Eine neue Weihnachtsgeschichte

Kapitel 1: „Let It Snow, Let It Snow, Let It Snow“

Heute war der erste Dezember und als ich müde aus meinem warmen Bett ausstieg, die Vorhänge zur Seite zog und zum Fenster rausschaute, konnte ich die ersten Schneeflocken vom Himmel herabfallen sehen. Schnee. Winter. Weihnachten stand vor der Tür. Endlich! Als wäre ich auf einem Ecstasy-Trip machte ich mich für den heute bevorstehenden Tag fertig. Ich rannte die Treppe runter und in die Küche, wo mir ein genüsslicher Kaffeegeruch durch die Nase zog. Meine Eltern waren schon auf den Beinen, denn sie mussten zur Arbeit, nachdem sie meine Geschwister, die Zwillinge, zur Schule fuhren. Für mich war der heutige Tag ein weiterer Tag auf der Uni, auf der ich für meine bevorstehende Zukunft vorbereitet wurde und meine Freunde traf. Doch das war nicht der Grund, warum ich heute frohen Mutes aus dem Bett gekrochen kam und mich mit einem breiten Grinsen an den Frühstückstisch setzte. Meinen Eltern entging mein Dauergrinsen natürlich nicht. „Du meine Güte. Hast du im Lotto gewonnen, oder warum bist du so fröhlich?“, fragte mich meine Mutter.
„Also wenn du im Lotto gewonnen hast, dann kannst du mir ja die hundert Euro zurückgeben, die du mir ohnehin noch schuldest.“, meinte mein Vater gelangweilt zu mir.
„Wer hat im Lotto gewonnen?“, fragte meine kleine Schwester Sarah, die zusammen mit meinem kleinen Bruder noch ganz verschlafen die Küchen betraten. Beide trugen noch ihre Pyjamas und Sebastian rieb sich müde seine Augen.
„Euer Bruder ist stinkreich geworden.“, erklärte mein Vater den Zwillingen belustigt.
„Oh cool. Schenkst du mir dann das neue Videospiel?“, fragte Sebastian mich ganz aufgeregt.
„Ich habe nicht im Lotto gewonnen!“, entgegnete ich fuchsteufelswild, doch weiterhin lächelnd.
Dann sagten meine Zwillinge etwas, was keiner erwartet hätte: „Hattest du Sex?“
Meiner Mum fiel das Geschirrtuch zu Boden, dass sie bis gerade eben noch in der Hand hielt. Mein Dad saß mit offenem Mund am Küchentisch, während er seine Kaffeetasse in der Hand hielt. Mir hingegen wurde die Unterhaltung zunehmend peinlich. „Ähm nein?“
„Aber Kinder, wo habt ihr denn dieses Wort aufgeschnappt?“, fragte meine Mutter schockiert.
„Wir sind zehn und keine sechs.“, erklärte Sarah unserer Mutter erwachsen und Sebastian pflichtete ihr mit einem entschiedenen Nicken bei.
„Die Jugend von heute wird immer frühreifer und unverschämter.“, sagte ich schmunzelnd.
„Lenk nicht vom Thema ab, mein Sohn.“, sagte mein Vater bestimmend. „Stimmt es, was die Beiden da sagen. „Hattest du… hattest du wirklich… du hast also wirklich…?“
„Sex?“, beendete mein kleiner Bruder den Fragesatz unseres Vaters.
„Äh…“ Schwierige Situation. „Wenn ich jetzt nein sage, würdet ihr mir doch gar nicht glauben und wenn ich ja sage, würdet ihr ausrasten, was ihr aber auch werdet wenn ich nein sage, weil ihr mir das nein ja nicht glauben würdet. Folglich kann ich bei dieser Unterhaltung nur den Kürzeren ziehen.“, antwortete ich schließlich. „Doch die Wahrheit ist, ich hatte keinen Sex, ich wüsste nicht einmal mit wem, da ich keinen Freund habe. Wenn ich jedoch Sex haben sollte – und das wird eines schönen Tages der Fall sein – würde ich es euch ganz sicher nicht auf die Nase binden.“
„Ich glaube er bekommt keinen hoch.“, hörte ich Sarah meinem Bruder zuflüstern.
„KINDER! Jetzt ist es aber genug.“, zischte meine Mutter die Zwillinge lauthals an. „Wo schnappt ihr nur immer solche Wörter auf. Bringt man euch das heutzutage in der Schule bei?“
„Nein, aber wir hören dich und Papi hin und wieder darüber reden, wenn ihr euch in euer Schlafzimmer zurückzieht.“, meinte Sebastian und auf einmal wurden meine Eltern schamrot.

