Outing und Erfahrungen - Interview mit anonym (20)

Willkommen zum neuen Boypoint-Interview! Der User, den ich heute interviewe, hat mich darum gebeten, das ganze anonym abzuhalten. Das respektiere ich natürlich und freue mich trotzdem auf ein neues spannendes Interview:

Skystar: "Hallo. Wie alt bist du, was kannst du uns über deine Familie erzählen und in welchem Umfeld bist du groß geworden?"

anonym: "Ich bin 20 Jahre alt und bin auf dem Land groß geworden. Und so, wie man es erwartet, sind die Leute hier eher spießig und stoffelig. Also die typische Dorfbevölkerung.
Meine Familie würde ich als recht normal bezeichnen. Die Aufgeklärtheit zum Thema Homosexualität steigert sich wie üblich bei den Jüngeren."

Skystar: "Wann (Ab welchem Alter? Ab welchem Moment?) hast du gemerkt, dass du dich zu Jungs hingezogen fühlst?"

anonym: "Puuh, ein genaues Alter kann ich da nicht nennen. Es gab einfach nie das Interesse für Mädels.
So etwa ab 14 hat man dann schon mal den einen oder anderen Jungen hinterher geschaut. Für mich war es aber etwas völlig normales. Also diese Phase, die eigene Homosexualität zu akzeptieren, ging bei mir sehr schnell."

Skystar: "Bei wem hast du dich als erstes geoutet und wie alt warst du da ungefähr? Gab es einen bestimmten Anlass dazu und wie hat diese Person auf dein Coming out reagiert?"

anonym: "Zuerst weihte ich die Forencommunity ein. Erst hier habe ich zum ersten Mal öffentlich meine Homosexualität bekanntgegeben. Ich denke eher, dass die Leser darüber wenig überrascht gewesen sind :-P . Im direkten Gespräch waren es meine Eltern. Ihre Reaktion war allerdings, alles andere als entspannt. Sie waren richtig geschockt. Der Anlass dazu war das erste Treffen mit meinem Freund. Sie wollten wissen, wo ich war. Und anstatt ewig herum zu lügen wollte ich die Karten auf den Tisch legen."

Skystar: "Und wie lange ist das inzwischen her? Haben sich deine Eltern beruhigt bzw. haben sie deine Neigung zu Jungs inzwischen akzeptiert?"

anonym: "Das Ganze war zum Osterfest. Die Beruhigungsphase meiner Eltern dauerte einige Wochen. Inzwischen ist es für sie quasi Normalität geworden. Allerdings behalten sie das für sich, allein um mich im Dorf zu schützen."

Skystar: "Kannst du mir das Gefühl beschreiben, dass du nach deinem Outing empfunden hast?"

anonym: "Also dieses Gefühl der Befreiung, wie es von vielen beschrieben wurde, machte sich bei mir kaum bemerkbar. Der Tag meines Outings war bis zum Mittag der schönste meines bisherigen Lebens, da ich zum ersten Mal meinen Freund getroffen hatte und richtig verliebt war. Am Nachmittag wurde er zum schlimmsten Tag meines Lebens. Buchstäblich eine Achterbahn der Gefühle. Die Reaktion meiner Eltern war einfach so schrecklich. Sie haben mich weder angeschrien, beschimpft oder mir mit Rausschmiss gedroht. Allerdings hatte ich diese Reaktion nicht erwartet. Zum ersten Mal im Leben sah ich meinen Vater weinen. Dieser Zustand dauerte so etwa 2h an. Dann begann man miteinander zu reden. Sie versicherten mir, dass sie mich für immer unterstützen und lieben werden. Das war hingegen wieder so unglaublich schön. Wir redeten so offen, wie seit Jahren nicht mehr miteinander. Der Abend war dann quasi 'The calm after the storm'."

Skystar: "Du hast kurz erwähnt, dass du einen Freund hast. Wie hast du ihn kennengelernt und fandst du es schwer einen Freund zu finden?"

anonym: "Ja absolut. Ich war 19 Jahre alt und hatte noch niemanden. Alle anderen — bis auf wenige Ausnahmen — hatten bereits eine Freundin. Da fühlt man sich einsam und verlassen, trotz liebender Familie. Ich verfiel in einen depressionsähnlichen Zustand. An einem Punkt, an dem ich mich schon einsam sterben sah, kam ich zum Entschluss mich hier im Forum anzumelden. Ich hatte es schon etliche Monate vor meiner Registrierung gefunden und einige Geschichten quasi verschlungen. Man konnte sich einfach viel mehr damit identifizieren. Einige Tage nach der Registrierung betrat ich mal den Boypoint-Chat. Die Begrüßung dort war sehr herzlich und freundlich. Von Anfang an fiel mir ein Junge dort besonders auf. Nach kurzer Zeit stellten wir beide fest, dass wir uns in ganz ähnlichen Situationen befinden, die gleiche Meinung und Einstellung zu vielen haben, den gleichen Musikgeschmack... Wir passten einfach von Anfang an zusammen."

