Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 4: „Wonderful Dream“

Der geplatzte Hochzeitstermin war auch in den darauffolgenden Tagen das Gesprächsthema Nummer Eins. Lena tat mir richtig Leid, wo sie doch schon alles von langer Hand geplant hatte. Nun wurde der Termin noch einmal um ein halbes Jahr nach hinten verschoben, sehr zum Missfallen meiner Schwester natürlich. „Ich will nicht im Herbst, sondern im Frühling heiraten, wenn die Natur aufblüht und die Sonne unser Gesicht streichelt.“, sagte sie erzürnt. Nun konnte man sich darüber streiten, dass dies Nichtigkeiten waren, doch für meine Schwester war es das Wichtigste auf Erden.
Doch die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt und so wurde Lena und Christoph ein unerwartetes Angebot unterbreitet. Ich hatte natürlich auch Marcel von dem Dilemma erzählt, der es wiederrum seinem Vater erzählte und der war ja bekanntlich ein Pastor. Eines Abends waren Lexi und Marcel bei mir zum Essen eingeladen. Auch Lena und Christoph waren zugeben und so kam eins zum anderen. „Mein Dad hätte euch da ein Angebot zu machen.“, sagte Marcel am Essenstisch, während alle genüsslich ihre Kartoffelknödel mit Blaukraut und Kalbsleber verzehrten. „Nächsten Sonntag, am 4.Advent also, hätte eine Trauung in der Pfarrgemeinde vollzogen werden sollen, doch das Paar hat erst vorgestern kurzfristig abgesagt, aufgrund kreativer Differenzen. Demnach ist der Termin frei geworden und mein Dad hätte Zeit. Wenn ihr also wollt und spontan seid…“
„Das ist ein freundliches Angebot von deinem Dad.“, meinte Christoph. „Was sagst du dazu Lena?“
„Also… nein… das geht doch etwas zu schnell.“, äußerte sich meine Schwester unsicher dazu. „Es ist arschkalt draußen, da frier ich mir ja den Hintern ab.“
„Sieh es doch mal von der anderen Seite Lena.“, sagte Lexi, die sich in das Thema miteinbrachte und so schließlich von der bevorstehenden Abschiebung ihres Freundes abgelenkt wurde. „Du wolltest eine weiße Hochzeit und was wäre dazu besser geeignet als glitzernder weißer Schnee? Es entspricht vielleicht nicht deinen Wunschvorstellungen, aber Schnee kann auch romantisch sein.“
„Außerdem wäre das ja nur eine standesamtliche Hochzeit.“, meinte Marcel. „Du kannst jederzeit noch eine große Feier, mit Kirche und allem Schnickschnack veranstalten und wenn es im Frühling sein muss, dann eben im übernächsten Jahr. Jetzt habt ihr die einmalige Gelegenheit euch im engsten Kreise trauen zu lassen. Ihr beide seid bereit und ihr habt die Ringe, das ist alles was zählt!“
„Das klingt ja alles ganz nett, aber das ist sooo… kurzfristig.“, sagte Lena, die sich noch immer nicht ganz sicher zu sein schien. „So etwas bedarf doch einer ausführlichen Planung und…“
„Lena-Schatz.“ Christoph legte seine Hand auf die seiner Verlobten und lächelte sie zärtlich an, während seine Augen zu strahlen begannen. „Ich liebe dich und ich will dich zu meiner Frau nehmen. Dazu benötigt es keiner Planung. Bitte sag also ja.“
Es folgte eine kurze Schweigeminute, in der keiner was sagte und alle gespannt darauf warteten, wie sich Lena letztendlich entschied. Ich kannte meine Schwester nur zu gut und wusste demnach, was gerade in ihr vorging. Sie hasste Spontanaktionen, aber für die Menschen die ihr was bedeuteten, würde sie auch ihre Prinzipien ändern. Deshalb stand ihre Entscheidung für mich von vornherein klar und ich sollte Recht behalten: „Dann…“, sagte sie langsam, „…lass uns nächste Woche heiraten!“

