Johnny, 17: Mein Coming Out

Eigentlich...

weiß ich gar nicht so genau, wann und wo es genau angefangen hat. Nicht zuletzt, weil ich noch gar nicht vollkommen geoutet bin... Im allgemeinen wäre recht viel über mich zu sagen, um wirklich alles zu verstehen.

Ich wohne Zeit meines Lebens (seit nunmehr fast 18 Jahren) in Hamburg. In einem vielleicht etwas eigenartigen Stadtteil habe ich die allgemein vorgesehene Spießerkariere hinter mich gebracht. Hinzu kommt allerdings, dass ich katholisch bin. Somit musste ich unter abfälligen Bemerkungen über Schwule und andere Homosexuelle entdecken, dass ich selber einer von diesen Leuten war. Im Allgemeinen bin ich damit aufgewachsen, dass Schwulsein nicht nur verwerflich, sondern auch krank ist.

Das hat zu einer Reihe von Problemen bei mir geführt. Anfangs zu einer "Glaubenskrise" und später auch zu Selbstzweifeln. Nicht zuletzt wegen der Vorurteile, die in meiner Umgebung gegenüber Schwulen auftauchten, bekam ich Angst. Auch, dass Schwule angeblich ihres Wesens nach böse sein, stimmte nicht mit meinen Vorstellungen vom "Anderssein" überein. Als ich mir unter schweren Bedingungen selbst eingestand, dass ich wohl in Zukunft nichts daran ändern könne, dass ich schwul sei und ich nur Jungs nachschaute und das für mich akzeptierte hatte ich einen großen Schritt getan. Ich hatte etliche Krisen mit mir selbst überstanden und sah letztendlich in meinem Glauben eine gute Stütze.

So habe ich mein erstes (sinnloses..) Outing gegenüber Gott gehabt. Es war der 3. 7. 2000. Ich hatte Firmung (Konfirmation auf katholisch). Meinen Firmnamen, Jonathan, habe ich nicht ohne Grund gewählt. Laut Bibel hatte Jonathan (der Sohn des König Sauls) ein extrem gutes Verhältnis mit dem 2. König Israels, David. In den Klageliedern von David, nach Jonathans Tod im Krieg wird sehr deutlich, dass die beiden jungen Männer eine nur schwer heterosexuelle Beziehung gehabt haben können. Historiker und Theologen sind sich nicht einig, doch ausgeschlossen wird es nicht, dass David und Jonathan eine homosexuelle Beziehung gehabt haben. (Davids spätere Affären mit hunderten von Frauen müssen nicht auf eine rein heterosexuelle Neigung des Königs deuten...)

Durch diesen Namen habe ich mich erstmalig (vielleicht auch etwas unterbewusst) auf "schwul" festgelegt. Dann lange nichts. Irgendwann versuchte ich bei Fragen nach der sexuellen Neigung ausweichende Antworten zu geben. Ich begann offen schwule Menschen genauer zu betrachten. Was taten sie anders? Warum mochte man sie entweder oder man mochte sie überhaupt nicht? Mir gefiel die Regenbogenfahne auf Anhieb, auch wenn ich sie noch nicht mit einer homosexuellen Neigung in Verbindung brachte.

Ich verguckte mich kurz vor den Sommerferien 2001 in einen total klasse aussehenden Freund. Er ist zwar an einer anderen Schule, doch ist er auch katholisch und somit sahen wir uns wöchentlich. Martin heißt er, doch in den Ferien war er krank und ich im Urlaub und ich trauerte einerseits, dass ich ihn nicht sehen konnte, doch kam ich so um ein Geständnis ihm gegenüber herum. So wusste es immer noch niemand außer mir (und Gott).

Nach den Ferien, war ich etwas darüber weg gekommen und machte einen Schüleraustausch mit. Ich war dann 3 Monate in den USA. Dort (in Michigan) habe ich einen Traumprinzen kennengelernt, doch wusste (weiß) ich nicht, ob er schwul ist oder bloß hetero... Er war in meinem Theaterkurs und hat mich vermutlich sehr geprägt. Ich träume noch heute von Stephen...

