Outing und Erfahrungen - Interview mit RonPossible (22)

Skystar: "Wie ist dein Username, wie bist du zu dem Namen gekommen und wie alt bist du aktuell?"

RonPossible: "Bei Boypoint ist mein Username RonPossible. Ich war vor etwa sieben Jahren, als ich mir diesen Nicknamen ausgesucht habe, großer Kim Possible-Fan. Ich wollte immer, dass Kim und Ron (Für die, die die Serie nicht kennen: Das ist Kim's bester Freund) ein Paar werden - was sie gegen Ende der Serie ja sogar wurden! Daher der Mix aus "Ron" und Kim "Possible". Ich bin aktuell 22 und werde dieses Jahr noch 23!"

Skystar: "Kannst du uns etwas über deine Familie erzählen und darüber in welchem Umfeld du groß geworden bist?"

RonPossible: "Ich bin in einer Kleinstadt in Ostfriesland groß geworden, wo ich bis ich 18 war gelebt habe, und das eigentlich bis zu meiner Teenager-Zeit sehr behütet und glücklich. Als mit Abstand jüngstes Kind der Familie hatte ich es meistens sehr gut, alle haben mich immer umsorgt und verwöhnt. Meine Familie ist ein bisschen Patchwork-mäßig. Ich habe vier Halbgeschwister, je zwei mütterlicherseits und väterlicherseits aus früheren Beziehungen. Die beiden Geschwister väterlicherseits habe ich erst kennen gelernt, als ich beinahe volljährig war. Die beiden von meiner Mutter sind mit mir zusammen aufgewachsen und haben mich super lieb behandelt, hatte niemals Streit mit ihnen. In der Familie gab es allerdings oft Probleme, aber alle waren bemüht, dass ich das nicht wahrnehme und immer glücklich bin. Das hat dann bis ich 15 war geklappt, dann haben sich meine Eltern getrennt und ich habe allein bei meiner Mutter gelebt. Meine wichtigsten Bezugspersonen waren immer schon meine Mutter und meine Großmütter, die immer viel Wert auf meinen schulischen Werdegang gelegt haben. Ihnen habe ich extrem viel zu verdanken!"

Skystar: "Erzähl etwas über dich. Was sind deine Hobbies und wie stellst du dir deine Zukunft vor?"

RonPossible: "Meine Hobbys, oje wo soll ich anfangen? Früher habe ich leidenschaftlich Kampfsport betrieben, Aikidô. Ich singe gerne (Musical, Balladen, Jazz, Swing) und wirke in einer Musical-Gruppe mit. Ab und zu singe ich auf Hochzeiten oder anderen Feiern. Ich bin leidenschaftlicher Musical-Fan, es gibt kaum eine größere Produktion, die ich mir nicht sofort angesehen hätte. Außerdem schaue ich gerne Filme - naja, wer tut das nicht?! Vor Allem aber Schnulzen, Dramen, Historienfilme und Disney-Filme. Ich liebe, liebe, liebe Disney! Ich bin ein großer Fan von einigen Sängerinnen, die man heutzutage leider kaum noch kennt: Liza Minnelli, Edith Piaf, Angela Lansbury und vor allem Judy Garland - die vergöttere ich, sie ist eine riesige Inspiration für mich. Außerdem suchte ich alle Filme, die mit Whoopi Goldberg und Dianne Wiest zu tun haben. Irgendwie hab ich anscheinend ein Faible für ältere Filmstars und Sängerinnen. Übrigens lese ich noch gern und viel, vor allem historische Romane, Mythen und Sagen und japanische Literatur - Japan ist eine weitere große Leidenschaft von mir. Ich lerne gerne Sprachen, darunter eben auch Japanisch oder Koreanisch. Und das Reisen liebe ich - auch hier steht Japan neben Paris und London stets oben auf der Liste! Achso, und ich zocke momentan gerne auf der Wii U oder der PlayStation 4. Zu meiner Zukunft: Ich hoffe, in einigen Jahren habe ich einen tollen, festen Job, der mit meinen Studienfächern zu tun hat. Hoffentlich lebe ich bis dahin in Hamburg oder Düsseldorf mit meinem Freund in einer tollen Wohnung und kann meine Familie öfter sehen als es momentan der Fall ist. Das wäre schon fast mein ultimatives Glück, wenn das alles so klappen würde!"