Skystar: "Ist dein Freund ungeoutet und wenn ja, würdest du ihn langfristig zu einem Outing bewegen?"

anonym: "Er ist nur bei einem alten Kumpel geoutet. Wenn er ein Outing in Erwägung zieht, dann werde ich ihn dabei unterstützen so gut ich kann. Allerdings will ich ihn auf keinen Fall dazu drängen."

Skystar: "Wohnen du und dein Freund sehr weit auseinander? Führt ihr eine Fernbeziehung?"

anonym: "Wir wohnen etwa 300km auseinander. Also ganz klar eine Fernbeziehung. Klar, es hat seine Schwierigkeiten; aber umso schöner ist jedes einzelne Treffen mit ihm. Wir treffen uns leider nur so alle 6 bis 8 Wochen."

Skystar: "In Chile ist ab nächstem Jahr die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt. Wie denkst du darüber? Würdest du später auch gerne einmal heiraten, vielleicht sogar Kinder bekommen bzw. adoptieren?"

anonym: "Ich finde es wunderbar, wenn die Akzeptanz in der Politik/Gesellschaft so groß ist, dass sowas möglich wird. Hmm, darüber habe ich bzw. haben wir bisher noch nicht nachgedacht. Kinder lieben wir allerdings beide. :-)"

Skystar: "Bist du schon auf Ablehnung und Homophobie gestoßen und wenn ja, wie bist du damit umgegangen?"

anonym: "Naja hier und da wird mal über Schwule gelästert, sei es auf Arbeit, in der Berufsschule oder im Dorf. Allerdings war es nie persönlich gegen mich gerichtet, da ich nur in der Familie geoutet bin."

Skystar: "Und was kannst du mir zu diesen drei Themen sagen: „Kirche und Homosexualität“, „Offene oder feste Beziehung“ und „Geld für Sex“?"

anonym: "Meine Haltung zur Kirche ist eindeutig ablehnend, insbesondere wegen ihrem Umgang mit Homosexualität. Von einer offenen Beziehung halte ich persönlich auch nichts, da sind mein Freund und ich uns absolut sicher. Mhmm, Prostitution ist ja bekanntlich das älteste Gewerbe der Welt. Deswegen stehe ich ihr trotzdem kritisch gegenüber, sie ist für mich absolut kein Thema."

Skystar: "Nun kommen wir auch schon zur letzten Frage: Was würdest du anderen Usern bei ihrem Outing mit auf dem Weg geben?"

anonym: "Für mich ganz klar: It gets better. Die Angst vor einem Outing war bei mir immer sehr groß — berechtigterweise, wie mein Fall zeigt. Aber selbst der größte Schock bei den Eltern, der Familie oder den Freunden geht irgendwann vorbei. Irgendwann wird’s besser. Das oben beschriebene Befreiungsgefühl machte sich bei mir, nicht unmittelbar am gleichen Tag, jedoch nach etwa 4 bis 6 Wochen bemerkbar. Und dann sollte man allen die nötige Zeit geben, die für sie neue Situation zu verarbeiten und sich mit ihr zu arrangieren. Und selbst wenn das Outing zunächst schrecklich beginnt, es wird irgendwann besser. Rückblickend bereue ich meine Entscheidung in keinem Fall :-) ."

Skystar: "Ich danke dir für das Interview und zusammen mit dem Boypoint-Team wünsche ich dir natürlich viel Erfolg für die Zukunft!"

Interview von Skystar 2016

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Info: Dieses Interview ist rein freiwillig und es wird keiner gezwungen daran teilzunehmen. Du musst weder alle Fragen beantworten, noch unangenehme Details preisgeben. Hier geht es nicht darum, dich bloß zu stellen, sondern anderen zu helfen mehr über das Thema „Coming Out“ in Erfahrung zu bringen.

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