„Hahaha! Hahaha!“ Das Lachen meiner besten Freundin Lexi war in der gesamten Bibliothek der Uni zu hören. Während einer Pause hatte ich ihr von der Unterhaltung heute früh bei mir Zuhause berichtet und das war für sie natürlich der Knaller schlechthin. „Ich kann nicht mehr. Bitte hör auf! Mir tut schon der Bauch vor Lachen weh.“ Lexi versuchte sich zu beruhigen, doch fiel ihr das Atmen noch sehr schwer. Ich warf ihr einen grimmigen Blick zu, denn durch ihr lautes Gelächter zog sie die Aufmerksamkeit vieler Studenten und der Bibliothekarin auf uns, die uns ermahnte, leiser zu sein.
„Das war sooo peinlich.“, sagte ich erneut und vergrub mein Gesicht in meinen Händen.
„Ja aber sag mal, weswegen bist du denn nun so glücklich gewesen, beziehungsweise bist du es immer noch?“, fragte mich ein Junge, der rechts von mir saß. Sein Name war Marcel Eppstein und ich lernte ihn erst in diesem Frühjahr kennen. Er war so alt wie ich und Lexi, war etwa einen halben Kopf größer als ich und besaß dunkelblondes Haar, das weder besonders lang noch kurz war.
„Ach, nicht weiter wichtig.“, antwortete ich ihm, was natürlich eine Lüge war, aber die Wahrheit hinter meiner Fröhlichkeit war mir ebenfalls etwas unangenehm, wenn auch kein Vergleich zu den Sexvorwürfen, die mir meine kleinen Geschwister unterstellten.
„Ich denke ich kenne den Grund.“, sagte Lexi, die sich endlich wieder zu fangen schien. Ich warf meiner besten Freundin einen bedrohlichen Blick zu, doch ihr Mund war wie ein Feuerwerk – es kam einfach rausgeschossen. „Letztes Jahr an Weihnachten lernte Lukas einen zauberhaften Jungen kennen, in den er sich Hals über Kopf verknallte. Doch kurz nach Heiligabend verschwand dieser Junge auf sagenhafte Art und Weise, lediglich eine Schneekugel blieb zurück, und seitdem hat er ihn nicht mehr gesehen. Er denkt, der Junge wäre der Geist von Weihnachten oder so gewesen und jetzt hofft er natürlich, dass er ihn dieses Jahr wieder sieht.“
„Wie oft muss ich dir das eigentlich noch erklären?!“, fragte ich Lexi aufgewühlt. „Ich denke nicht nur, dass er der Geist von Weihnachten ist, ich weiß dass er es ist. Ich habe doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er sich vor mir in Schneeflocken auflöste und in den Himmel flog.“
„Das klingt echt abgefahren.“, kommentierte Marcel dieses Erlebnis.
„Keine Sorge Marcel. Lukas Fantasie ist grenzenlos und mit der Zeit gewöhnt man sich dran.“, sagte Lexi, die Jack für ein Hirngespinst meinerseits hielt. Sie dachte wohl, dass ich mit Jack einen Ersatz für Julius suchte, der inzwischen mit seiner Mutter in der Schweiz lebte. Dessen Krankheit war immer noch nicht überstanden, weshalb er in einer Spezialklinik nun genauer untersucht wurde. Julius war für mich natürlich immer nur ein guter Freund, dennoch musste ich zugeben, dass er mir sehr fehlte. Ich blickte zu einer Blume am Fenstersims, die ich in diesem Frühjahr zusammen mit ihm züchtete und dort vor seinem Abschied abstellte. Selbst im Winter blühte sie schön auf.
„Denk doch was du willst.“, sagte ich gleichgültig über Lexis Meinung. „Kümmere du dich lieber um deinen lieben Yasin, in den du über beide Ohren verknallt bist.“
„Oh, das hätte ich ja beinahe vergessen.“, sagte Lexi, die sich sofort an die Stirn langte. „Ich hoffe wirklich, dass es ihm gut geht und er nicht schon wieder irgendwelche Probleme hat.“ Yasin war ein junger Araber, mit dem Lexi seit Juli eine Beziehung führte. Sie lernte ihn im Januar im CODA-Club kennen, da er einer der Menschen war, denen wir dort über den Winter Unterschlupf gewährten. Er war vorheriges Jahr nach Deutschland eingereist und versucht seitdem eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Er will in Deutschland leben, unsere Sprache und unsere Gebräuche lernen, er will einen anständigen Job ausüben und Geld verdienen, um später einmal eine Familie zu gründen und sie zu finanzieren. Mit Lexi an seiner Seite hatte er jetzt zudem einen weiteren Grund, warum er hier bleiben möchte. Ich freute mich natürlich sehr für Lexi, dass sie endlich jemanden hatte, der sie so sehr liebte, wie sie ihn. Ihr war natürlich auch bewusst, welche Gefahren mit dieser Beziehung verbunden waren. Sollte Yasin nämlich abgeschoben werden, dann würde ihr Herz in tausend Teile brechen, es sei denn, sie würde ihn in sein Heimatland zurück begleiten…, doch hoffte ich, dass es niemals so weit kommen würde.
„Hey Lukas!“ Ich entriss mich meinen Gedanken und wandte meinen Kopf zu Marcel, der mich neugierig musterte. „Alles in Ordnung? Du scheinst mit deinen Gedanken sonst wo zu sein.“
„Alles in bester Ordnung.“, antwortete ich ihm und fügte in meinen Gedanken noch hinzu: Zumindest wird es das sein, wenn ich Jack endlich wieder sehe und ihm sagen kann, wie sehr ich ihn vermisst habe und wie sehr ich mich in ihn verliebt habe.

