Outing und Erfahrungen - Interview mit Vielreder (17)

Skystar: "Wie ist dein Username, wie bist du zu dem Namen gekommen und wie alt bist du aktuell?"

Vielreder: "Mein Username ist Vielreder. Ich habe ihn damals gewählt, weil es mir bei Namensgebung an Kreativität mangelt und ich eben viel rede manchmal, auch wenn das nur so halb stimmt. Mittlerweile finde ich meinen Usernamen ziemlich eigenartig, aber es ist drei Jahre her. Heute bin ich 17."

Skystar: "Kannst du uns etwas über deine Familie erzählen und darüber in welchem Umfeld du groß geworden bist?"

Vielreder: "Großgeworden bin ich überwiegend bei meiner Mutter, meine Eltern haben sich getrennt als ich sechs Jahre alt war. Ich habe einen älteren Bruder, der aber fast in meinem Alter ist. Dann sind da noch eine jüngere Schwester und zwei Halbgeschwister, die jetzt für meine Entwicklung nicht wichtig sind. Meinen Vater sehe ich nur selten, seit ich 10 oder 11 bin lebt er in der Schweiz. Ansonsten lebt ein Teil meiner Familie hier bei mir in der Stadt, einige leben aber auch woanders."

Skystar: "Erzähl etwas über dich. Was sind deine Hobbies und wie stellst du dir deine Zukunft vor?"

Vielreder: "Mir wird immer wieder gesagt, ich sei nicht so der praktische Typ. Ich mache allerdings ganz gerne Taekwondo, trainiere das dreimal die Woche und habe mittlerweile auch den schwarzen Gürtel. Ansonsten bin ich ziemlich unsportlich. Seit langem interessiere ich mich sehr für Naturwissenschaften, speziell Physik und Astronomie, lese gerne Bücher dazu. Aber ich interessiere mich auch sehr für Fremdsprachen mittlerweile und lerne mehrere davon (Russisch, Polnisch, Norwegisch), unter anderem weil ich später gerne mit meinem Freund in Norwegen leben würde, zumindest vorübergehend. Ansonsten interessiere ich mich für Geschichte und Politik und beschäftige mich damit ebenfalls gerne und viel, lese z.B. Biographien von Diktatoren und verfolge aktuelles Geschehen recht aufmerksam. Schach mag ich auch ganz gerne, habe ich aber ziemlich lange nicht mehr gespielt. Ab und zu verbringe ich auch noch gerne Zeit mit meinem 3DS, der Playstation 3 und viel am Laptop. Letzteren nutze ich aber weniger zum Zocken. Ach und ich möchte mal Physik oder Informatik studieren, was genau wird sich zeigen. Computer, Technik und Programmieren finde ich auch ganz interessant, speziell komplizierte Mathematik im Studium später reizen mich sehr. "

Skystar: "Glückwunsch zum schwarzen Gürtel! Was interessiert dich denn gerade an einer Fremdsprache wie Russisch? Und willst du nur in Norwegen leben, oder dort auch studieren?"

Vielreder: "Vielen Dank. Schwer zu erklären, ich weiß, dass gerade unter Homosexuellen ein negatives Russlandbild überwiegt. Man muss sagen, ich lebe im Osten, hier ist Russisch als zweite Fremdsprache zwar nicht sehr beliebt, aber meistens im Angebot. Da ich recht planlos war, habe ich die Sprache auf Anraten meiner Mutter gewählt, die Begeisterung kam dafür in der 10. Klasse, da mir der Klang und die Struktur der Sprache doch sehr gut gefiel und ich die Kultur Russlands sehr interessant finde, trotz aller politischen Turbulenzen in dem heutigen Land. Ich liebe die nordische Kultur aber noch mehr. Deswegen möchte ich, was vielleicht nicht einfach wird, in Norwegen studieren in erster Linie. Ob ich dann dort leben bleibe, oder doch nach Deutschland zurückkehren will, weiß ich jetzt noch nicht."

Skystar: "Ich finde Norwegen auch sehr schön, gerade die Landschaft! Doch jetzt zu unserem Hauptthema: Wann (Ab welchem Alter? Ab welchem Moment?) hast du gemerkt, dass du dich zu Jungs hingezogen fühlst?"

