Lichtung

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Mit jedem Meter weniger, der uns voneinander trennte, wurde offensichtlicher, dass es Manuel heute nicht gut ging. Er hatte einen seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht, den ich nicht recht deuten konnte, den ich auch noch nie an ihm gesehen hatte. Er war in Gedanken sicher längst nicht mehr bei seinem Blick auf der anderen Seite des Flusses, sondern weit weg, auf und davon. Gleichzeitig wollten mir seine Augenbrauen und seine Wangen ganz leicht etwas andeuten, was ich nicht verstand. Sie schienen eine Art Traurigkeit mit mir teilen zu wollen. Und das kapierte ich nicht. Am Freitag war er noch glücklich wie immer, soweit man das von außen beurteilen kann.

Fast vor ihm angekommen, wollte ich schon zögern. Stattdessen setzte ich mich auf den freien Platz neben ihm, sah ihn kurz von der Seite an und entschied, dass ein „Hallo“ vielleicht seine Ruhe, die er trotz allem ausströmte, stören könnte. Schließlich bemerkte er mich nicht, als sei er kein Teil der Natur mehr, in die er seinen Blick gebohrt hatte. Also schaute ich auch zum anderen Ufer hinüber. Dort passierte nicht viel. Eine ältere Frau führte ihren Hund, einen robust gebauten Bernhardiner, an einer langen Leine, blieb immer mal wieder stehen, um sich in der Gegend umzusehen und lief dann weiter aus der Stadt heraus. Ansonsten flogen vielleicht mal ein paar einzelne Vögel von einem Ast zum nächsten. Sah man davon ab, war die Welt seltsam starr geworden. Sie war nicht wirklich leise, immerhin hörte man den Fluss vor sich hin strömen, und dennoch war die Welt gedämpft worden, als würde man dort unten am Grund des Flusses sitzen und alles nur noch schemenhaft und vage angerissen hören. Und mir war es, als sei die Welt auch ebenso düster geworden, leer und karg. Ich wusste nicht, woher das auf einmal kam. Es war einfach so in diesem Moment.

In diese Stille hinein fühlte ich meinen Herzschlag nun laut, regelmäßig und mit ordentlichem Tempo durch den ganzen Körper pochen. Längst hatte ich mich im Sitzen nach vorn gebeugt, die Arme fast schon auf die Knie gestützt, und ließ das Gesicht in meine Hände fallen. Ich starrte ins Dunkel hinein, bis Striche, Kreis, Punkte wie bunte Lichtstreifen vor meinem inneren Auge aufflackerten. Die Bilder wurden wirrer und heller, bis sie durch meinen Kopf dröhnten und ich wieder in meine Welt zurückkehrte. Ich blickte auf den Fluss, als wäre ich aus einer Höhle wieder ans Tageslicht gekommen, und erinnerte mich, wo ich war und was ich hier eigentlich wollte.

Neben mir saß also meine Flamme, mit der ich ein Gespräch beginnen wollte. Ich sah ihn abermals an und fand in seinem glasigen, starren Blick einen tiefen Schmerz und auch ein kleines Bisschen Kälte. Je länger ich ihn ansah, desto drängender wurde mein Wunsch, ihn – wie auch immer – zu retten, so wie man ein kleines Kind retten möchte, das noch nicht schwimmen kann, und das man aus Sterbensangst strampeln und zappeln sieht, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Ich wusste nur nicht so recht, wovor ich ihn bergen sollte, und was ihm diesen Schmerz zugefügt hatte. Also musste ich reden. Nur waren meine Lippen aus Blei und wollten sich nicht auseinanderbringen lassen. Wahrscheinlich, weil ich Angst hatte, ihm durch mein Aufschrecken noch mehr wehzutun.

Und dann schaffte es ein kleiner Lufthauch tatsächlich, meine Stimmbänder zum Schwingen zu bringen und meinen Mund zu verlassen. Es war ein leises „Manu“, so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob es tatsächlich aus mir herausgekommen war oder ob ich es mir nur eingebildet hatte. Jedenfalls zeigte er keine Reaktion. Ich versuchte es etwas lauter.

Sein Kopf bewegte sich langsam, so als sei er in der kurzen Zeit schon eingerostet, dann richtete er sich etwas auf und drehte sich etwas in meine Richtung. Als sich unsere Augen trafen, sah ich etwas noch viel Merkwürdigeres. Sein Gehirn schien erst langsam anzulaufen und es dauerte wohl etwas, bis er wahrgenommen hatte, wer da vor ihm saß. Dann weiteten sich seine Augen und seine Haltung verkrampfte, als hätte er ein schreckliches Ungeheuer gesehen. Er kniff sie schließlich stark zusammen, drehte sich wieder etwas von mir weg und ließ die Hände auf sein Gesicht klatschen. Ich verfolgte das ganze ohne zu verstehen, was da vor sich ging. Er blickte durch die Hände noch einmal zu mir, als würde er sich vergewissern, dass ich tatsächlich zu seiner Rechten saß.

