Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 2: „White Christmas“

Heute war der sechste Dezember und somit Nikolaus-Tag. Meine kleinen Geschwister waren schon ganz aus dem Häuschen und hüpften aufgeregt vor mir her, während wir ausgelassen über den Christkindlmarkt im Stadtpark am Dom schlenderten. Ich hatte meine Mutter versprochen die Zwillinge mitzunehmen, damit sie Zuhause ein paar Plätzchen backen und putzen konnte. Bereits davor hatten wir Drei mit jeder Menge Spaß und Tatendrang an einem Schneemann gewerkelt, der nun mit erhobener Krone in unserem Garten posierte.
Auch meine Freunde Lexi, Yasin und Marcel waren mit uns auf dem Christkindlmarkt. Zudem würden wir uns gleich auch noch mit Lena und Christoph treffen. Lexi war schon ganz aus dem Häuschen wegen der bevorstehenden Hochzeit und fragte meine Schwester immer wieder, ob sie denn auch eingeladen wäre und ob sie dann Yasin mitbringen dürfte, damit er sah, wie eine deutsche Hochzeit vollzogen wurde. Laut Lexi war Yasin nämlich bereits ihr zukünftiger Mann. Junge Liebe – junges Glück. Doch was war eigentlich mit meinem Glück? Bisher noch keine Spur von Jack, doch wenn ich genauer darüber nachdachte, dann traf ich ihn letztes Jahr auch erst am Nikolaus-Tag. Würde ich ihm heute also endlich wieder begegnen? Ich hoffte es sehr und ich ging auch davon aus, dass der anonyme Brief von ihm kam. „Schwebe auf Wolke Sieben und lass dich vom Wind berieseln“, was immer das auch zu bedeuten hatte, bisher kam ich nicht hinter des Rätsels Lösung.
„Vielleicht stammt der Brief ja auch von einem irren Psychopathen und möchte, dass du dein Leben beendest und dann anschließend in den Himmel fährst.“, scherzte Lexi mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus, nachdem sie sich zuvor auch jegliche Gedanken über das Rätsel gemacht hatte.
„Ich lache wenn ich tot bin.“, gab ich ironisch zurück.
„Ich das finde gar nicht so witzig.“, meinte Yasin in seiner nicht ganz so perfekten deutschen Aussprache. „Der Tod sein ernst und ihr damit nicht spaßen solltet.“ Daraufhin hörte Lexi auf dumme Sprüche zu reißen und fühlte sich plötzlich ganz klein. Yasin hatte einen guten Einfluss auf sie wie ich fand, denn seitdem sie mit ihm zusammen war, hielt sich öfters mit unnötigen Kommentaren zurück.
„Der Absender dieses Briefes wird sich vermutlich etwas dabei gedacht haben. Vielleicht kannst auch nur du dieses Rätsel lösen.“, meinte Marcel, der mir als Einziger mit hilfreichen Ratschlägen zur Seite stand. „Vielleicht darfst du das Rätsel auch nicht zu wörtlich nehmen und musst ein bisschen um die Ecke denken. Ich kann mir kaum vorstellen, dass du in den Himmel empor steigen sollst.“
„Ja, das denke ich mir auch.“, erwiderte ich und kam daraufhin wieder ins Grübeln.
Wir schlenderten weiter über den Christkindlmarkt und ich musste die Zwillinge stets im Auge behalten. Es war ein wunderschöner Abend, denn es schneite wieder ganz leicht vom Himmel herunter und bedeckte den Boden mit einer dünnen Schneeschicht. Auch in den kahlen Bäumen sammelte sich der Schnee, unter denen einzelne Buden errichtet worden waren. In diesen wiederum wurde weihnachtlicher Schnickschnack verkauft oder den Besuchern wurde Glühwein und etwas Warmes zu essen angeboten. Lexi blieb vor einer Bude stehen, in der eine ältere Frau selbstgestrickte Winterkleidung verkaufte. Marcel und ich gingen derweil ein paar Schritte weiter und blieben am größten geschmückten Weihnachtsbaum der Stadt stehen. Der Baum stand im Zentrum des Parks und war hell beleuchtet. Es war ein magischer Anblick, der mir ein zartes Lächeln ins Gesicht zauberte. Gleich daneben wurde eine Eisbahn errichtet, auf denen Kinder, Paare, Freunde und Familien Schlittschuh laufen konnten. Auf der anderen Seite des großen Weihnachtsbaums stand wiederrum ein großes Riesenrad, das das ganze Jahr über im Park stand. Es war ein Merkmal unserer Stadt und überaus sehr beliebt. In dem Riesenrad lernten Lexi und ich auch Marcel kennen. Wir waren damals zu zweit auf dem