Skystar: "Du hast mir deine Hobbys sehr ausführlich aufgelistet. Kannst du mir erklären, was Aikidô genau ist und was es von anderen Kampfsportarten wie Karate oder Taekwondo unterscheidet?"

RonPossible: "Ist schon einige Jahre her, dass ich das gemacht habe. Ich habe kurz vor dem schwarzen Gürtel aufgehört - rückblickend echt schade. Von Taekwondo habe ich echt keine Ahnung, aber im Vergleich zu Karate oder Judô ist es eine passivere Kampfsportart, würde ich sagen. Es geht darum, die Energie und Kraft des Angreifers umzuwandeln und diese Energie für die Verteidigung zu nutzen. Man greift eher selten aktiv an und man arbeitet vor allem mit Würfen und Hebeltechniken. Tritte und Schläge kommen eigentlich nicht so vor, die, glaube ich, z.B. im Karate wichtig sind. Aber ehrlich gesagt habe ich von Karate auch nicht so viel Ahnung, obwohl mein Freund Karate-Lehrer ist. (Anmerkung: Der Name „Aikidô“ setzt sich zusammen aus: „Ai“(Harmonie/Liebe), „ki“ (Energie) und „do“ (der geistige Weg)."

Skystar: "Ein paar Fragen zu deinen genannten Hobbys: 1. Welche drei Musicals magst du am liebsten? 2. Welche drei Disney-Filme schaust du dir am Meisten an? 3. Was sind deine drei Lieblings-Romane?"

RonPossible: "Musicals: Das ändert sich ständig. Momentan "The Bodyguard", "Die Päpstin" und "Aladdin" in freudiger Erwartung auf den Herbst, wenn es in Hamburg anläuft. Das Ranking kann nächste Woche aber wieder ganz anders aussehen!Disney: Definitiv "Der Glöckner von Notre-Dame", "Pocahontas" und "Die Schöne und das Biest" - aber ich liebe alle Disney-Filme bis in die 90er. Romane: Von Nicht-Japanischen Romanen z.B. die Fantasy-Trilogie "His Dark Materials" von Philip Pullman - bestehend aus Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop, außerdem "Das 10te Königreich" von Kathryn Wesley, und die Walking-Dead-Romane von Joe Bonansinga."

Skystar: "Ich könnte jetzt auf jedes deiner Hobbys einzeln eingehen, aber das würde den Rahmen sprengen. Deshalb nun zu unserem Hauptthema: Wann (Ab welchem Alter? Ab welchem Moment?) hast du gemerkt, dass du dich zu Jungs hingezogen fühlst?"

RonPossible: "Dass ich nicht der klassische Junge bin, war eigentlich schon immer klar. Wenn ich mir alte Familienvideos anschaue, auf denen ich zu Disney-Liedern von Arielle oder Dornröschen singe und mit Puppen etc. spiele, hätte man vielleicht schon früh darauf schließen können, dass ich nicht so der typische Kerl werde. Mir selbst ist das irgendwann zwischen 14 und 15 erstmals aufgefallen, aber ich habe das damals noch nicht reflektiert. Dass ich mich damit dann wirklich identifiziert habe, war mit 17 Jahren, als ich auch meinen ersten Freund hatte. Davor hatte ich nur Freundinnen, was mich aber, um es krass auszudrücken, angewidert hat. Ich wollte mir zunächst beweisen, dass ich eben doch normal bin und auf Mädchen stehe, aber das war offensichtlich nicht so erfolgreich. Durch Online-Chats in der Zeit zwischen 16 und 17 bin ich dann endgültig darauf gekommen, dass ich wohl schwul sein muss. Aber bis dahin war das ein längerer, nicht so angenehmer Weg."

Skystar: "Und wie lange hast du schlussendlich gebraucht, um zu akzeptieren, dass du schwul bist?"

RonPossible: "Vom leisen Verdacht mit 14 Jahren bis ich meinen aktuellen Freund kennen gelernt habe, das war ein paar Monate vor meinem 18. Geburtstag, also hat der Prozess etwa vier Jahre gedauert. Erst dann konnte und wollte ich auch richtig hinter meiner Lebensweise stehen. Vorher hatte ich keinen Mut dazu."

Skystar: "Bei wem hast du dich als erstes geoutet und wie alt warst du da ungefähr? Gab es einen bestimmten Anlass dazu und wie hat diese Person auf dein Coming out reagiert?"

