Lichtung

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Der Samstagabend war schneller gekommen, als ich gedacht hatte. Ein paar Schul- und Hausarbeiten hatten mich tagsüber beschäftigt gehalten und ich hatte es tatsächlich zusammengebracht, in meinem Zimmer wieder für etwas mehr Ordnung zu sorgen. Außerdem hatte ich es geschafft, meinen besten schwulen Kumpel, Eike, als Ersatz für Lars zu organisieren. Ich mochte es zwar auch ganz gern mal, allein mit Anna durch die Gegend zu stapfen, aber ein Jahrmarktbesuch war zu dritt dann doch schöner. Außerdem sahen wir uns in letzter Zeit sehr selten, weil Eike aufgrund seines neuen Jobs viel in der Gegend rumfahren musste. Ein Wiedersehen kam mir deshalb ganz gelegen.


Wir trafen uns alle drei um kurz vor acht am großen Eingangstor des Marktes, wo uns ein großes Spruchbanner mit debil grinsenden Weihnachtsmännern willkommen hieß. Darüber thronte ein Komet, der uns anscheinend den Weg zu Glühwein und gebrannten Mandeln weisen sollte.

Wir schlenderten an den ersten Buden entlang, die im Wesentlichen Kram für alte Leute anboten – wer sonst hatte Interesse an Wollklamotten, Rauschgoldengeln, Deckchen aus Spitze und herzzerreißend dreinschauenden Engelchen? Ein paar Buden weiter sah ich bereits in allen Regenbogenfarben leuchtende Tierfiguren und singend-tanzende Weihnachtsbäumchen, und ich fragte mich ernsthaft, wer um alles in der Welt Geld dafür ausgab, sich diesen sauteuren, nervigen Plastikmüll in die eigene Bude zu holen. Weihnachten war für mich vieles, aber sicher keine Disko.

„Schaut mal, da vorne gibt’s süße Rentiere!“

Anna sah das offensichtlich anders und lächelte von dem ganzen Krempel wie beseelt. Ich tauschte einen genervten Blick mit Eike aus, der mich einfach nur angrinste. Offensichtlich fand er Annas Vorliebe für Ramsch ganz witzig.

Glücklicherweise kamen wir bald zur Fressmeile. Der Geruch von gewürztem Essen war eben doch wesentlich angenehmer als der Anblick hyperventilierender Schneemänner. Wir entschieden uns für eine Süßkrambude. Eike nahm eine Tüte gebrannter Paranüsse, während ich und Anna jeweils einen Schokoapfel verlangten. Währenddessen plapperte Anna fröhlich vor sich hin, ich hörte ihr aber kaum zu, nachdem mir immer noch der Gedanke durch den Kopf spukte, Manuel könnte hier auftauchen. Seit sie mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte, hatte ich innerlich immer wieder darauf gehofft, dass mein Schwarm plötzlich um die Ecke kommen würde, dass er vielleicht an irgendeiner der Buden stand und ich ihn ansprechen könnte. Natürlich passierte das nicht. Warum auch.

„Nicht wahr, Torsten?“

Ich hatte wirklich nicht zugehört und fragte deshalb reichlich unpräzise: „Was?“

„Ich dachte immer, ihr Schwuppen würdet besser zuhören… Also… meinst du nicht auch, wir sollten hier was für Lars und Markus mitnehmen, ein kleines Geschenk oder so?“

„Von mir aus.“ Das war mir ziemlich egal.

„Boah, was bist du heute so negativ?“, fuhr Anna mich an.

„Beruhig dich, der braucht nur bisschen Alk“, lachte Eike sie an.

„Witzig“, sagte ich nur. Er klopfte mir dafür auf die Schulter und strahlte mich an.

„Na komm. Da vorne ist schon der erste Stand, wo’s Glühwein gibt. Da können wir zwei dann mal ein ernsthaftes Männergespräch miteinander führen und Anna kann in Ruhe Geschenke einkaufen.“

Anna fand das auch nur mittelmäßig witzig, stimmte aber zu und ließ uns fürs Erste allein.


Wir nahmen beide einen Glühwein und stellten uns an einen der Stehtische, die spärlich mit einer roten Decke und irgendeinem Adventsgesteck dekoriert waren. Ich nahm einen Schluck und es war gar nicht so schlecht. Sogar fruchtiger als die Brühe im letzten Jahr.

„Jetzt erzähl mal“, sagte Eike. „Was macht die Sache mit Manu?“

„Naja ..….“ Ich suchte nach einer guten Erklärung und Entschuldigung, aber es kam nix. Also sagte ich die Wahrheit.

„Nix.“

„Wie nix? Ich dachte, du wolltest ihn endlich mal ansprechen…“

„Ach ich weiß nicht. Ich bin mir jedes Mal verdammt unsicher, weil ich Angst hab, mich zum Larry zu machen. Und ich weiß immer noch nicht, ob er überhaupt schwul ist.“

„Das mag ja sein. Aber du kannst doch nicht ewig um ihn herumschleichen und warten. Und jemanden ansprechen und sich mit ihm zu treffen, heißt ja nicht, dass man ihm gleich in den Schritt fasst.“

„Schon, aber …. Ach, das ist alles so verdammt kompliziert. Schwul sein is schon schön, aber die Heten hams da doch manchmal einfacher.“

„Quatsch. Die haben dafür andere Probleme. Was glaubst du, wie viele Jungs Angst haben, sich beim andren Geschlecht zu blamieren…“

Ich schwieg eine Weile und nickte, weil mir dazu kein gutes Gegenargument einfiel.