Als ich dann im November 2001 wieder nach Hamburg zurückkehrte hatte ich einen eigenen Internetzugang. Seitdem bin ich oft nächtelang im Internet und habe mir selbstverständlich auch schwule Seiten angesehen... Langsam bestärkte sich das Gefühl mehr und mehr: Jonny, Du bist nicht Allein! Zusammen mit der Botschaft die ich aus der Kirche übernommen habe, "Gott liebt Dich, so wie Du bist, er hat Dich schließlich so geschaffen..." begann ich langsam aus meiner Krisenschlitterei heraus zu brechen. Langsam wurde ich selbstbewusster und stand inzwischen hinter mir und meiner Meinung.

Im Januar 2002 begann ich mich auf Anraten von Leander (Nick: LH) aus dem Chat an eine lokale schwule Jugendgruppe zu wenden. Ich sah mich noch in der selben Nacht im Internet um und stieß auf eine Gruppe in Hamburg. Sehr vielversprechend präsentierten sie sich online und ich meldete mich am folgenden Tag auch mal bei der Schwulenberatung im Magnus Hirschfeld Centrum (kurz mhc). Rolf aus der Beratung lud mich dann am folgenden Freitag ein mich mal im mhc umzusehen, nachdem wir fast eine Stunde telefoniert hatten.

Am 8. Februar 2002 betrat ich dann erstmalig offen schwulen Boden. Absichtlich war ich etwas zu früh gekommen und konnte mich so gleich etwas umsehen. Dem Haus war nichts seltsames anzusehen, aber was hatte ich erwartet? Ein demonstrativ in Regenbogentönen bemaltes Hochhaus? Sicher nicht. Außerdem warum sollte es denn seltsam aussehen? Ich wusste es nicht und ging dann hinein, weil es verdammt kalt war, an diesem Tag und ich wohl nicht über typisch schwule Häuser nachdenken wollte. Rolf empfing mich sehr freundlich und zeigte mir alle Räume des Hauses. Ich war erstaunt. Zum Schluss lieferte er mich mit einem Packen Informationsmaterial und einer schwulen Zeitschrift in das Cafe"feelgood" im Erdgeschoss ein und ich wartete dort bei einem Wasser auf die schwule Jugendgruppe "Romeo & Julian". Rolf war der erste, dem ich offen gesagt hatte, dass ich mich für schwul halte. Nur in diversen (zum teil auch nicht-schwulen) Chats hatte ich mich schon ein paar mal geoutet dabei allerdings ausschliesslich positive Erfahrungen gemacht.

Als nun das erste Mitglied der schwulen Jugendgruppe in das Café kam erlebten wir beide eine Art Schock. Ich dachte, "Ach du scheiße, das war es dann mit meinem vorerst unbekanntem Coming Out", und er sagte nur "Ahh... Du???..." Dieser Junge heißt Philipp und ist auf meiner Schule. Nicht, dass ich ein Problem mit ihm habe, doch machte ich mir sorgen um mich, weil ich einer der bekanntesten Schülern der Schule bin. Fast jeder an meiner Schule kennt mich als "den Sozialen" (das ist keine Prahlerei, denn er birgt auch hunderte Nachteile, so könnte ich mich nicht einmal einem Freund aus der Schule outen, weil es am folgenden Tag wohl keine 3 Stunden braucht, durch alle Klassen gegangen zu sein...) Philipp brauchte wohl fast den gesamten Abend um zu akzeptieren, dass ich auch schwul sei. Er habe nie darüber nachgedacht, ob ich es nun sein oder nicht...