Was war da los? Hatte ich ihn zu Tode erschreckt? Das konnte doch eigentlich nicht sein. War ich schuld an allem? Hatte ich einen Fehler gemacht, war ich zu weit gegangen? Weiter kam ich mit meinen Gedanken nicht, denn Manuel war schon aufgesprungen und rannte Richtung Stadt, zuerst holpernd, dann immer sicherer. Ich wollte dem Impuls folgen und ihm hinterherlaufen, ihn einholen, ihn noch einmal um ein Gespräch bitten, aber meine Beine sagten mir, dass es falsch war. Ich konnte nichts tun. Konnte ich etwas tun? Ich wusste es nicht. Ich starrte nur perplex auf den Jungen, der mir sehr wichtig war, der verletzt war, und der ganz offensichtlich vor mir weggerannt war.


Meine Augen lösten sich von ihm, als Manuel um eine Ecke verschwunden war. Ich glotze unbeholfen und ratlos auf meine Schuhe, den Sand vor meinen Füßen, das Wasser und einen Hund, der am gegenüberliegenden Ufer eine Frisbeescheibe mit seinem Maul fing. Das alles war mir herzlich egal. Nur Manuel nicht. Wie sollte es jetzt weitergehen? War ich der Böse? Ich verstand gar nichts mehr. Ich hatte noch nicht mal das Problem verstanden, wie konnte ich dessen Ursache verstehen? Das alles ergab so überhaupt keinen Sinn. Ich hatte nie lange mit Manuel geredet, es konnte keinen Grund geben, wie ich ihn hätte kränken oder verletzen können. Wir hatten keinen Kontakt. An mir konnte es nicht liegen. Oder doch? Die Art und Weise, wie er mich angesehen hatte, der Schock, der aus seinen Augen sprach, ließen mich zweifeln. Es schien, als hätte er auf eine Wand gestarrt, die genau in dem Moment, als ich vor ihm auftauchte, unter einem großen Knall in tausend Stücke zerborsten war. Als hätte irgendetwas ihn zerfleischt und ausgeweidet, als wäre er kurz davor, Unverdautes aus seinem Magen an die Oberfläche zu pumpen. Also musste ich der Auslöser sein. Ich begriff nur nicht, wieso.
Nach einer Weile beschloss ich heimzugehen. Die Gegend kam mir in der Dämmerung ausgelutscht und ausgespien vor. Es würde also keinen Sinn machen, hier noch länger über das alles nachzudenken. Ich versuchte schneller zu gehen als üblich, weil ich nun wirklich nicht mehr länger hier draußen herumirren wollte, und nahm Abkürzungen. Wegen der ganzen Sache war mir seltsam zumute und ich begann zu frieren. Als ich schließlich daheim angekommen war, ließ ich mich ziemlich rasch auf mein Bett fallen und starrte meine Decke an. Wie konnte es so weit kommen? Ich war gar nicht so fern davon, Manuel endlich mal anzusprechen und ihm meine Gefühle zu offenbaren – und nun hatte ich mir, wie auch immer, diese Riesenchance verbaut. Vielleicht für immer? Ich wollte gar nicht daran denken, was das für Konsequenzen haben könnte. Meine Furcht war nur, dass ich wieder in ein tiefes Loch stürzen würde wie beim letzten Mal. Aber das sollte sich nicht wiederholen, redete ich mir selbst ein. Wie ich aus dieser Geschichte auch rauskommen mochte, diesmal würde ich nicht wieder ins Bodenlose fallen. Meine fromme Hoffnung war, dass es Manuel auch nicht tun würde.
Ich hatte mich nun schon ewig hin und her gewälzt, aber meine Gedanken rollten und purzelten immer noch munter in meinem Kopf hin und her. Ich musste Ordnung schaffen. Ich brauchte eine zweite Meinung. Ich würde Anna um Hilfe bitten, so wie immer, wenn es mir mies ging.

Im Handumdrehen war mein Handy aus der Tasche geholt und ich tippte eine kurze Nachricht im Messenger an sie.

Hi Anna … ich glaub ich hab Scheiße gebaut… kannst du kommen?

Es dauerte nicht lange, da erschien auch schon die Antwort auf dem Display.

Na wenn du schon so anfängst…. Bin gleich bei dir.

Das war Anna. Mochte die Welt einstürzen, auf sie war Verlass.

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