Vielreder: "Das war in dem Alter, mit dem ich auch hier ins Forum gekommen bin, mit 14. Es war allerdings noch ein halbes Jahr vor meiner Anmeldung hier. Irgendwie wurde es glaube ich dadurch ausgelöst, dass ich von einem bekannten Jungen geträumt habe, wenn auch nicht ganz direkt sexuell. Jedenfalls hat es damit begonnen, so wirklich sicher war ich mir aber noch sehr lange nicht."

Skystar: "Bei wem hast du dich als erstes geoutet und wie alt warst du da ungefähr? Gab es einen bestimmten Anlass dazu und wie hat diese Person auf dein Coming out reagiert?"

Vielreder: "Das war eine Klassenkameradin, die ich inzwischen als enge Freundin sehe. Es war auf Klassenfahrt, als ich sehr sauer auf ein Mädchen war, mit der ich mit 13 zusammen war (eine komplizierte Geschichte). Sie war auch mal mit ihr befreundet und war ebenfalls etwas sauer, da hat es sich im Verlaufe des Gespräches ergeben. Sie hat natürlich total locker reagiert und fand es auch ein kleines bisschen cool denke ich. Ich war da ebenfalls 14."

Skystar: "Kannst du mir das Gefühl beschreiben, dass du nach deinem Outing empfunden hast?"

Vielreder: "Ich erinnere mich eher schwach an diesen Tag, aber es war ein komisches Gefühl. Ein bisschen Erleichterung vielleicht, aber da ich mir in dem Moment noch sehr unsicher wegen meiner Sexualität war, waren es eher gemischte Gefühle. Ich war froh mit jemandem drüber reden zu können, aber war mir auch unsicher wie ich wirklich bin und ob ich damit zurechtkomme."

Skystar: "Wann warst du dir denn sicher wegen deiner Sexualität und was hat dich in der Zeit so unsicher wirken lassen?"

Vielreder: "Es gab eigentlich schon immer Anzeichen, auch wenn ich die nicht so gedeutet habe, dass ich mich eher zu Jungs hingezogen fühle. Aber die Gesellschaft hat auch auf mich abgefärbt, wenn andere Jungs geredet haben und Freundinnen bekamen fühlte ich mich so anders. Ich hatte früher immer das klassische Bild von später eine Frau heiraten und Kinder bekommen im Kopf. Das hat mich so belastet, ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass ausgerechnet ich so anders bin. Es gab dann mal sichere und mal unsichere Phasen, es war sehr hilfreich auf Boypoint mit anderen Schwulen zu schreiben. Dann gab es immer unsichere Phasen, doch je älter ich wurde desto seltener und kürzer wurden sie. Mit so 16 ging ich dann dazu über mich inoffiziell schwul zu nennen. Spätestens als ich aber meinen Freund fand, verschwand alle Unsicherheit."

Skystar: "Schön zu hören, dass du deinen Weg gefunden hast, aber wie hat eigentlich deine Familie auf deine Homosexualität reagiert?"

Vielreder: "Als erstes geoutet habe ich mich bei meiner Mutter, mit 14 oder 15. Ich bin vor Scham fast im Sofa versunken, meine Mutter meinte ich könne das ja noch gar nicht wissen. Aber ein Problem damit hatte sie überhaupt nicht, auch wenn sie etwas Zeit für den richtigen Umgang brauchte. Meinen Geschwistern war es sowieso ziemlich egal, meine große Halbschwester war da sehr offen, mein Bruder etwas irritiert und meine kleine Schwester, nun ja der war es egal. Meinem Vater habe ich es mal im Kummer erzählt, der hat das auch viel lockerer gesehen als gedacht, wenn auch mit der Bemerkung, dass sich das alles noch ändern kann. Mittlerweile unterstützt er mich sehr gut, wenn es darum geht meinen Freund zu sehen. Ich lebe ja in einer Fernbeziehung und mein Freund in Österreich lebt nicht so weit von meinem Vater in der Schweiz entfernt. Vor kurzem hat es meine Oma mitbekommen, sie ist durch meine Besuche in Österreich und seinen Besuch hier irgendwie selbst draufgekommen, gesagt hat es ihr direkt keiner. Aber auch, wenn ich zu ihr sonst kein so enges Verhältnis habe, hat sie da komplett locker reagiert und sah das nicht als unnormal an. Der Rest meiner Familie weiß das nicht, müssen sie aber auch gar nicht. Manchen fiel also der Umgang schwer, aber gestört hat es bisher niemanden."

