Coming Out - Das Interview - Wicka (19)

Skystar: "Wie ist dein Username und wie alt bist du aktuell?"

Wicka: "Wicka und ich bin jetzt 19."

Skystar: "Erzähl etwas über dich. Was sind deine Hobbies und wie stellst du dir deine Zukunft vor?"

Wicka: "Das ist schwierig. Hobbys hab ich nicht wirklich welche, da ich mich in der Findungsphase befinde. Das heißt, hab noch nichts gefunden was ich regelmäßig nachgehe aber sporadisch fahr ich Kart, im Sommer geh ich oft klettern (Hochseilgarten) und beschäftige mich viel mit meinem Beruf Zerspanungsmechaniker. Für die Zukunft hab ich eigentlich zurzeit nur Karriere geplant. Mein Ziel ist es eigentlich Maschinenbau zu studieren und dann Konstrukteur zu werden."

Skystar: "Was ist denn ein Zerspannungsmechaniker?"

Wicka: "Zerspanungsmechaniker ist ein spannender Beruf. Hat mit konstruieren erstmal nichts zu tun, man muss aber technische Zeichnungen lesen, dann nach diesen Vorgaben Einzelteile bis hin zu komplexen Vorrichtungen und Module für verschiedene Dinge produzieren. Verfahren hierbei sind Fräsen, Drehen und Schleifen von Metall und Kunstoffen. Branchen sind die Automobilindustrie, Lebensmittelchemie usw. Man kann sagen: Ohne ein Zerspanner bewegt sich nicht die Welt."

Skystar: "Wann hast du gemerkt, dass du dich zu Jungs hingezogen fühlst?"

Wicka: "Das ist eine lustige Situation. Ich war exzessiver WoW-Zocker und abends im Teamspeak (ein Programm zur Kommunikation via Headset) war ein Zockerkollege, der mir aus heiterem Himmel mitteilte er habe mit seiner Freundin Schluss gemacht und wir unterhielten uns daraufhin lange und er meinte noch er wäre wohl eventuell schwul. Ich kannte das bis dato gar nicht, war neugierig und er schickte mir einen Link: forum.boypoint.de Ich fing an zu lesen und entdeckte mich nach und nach immer mehr selbst. Da war ich glaub ich 14."

Skystar: "Bei wem hast du dich als erstes geoutet?"

Wicka: "Oh das ist schwierig. Ich bin mir nicht sicher, ob es Freunde oder Eltern waren. Es war alles sehr nah beieinander, aber ich glaub es waren Freunde. Kann ich aber nicht mehr genau zu sagen."

Skystar: "Was war der Anlass dazu und wie hat diese Person darauf reagiert?"

Wicka: "Also das erste Mal weiß ich nicht mehr, es war aber schwammig und ich war recht schüchtern und hab es zum Schluss wieder verneint. An Negatives kann ich mich nicht erinnern, aber das 2. offizielle eigentliche Outing war 2011 und da gab es nur Positives. Viele Klassenkameraden waren neugierig. Sie wollten wissen ob es wehtut, wie ist das beim Sex, wie kann man wen kennenlernen usw. und die Mädchen wollten alle dass ich ihr bester Freund werde. Also alles im allem war es echt super und es gab auch Negatives aber nicht von Nahestehenden. Ich hatte einen super Rückhalt."

Skystar: "Wie alt warst du bei deinem Outing?"

Wicka: "Also wenn man das eigentlich komplette nimmt 16. Bei mein Eltern 14 bis 15."

Skystar: "Hast du ein Patentrezept für ein, vielleicht nicht perfektes, aber ein ordentliches und erfolgreiches Outing?"

Wicka: "Meins war chaotisch bei meinen Eltern und basierte bissel auf Erpressung seitens meiner Eltern. Hatte ja den Kumpel aus dem Teamspeak. Hatten dann privat auch viel mit Festnetz telefoniert und meine Eltern hatten mich bissel ausspioniert und sahen die Nummer und Adresse die halt weiter weg war und wollen wissen wer das ist und bla. Sie wollten die Polizei rufen, wegen Pädophile usw. Meine Eltern sind eine Sache für sich. Allgemein in der Klasse, wurde es mir in die Hand gespielt. Der Lehrer verlangte einen Aufsatz nach den Ferien, über das schönste Ferienerlebnis und ich schrieb über meinen ersten Freund. Aber ich denke ein allgemeines Rezept gibt es nicht. Das muss man individuell sehen. Wichtig ist, man muss voll und ganz dazu stehen und auf die Meinung anderer scheißen können."

Skystar: "Was ist das für ein Gefühl geoutet zu sein? Fühlt man sich dadurch wirklich besser?"

