Coming Out - Das Interview - Anonymous (17)

Skystar: "Wie ist dein Username und wie alt bist du aktuell?"

*Anonym*: "Ich bin aktuell 17 Jahre alt."

Skystar: "Erzähl etwas über dich. Was sind deine Hobbies und wie stellst du dir deine Zukunft vor?"

*Anonym*: "Ich wohne seit Anfang an auf dem Land, in einem Dorf mit ca. 600 Einwohnern. Also ist die Anzahl an Freizeitangeboten eher... begrenzt. Ich bin froh, dass es ein Fitness-Center in meiner Gegend gibt, da Sport ein Hobby von mir ist. Weniger das pumpen an den Geräten, eher Tanzen und Yoga. Dazu kommt noch das Bearbeiten von Bildern, Fotografieren und mit Freunden was unternehmen. Seit Ende letzten Schuljahr hab ich meinen Realschulabschluss. Ich konnte die Frage: "Ja und jetzt? Wie geht's weiter? Was willst jetzt machen?" nicht wirklich beantworten also bin ich einfach auf ein Gymnasium gewechselt und hab jetzt noch ein bisschen Zeit mir zu überlegen was ich machen will, weil ich noch wirklich keinen Plan hab."

Skystar: "Tanzt du nur zu moderner Musik, oder auch zur klassischen Musik?"

*Anonym*: "Ja naja, einmal Zumba. In Clubs bin ich auch ständig auf der Tanzfläche anzutreffen und da es bei uns im Dorf sehr viel mit Tradition gibt, auch traditionelles auf unserer Kirchweih."

Skystar: "Wann hast du gemerkt, dass du dich zu Jungs hingezogen fühlst?"

*Anonym*: "Ich hab mir als Kind nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Ich dachte immer das es sich so gehört, dass männlich und weiblich zusammen kommen. Ich hab ja auch noch nie ein schwules oder lesbisches Paar gesehen. Aber irgendwann, so ab 13 oder 14, hab ich dann bemerkt dass für mich mehr das männliche Geschlecht interessanter war. Irgendwann hab ich es nur für eine Phase gehalten, dann kamen die ersten Dates, dann der erste Freund und jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass das nicht nur eine Phase ist."

Skystar: "Bei wem hast du dich als erstes geoutet? Was war der Anlass dazu und wie hat diese Person darauf reagiert?"

*Anonym*: "Zuerst bei einer damaligen, besten Freundin wie ich dachte. Diese Neuigkeit hat sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet, da sie es nicht ertragen konnte es für sich zu behalten. Dieses "Gerücht" hab ich natürlich gleich abgeschafft und jedem gesagt dass ich nicht schwul wäre. Dann als das wieder unter den Teppich gekehrt wurde, hab ich es einer anderen Freundin erzählt, die fand das ganz ok. Dann meiner Mutter, die das natürlich schon wusste, aufgrund ihrer Mutterinstinkte. Sie hat gesagt, dass es eventuell nur eine Phase sein könnte und schien nicht besonders glücklich damit, aber das war bloß der Schock. Jetzt geht sie sehr locker damit um. Irgendwann hab ich einfach meinen Facebook-Account darauf abgestimmt. Ich möchte es nicht jedem unter die Nase reiben, aber wenn ich gefragt werde, dann bekommt er schon die richtige Antwort."

Skystar: "Hast du ein Patentrezept für ein, vielleicht nicht perfektes, aber ein ordentliches und erfolgreiches Outing?"

*Anonym*: "Ich würde sagen, dass man es nicht überstürzen sollte. Also sich erst outen wenn man sich gewiss ist, dass man jetzt schwul, bisexuell, oder sonstiges ist. Und wenn das Outing Konsequenzen haben sollte: einfach Abwarten und Tee trinken, die Menschen kommen schon nach einer Zeit damit klar."

Skystar: "Was ist das für ein Gefühl geoutet zu sein? Fühlt man sich dadurch wirklich besser?"

*Anonym*: "Ja. Bei mir ist es so. Man hat nicht mehr das Gefühl auf gewisse Dinge achten zu müssen, die die eigene Sexualität eventuell preisgeben könnten. Diese ständige Heimlichtuerei kann einen nämlich irgendwann ganz schön auf den Sack gehen."

Skystar: "Wie hat sich dein Outing auf das Leben ausgewirkt?"

*Anonym*: "Schon ein bisschen. Ich glaube auch nicht dass ich mich öffentlich bei einem Date hätte zeigen können, mit der Angst dass jemand mich sieht und herausfindet dass ich schwul bin."

Skystar: "Wie geht deine Familie mit deiner Homo-/Bisexualität um?"

*Anonym*: "Mein Bruder weiß es nicht. Ich finde es auch nicht wichtig es ihm zu erzählen, da wir relativ wenig miteinander zu tun haben. Meiner Schwester ist es egal, die mag mich eh, egal wie ich bin :D
Meine Mutter geht jetzt auch locker damit um. Klar ist es ab und zu peinlich, wenn sie fragt wie das Date mit dem und dem Typen gelaufen sei, aber besser so, als wenn ich mich immer um eine Antwort auf die Frage nach einer Freundin herumdrücken muss."

Skystar: "Bei wem würdest du dich niemals outen und warum?"

*Anonym*: "Da gibt es niemanden. Mich stört es nicht wirklich wenn jemand bestimmtes davon weiß. Warum sollte es denn auch?"

Skystar: "Hattest du vor deinem Outing bereits einen Freund? Wenn ja, hat er dich bei deinem Outing in irgendeiner Weise unterstützt?"

*Anonym*: "Nope, der kam erst danach."

Skystar: "Wenn dein Freund ungeoutet wäre, würdest du ihn langfristig zu einem Outing bewegen?"

*Anonym*: "Ich denke ja, das kommt aber immer auf die Umstände drauf an. Wenn sein Umfeld gut aussieht, dann ja. Wenn sein Umfeld aber bloß aus homophoben Menschen bestehen würde, dann nicht so sehr."

Skystar: "Gibt es Vorbilder wie bspw. Schauspieler oder andere Berühmtheiten für dich bezüglich Homosexualität?"

*Anonym*: "Es gibt so einige. Eines davon wäre Neil Patrick Harris, da er trotz seiner Homosexualität wirklich viel erreicht und zeigt, dass die Sexualität nicht wirklich eine Rolle spielt."

Skystar: "Was würdest du anderen Usern bei ihrem Outing mit auf dem Weg geben?"

*Anonym*: "Traut euch. Auch wenn die Reaktion am Anfang nicht so prickelnd sein sollte, gebt denen bei denen ihr euch geoutet habt Zeit. Manche verdauen so etwas schlechter als andere."

Skystar: "Ich und das gesamte Boypoint-Team danken dir recht herzlich für das Interview!"

Interview von Skystar mit *Anonym* 2015

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Info: Dieses Interview ist rein freiwillig und es wird keiner gezwungen daran teilzunehmen. Du musst weder alle Fragen beantworten, noch unangenehme Details preisgeben. Hier geht es nicht darum, dich bloß zu stellen, sondern anderen zu helfen mehr über das Thema „Coming Out“ in Erfahrung zu bringen.

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