Bei all der Aufregung um die erst gecancelte und nun doch wieder bevorstehende Hochzeit hatte ich sogar für einen kurzen Moment Jack und das Rätsel vergessen können. Doch als ich am Montag wieder in die Uni ging, wollte ich mich dem Rätsel wieder widmen und dort weiter machen, bevor Lexis traurige Botschaft mich ereilte. Ich stolzierte in die Bibliothek, in der „Leise sein!“ oberstes Gebot war. Ich lief ein paar Bücherregale entlang bis hin zu einer Fensterreihe. Endlich hatte ich es geschafft! Auf einem Fenstersims stand unsere selbstgezüchtete Blume, die wir erst dieses Frühjahr dort abstellten, als Zeichen unserer Freundschaft. Ich hob den Blumentopf an und lugte vorsichtig in die Vase hinein. Ein weiterer Zettel befand sich dort. Ich lag mit meiner Vermutung also richtig. Ich entfaltete den Zettel und las: „Aller guten Dinge sind Drei, doch beeile dich, denn die Sonne ist dein Feind.“ Kann es nicht mal ein einfaches Rätsel sein? Darin sind ja noch weniger Hinweise enthalten, als in dem zuvor. Soll ich immer auf mein Glück bauen?
„Schon wieder ein Rätsel?“, hörte ich eine Stimme hinter mir fragen und als ich mein Kopf zur Seite drehte, konnte ich Marcels Kopf über meiner Schulter spüren. „Da scheint es jemand ernst mit dir zu meinen. Und? Hast du das Rätsel schon geknackt?“
„Nein. Wobei… wenn ich so darüber nachdenke, dann bedeutet „…doch beeile dich, denn die Sonne ist dein Feind“ wohl, dass ich als Nächstes im Schnee suchen muss. Schnee schmilzt in der Sonne.“, erklärte ich Marcel meine Schlussfolgerungen.
„Hm…“ Auch Marcel schien zu überlegen und schließlich sagte er: „Alle guten Dinge sind Drei“. Das erinnert mich an die drei Schneekönige, die in eurem Garten stehen.“
„Heilige Maria Mutter Gottes. Du hast Recht! Das wird es sein. Ich danke dir!“ Zum Dank drückte ich Marcel einen Kuss auf die Wange, der daraufhin wie versteinert war, während ich schon wieder aus der Bibliothek rannte – es folgte eine Ermahnung der Bibliothekarin „Nicht rennen!“.

Im Moment war mir mein Studium völlig egal, denn an vorderster Stelle stand für mich aktuell das Rätsel. Zumal die Vorlesungen der verschiedenen Professoren eh größtenteils langwierig und ohne jeglichen Belang waren. Den Stoff kann ich auch noch nach Weihnachten lernen. Mein Gefühl, dass Jack der Verfasser der Rätsel war, wurde zunehmend stärker. Wer sonst kannte mich so gut, als der Geist von Weihnachten? Womöglich hat er mich das ganze Jahr über beobachtet und nur darauf gewartet mich wieder zu sehen. Womöglich hat er dieselben Gefühle für mich entwickelt, wie ich für ihn. Es wäre einfach zu schön. Ich sehne mich nach ihm, obwohl er eine eisige Ausstrahlung auf mich verübte, war er im Grunde genommen ein warmfühlender Mensch… oder Wesen.
Nach einer guten halben Stunde war ich wieder bei mir daheim. Das Auto meiner Mutter stand in der Hofeinfahrt. Demnach war sie schon Zuhause, nachdem sie die Zwillinge aus der Schule abgeholt hat. Doch ich ging ohne Umwege in den Garten. Die Sonne schien heute stärker denn je vom Himmel herunter und es war klar und deutlich zu erkennen, dass der Schnee bereits wieder zu schmelzen begann. Doch die drei Schneemänner standen zum Glück noch aufrecht und ein jeder von ihnen trug eine selbstgebastelte Krone auf dem Kopf. Doch wo befand sich nun die nächste Botschaft? Ich suchte die Schneemänner gewissenhaft ab, oben, unten, rechts und links, doch konnte ich nichts finden, was auf ein nächstes Rätsel hinweisen könnte. Hatte ich mich vielleicht geirrt? Nein, so schnell gab ich nicht auf. Ich überlegte noch einmal etwas genauer, während ich den mittleren Schneemann, den ich mit meinen Geschwistern als Erstes errichtete, noch einmal genauer ins Visier nahm. Im Schnee war nichts zu sehen, die Karottennase wies auch keinerlei Spuren auf und auch die schwarzen Steine, die als Augen und Mund herhalten mussten, waren einwandfrei. „Aller guten Dinge sind drei…“ – drei Schneemänner, mit jeweils einer Krone – Die drei heiligen Könige?! Ich streckte meinen Arm aus und nahm die Krone vom mittleren Schneemann herunter. Äußerlich betrachtet sah sie so aus, wie an dem Tag, als ich sie bastelte, doch innerhalb der Krone stand nun etwas geschrieben. Wie erwartet ein neues Rätsel: „Glocken läuten strahlend hell, das junge Glück dir weiter hilft.“ So allmählich könnte das Ratespiel ein Ende nehmen, dachte ich mir, doch vermutlich ging das noch bis Heiligabend so weiter. Und wer auch immer nun der Verfasser dieser Rätsel war, er möchte mir auf eine ganz besondere Art und Weise eine Freude bereiten.