RonPossible: "Die allerersten waren Internet-Freunde aus einem Online-Chat/Online-Spiel. Deren positive Reaktion hat mich ermutigt, es einer Schulfreundin zu sagen. Sie war etwas überrascht, aber der innere Stress den ich mir gemacht habe, war gar nicht nötig. Erst danach habe ich es meiner Mutter dezent angedeutet, als erster Person in der Familie. Ich war 16, wenn ich mich richtig erinnere..."

Skystar: "Kannst du mir das Gefühl beschreiben, dass du nach deinem Outing empfunden hast?"

RonPossible: "Das war total unterschiedlich, je nachdem, welcher Person gegenüber ich mich geöffnet habe. In den meisten Fällen war es Erleichterung. Ich bin damit aufgewachsen, dass Schwul sein unnatürlich und ekelhaft ist und Schwule lächerliche Clowns mit AIDS sind, dementsprechend war ich innerlich ständig unter Spannung und auch Angst spielte eine Rolle. Ich kann aber nicht sagen, dass ich mich nach jedem Outing super gefühlt hätte, da auch nicht alle Reaktionen positiv waren. Als das in der Schule herum gegangen ist, habe ich mir gewünscht, es nie erzählt zu haben. Auch in der Familie war's nicht so einfach. Naja, daher war zwar immer eine gewisse Erleichterung dabei, aber der psychische Stress und die Angst haben sich meist nur verlagert und sind im Großen und Ganzen noch eine ganze Zeit lang geblieben."

Skystar: "Wie hat deine "Patchwork"-Familie denn auf deine Homosexualität reagiert?"

RonPossible: "Meine Mutter hat das über ein Jahr ignoriert. Meinen ersten Freund wollte sie nicht als solchen wahrnehmen. Schließlich kam die "Womit-habe-ich-das-verdient?" und "Habe-ich-dich-nicht-immer-geschützt-und-gut-erzogen?" - Phase, gefolgt von Wutausbrüchen und schließlich der Schuldfrage - war sie Schuld? War mein Vater Schuld? War es die Erziehung? ... Und am Ende die Wut gegen mich, mit Argumentationen wie "Das ist unnatürlich!", "Du versündigst dich!" (meine Mutter ist eigentlich überhaupt nicht religiös!) und "Wenn das rauskommt, wird unser Haus mit Steinen beworfen und wir müssen die Stadt verlassen." ...Aber irgendwann hat sie es hingenommen. Sie hat sich mit dem Thema intensiver auseinandergesetzt und begann endlich zu verstehen. Und als ich mich von meinem ersten Freund getrennt habe, war sie plötzlich für mich da und stand hinter mir. Und schließlich, als ich meinen aktuellen Freund mitbrachte, der überhaupt nicht allen Klischees entspricht und ihr auf Anhieb sympathisch war, war sie komplett "bekehrt" - einer ihrer Lieblingsfilme ist jetzt "Prayers for Bobby", ich finde, das ist ein Statement. Wir sind uns jetzt näher, als wir uns je zuvor waren. Meine Geschwister haben positiv reagiert und es hat sich absolut nichts zwischen uns geändert nach dem Outing. Die zwei Geschwister, die ich erst kurz vor meinem 18. Geburtstag auf eigene Faust ausfindig gemacht und kennen gelernt habe, wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, sie kennen mich gar nicht vor dem Outing. Beides sind Schwestern, und beide haben gesagt "Mir hat immer schon was Schwules in meinem Leben gefehlt." - umso besser für mich. Meiner geliebten Oma gegenüber habe ich das nie wirklich erwähnt - aber sie hat es auch nie problematisiert. Sie liebt meinen Freund und nennt ihn immer als einen ihrer Enkel - das spricht Bände, finde ich. Und mein Vater hat es erst vor kurzem erfahren, da ich mit ihm einige Jahre kaum Kontakt hatte. Ich glaube, irgendwo hat er innerlich noch daran zu knabbern, aber er ist mittlerweile auch unheimlich stolz auf uns als Paar und steht hinter unserem Leben, für ihn war es aber definitiv am Schwierigsten, da er die treibende Kraft hinter der Abneigung Schwulen gegenüber in der Familie war, bis er von Zuhause ausgezogen ist und ich mich dadurch erst selbst finden konnte."

