Patrik, 18: Mein Coming-Out:

Hallo Leute,

für die zwei oder drei Leute, die mich nicht kennen: ich heiße Patrik (ohne "c"), bin 18 Jahre alt und noch Schüler. Tja, ich bin gebeten worden, mal "meine Geschichte" aufzuschreiben... Ok, mach ich doch gerne.
Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind Tatsachen. Namen wurden nicht geändert.

Also...
die Tatsache, dass ich mich gerade auf dieser Site breitmache, legt die Vermutung nahe, dass ich entweder schwul oder bi bin. Nunja, ersteres ist der Fall. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich schon immer schwul war, oder ob sich das irgendwie so ergeben hat.
Also mal Zeitreise rückwärts:
Sternzeit vier-acht-null-drei-komma-sechs: ich war so 8 oder 9
Ort: Grundschule
Grund meiner Erinnerung: ein Junge mit Namen Christoph, zu dem ich mich irgendwie hingezogen fühlte. Ich konnte mir das nicht erklären, aber ich fand ein Wort für das Gefühl: "weich". Fragt mich bloss nicht, wie ich darauf gekommen bin, die Ableitung von "Weichei" schliesse ich aus. Heute glaube ich, dass das der erste Hinweis darauf war, welche sexuelle Ausrichtung ich einmal haben würde oder unbewusst schon hatte.

Naja, dieses "weiche" Gefühl trat noch öfter auf, aber nur im Zusammenhang mit Jungs. Und das obwohl ich damals eine Freundin, Stefanie hatte. Aber sie war wohl eher so etwas wie eine Schwester für mich, und meinen Eltern sagte ich, dass ich sie heiraten würde.

Dann kam die Pubertät, ziemlich plötzlich und heftig, so kam es mir vor. Die Gefühle spielten irgendwie verrückt und ich war umgeben von vielen süßen Jungs. Nur fühlten die sich wohl nicht von mir umgeben.

Es gab auch pubertäre Spielchen (Mann, hört sich das scheisse an) mit 2 Jungs aus meiner Klasse, aber irgendwie war das doch völlig normal. Und weil ich wusste, dass andere das auch machen, kam ich nie auf die Idee, dass ich schwul sein könnte. Sonst müssten ja fast alle Jungs in dem Alter schwul sein, wobei diese Vorstellung auch was für sich hat...

Ich merkte aber, dass mich Mädchen überhaupt nicht anmachten, ich fühlte mich nur zu Jungs hingezogen. Naja eigentlich hätte ich so mit 14 oder 15 wissen müssen was Sache ist. Vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben, hatte Angst oder sonstwas psychichisches. Egal. Das Wissen um mein Schwulsein war irgendwie unbewusst da, kam aber nie so richtig raus. Bis, naja, also...

Die entscheidende Wendung kam dann Anfang Oktober 2000, mittlerweile war ich 17. In meiner Klasse gab es seit einigen Monaten einen Neuzugang. Martin hiess er. Zuerst hatte ich keinen besonders intensiven Kontakt zu ihm. Naja, er war eben ein Klassenkamerad, sonst nichts. Aber das änderte sich, denn Martin erschien eines Tages nicht mehr in der Schule, er sei krank, hieß es. Niemand dachte sich etwas dabei. Nach ein paar Tagen hörte ich auf dem Pausenhof, dass es Martin sehr schlecht geht, er habe Diabetes. Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment stand für mich fest, dass ich ihn besuchen musste. Ich rief seine Eltern an. Die sagten mir in welchen Krankenhaus Martin lag, und ich besuchte ihn. Er freute sich sehr. Ich ging noch ein paar mal ins Krankenhaus und nach ein paar Wochen wurde Martin entlassen.
Seitdem verstanden wir uns super und machten einiges zusammen.