Wicka: "Damals ja, weil man denkt man kann nun offen leben. Im fortgeschrittenen Alter sag ich mir jetzt, ich muss es niemanden sagen wie damals. Wenn mich wer fragt sag ich ja, aber sonst ist mir das egal geworden. Ich finde jeder ist so wie er ist und was er unter der Bettdecke macht ist egal. Also ich merk nun keinen Unterschied zwischen meinem Job wo ich ungeoutet bin und meinem Freundeskreis wo ich geoutet bin."

Skystar: "Welche Erwartungen hast du an dein Outing geknüpft? Wurden diese Erwartungen erfüllt?"

Wicka: "Erwartungen hatte ich eigentlich keine. Es war mit meinem Aufsatz eher bissel Provokation und wollte mal gucken wie denn so das Echo ist, aber sonst hatte ich mir keinen Vorteil oder Nachteil erhofft, oder mir darüber Gedanken gemacht. Mittlerweile bewerte ich es leider anders. Wenn man Karriere machen will muss man denke ich erstmal ungeoutet durchs Leben gehen und sich erst einen Namen machen. Vorurteile belasten die Berufswelt leider immer noch, meiner Meinung nach."

Skystar: "Wie hat sich dein Outing auf das Leben ausgewirkt?"

Wicka: "Erstmal für mich persönlich zu keinem Nachteil. Nur das halt die Mädchen alle ankommen und etwas nervig manchmal sind und es durchaus viele neugierige Fragen und Diskussionen gab, aber einen Freund oder neue Kontakte explizit wegen einem Outing hatte ich nicht."

Skystar: "Wie geht deine Familie mit deiner Homo-/Bisexualität um?"

Wicka: "Ich bin schwul und meine Familie, selbst Großeltern, wissen alle Bescheid und unterstützen mich enorm. Meine Mum sagte anfangs es sei nur eine Phase, aber das mittlerweile auch nicht mehr. Mädchen durften in meinem Zimmer schlafen, Jungs im Gästezimmer, aber das änderte sich dann bei meinem 2.Freund. :D "

Skystar: "Bei wem würdest du dich niemals outen und warum?"

Wicka: "Bei meinem Nebenjob niemals (Barkeeper in einer Disco). Die Disco ist in russischer Hand und ich denke, dass mir das da zum Nachteil wird. Bei meiner Ausbildung würde ich mich outen, aber erst nach meiner Ausbildung und einem Festvertrag, um Nachteile gegenüber anderen nicht zu provozieren (meine Ausbildungsfirma ist eine amerikanische). In einigen Deutschen denke ich ist es egal, aber Karriere und schwul passt leider immer noch nicht zusammen."

Skystar: "Hattest du vor deinem Outing bereits einen Freund? Wenn ja, hat er dich bei deinem Outing in irgendeiner Weise unterstützt?"

Wicka: "Hatte einen ja. Er war auch schon geoutet, unterstützt nicht, aber das brauchte ich nicht bzw. hab ich nicht verlangt, aber er war ausschlaggebend."

Skystar: "Wenn dein Freund ungeoutet wäre, würdest du ihn langfristig zu einem Outing bewegen?"

Wicka: "Ich hatte einen der war ungeoutet (bei der Familie geoutet). Ja, ich würde ihn dazu bewegen. Ich finde es gehört auch für schwule dazu, mal Hand in Hand durch die Fußgängerzone zu gehen. Man muss ja nicht jedem sagen das man es ist, aber wenn man gefragt wird, sollte man soweit sein das man ja sagt und ungeoutet in der Familie geht gar nicht find ich."

Skystar: "Gibt es Vorbilder wie bspw. Schauspieler oder andere Berühmtheiten für dich bezüglich Homosexualität?"

Wicka: "Damals mit 14 nein. Wusste ja nichts eigentlich xD. Mittlerweile Vorbilder nicht, aber es gibt Personen die ich respektiere, Politiker die geoutet sind und dazu stehen – z.B. Klaus Wowereit."

Skystar: "Was würdest du anderen Usern bei ihrem Outing mit auf dem Weg geben?"

Wicka: "Man merkt wer ein Freund ist und wer nicht nach einem Outing. Man muss bereit sein auszusortieren und ein dickes Fell nach außen hin haben, damit einen das Negative nicht juckt, dann geht auch das schnell vorüber. Ist zwar nicht sehr positiv, aber denke wenn man da eine starke Persönlichkeit hat und dazu steht, ist es zum Schluss doch alles positiv."

Skystar: "Vielen Dank Wicka! Ich und das gesamte Boypoint-Team danken dir recht herzlich für das Interview!"

Interview von Skystar mit Wicka 2015

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Info: Dieses Interview ist rein freiwillig und es wird keiner gezwungen daran teilzunehmen. Du musst weder alle Fragen beantworten, noch unangenehme Details preisgeben. Hier geht es nicht darum, dich bloß zu stellen, sondern anderen zu helfen mehr über das Thema „Coming Out“ in Erfahrung zu bringen.

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