Skystar: "Na da hat sich dann ja noch alles zum Guten entwickelt. Das ist schön und freut mich für dich. "Prayers for Bobby" ist wirklich ein schöner Film und kann ich vielen nur wärmstens empfehlen. Deiner vorherigen Aussage nach zu urteilen, lief dein Outing in der Schule nicht sonderlich gut. Bist du dort auf Ablehnung und Homophobie gestoßen? Wie bist du damit umgegangen?"

RonPossible: "Irgendwie hat es irgendwann unkontrolliert die Runde gemacht, etwa in der Oberstufen-Zeit wusste es dann eigentlich jeder. Es gab unglaublich viele Leute, die mich dann gemieden haben. Auf direktes Mobbing oder Gewalt bin ich fast nie gestoßen, es wurde aber extrem viel gelästert. Ich erinnere mich z.B., dass eine eigentlich sehr stille und vernünftige Mitschülerin (dachte ich jedenfalls bis dahin) hinter mir die Treppe hoch ging und dann zu einer Freundin sagte, dass es widerlich gewesen sei, hinter meinem AIDS-verseuchten, schwulen "Hintern" (um es nett auszudrücken) gelaufen zu sein. Solche Situationen gab es sehr, sehr viele. Also war es nicht sehr leicht für mich. Aber ganz allein war ich auch nicht, ich hatte eine Hand voll Freundinnen und vor Allem der Englisch-Leistungskurs, der nur aus Mädchen bestand, war angenehm für mich. Eine Lehrerin, mit der ich heute noch in Kontakt steht, hat mir extrem geholfen in dieser Zeit, in der ich sowohl Zuhause als auch in der Schule wegen des Outings massive Probleme hatte und auch gesundheitlich dadurch sehr angeschlagen war. Durch die Unterstützung, die ich erfuhr, fiel es mir über die Zeit immer leichter, darüber zu stehen. Aus bloßem Trotz habe ich auch gegen Ende der Schulzeit, als mir alle Leute egal wurden, meinen Freund öfters mit in die Schule genommen, auch um zu provozieren. Eine tolle Geste der Lehrerin war, dass sie ihn mit ins Klassenbuch eingetragen hat, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Die homophoben Lästereien haben erst aufgehört, als ich bei einer größeren Musikveranstaltung eine Ballade gesungen habe. Dieser Zeitpunkt hat das Blatt gewendet, irgendwie hatten plötzlich alle großen Respekt vor mir und haben sich bei mir entschuldigt. Aber ich habe es mir trotzdem nicht nehmen lassen, mir den Frust in der Abizeitung von der Seele zu schreiben und mit allen abzurechnen!"

Skystar: "Daran sieht man, dass sich letztendlich fast alles zum Positiven entwickeln kann, wenn man weiterhin stark bleibt und die Hoffnung nicht aufgibt. Fandest du es eigentlich schwer, einen Partner zu finden?"

RonPossible: "Ich hatte daran eigentlich nie wirklich Interesse und ich habe nicht oft aktiv danach gesucht. Es hat sich immer ergeben. Das erste Mal durch meine Aktivitäten auf YouTube und mein aktueller Freund hat mich 2010 hier auf Boypoint angeschrieben. Ich finde, man sollte das eher auf sich zukommen lassen. Wenn ich mal aktiv gesucht habe, war das immer viel zu forciert und es ist nie etwas daraus geworden, weil zu große Erwartungen von Anfang an daran gestellt waren. Aber ich finde, einen Partner zu behalten ist noch ein ganzes Ende schwieriger als einen zu finden!"

Skystar: "Wenn dein Freund ungeoutet wäre, würdest du ihn langfristig zu einem Outing bewegen?"

RonPossible: "Ich habe ihn dazu bewegt, ja. Und das würde ich auch auf jeden Fall wieder tun. Nicht zwingen, aber dazu ermutigen. Man muss damit nicht hausieren, das mache ich auch nicht, aber ein bestimmter Personenkreis sollte es schon wissen."

Skystar: "Warst du schon einmal auf einem Treffen für schwule Jungs? Wenn ja, wie war es? Wenn nein, warum nicht?"

