Hagen, 17: The summer of '99

The summer of '99

Seit Oktober 99 bin ich nun total geoutet! Das hätte ich ein halbes Jahr zuvor wohl nicht zu träumen gewagt. Ich bin 17 Jahre jung und muss mein Leben nun schon seit 15 langen Jahren in einer Kleinstadt fristen, in die mich meine Eltern auf der Flucht vor dem DDR-Kommunismus in dem Glauben geschleppt haben, die westlichste der deutschen Kreisstädte sei zugleich auch die beste.
Ein fataler Fehler, wie sich für mich in Sachen Liebe noch herausstellen sollte. Im zarten Alter von ungefähr 12 Jahren entdeckte ich bei mir die ersten schwulen Gefühle! Damals hätte ich es sicher nicht so bezeichnet, aber ich konnte meine männlichen Mitschüler einfach nicht verstehen, was sie alle so faszinierend an unseren Mädels fanden. Irgendwann stellte ich mir dann doch die Frage: "Sag' mal", bin ich vielleicht schwul?" Angenehmerweise hat mich diese Vorstellung nicht weiter gestört. Ich nahm mir lediglich vor, mich in Zukunft mal selbst gründlich zu beobachten, um mir sich zu werden, ob mich Jungs wirklich mehr interessieren, als Mädchen!

Genauso hab ich das dann auch getan und stellte fest, dass mich Jungs nicht nur MEHR interessierten, sondern dass sie alles waren, was mich sexuell begeistern konnte! "Na gut", dachte ich mir, "dann bist du eben schwul, was soll's? Das hatte ich also für meinen Teil recht schnell akzeptiert ohne mir groß Gedanken zu machen oder mich in irgendwelche Identitätskrisen zu stürzen, zwei Jahre später hatte ich das Gefühl, es nun mal jemandem erzählen zu müssen und sagte es einer Freundin in einem Brief. Ich war sehr nervös, als ich den Brief einwarf, und hätte ihn am liebsten gleich wieder aus dem Briefkasten gefischt, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, wie sie wohl reagieren würde. Es hat eine grausam lange Woche gedauert, bis ich einen lieben Brief zurückbekam, in dem sie mir schrieb, wie stolz sie auf mich sei, dass ich mich ihr anvertraut hatte. Das hatte ich nun geschafft!

Nun hatte ich erst mal genug und wollte meine Ruhe haben. Doch hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall meine Mutter war. Sie hatte mitbekommen, dass ich in den letzten Wochen ziemlich durch den Wind war, und wollte wissen, was ich denn hätte. Meine Mutter ist heute 35, sprich wir haben durch den geringen Altersabstand ein tolles Verhältnis und können eigentlich über alles miteinander reden. Wenige Tage nach dem Brief an jene Freundin fiel sie dann mit der Tür ins Haus: "Sei mal ehrlich! Bist Du vielleicht schwul?" Das war der Hammer! Mir wurde innerhalb von Sekundenbruchteilen schlecht vor Nervosität. Doch ich reagierte richtig, indem ich antwortete "Ja, aber ich muss jetzt in die Stadt!".

Ich hatte es hinter mir, wollte aber raus aus dieser Situation. Ich hatte keine Lust auf irgendein doofes Frage-Antwort-Spiel. Das war einfach zuviel des Guten! Es störte sie nicht, einen schwulen Sohn zu haben. Sie ahnte es wohl schon länger und hatte sich bei einem schwulen Freund Rat geholt, ob sie mich ansprechen könne oder nicht. Sie hatte wirklich kein Problem damit, dennoch vermied ich es anschließend 2 Jahre, mit meiner Mutter über dieses Thema zu sprechen, weil ich mich einfach unwohl dabei fühlte.
Damals war ich 14.
Doch dann kam der Sommer '99. Ich raffte mich auf, meine besten Freunde einzuweihen, weil mich ein furchtbar schlechtes Gewissen plagte, sie so lange belogen zu haben! Ich begann mit den FreundINNEN, weil ich annahm, es sei leichter, soetwas mit Frauen zu besprechen, da sie die männlichen Reize ja ebenfalls gut kennen und mich so vielleicht besser verstehen würden. Das stellte sich als gute Idee heraus, den keine von ihnen hat in irgendeiner Art schlecht reagiert. Das für mich wichtigste Outing war mehr ein Zufall und verdanke ich der städtischen Müllabfuhr. Das jetzt noch zu erklären würde zu weit führen, nur soviel, dass ich in Sonja eine wirklich gut Freundin gefunden habe, die mich nach Kräften unterstützt hat und mir half, wenn ich mal wieder am Boden zerstört war, und nicht weiter wusste. Wir sahen uns zwar schon schlappe 10 Jahre täglich, da wir in die selbe Klasse gingen, hatten aber letztlich nie viel miteinander zu tun. Ok, Sonja war mal unheimlich in mich verliebt, aber das soll ich niemandem erzählen. ;)

Sie half mir, mein Outing durchzuziehen, auch wenn es mir hin und wieder sehr schwer fiel, mit Leuten zu sprechen, die mir sehr wichtig waren und die ich als Freunde nicht verlieren wollte. Als ich meinen kompletten Freundeskreis eingeweiht hatte, outetet Sonja sich dann bei mir. Ich fiel aus allen Wolken, als sie mir sagte, sie sei bi! Es war damals schon spät am Abend - wir saßen im Zug - und ich war müde, ich wusste erst gar nicht was sie eigentlich von mir wollte. Als ich es dann endlich verstanden hatte - so schwer ist das nämlich gar nicht - haben wir erstmal unseren Bahnhof verpasst, an dem wir eigentlich aussteigen mussten, und so hatten wir noch viel Zeit, um uns auf einem leeren Bahnsteig frierend zu unterhalten, während wir auf unseren Anschlusszug warteten. Ich sollte erst der Zweite sein, bei dem sie sich outete.

Inzwischen haben wir beide unser komplettes Outing hinter uns gebracht! Ich habe ein paar Freunde gebeten, eine regelrechte Lästerwelle zu starten (so nach dem Motto: "Liebe Nation ..."), damit innerhalb weniger Tage auch der Letzte mitbekommen musste, dass Willy schwul ist, so dass ich mich nicht mit ständigen Erklärungen rumzuschlagen hatte. Es hat, wie erwartet, zwei oder drei Tage gedauert und das Gröbste war überstanden. Sonja hingegen inszenierte ihr Outing dramatisch vor der versammelten Klassen in Absprache mit unserer Deutschlehrerin.

Der geneigte Leser soll nun aber nicht glauben, von nunan wäre die Welt für mich in Regenbogenfarben getaucht gewesen. Das sicher nicht. Ich wohnen hier in einem 8.000 Einwohner- Kaff. Es waren für mich 3 sehr anstrengende, verwirrende aber auch zwischendurch schöne Monate im Herbst 1999, in denen ich mich letztlich am Stück (abgesehen von meiner Mom und jener Freundin) geoutet habe. Sie haben mich aber auch stark gemacht. Einige Bekanntschaften habe ich geknickt, aber ich habe auch neue Freunde gefunden, nette Menschen getroffen, die ich nicht mehr missen möchte. Die große Liebe war zwar noch nicht dabei, aber ich will hoffen, das sie (er ;-) ) mir in nächster Zeit über den Weg läuft - und mich auch anspricht!
Da das Leben auf dem Land als Schwuler ziemlich einsam sein kann, ist mein nächstes grosses Ziel, diesem sterbenslangweiligen Flecken Erde endlich den Rücken zu kehren und in die "große weite Welt" aufzubrechen.

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