Als ich spätabends wieder nach Hause kam, herrschte gewohnter Wochentrubel in unserem Haus. Die Zwillinge saßen auf dem Teppich im Wohnzimmer und sahen sich im Fernsehen noch eine ihrer Lieblingssendungen an. Vor ihnen lag Niko, unser Hund, den ich letztes Jahr auf der Straße aufgelesen habe und den wir anschließend bei uns aufnahmen. Meine Mutter stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor und auch mein Vater war schon von der Arbeit zurück und las gerade seine Post durch, die vor allem Rechnungen beinhaltete. Meine große Schwester Lena hingegen wohnte inzwischen nicht mehr bei uns. Sie war mit ihrem Freund Christoph zusammen gezogen, der nach seinem Auslandssemester in Amerika wieder in Deutschland lebte… und sie waren verlobt! An ihrem gemeinsamen Jahrestag machte Christoph meiner Schwester einen Heiratsantrag und sie nahm ihn voller Freude an. Unsere Eltern und auch Christophs Familie waren zwar noch etwas zwiegespalten über die Verlobung, doch letzten Endes war es die Entscheidung der Zwei und ihr Glück war uns allen das Wichtigste. Durch Lenas Auszug erhielten die Zwillinge endlich ihr jeweils eigenes Zimmer. Sarah zog in das ehemalige Zimmer von Lena und Sebastian blieb in dem Doppelzimmer, dass er sich bisher mit Sarah teilen musste. Beide sind schließlich keine kleinen Kinder mehr - hat man ja heute Morgen beim Frühstück gesehen - und brauchen ihren Freiraum.
Ich zog mir die Schuhe aus und stellte meine Unitasche erst einmal am Treppengeländer ab. Als ich in die Küche marschierte, sagte meine Mutter: „Hallo Lukas. Na wie war die Uni?“ Ohne jedoch auf eine Antwort zu abzuwarten, redete sie weiter: „Auf dem Küchentisch liegt Post für dich!“
„Von Julius?“, fragte ich, während ich den Brief in meine Hand nahm.
„Keine Ahnung, denn es steht kein Absender drauf.“, erklärte mir meine Mutter, was ich zugleich aber bereits selber feststellte, als ich das unbeschriftete Briefkuvert in Augenschein nahm. Lediglich „Für Lukas“ war darauf zu lesen. Demnach konnte der Brief nicht von der Post zugestellt worden sein. Ich öffnete schließlich das Kuvert und zum Vorschein kam ein kleiner Zettel, auf dem geschrieben stand: „Weihnachten, das Fest der Liebe und der Wunder! Willst du, dass ein Wunder geschieht, musst du folgendes Rätsel lösen: Schwebe auf Wolke Sieben und lass dich vom Wind berieseln.“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was dies zu bedeuten hatte und auch während des Abendessens kam ich nicht drauf. Als ich mich spätabends dann zu Bett begab, hatte ich es aufgegeben, weiter darüber nachzudenken. Ich legte den Brief zur Seite und nahm dafür einen ganz anderen Gegenstand zur Hand. Es war die Schneekugel, die mir Jack letztes Jahr an Weihnachten als Abschiedsgeschenk hinterlassen hat und in der er selber zu sehen war. Ich schüttelte sie einmal und schon war das reinste Schneegestöber im Inneren der Kugel zu bestaunen. Ich lächelte kurz auf, ehe ich anschließend das Licht ausmachte, einschlief und von Jack träumte.

geschrieben von Skystar
zum Kapitel 2
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