Nachdem ich schon mal Zuhause war, konnte ich auch genauso gut eine Mahlzeit zu mir nehmen. Meine Mutter wunderte sich natürlich, warum ich nicht in der Uni war und ich erklärte ihr die Sachlage, während ich ihre warme Nudelsuppe verköstigte. Als ich fertig erklärt hatte, sagte meine Mutter: „Derjenige, der dir diese Rätsel stellt, muss dich gut kennen, sonst wüsste er all die guten Verstecke nicht. Zuerst die CODA, dann der Blumentopf von dir und deinen Freunden, jetzt in unserem Garten… und wohin das nächste Rätsel dich führt, dürfte ja wohl auch klar sein.“
„Ach ja?“ Ich starrte meine Mutter ratlos an. „Ich steh da irgendwie voll auf dem Schlauch.“
„Man merkt´s, aber da musst du schon selber draufkommen, sonst nehme ich dir ja den ganzen Spaß an dem Ratespiel.“, meinte meine Mutter schmunzelnd.
„Muuuum, bitteeee!“, bettelte ich, doch bekam ich nichts mehr aus ihr heraus.
Anschließend wollte ich mich in mein Zimmer zurückziehen, doch wurde ich zuerst von Niko daran gehindert, der mir ungeachtet den Weg kreuzte und ins Zimmer von Sebastian tapste und danach hörte ich die aufgeregten Stimmen meiner kleinen Geschwister, die sich wieder einmal in den Haaren lagen. „Du bist ja nur neidisch, dass du nichts bekommen hast!“, hörte ich Sarah laut sagen.
„Bin ich gar nicht. Was will ich denn auch mit so einer ollen Schokolade.“, erwiderte Sebastian gleichgültig, als ich das Zimmer von Sarah betrat.
Die Beiden saßen sich auf dem Teppichboden gegenüber und schauten sich mit böse funkelnden Augen gegeneinander an. Sarah hielt dabei eine Tafel edelster Schokolade fest umklammert an ihrer Brust. Die Schokolade war zudem mit einer Schleife versehen. „Was ist denn nun schon wieder los? Warum streitet ihr?“, fragte ich die Beiden, während ich mich dezent zwischen sie drängelte, um den Streit schnellstmöglich zu beenden. Ich wandte meinen Kopf zwischen den Beiden hin und her.
„Sebastian ist neidisch, dass ich Schokolade geschenkt bekommen habe und er nicht.“, erklärte Sarah mir sehr mädchenhaft, streckte ihrem Bruder hinterher aber die Zunge entgegen.
„Bin ich gar nicht.“, zischte Sebastian wütend. „Ich hab nur gefragt, was sich dieser Dummdödel darauf einbildet dir etwas zu schenken, das ist alles.“
„Wer ist denn dieser „Dummdödel“?“, fragte ich, um an ein paar mehr Details zu gelangen.
„Ein Klassenkamerad von uns Beiden. Er und Sebastian sind gute Freunde.“, antwortete Sarah mir.
„Und er hat dir die Schokolade geschenkt, weil…?“, fragte ich weiter.
„Weil er mich mag und mir zu Weihnachten etwas schenken wollte, hat er gemeint.“, erklärte Sarah mir, während sie die Tafel immer noch fest umschlungen an ihre Brust hielt, als ob sie die Tafel vor Sebastian oder mir beschützen müsste.
„Das ist aber lieb von ihm.“, meinte ich lediglich dazu, denn mehr wollte mir einfach nicht dazu einfallen. Dies sollte sich jedoch als Fehler erweisen, denn nun war Sebastian vollends eingeschnappt. Er stand auf und stapfte frustriert aus dem Zimmer. „Ich regle das, keine Sorge.“, sagte ich zu Sarah und folgte Sebastian in sein Zimmer. Dort fand ich ihn in seinem Bett vor. Niko war bei ihm und Sebastian streichelte ihm sanft übers Fell. „Du weißt was Mum gesagt hat, oder? Kein Hund im Bett!“
„Mir doch egal.“, reagierte Sebastian pampig.
„Was ist los mit dir, hm? Du bist doch sonst nicht so rebellisch.“, meinte ich, was auch stimmte. „Den Part des Rebellen hab sonst immer ich eingenommen. Willst du mich etwa ablösen?“
„Ich will überhaupt nichts und schon gar nicht will ich so sein wie du!“, blaffte Sebastian nun mich an, was mich enorm erstaunte. Doch so langsam beginn ich zu begreifen. Sebastians bester Freund macht seiner Schwester ein Geschenk und er reagiert eifersüchtig. Dann noch sein Verhalten mir gegenüber. Sebastian war erst zehn Jahre alt und eigentlich wäre meine Vermutung demnach schwachsinnig, aber wäre es möglich, dass er sich in seinen besten Freund verguckt hat?

geschrieben von Skystar
zum Kapitel 5
(c) 2015, 2016 Boypoint.de IMPRESSUM