So langsam rückte der 3. Dezember näher, Martins 17. Geburtstag. Er plante eine Riesenfete im Haus seiner Großeltern, die dann für diesen Tag (und die Nacht) zu Martins Onkel zogen. Solche Großeltern wünsch ich mir auch. ;) Endlich war es soweit. Leute, es war eine echte Megafete, wie ich sie selten erlebt habe. Es war schon früher Morgen, einige Leute waren schon nach Hause gegangen, als Martin vorschlug, wir sollten doch zum Rhein gehen. Es waren noch etwa zehn Leute da und wir zogen los. Die frische, kalte Luft tat gut. Am Rhein gab es Sitzbänke. Wir stellten ein paar zusammen, setzten uns und laberten über Gott und die Welt. Aber so langsam wurde es einigen doch zu kalt und sie verabschiedeten sich, einer nach dem anderen. Ich hatte die Erlaubnis von meinen Eltern über Nacht wegzubleiben, also gab es für mich keinen Grund zu gehen. Mir war kalt, aber Martins Nähe gab mir Wärme. Nunja, ihr merkt es sicher schon, ich hatte mich längst in Martin verliebt. Und er war es auch, der mich erkennen ließ, dass ich wirklich schwul bin. Nun war ich endlich sicher. Aber was nützt das alles, wenn man sich nicht traut, den ersten Schritt zu machen....
Nunja, zurück zur Sitzbank am Rhein in der kalten Dezembernacht. Wir saßen also alleine da, Martin und ich. Martin machte keinerlei Anstalten zu gehen. Aber es muss wohl gemerkt haben, dass ich langsam anfing vor Kälte zu zittern und fragte: "Hey ist dir kalt?" und legte dabei den Arm um mich. Wow, in diesem Moment war mir überhaupt nicht mehr kalt und rückte ganz eng an ihn heran und legte auch meinen Arm um ihn. Martin liess es zu. So saßen wir eine Weile aneinandergekuschelt und schweigend da. Irgendwann gingen wir dann doch zum Haus zurück, immer noch schweigend, aber -Hand in Hand-. Mir kam alles so unwirklich vor, meine Gedanken gingen völlig durcheinander. Vor dem Haus angekommen sah Martin mich an, schlug die Kapuze meines Anoraks zurück und fragte: "Bleibst du?". Ich sah ihn nur an und bekam kein Wort heraus. Aber mein Blick muss ihm alles gesagt haben.
Obwohl es nicht zum Äussersten kam war es doch mein, nein, für uns beide "das erstes Mal". Es mag ja jeder etwas anderes darunter verstehen. Aber für mich war es so. Und: Ich war glücklich, einfach glücklich.

Martin und ich verbrachten noch mehr Zeit miteinander. Es war eine unglaublich schöne Zeit. Mit ihm zusammen zu sein, war für mich das Größte.

Kurz vor Weihnachten fuhren Martins Großeltern für einige Wochen nach Spanien. Martin hatte den Schlüssel zum Haus.... Ich bat meine Eltern das ganze Wochenende bei Martin bleiben zu dürfen. Sie warfen sich Blicke zu, die mir einen Schreck einjagten, aber sie erlaubten es mir. Sehr nachdenklich ging ich zu Martin und erzählte ihm, was passiert war.
Ich hatte schon mal über ein Coming-Out nachgedacht, aber den Gedanken daran aus Angst vor der Ungewissheit, was passieren würde, immer weit von mir geschoben. Aber jetzt... Mir war klar, dass ich mich nun entscheiden musste, ob ich weiterhin Verstecken spielen wollte oder nicht.
Martin bestärkte mich und meinte, es bräuchten ja erstmal nur die Eltern erfahren und er würde es seinen Eltern auch sagen. Wir vereinbarten, es noch an diesem Wochenende zu tun, nämlich Sonntag wenn wir nach Hause kämen. Dadurch dass wir uns gegenseitig Mut machten und uns einig waren, erlebten wir trotzdem ein wunderschönes Wochenende.

Naja, und dann kam der Sonntag Abend. Ich besorgte an der Tankstelle noch eine Flasche Sekt und ging nach Hause. Meine Eltern warteten bereits mit dem Abendessen. Ich war sehr nervös und bekam kaum einen Bissen runter. Meine Mutter merkt sowas immer gleich und fragte, was los wäre. Ich wich aus und sagte nur, dass ich mit ihnen reden wollte.
Naja, und dann war er da, der große Augenblick. Ich habe lange überlegt, was ich sagen sollte und wie ich es sagen sollte. Aber jetzt, als ich so da saß, die Gläser mit Sekt gefüllt... "Mu,, Dad? Also ich muss euch was sagen. Kann sein dass euch das nicht gefällt, aber.. ich, äh, also, ich bin... schwul." ---- Schweigen.... Blicke gingen an mir vorbei und richteten sich wieder auf mich. Mum fand als erste ihre Worte wieder: "Junge (immer wenn sie "Junge" sagt, ist es ihr sehr ernst), wir vermuten das schon eine ganze Weile, aber wir waren uns nicht sicher. Gut, dass du es uns gesagt hast." Mann, war ich erleichtert, bis, ja, bis ich das Gesicht meines Vaters sah. Ihm war anzusehen, dass ihn mein Geständnis wohl ziemlich umgehauen hatte. Auch meine Mum bemerkte es und sie sagte nur streng: "Wolfgang!" und nahm das Sektglas in die Hand. Wir stießen an und tranken. Ich schwankte zwischen Erleichterung und einer ungewissen Traurigkeit hin und her. Am nächsten Tag sprach ich mit Mum unter vier Augen darüber. Sie meinte nur, ich müsse Dad Zeit geben, er würde es schon verstehen.
Ein paar Tage später: Ich schlief noch. Plötzlich wurde ich ziemlich unsanft geweckt, weil mir die Bettdecke weggerissen wurde. Dad warf sich mit einem breiten Grinsen auf mich und fing an mich gnadenlos durchzukitzeln. Mann, das hatte er schon seit ein paar Jahren nicht mehr gemacht. Dabei meinte er so was ähnliches wie: "Wollen wir doch mal sehen, ob ein schwuler Junge sowas vertragen kann.." Aber es blieb ihm auch nicht verborgen, das ich eine ziemliche Morgenlatte hatte, und er meinte, damit könnte er nun so gar nix anfangen, die sollte ich mir doch für meinen Freund aufheben. Leute, da wusste ich, dass mein Vater es geschluckt hatte. Mann, war ich froh. Tja, und noch am selben Abend schleppte ich Martin mit nach Hause um ihn meinen Eltern vorzustellen.
Mein Coming-Out bei meinen Eltern war geschafft! Es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, noch dazu von mir selbst.
Martin hatte seinen Teil der Abmachung natürlich auch eingehalten. Bei ihm lief es ähnlich gut wie bei mir, natürlich auch mit Vorstellung des "künftigen Schwiegersohnes".