RonPossible: "Ich war in der früheren Zeit auf ein paar Boypoint-Treffen im Ruhrgebiet. Damals hatte ich hier viele Freunde, die aber leider alle nicht mehr aktiv hier sind. Auf jeden Fall waren das tolle Erfahrungen. Beim aller ersten Mal war ich sehr aufgeregt und zurückhaltend bin ich sowieso. Ich rede recht wenig unter für mich neuen Menschen, aber trotzdem haben sich wie gesagt ein paar Leute gefunden, mit denen ich danach noch eine Zeit lang Kontakt gehalten hab. Es war schön, zu spüren dass man nicht allein ist, aber ein paar Leute waren mir zu Klischee-lastig. Somit hatte ich durch diese Treffen sowohl Positiv- als auch Negativ-Beispiele. Auf dem Kölner CSD war ich zwei Mal und bin bei "Comingout-Help" mitgelaufen. Ich finde, man sollte wenigstens einmal auf dem Kölner CSD mitmachen. Ich bin absolut kein Party-Fan, aber es war extrem lustig! In Schwulen-Bars oder Schwulen-Discos bin ich jeweils nur einmal gegangen, da war mir zu viel oberflächlicher Fleischbeschau, das fand ich sehr unangenehm. Aber auch das sollte man mal gemacht haben, der Erfahrung wegen."

Skystar: "Die letztgenannte Erfahrung kann ich mit dir teilen. Weil du gerade Boypoint ansprichst: Was gefällt dir an Boypoint am meisten und was am wenigsten? Sei ruhig ehrlich, denn wir freuen uns über jedes positives und negatives Feedback, denn nur so lässt sich unsere Seite stetig verbessern."

RonPossible: "Die Seite an sich hat sich in der Qualität stetig verbessert, da kann ich wirklich nichts kritisieren. Ich bin seit 2010 dabei und früher war das Forum noch wesentlich unkoordinierter und teilweise recht willkürlich, und es gab oft Streitereien. Das hat sich anscheinend geändert, wirklich schön! Und wie die User das Forum nutzen, darf ich mir nicht anmaßen, zu kritisieren. Ein bisschen weniger Sex als Fokus fände ich oft ganz toll, aber das muss jeder selber wissen, ist nur subjektiv. Das Einzige, was früher toller war, dass es eben ziemlich oft zu Treffs gekommen ist und man viele tolle Leute kennen lernen konnte. Seit 2010 habe ich leider keinen richtigen Kumpel mehr hier gefunden, aber das ändert sich vielleicht ja noch, bin optimistisch."

Skystar: "Was kannst du mir zu folgenden Thema sagen: Kirche und Homosexualität, Hochzeit, Kinder bekommen bzw. adoptieren, offene oder feste Beziehung, Geld für Sex und Fernbeziehung?"

RonPossible: "Kirche und Homosexualität: Ein ganz leidiges Thema, finde ich. Ich ärgere mich sehr oft über die verkorksten Ansichten der Kirche und von homophoben gläubigen Leuten. Dass es tatsächlich noch so viele Menschen gibt, die sich anmaßen über fremdes Leben vollkommen überheblich und entwürdigend zu urteilen, indem sie sich erdreisten, Aussagen aus pseudo-göttlicher Perspektive zu tätigen und anderen ihr Weltbild auf diktieren, das ist absolut schockierend. Das darf nicht sein und das widerspricht schlicht und einfach dem, was diese Menschen scheinheilig propagieren. Aber die katholische Kirche ist ja mittlerweile noch recht harmlos im Vergleich zu den muslimischen Glaubensrichtungen im arabischen Raum, wo unsereins getötet werden kann, bloß weil sie Liebe empfinden.
Hochzeit: Es ist doch toll, was gerade passiert auf diesem Gebiet. Irland hat es jetzt vor gemacht, ich hoffe sehr, dass Deutschland in naher Zukunft auch liberaler wird und aufhört, Homosexuelle einzuschränken. Ich würde meinen Freund gerne in nicht allzu ferner Zukunft heiraten, insofern wäre ich da sehr froh, wenn Deutschland auch mal in die Pötte käme!
Kinder bekommen bzw. adoptieren: Die Idee, beispielsweise Leihmütter zu haben, finde ich ein bisschen befremdlich. Sowas käme für mich wohl nicht infrage. Wenn, dann würde ich gerne adoptieren. Ich hoffe auch, dass hierfür die Regelungen in den nächsten Jahren lockerer werden, momentan ist es hierzulande ja recht schwer für homosexuelle Paare, zu adoptieren.
offene oder feste Beziehung: Das ist ganz schwierig zu bewerten. Ich kenne Leute, die in einer offenen Beziehung super zufrieden leben. Für mich ist das keine Alternative. Einerseits gehört natürlich viel Vertrauen dazu, wenn man sich auf eine offene Beziehung einlässt. Andererseits bedeutet das für mich, dass die sexuellen Triebe für solche Paare anscheinend einen extrem hohen Stellenwert einnehmen. Für mich persönlich ist das irgendwie zu primitiv und kann mir nicht vorstellen, dass eine offene Beziehung das ultimative Glück bedeuten kann. Wenn man gar nicht den Drang verspürt, jemand anderen "auszuprobieren", dann sind das für mich persönlich die Beziehungen mit der längsten Zukunft.
Geld für Sex: Ich finde eher Geld für gebrauchte Socken oder getragene Unterwäsche, oder einen Tritt in die Weichteile amüsant. Sollte ich wider Erwarten irgendwann mal am Existenz-Minimum stehen und sonst erbärmlich verwahrlosen, kann man sich bei sowas bestimmt eine goldene Nase verdienen! Aber Sex, nein, das kommt für mich niemals infrage. Und mit Leuten, die sowas offen praktizieren, hätte ich vielleicht auch einige Grundsatzprobleme.
Fernbeziehung: Das hatte ich eine sehr lange Zeit. Ich muss sagen, dass ich das wirklich nie wieder möchte. Es ist sehr anstrengend. Man wird zum Kontrollzwang verleitet, man wird leichter eifersüchtig, man hat wenig Anteil am Leben des Partners. Es ist eine Übergangslösung, aber keine Dauerlösung. Ich bin sehr froh, dass ich meine einstige Fernbeziehung dadurch, dass ich in seine Nähe gezogen bin, beendet habe. Jetzt sind wir nur noch maximal etwa zwei Monate getrennt, wenn ich mal in Japan bin. Und das ist schon schlimm genug, obwohl man es ja von früher gewohnt ist."