Frühjahrsmarkt im Park unterwegs, als Lexi vorschlug, doch eine Runde mit dem Riesenrad zu fahren und den herrlichen Ausblick zu genießen. Da noch Platz in unserer Gondel war, wurde uns noch eine weitere Person zugeteilt – Marcel. Er war damals alleine unterwegs, da er Fotos für ein Projekt in der Uni schießen wollte. Marcel studierte nämlich Fotografie und ich musste zugeben, dass er ein sehr talentierter Fotograf war. In der Gondel des Riesenrads kamen wir dann ein wenig ins Gespräch und Marcel zeigte Lexi ein paar seiner Fotos, die sie sehr bewunderte. Hinterher trafen wir ihn dann öfters in der Uni und so wurden wir schnell zu guten Freunden. Marcel an meiner Seite zu haben beruhigte mich zudem sehr, denn nachdem Julius fort war, konnte ich einen guten männlichen Gegenpart zu Lexi vertragen. Natürlich wurde er dann auch schon sehr bald eingeweiht, was meine Orientierung betraf. Er nahm es ganz gelassen entgegen und gab zudem gleich offen zu, dass er selber bisexuell sei, da sowohl Frauen als auch Männer für ihn gewisse Reize bereithielten. Erstaunt war ich darüber, dass sein Vater Pastor war und seinen Sohn akzeptierte wie er sei. Lexi versuchte daraufhin natürlich sofort, mich mit ihm zu verkuppeln, aber da stieß sie gegen eine Wand, denn mein Herz gehörte schließlich Jack – den ich heute Abend hoffentlich wieder sah.
„Lukas! Lukas, hier sind wir!“ Ich hörte die Stimme meiner Schwester und als ich mich dorthin drehte, von wo die Stimme herkam, erblickte ich Lena zusammen mit Christoph, die gerade von der Eisbahn kamen. Sebastian und Sarah rennten sofort freudig auf unserer große Schwester zu, denn so oft bekamen wir sie leider nicht mehr zu Gesicht. Ich gönnte meiner großen Schwester ihr Glück von ganzen Herzen, sie hatte es sich verdient. Ohne ihren Beistand wüsste Julius vermutlich heute noch nicht, dass ich schwul bin. Herr im Himmel war das damals eine Outing-Tragödie!
„Na alles fit, Lukas?“, fragte mich Christoph, der mir brüderlich den Arm zur Begrüßung reichte.
„Ja alles gut. Ich hoffe bei euch auch?“, antwortete ich freundlich.
„Alles gut, bis auf die Tatsache, dass Lena sich zu viel Stress wegen der bevorstehenden Hochzeit aufhalst. Dabei ist unser Termin erst im April.“, antwortete Christoph mir leicht gestresst.
„Hallo? Das ist in weniger als fünf Monaten!“, stieß Lena säuerlich aus.
„Lena hat vollkommen Recht!“, hörte ich Lexi rufen, die zusammen mit Yasin wieder zu uns dazu stieß und Lena freundschaftlich umarmte. „Die Hochzeit ist das wichtigste Ereignis im Leben einer Frau. Da muss alles wohl bedacht und gut durchplant sein, damit alles perfekt wird.“
„Pass auf Yasin, bist du erst einmal mit Lexi verheiratet, dann bist du für den Rest deines Lebens an sie angekettet.“, scherzte Marcel grinsend und handelte sich daraufhin einen bösen Blick von Lexi ein. „Wenn du allerdings abgeschoben wirst, dann bist du dem Teufel noch einmal entronnen!“
Das Thema „Abschiebung“ war natürlich nur halb so lustig, doch Yasin verstand natürlich die Ironie hinter dem was Marcel sagte. Lexi hingegen starrte Marcel weiterhin boshaft an.
„Darf ich Blumen auf deiner Hochzeit verstreuen?“, fragte Sarah unsere große Schwester süßlich.
„Natürlich darfst du das meine Kleine.“, antwortete Lena ihr lächelnd und streichelte ihr dabei über die Wollmütze, die sie auf ihren Kopf trug. „Was haltet ihr eigentlich von einem gemeinsamen Foto?“
„Au ja, vor dem tollen Weihnachtsbaum!“, rief Sebastian zugleich begeistert.
„Das ist eine prima Idee.“, pflichtete Marcel ihr bei, der sofort seine Kamera unter seiner dicken Jacke hervorzog. Ohne seine Kamera war Marcel nie anzutreffen, denn er schoss bei jeder passenden Gelegenheit Fotos – sei es von Menschen, Tieren, der Natur oder interessanten Objekten.
Lena, Christoph, Sebastian, Sarah, Lexi, Yasin und ich stellten uns gemeinsam vor dem großen und hell beleuchteten Christbaum auf und lächelten freudig in die Kamera. Gerade als Marcel den Abzug drückte, fing mein Handy in der Hosentasche zu vibrieren an.