Jetzt fehlten noch die Freunde, die Schule usw.
Tja, was tun? Nach einigem Hin und Her verabredeten Martin und ich, es einfach laufen zu lassen. Wir wollten uns und unsere Gefühle nicht verstecken, aber auch nicht mit nem Schild mit der Aufschrift "schwul" vor dem Bauch rumrennen. Naja, Martin und ich verhielten uns von da an ganz ungezwungen, liefen Hand in Hand rum, hin und wieder gabs ein Küsschen in der Öffentlichkeit. Ihr könnt euch vorstellen, dass es sich blitzschnell rumsprach: "Martin und Patrik sind schwul und haben was mit einander."
Ich hatte vorher ein bisschen Angst vor den Reaktionen, aber die war völlig unbegründet. Bis auf die paar Knallköppe, die Martin und mich sowieso nicht leiden konnten, reagierten alle echt cool. Auch von den Lehrern kamen nur positive Äusserungen. Alles in allem war unser Coming-Out voll gelungen. Geoutet lebt es sich viel unbeschwerter, man muss sich nicht mehr verstecken. Wir waren beide so froh, es geschafft zu haben.

Aber, und dieses Aber kann ich euch nicht ersparen: Macht erst dann ein Coming-Out, wenn ihr euch wirklich sicher seid. Denn im Nachhinein war es für Martin der falsche Weg, oder überhaupt ein Fehler, sich zu outen. Warum? Naja, Martin und ich sind leider nicht mehr zusammen, weil er sich in ein Mädchen verliebt hat. Er ist also entweder bi oder hetero und unsere Beziehung war nur ein "Ausrutscher" für ihn. Egal wie. Martin hatte jedenfalls große Probleme, Kontakt zu "seinem" Mädchen zu bekommen. Denn als geouteter Schwuler hat ihm niemand glauben wollen, dass er jetzt ein Mädchen liebt. Es hat lange gedauert, bis es endlich geklappt hat. Selbst heute noch (er ist jetzt etwa 2 Monate mit ihr zusammen) werden Gerüchte gestreut, so nach dem Motto: "Der ist doch schwul und will das nur vertuschen..." usw. Mittlerweile habe ich wieder etwas Kontakt zu Martin und weiss wie sehr er unter dieser Situation leidet.


Schlusswort:
Ich will niemanden von seinem Coming-Out abhalten, vor allem nicht, weil es bei mir ein "voller Erfolg" war, aber ihr seht am Fall von Martin, dass es sehr gut überlegt sein muss.
Sich zu outen bedeutet, dass man sich intensiv mit dem auseinander setzen muss, was da eventuell auf einen zukommen kann. Leider kann niemand von uns die Zukunft vorhersehen und man muss darauf gefasst sein, dass unerwartete Dinge eintreten können, die man verkraften muss. Aber sowas hebt auch das Selbstbewusstsein und die etwas Sensibleren unter uns, so wie ich zum Beispiel können lernen, ihre Gefühle besser einzuschätzen und zu mit ihnen umzugehen. Damit das klar ist: es geht auf gar keinen Fall darum, die Gefühle zu steuern oder gar zu unterdrücken. Nur lernen sie einzuschätzen und mit ihnen umzugehen, das ist wichtig.
Geoutet zu sein hilft auch ganz sicher einen (neuen) festen Freund zu finden. Man darf es nur nicht verkrampft angehen und man muss sich Zeit lassen. Momentan bin ich selbst noch nicht soweit, dass ich mich neu verlieben kann, denn ich habe die Trennung von Martin noch nicht ganz verkraftet. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass "meine" Zeit kommen wird. Das heißt nicht, dass ich Martin vergessen will. Nein, das kann ich nicht. Er war meine erste große Liebe, wir hatten eine wunderschöne Zeit, und das wird mir immer in Erinnerung bleiben. Und bald werde ich in der Lage sein, an Martin und die Zeit mit ihm zu denken und dabei zu lächeln!

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