Skystar: "Bist du schon auf Ablehnung und Homophobie gestoßen und wenn ja, wie bist du damit umgegangen?"

Vielreder: "Ich bin keiner, der nach außen homosexuell wirkt und von meiner Homosexualität wissen Familie, Freunde und auch einige weibliche Mitschüler an der Schule. Deswegen war gegen mich gerichtete Homophobie eigentlich noch nie ein Problem. Ganz abgesehen von diesen Dingen, ist abgesehen von den Randvierteln vielleicht, in meiner auch nur selten Homophobie zu erwarten. Das ist in größeren Städten ja allgemein unüblich. Ansonsten kann man sagen, ich kenne Homophobie eher aus den Medien, das meiste was ich höre sind nur dumme Sprüche unter Freunden. Es gibt nur eine Sache, die einmal vorgefallen ist: Mein Vater hat einen Kommentar abgelassen, der transphob wirkte und hat sich auch immer gegen die Homo-Ehe ausgesprochen, das stieß von mir auf großen Protest. Es hatte nicht direkt was mit mir zu tun und war letztendlich denke auch nicht böse gemeint, aber dulden kann ich so etwas dennoch nicht."

Skystar: "Kann ich verstehen. Du sagtest du hast einen Freund. War es schwer für dich einen Freund zu finden und eine Beziehung mit einem Jungen einzugehen?"

Vielreder: "Ich war wohl etwas typisch schwul. Ich wollte manchmal unbedingt einen Freund haben und mir kam es so vor, als hätte ich nur Pech. Das war aber Unsinn, ich habe meinen Freund immerhin schon mit 16 gefunden und bin seit über einem Jahr mit ihm zusammen. Es ging dann ganz von selbst. Ich habe eben gewisse Ansprüche und so hat sich nicht mal schnell was auf dbna ergeben. Es war als der Kontakt zu ihm wiederauflebte, ich kannte ihn schon seit fast zwei Jahren. Wir lernten uns auf Boypoint kennen. Ich denke, ich habe es mir nur manchmal schwer gemacht. Als die Zeit reif war, war alles ganz einfach und ich musste auch nicht großartig darüber nachdenken. "

Skystar: "Findest du es schwer, eine Fernbeziehung zu führen? Wie oft seht ihr euch und wie haltet ihr eure Beziehung am Laufen?"

Vielreder: "Ja, es ist schwer. Ich habe keine Zweifel daran, dass ich das will, aber sich zu vermissen kann sehr wehtun. Wenn es keine sehr enge Beziehung ist, ist sowas meiner Meinung nach nur schwer möglich. Wir schreiben eben meistens per Instant-Messenger, so den ganzen Tag über nebenbei und dann auch mal intensiv. Dann führen wir am Abend meistens Videogespräche. Wir sehen uns so wie es die Ferien hergeben, das ist in zwei Monaten meistens so einmal, meistens nur für eine Woche. In den Sommerferien z.B. aber länger."

Skystar: "Wenn dein Freund ungeoutet wäre, würdest du ihn langfristig zu einem Outing bewegen?"

Vielreder: "Ich glaube in unserer Art Fernbeziehung ist das nicht möglich, weil wir ja jeweils bei uns gegenseitig zuhause sind, wenn wir uns sehen, das fällt auf Dauer ja einfach auf. Und wenn seine Familie das weiß, ist ja alles in Ordnung. Aber wenn diese das nicht wissen würde, würde das alles gar nicht funktionieren."

Skystar: "Warst du schon einmal auf einem Treffen für schwule Jungs? Wenn ja, wie war es? Wenn nein, warum nicht?"

Vielreder: "Nein, ich habe jetzt zum einen nie etwas gesehen was für mich interessant war, zum anderen war ich früher zu schüchtern dafür. Heute habe ich persönlich mit meiner Sexualität keine Probleme mehr, deswegen brauche ich es auch nicht unbedingt, aber es wäre früher sicherlich mal ganz gut gewesen, Gleichgesinnte auch in echt zu treffen."

