: „Jetzt lauf doch bitte nicht weg, Lukas!“
Ich rannte über die Wiese, bis hin zum Parkplatz des Wirtshauses. Inzwischen hatte es wieder zu schneien begonnen. Ich warf einen Blick in den Nachthimmel hoch. Jack wo bist du? In der Ferne hörte ich erneut ein Glöckchen läuten. Ich sah mich um und glaubte eine Gestalt im Wald gegenüber des Parkplatzes zu sehen. Diese Gestalt trug meines Erachtens einen blauen Pulli und weißes Haar. Ich rannte los. „Jack?!“ Ich rannte auf die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Es war eine eher unbefahrene Straße, doch genau in diesem Moment kam ein Auto angerast. Hinter mir hörte ich Marcel noch ganz laut meinen Namen rufen. Starr vor Schreck blieb ich mitten auf der Straße stehen. Ich blickte in die Scheinwerfer des Autos. Ich hörte ein Hupen, gefolgt vom Quietschen der Autoreifen und einem lauten Scheppern. Dann wurde es dunkel um mich herum… und still.

geschrieben von Skystar
zum Kapitel 6
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