Später kamen dann auch die anderen Leute aus der Jugendgruppe und ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass Leute so offen schwul sein konnten. Ich war noch durch und durch hetero-gepolt, dass ich etwas erstaunt guckte, als sich zwei Jungs küssten. Das hatte ich in reallive vorher nie gesehen... Ich fühlte mich durch die Romeos und Julians darin bestätigt, dass Schwulsein einfach facettenreicher ist, als durchschnittliches Heterodasein in meinem Spießerstadtteil. An diesem Abend traf ich unter anderem auch einen schwulen Mormonen, was mich total umhaute. (Schon wieder eine wunderliche Bestätigung für mich: Jonny, du bist ganz und gar nicht alleine mit einer konservativen Religion im Nacken...) Auf jeden Fall denke ich gerne an den Abend im feelgood zurück, auch, wenn ich bisher noch nicht wieder da war... Denn das Problem sind meine Eltern.

Ich bin weder derjenige, der regelmäßig ausgeht und wenn bin ich immer eine Erklärung schuldig, wohin ich denn ginge, noch werde ich meinen Eltern ein Outing vor die Füße knallen "Hey Leute, ich bin bis heute abend um 11 im Schwulencafe..." Meine Ausrede hatte ich lange überlegt. Da ich im allgemeinen nur wenige Leute kenne, die nördlich der Elbe wohnen und wenn, sind sie nicht meine privaten Freunde, sondern obligatorische "Freunde der Familie..." konnte ich nicht sagen, ich ginge zu XY. Ich weiß nicht, ob mir irgend jemand in der Familie geglaubt hätte, ich würde Bummeln gehen (das tue ich zwar manchmal, aber nicht kurz nach der Rush-hour am Freitagabend...) doch komischer Weise war an dem Nachmittag niemand zu Hause, abgesehen von meiner Schwester, die mir meine Bummelgeschichte vorbehaltlos abkaufte und mir noch sagte, ich solle mir ruhig Zeit lassen...

Auch nachher hatte ich noch 2 Minuten Zeit und konnte meinen leicht verrauchten Klamotten gegen Frische austauschen. Die Ausrede die ich parat hatte, war, ich hätte mich mit einem alten Freund verabredet, oder, wenn meine Schwester die Bummelgeschichte weiter verbreiten würde hätte ich gesagt, ich hätte Ole getroffen und wir wären dann in ein kleines Café gegangen... Doch dies war alles sinnlos, es ging alles so reibungslos, dass ich im Nachhinein fast schon vermute, jemand habe etwas gemerkt, wolle aber nur ausharren, bis ich selber damit herausrücke...

Erst am 14. Februar (Valentinstag:-)) sah ich mein mögliches ComingOut unglaublich nahe rücken. Ich bekam von einer Freundin eine verschüchterte Liebeserklärung per Email. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, doch war mir der Gedanke eines Ausnutzens schon zuwider. Ich bin erstens nicht der Typ dazu und außerdem, was sollte ich schon davon haben? Na also, außer mich gebunden zu fühlen hätte ich nichts davon gehabt, denn eine tiefe Liebe (im sexuellen Bereich) bestand nicht, und ich wollte es auch nicht dazu kommen lassen. Naja, immerhin wusste ich von ihr, dass sie einen anderen schwulen Freund habe, der allerdings am anderen Ende der Bundesrepublik frisch verliebt war, doch manchmal seine Eltern besuchen kam und dann natürlich auch bei Vicky (meiner Freundin...) vorbeischauen wollte. Daher, wusste ich, dass sie nichts gegen schwule hatte und auch locker damit umgehen konnte. Doch immerhin wusste ich, dass sie in mich verschossen war.

Das gab mir zu denken. Doch musste ich etwas schneller denken, als ich es bisher gewohnt war, denn Vicky fuhr Mitte der darauffolgenden Woche auf Klassenreise. Am Montag wollten wir uns für den Rückweg von der Schule verabreden, doch dass mein Bruder (15) ausgerechnet an diesem Tag mit uns beiden Schluss haben sollte und dann natürlich mit uns beiden den Heimweg antrat war schon ein schwerer Schlag. Ad Hoc rief ich dann am Nachmittag bei ihr an, und obwohl sie am Dienstag eine wichtige Arbeit schrieb und alles andere als Zeit hatte nahm sie sich eineinhalb Stunden für mich. Wir trafen uns auf halben Wege, zwischen ihr und mir. Dann gingen auf das Schulgelände unserer beider Grundschule. Unter denn bunten überdachungen regnete es nicht, und ich machte mir sorgen um mein Alibi. (Ich wolle spazieren gehen, hatte ich gesagt) Sie war wohl etwas kribbelig, vielleicht, weil sie eine ebenbürtige Liebeserklärung erwartete. Nach fast einer Stunde, in der wir über Gott und die Welt redeten wurde sie etwas ungeduldig. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und wir waren ungezählte Male durch die niedrigen Gänge der Schule gegangen. Wir kamen an einem Parkplatz vorbei, und ich halte es für ein Wunder, dass an diesem Tag 3 Autos mit Regenbogenaufklebern auf diesem kleinen Parkplatz parkten.