„Entschuldigt mich kurz.“, sagte ich, nachdem das Foto im Kasten war. Ich entfernte mich ein wenig von der Gruppe und blieb unter einem kleinen Baum stehen. Ein Lächeln breitete sich in meinem Gesicht aus, als ich den Namen des Anrufers auf dem Display las. „Hey Jules, na wie geht es dir heute mein Schatz?“
„Ich geb dir gleich „mein Schatz“.“, hörte ich ihn mürrisch sagen, was zugleich ein Beweis dafür war, dass es ihm in der Schweiz offenbar gut zu gehen schien. „Ich hab deine Nachricht gelesen und dachte mir, ich ruf dich einfach mal an. „Du hast also einen Brief ohne Absender erhalten?“
„Ja. Ich nehme mal an, der ist nicht von dir?“, fragte ich ihn vorsichtshalber mal.
„Ne sorry, ich schreibe heutzutage nur noch E-Mails oder SMS.“, erklärte Julius mir. „Ich hab mir aber Gedanken zu dem Rätsel gemacht, dass du mir geschildert hast und da kam ich eigentlich nur zu einem vernünftigen Entschluss.“ Nun hörte ich gespannt zu. „Derjenige, der dir diesen Brief geschrieben hat, muss dich ja kennen, demnach könnte „Wolke 7“ etwas mit der CODA zu tun haben. Das Gebäude der CODA hat sieben Stockwerke und wenn ich mich Recht erinnere, dann gab es mal eine Zeit, da hatten sich die Mitglieder einen Spaß daraus gemacht, den einzelnen Stockwerken Namen zu geben. So hieß das Kellergewölbe zum Beispiel „Hölle“, das Erdgeschoss „Basis“, der zweite Stock „Baum“, und so weiter. Der siebte und letzte Stock hieß demnach…“
„Wolke!“, beendete ich den Satz, da mir endlich der Groschen fiel. Endlich kam ich der Rätsels Lösung auf die Spur, aber bisschen weit hergeholt war das schon. „Dann muss es aber doch ein Mitglied aus der CODA sein…, aber ich dachte der Brief wäre von Ja…“
Ich hielt inne, denn Julius hatte ich im Gegensatz zu Lexi nie was von Jack erzählt. „Was? Was wolltest du sagen?“, fragte er mich, nachdem ich beschloss zu schweigen.
„Ach egal. Danke dir jedenfalls, dass du mir geholfen hast.“, sagte ich glücklich.
„Kein Ding. Ich hab dich übrigens noch aus einem ganz anderen Grund angerufen. Ich hoffe du denkst an unsere Abmachung: Keine Geschenke dieses Jahr! Wehe du schenkst mir was, dann kriegst du ein paar hinter die Löffel!“ Julius Stimme klang bedrohlich, aber wenig ernst zu nehmen.
„Das größte Geschenk was du mir machen könntest, bekomme ich ja eh nicht.“, sagte ich geknickt, schmunzelte aber innerlich. Auf Julius Frage hin, was das für ein Geschenk gewesen wäre, antwortete ich: „Na dir an deinen wohlgeformten Knackarsch zu grabschen, wovor du immer Schiss hast.“

Was wäre ich nur ohne meinen guten Freund Julius? Vermutlich ein hoffnungsloser Fall. Dank seiner Hilfe konnte ich das Rätsel lösen und machte mich am nächsten Tag zugleich zur CODA auf. Das siebte Stockwerk glich derzeit einer Baustelle, aufgrund einer Renovierung und eigentlich war es verboten, sich dort aufzuhalten. Statt einer Tür erwartete mich eine große Plastikplane. Es war recht kühl, denn die Fenster wurden ausgehoben, um durch neue ersetzt zu werden. Das bedeutete es also, sich vom Wind berieseln zu lassen. Doch was nun? Ich sah mich auf der Baustelle ein wenig um, als ich etwas vor einem der Fenster baumeln sah. Von der Decke hing ein dünner Draht herunter und an dem Draht war eine selbstgebastelte Wolke aus Pappe befestigt. Auf der Wolke selber stand etwas geschrieben – ein neues Rätsel: „Such unter der Erde, denn dort liegt ein verborgener Schatz.“ Wie jetzt? Wird das zu einer Schnitzeljagd? Darauf hatte ich eigentlich nur wenig Lust, doch wenn der Verfasser dieser Rätsel wirklich Jack war, dann wollte ich ihm eben diesen Gefallen tun. Doch wie war das neue Rätsel gemeint? Such unter der Erde? Leichter gesagt als getan, wenn man bedachte, dass inzwischen überall Schnee lag. Zumal ich nicht einmal wüsste, wo ich suchen sollte. In solch einem Fall wären ein paar Hinweise ganz hilfreich gewesen.

geschrieben von Skystar
zum Kapitel 3
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