Skystar: "Was kannst du mir zu folgenden Themen sagen: Kirche und Homosexualität, Hochzeit, Kinder bekommen bzw. adoptieren, offene oder feste Beziehung, Geld für Sex und Fernbeziehung?"

Vielreder: "Kirche und Homosexualität: Die Protestanten in Deutschland sind da denke ich sehr modern, die katholische Kirche ist da viel zu altmodisch und verdient dafür Kritik. Ich bin Atheist, aber ich denke, dass man in anderen Ländern sensibel sein muss. Zwar auf die Rechte der Homosexuellen pochen, aber nichts Übereiltes erzwingen. Homophobie rührt in fast allen europäischen Ländern überwiegend von der Kirche her. Hochzeit: Klar warum nicht, ich finde das sollten Schwule auch dürfen und habe auch nichts dagegen. Das einzuführen ist auch symbolisch sehr wichtig. Bei Kinderadoption dasselbe, nur ich persönlich habe daran kein Interesse. Feste Beziehung, alles andere kann ich mir nicht vorstellen, ansonsten gäbe es doch nie ein vertrautes Verhältnis. Geld für Sex wäre für mich nie in Frage gekommen, bzw. Sex für Geld. Man darf aber niemanden dafür stigmatisieren, es muss unter Volljährigen individuelle Freiheit sein, aber leider ist es ja nicht selten mit Kriminalität und sozialen Problemen zu tun, weswegen mir das schon unangenehm ist. Sex fehlt einem in einer Fernbeziehung schon oft. Man hält es zwar aus (natürlich hat man schon zu stillende Bedürfnisse), aber man vermisst es schon und man hat viel "Energie"."

Skystar: "Wir nähern uns dem Ende und deshalb noch eine Frage zu uns: Was gefällt dir an Boypoint am meisten und was am wenigsten? Sei ruhig ehrlich, denn wir freuen uns über jedes positives und negatives Feedback, denn nur so lässt sich unsere Seite stetig verbessern."

Vielreder: "Ich muss sagen, ich bin leider doch recht wenig aktiv hier, phasenweise im Chat, fürs Forum finde ich fast nie Zeit. Positiv ist, dass hier ein offenes Klima herrscht und man bei Problemen immer jemanden findet, der einem zuhört, bzw. Ratschläge gibt. Negativ ist mir vor allem aufgefallen, das war als ich hierher kam, dass man als jüngerer User oft zu wenig ernst genommen wird. Jetzt habe ich das Problem nicht mehr, aber ich denke dieses Forum ist gerade für jüngere User eine sehr gute und wichtige Plattform, die auch schon unzähligen von solchen geholfen hat. Diese sollten hier mehr Respekt und Verständnis bekommen. Mittlerweile bin ich zumindest etwas älter und kann nicht beurteilen ob das immer noch so ist. Im Großen und Ganzen ist das aber eine freundliche Community, in der man sicherlich zu jedem Thema jemanden für Diskussionen findet. Manches hier kann ich auch nicht immer nachvollziehen, aber ich denke das ist normal."

Skystar: "Was würdest du anderen Usern bei ihrem Outing mit auf dem Weg geben?"

Vielreder: "Anders zu sein ist nicht schlimm, das ganze Leben besteht aus Unterschieden zwischen Menschen. Man muss sich selbst akzeptieren, die Gesellschaft bringt einem oft noch zu starre Muster bei. Vergesst diese Muster, steht innerlich zu euch. Es gibt keinen rationalen Grund, der gegen eure Homosexualität spricht. Wer sich selbst verleugnet, verletzt sich selbst."

Skystar: "Vielen Dank Vielreder! Ich und das gesamte Boypoint-Team danken dir recht herzlich für das Interview und wünschen dir auch weiterhin alles Gute auf deinem Weg… in die Schweiz zu deinem Freund, oder nach Norwegen!"

Interview von Skystar mit Vielreder 2016

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Info: Dieses Interview ist rein freiwillig und es wird keiner gezwungen daran teilzunehmen. Du musst weder alle Fragen beantworten, noch unangenehme Details preisgeben. Hier geht es nicht darum, dich bloß zu stellen, sondern anderen zu helfen mehr über das Thema „Coming Out“ in Erfahrung zu bringen.

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