Skystar: "Was würdest du anderen Usern bei ihrem Outing mit auf dem Weg geben? Vielleicht sagst du uns auch auf Japanisch oder Koreanisch etwas – mit Übersetzung versteht sich."

RonPossible: "Ich habe das Gefühl, dass die Situation sich rapide verbessert und immer weniger junge Schwule in Deutschland sich großen Problemen gegenüber sehen - das ist ein toller Weg, der sich momentan bahnt. Aber solltet ihr Probleme haben, dann lasst euch Zeit. Überlegt euch genau, wem ihr es als erstes erzählt. Hetzt euch nicht ab, auch wenn ihr es am liebsten der ganzen Welt sofort mitteilen wollt, damit ihr endlich so leben könnt, wie ihr es euch vorstellt. Auf die lange Sicht hin ist es wichtiger, bedacht vorzugehen, ohne euch dabei komplett verrückt zu machen. Wenn ihr sehr jung seid, z.B. 12 oder 13, wartet noch. Es klingt blöd, dass gesagt wird, es könnte nur eine Phase sein, obwohl ihr euch sehr sicher seid, aber in der Pubertät läuft Herz und Verstand komplett durcheinander. Und habt keine Angst, sagt euch immer: Die Leute, die mich wirklich lieben, werden damit klar kommen. Und die, die sich entfernen, waren es sowieso nicht wert. Was wollt ihr mit Menschen, die euch nicht für den Mensch der ihr seid, mögen? Steht zu euch selbst und schöpft Kraft aus euch und der Liebe, die euch eure geliebten Menschen entgegenbringen. Manchmal brauchen die Menschen länger, um es zu verstehen, aber auch ihnen müsst ihr Zeit geben. Wenn sie euch lieben, kommen sie ganz sicher bald damit klar, sie brauchen nur Zeit. Dazu passt ein japanisches Sprichwort: 急がばまわれ (Isogaba maware) - Wenn du es eilig hast, gehe einen Umweg."

Skystar: "Vielen Dank RonPossible! Ich und das gesamte Boypoint-Team danken dir recht herzlich für das Interview! Tut mir Leid, dass ich deine Smileys unterbinden musste. Ich weiß du hattest Spaß daran sie zur Genüge einzusetzen, denn ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag!"

Interview von Skystar mit RonPossible 2015

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Info: Dieses Interview ist rein freiwillig und es wird keiner gezwungen daran teilzunehmen. Du musst weder alle Fragen beantworten, noch unangenehme Details preisgeben. Hier geht es nicht darum, dich bloß zu stellen, sondern anderen zu helfen mehr über das Thema „Coming Out“ in Erfahrung zu bringen.

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