In diesem Stadtteil, wo Anderssein lebenslänglich verachtet wird hatten sich gleich drei Autos mit Aufklebern auf diesen Parkplatz bewegt. Vicky sah diese Autos auf Anhieb und wies mich auf sie hin, und ich dachte, nachdem wir an dem letzten vorbei gegangen waren "Jetzt oder nie". Ich sage "Wenn Du wüsstest, wie viel ich mit diesen Aufklebern zu tun habe..." und behielt sie im Blickfeld. Sie wurde langsamer und langsamer aber schien letztendlich sehr erleichtert zu sein. Vielleicht hatte sie irgendwann schon mal etwas vermutet, denn sie sagte: "Dann stimmt es also doch...!" Ab diesem Augenblick hatte ich viel nachgedacht, doch alles was zuvor geschehen war, war spontan geschehen. Nun fühlte ich mich wieder sicher, nachdem ich sah, sie nahm es sehr gut auf. Um ehrlich zu sein, ich fühlte nicht einen so riesigen Stein vom Herzen fallen, doch habe ich an diesem Montag mein Coming Out mit einer Kirschtasche beim nächsten Bäcker gefeiert...

Ich wollte aber auch noch auf jeden Fall an einer Kirche vorbeigehen, doch leider konnte ich nicht hinein. So danke ich Gott seit dem für ein weiteres Wunder in meinem Leben. Auch in Zukunft wird Gott mir helfen mich vor meinen Eltern zu outen. Ich weiss, es wird schwer, doch ich werde mir ein paar Paten suchen, die mich verstehen und auch die Position meiner Eltern akzeptieren können.

Wer auch immer Du bist, egal, woher du kommst. Dies soll kein Missionsversuch sein. Ich bin zwar sehr gläubig, doch soll das nichts heißen für Dich und Dein weiters Leben. Ich bin nur von Tim gebeten worden meine Story aufzuschreiben und dies habe ich nun getan. Wenn ich gezählt habe, wie viele Coming Out Stories ich bisher gelesen habe, währe ich auf mehr als 500 gekommen. Manche konnte ich nicht nachvollziehen, weil es mir alle zu rosig vorkam. Andere zeigten mir, dass ich es nicht am schlimmsten habe, doch einen seltsamen Fal wie meinen hab ich noch nie gelesen. Deshalb habe ich diesen Bericht auch geschrieben. Dass Du Dein Outing anders erleben wirst, als ich, ist klar, doch immerhin zeigt meine komische Geschichte immerhin einen Anfang eines ganz anderen Outings, dass Menschen geschehen kann. Ich möchte mich bedanken bei einer einzigartigen Vicky und Tim, Leander, Eric, Peter, Sebastian, Damian, Kai, Marek, Stefan, Lukas, Luke, Philipp, Jan und Sidney aus diversen Chats, Boomer und Rolf für eine geniale Unterstützung und auch manchmal einen nötigen Tritt... meinen Freunden Philipp, Marco, Patricia, Simon, Ole, Stephen, Anna, Rany, "Pummelchen", Stefan, Birgitta, Kevin, Steffi, Joe,... Antonius und natürlich Gott...:-) Ihr seid mir unglaublich wichtig!!!!! jjm

Wenn du noch nicht geoutet bist, so lass dir Zeit. Du musst ersteinmal selber akzeptiert haben, dass du schwul bist. Dann kannst du weiteres machen...

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