Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 3: „All I Want For Christmas Is You“

Die Tage vergingen, Weihnachten rückte immer näher und es wurde an der Zeit, dass ich endlich mal die Geschenke für meine Familie und meine besten Freunde besorgte. Ich hatte schon ein paar Ideen wem ich was zu Weihnachten schenkte. Lena begleitete mich und so befanden wir uns nun im Shopping-Center unserer Stadt. Unsere Eltern erhielten von Lena und mir einen Gutschein für ein gemeinsames Wellness-Wochenende. Das ganze Jahr über waren sie so im Stress, dass ihnen das sicherlich gut tun würde. Die Zwillinge bekamen von uns jeweils was Separates. Sarah bekam von mir eine kleine Handtasche mit „Hello Kitty“-Muster drauf und meinem Bruder Sebastian schenkte ich einen kleinen Chemiebaukasten, mit dem er zum Spaß etwas experimentieren konnte. Lena bekam etwas ganz Besonderes von mir. Da im nächsten Jahr ihre Hochzeit bevor stand und sie zunehmend dabei war, ihre eigene Familie zu gründen – schließlich weiß man ja nie, wann das erste Baby kommt – wollte ich ihr ein Familienalbum basteln, damit sie uns nicht vergisst und schöne Erinnerungen an uns hat. Auch meine zwei besten Freunde Lexi und Julius bekamen Geschenke. Lexi bekam von mir ein Parfüm, von dem sie neulich so sehr schwärmte und Julius…, tja der bekommt genau das, was er verdient! Marcel bekam vielleicht auch ein Geschenk von mir, doch war ich mir diesbezüglich noch unsicher, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich ihm überhaupt schenken sollte.
„Ist das nicht Oma?“, hörte ich Lena neben mir fragen, während wir mit vollbepackten Einkaufstüten durch das Shopping-Center liefen. „Ja, das ist Oma, ich bin mir ganz sicher! Wer ist denn da bei ihr?“ Lena hatte Recht. Wenige Meter von uns entfernt stand unsere Oma vor einem Spielwarengeschäft. Sie befand sich in Begleitung eines kleinen Mädchens, das weder ich noch Lena kannten. Wir gingen auf die Beiden zu und begrüßten sie natürlich erfreut. „Oh Kinderchen, wie ich mich freue euch zu sehe!“, rief unsere Oma glückselig und drückte mich anschließend natürlich ganz fest an ihre Brust. „Darf ich euch Bell vorstellen. Ich bin ihr vorhin über den Weg gelaufen. Die Arme hat sich verlaufen und findet ihre Eltern nicht mehr.“ Bell war ein kleines puppenhaftes Mädchen von etwa sieben Jahren. Sie hatte goldblondes Haar, das zu zwei Zöpfen geflochten war, und trug ein Kleid, das einem Dirndl sehr nahe kam. Zudem trug sie einen riesengroßen Lollipop in Herzform mit sich herum, an dem sie gelegentlich lutschte. Lena ging auf die Knie und begrüßte das Mädchen ganz herzlich. Lena würde in naher Zukunft bestimmt eine gute Mutter abgeben. Das Interessante jedoch war, dass die kleine Bell nur Augen für mich zu haben schien. Sie hatte leicht errötete Wangen und sah mich unentwegt mit ihren großen Kulleraugen an. Ich fühlte mich ein wenig beobachtet und hatte das Gefühl, ein Klingeln in meinem Ohr zu hören.
„Hast du schon versucht, ihre Eltern ausrufen zu lassen?“, fragte Lena unsere Oma.
„Wir wollten gerade zur Informationszentrale, als Bell vor dem Spielwarengeschäft stehen blieb.“, erklärte Oma uns. „Offenbar gefiel ihr die Miniatureisenbahn im Schaufenster so sehr.“
Lena verstand und lächelte der kleinen Bell zu. „Keine Sorge, wir werden deine Eltern schon finden.“
„Ich mach mir keine Sorgen.“, sagte die kleine Bell tapfer und mit einem Lächeln im Gesicht, dass uns alle verwunderte. „Mein großer Bruder hat immer gesagt, wenn mal etwas verloren geht, dann such nicht, sondern lass dich finden! Einmal hat er einen Schlüssel verloren und egal wie lange er gesucht hat, er konnte ihn einfach nicht wiederfinden. Ein paar Tage später tauchte er dann von ganz alleine auf. Seitdem versteckt er den Schlüssel aber immer in der Blumenerde des Blumentopfes.“
„Dein Bruder hat vollkommen Recht!“, meinte unsere Oma, während ich ihr nur mit halbem Ohr zuhörte.
Die kleine Bell hat da etwas gesagt, was mich zum Nachdenken anregte. „Such unter der Erde…“, so lautete es in dem Rätsel. War damit womöglich Blumenerde gemeint? Ich grübelte noch ein wenig weiter nach und dann ging mir endlich ein Licht auf! „Ich muss mal ganz dringend fort.“, sagte ich plötzlich und stieß dabei natürlich auf völlig Unverständnis meiner Schwester.
„Fort? Jetzt? Und was ist mit den restlichen Geschenken?“, fragte Lena mich verwirrt.
„Das Meiste haben wir doch eh beisammen. Mir fehlen nur noch die Geschenke für Lexi und Julius und die kann ich immer noch besorgen.“, erklärte ich meiner Schwester und begann schon zum Ausgang zu rennen. Dabei war mir so, als hörte ich in der Ferne ein Glöckchen bimmeln. Vermutlich kam das aus einem der vielen Geschäfte, die weihnachtlich dekoriert worden waren.

Ich begab mich auf schnellstem Wege zur Uni, denn dort, so vermutete ich, lag der Schatz verborgen, nach dem ich unter der Erde suchen sollte. Doch auf dem Weg zur Uni fing mein Handy zu vibrieren an. Ich hielt kurz an, denn es war eine WhatsApp-Message von Lexi. Sie schrieb: „Müssen uns treffen. Jetzt.“ Die Nachricht war komisch, denn sie klang so ernst. Kein Smiley und auch keine Begründung, warum ich mich mit ihr treffen sollte. Ich schrieb also zurück: „Eigentlich hab ich gerade keine Zeit, aber wenn es wichtig ist, dann komm ich zu dir.“ Die U-Bahn zur Universität war ohnehin dieselbe Bahn, die auch zu Lexi nach Hause fuhr. Ich wartete eine Minute ab, dann erhielt ich von Lexi die Antwort: „Bitte komm! Es ist von größter Wichtigkeit!“ Das war der letzte Beweis dafür, dass etwas vorgefallen sein muss. Ich ahnte Schlimmes, doch wollte ich den Teufel nicht an die Wand malen und abwarten. Das Rätsel musste demnach noch warten.
Als ich bei Lexi zuhause ankam, öffnete Yasin mir freundlicherweise die Tür. Er begrüßte mich mit einem Lächeln, doch schien ihm nicht wirklich danach zumute zu sein. Er begleitete mich in Lexis Zimmer hinauf, das außerordentlich aufgeräumt und reinlich erschien. Lexi stand vor ihrem Fenster und blickte in den Garten hinunter, indem ich mir mit ihr, Yasin und Marcel vor ein paar Tagen noch eine heiße Schneeballschlacht lieferte. Marcel und ich bildeten zusammen ein Team gegen Yasin und Lexi. Das verliebte Pärchen schlug uns leider haushoch. Ich war eine echte Niete im Werfen von Schneebällen, aber Marcel schlug sich recht gut und traf seine Ziele fast immer.
Ich trat auf Lexi zu und bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Hey, was ist los?“
„Ich lassen euch alleine, dann können ihr in Ruhe reden.“, sagte Yasin mit ernster Miene und seinem nicht perfekten Deutsch. Er verließ das Zimmer und schloss hinter sich die Tür.
„Lexi?“ Ich trat näher an meine beste Freundin heran. Lexi drehte sich schließlich zu mir um und ich konnte ihre verquollenen Augen erkennen. Ganz klar ein Zeichen dafür, dass sie bis vor kurzem geweint hatte. Damit war für mich die Sachlage klar: „Yasins Bescheid ist gekommen? Wird er abgeschoben?“ Die Frage war überflüssig, doch musste ich sie natürlich einfach stellen. Lexi schwieg auch weiterhin, ein Nicken ihrerseits war sowieso Antwort genug. „Oh nein.“, sagte ich und nahm meine beste Freundin daraufhin in den Arm.
„Er weiß es schon seit ein paar Tagen, wollte es mir aber erst nach Weihnachten sagen, um mir das Fest nicht zu verderben.“, schluchzte Lexi in meine Arme. „Doch er ist ein schlechter Lügner und schließlich bin ich selber drauf gekommen. Das ist so furchtbar! Wieso tun die uns das an?“
„Auf manche Fragen gibt es keine Antworten.“, meinte ich dazu. Das Leben war wahrlich nicht immer gerecht, das wusste ich nur zu gut. „Und wie geht es jetzt mit euch weiter?“, fragte ich schließlich.
Lexi entriss sich meiner Umarmung und sah mich nun das erste Mal direkt in die Augen. Ich bekam ein mulmiges Gefühl. „Yasin muss in sein Heimatland zurück. Ich liebe ihn, ich liebe ihn so sehr! Ich halte es keinen Tag ohne ihn aus, das musst du verstehen.“ Und wie ich sie verstand. Mir ging es bei Jack doch fast genauso, doch musste ich viele Tage leider ohne ihn verbringen. „Deshalb habe ich beschlossen, ihn zu begleiten.“ Diese Entwicklung der Ereignisse traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Dabei hatte ich es eigentlich kommen sehen, doch irgendwie hab ich immer auf ein Wunder gehofft. „Ich weiß, dass das plötzlich kommt und ich bin darüber auch nicht sonderlich glücklich, aber noch unglücklicher wäre ich, wenn Yasin nicht mehr bei mir wäre. Ich gehe mit ihm. Meine Eltern stehen voll und ganz hinter mir und ich hoffe das tust du auch!“
„Was bleibt mir denn anderes übrig.“, erwiderte ich betrübt und ich spürte, wie ich nun ebenfalls den Tränen nahe war. Erst Jack, dann Julius, jetzt Lexi… irgendwie verließen sie mich alle.
„Die Abschiebung erfolgt noch in diesem Jahr.“, sagte Lexi, was mich noch zusätzlich schockierte.
„So schnell?“ Ich reagierte bestürzt und fühlte mich hilflos. Genauso müsste sich Lexi auch gerade fühlen, nur dass es für sie und natürlich auch ihre Eltern noch tausendmal schlimmer war.
„Keine Sorge. Wir sehen uns davor auf jeden Fall noch mal!“, versuchte Lexi mich zu beruhigen, doch war dies nur ein schwacher Trost. Wieso war das Leben manchmal nur so unfair?

Nach meinem Besuch bei Lexi, legte ich erst Recht keinen besonderen Wert mehr auf das Rätsel, weshalb ich mich auf dem Nachhauseweg begab. In der U-Bahn grübelte ich natürlich über Lexi und Yasin nach, aber auch Jack schwirrte mir noch immer im Kopf herum. Es war ein langer und leider nicht sehr erfreulicher Tag. Da fiel mir auch wieder ein, dass ich Lena bei unserer Oma und dem kleinen Mädchen zurück gelassen hatte. Ob sie die Eltern der kleinen Bell gefunden hatten? Zudem wollte ich mich bei meiner Schwester für mein Verhalten entschuldigen, doch als ich sie auf dem Handy anrief, ging nur die Mailbox ran.
Die letzten Meter musste ich zu Fuß gehen und als ich in die Straße einbog, in der wir wohnten, konnte ich bereits meine kleinen Geschwister im Garten rumtollen sehen. Eingepackt in Mantel, Schal, Mütze, Handschuhe und Winterstiefel, bauten sie aus dem vielen Schnee ihren inzwischen dritten Schneemann. „Na ihr? Es wird langsam dunkel und ihr spielt immer noch draußen?“
„Ja, ich glaube Mami und Papi haben uns vergessen.“, grinste Sebastian frech.
„Vielleicht hat das mit Lena zu tun, die vorhin reingestürmt kam.“, meinte Sarah nachdenklich. „Sie sah sehr mitgenommen aus, meinte aber wir sollen uns keine Sorgen machen.“
Hab ich meine Schwester etwa gekränkt, dass ich sie einfach so im Shopping-Center mit all den Weihnachtsgeschenken zurückließ? Nein, das kann unmöglich der Grund für ihr Auftauchen sein, denn so war Lena nicht. Es musste etwas vorgefallen sein, nachdem ich fort war. Kein gutes Zeichen. Noch mehr schlechte Nachrichten vertrage ich nämlich nicht. Ich ging sofort ins Haus und bereits in der Eingangshalle konnte ich Lena wütend und traurig zugleich reden hören: „Die können doch nicht einfach unseren Termin absagen und auf Herbst verschieben! All die Vorkehrungen die ich bereits getroffen habe… alles für die Katz! Sie zerstören meine Traumhochzeit!“
„Och mein Schatz, wir finden sicherlich eine Lösung.“, hörte ich meine Mutter zu ihr sagen.
„Was ist denn hier los?“, fragte ich, als ich das Wohnzimmer betrat.
„Die Hochzeit deiner Schwester wurde gecancelt.“, erklärte mir mein Vater kurz und bündig und ich blickte zu meiner Schwester, die Tränen in den Augen hatte. Dieser Tag entwickelte sich zu einer einzigen Katastrophe und allmählich befürchtete ich, dass dies kein erfreuliches Weihnachtsfest mehr werden würde.

geschrieben von Skystar
zum Kapitel 4
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