„Ihr seid doch gute Kumpels. Jedenfalls steht nix zwischen euch. Also gehst du einfach mal zu ihm hin, fragst ihn wegen irgendwas, ob ihr vielleicht zusammen Fußball schauen wollt, oder so, und dann lernt ihr euch besser kennen. So hoppla hopp ergibt sich da eh nix. Oder willst du ihm gleich um den Hals fallen und abknutschen?“

Das brachte mich zum Schmunzeln.

„Nee, natürlich nicht… Aber ja, das könnt ich vielleicht wirklich mal machen…“

„Nicht nur vielleicht. Mach es. Den Kopf wird er dir schon nicht abreißen.“

„Hast ja recht.“

Ich nippte an meinem Glühwein, dann noch mal, und dann noch mal. Irgendwie war das Zeug besser als sonst. Fruchtiger, süßer, leichter. Während ich trank, musste ich immerhin nicht denken. Ich musste einfach nur genießen, wie die warme Flüssigkeit immer tiefer hinunterrann und mich von innen her zum … naja … zum Glühen brachte. Und weil ich sonst immer nüchtern war, machte sich in mir ziemlich schnell die federleichte Erlösung des Vergessens breit.

„So, ihr Lieben, da bin ich wieder“, flötete Anna und stellte eine Tüte mit Zeug zu meinen Füßen. Sie holte sich dann auch einen Glühwein, den sie gar nicht gebraucht hätte. Sie war auch so schon in einer Hochstimmung, die ich nur selten an ihr sah. Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt war für sie wohl in etwa die selbe Situation, als würde ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum sitzen, sein kleines Geschenk auspacken und feststellen, dass sich ein funkelnagelneues Spielzeugauto unter dem bunten Papier verbirgt. Zumindest war sie so aufgeheitert und redselig wie fast nie, und das noch bevor sie einen Schluck von dem roten Zeug genommen hatte.

Sie plauderte fröhlich mit Eike und ich hörte wieder nicht zu. Ich trank und dachte an Manuel und stellte mir vor, wie er hinter der nächsten Ecke hervorkam, verträumt mit den Händen in den Taschen über den Platz trottete, so wie er das auch die letzten Tage oft getan hatte, und mit etwas Glück würde er mich erkennen und vielleicht sogar auf mich zugehen. Dann würde ich mit ihm reden, ihn umarmen, und ihn vielleicht noch küssen und … Nein. Das war einfach nicht drin. Ich musste, wie Eike mir das ins Gewissen geredet hatte, endlich mit den Träumereien aufhören, mein Glück selbst in die Hand nehmen und nicht davon ausgehen, dass ein kleines Wunder passieren würde.

Irgendwie frustrierte mich das. Wunder sind schließlich einfacher und bequemer. Sie ersparen einem mühevolle Arbeit und niederschmetternde Fehlschläge. Und so einen hatte ich schon mal erlebt. Das sollte sich nicht wiederholen, Manuel war einfach zu perfekt.

Bei all der Denkerei war mein Becher leer geworden.

„Ich glaub, ich hol mir mal Nachschub“, sagte ich in eine Gesprächspause der beiden herein.

„Du?“, kam es wie im Chor von Eike und Anna. Ich musterte sie beide und wirkte dabei weniger sauer und bedrohlich, als ich wollte. Dann setzte ich mich mit einem „Ja“ in Bewegung und bestellte mir aus einer Laune heraus einen Grog. Abwechslung oder so. Oder der unterschwellige Wunsch, sich meine Sorgen aus dem Hirn zu saufen. Oder meine Feigheit? Wahrscheinlich alles zusammen. Meine Begleiter schienen nicht bemerkt zu haben, dass ich eben nicht mit einem Glühwein zurückkam. Vermutlich wollten sie es einfach mal gut sein lassen.

Schon nach wenigen Schlucken merkte ich, wie meine Gedanken milchig und diffus wurden. Ich konnte keinen mehr so recht greifen, sah die sprichwörtlichen Nebelschleier, und wenn ich versuchte, nach ihnen zu greifen, griff ich in die nackte, trübe Luft. Das war wohl diese vermeintliche Klarheit, die andere am Saufen schätzten, dieser Moment, wenn der Denkzwang abgeschaltet ist.

„Oder Torsten?“, hörte ich Anna sagen. Ich war nicht ganz bei der Sache – vorher schon nicht und jetzt erst recht nicht.

„Was?“

„Na ob ihr beide euch mal knutschen könnt?“ Ich verstand die Frage nicht und glaubte, mich verhört zu haben.

„Warum?“

„Na ihr beide seid doch schwul. Und das sieht so süß aus. Und ich will dich doch auch mal glücklich sehen.“ Ihre Stimme steigerte sich dabei unangenehm, bis sie fast explodierte. Dann stieß sie einen freudigen Lacher aus.

„Na komm, tun wir ihr halt den Gefallen“, sagte Eike schulterzuckend. „Is ja nix dabei.“

Ich hätte vielleicht widersprechen sollen. Ich war zwar noch nicht mit Manuel zusammen, aber doch irgendwie schon, in meinen Gedanken. Aber ich tat es nicht. Ich konnte es nicht. Ich dachte gar nicht so weit, der Alkohol schien meine moralischen Skrupel unmerklich fortgefegt zu haben. Der Moment erforderte eine schnelle Reaktion. Warum auch nicht, dachte ich stattdessen, is ja wirklich nur ein Kuss mit meinem besten schwulen Kumpel.

Also kam ich zu Eike herüber, sah ihm in die Augen, so wie man das halt macht, führte meine Lippen zu seinem Mund und küsste ihn mit geschlossenen Augen, vielleicht einen Moment zu lang. Dann war der Augenblick auch vorbei, und die Mechanik des Küssens hatte keine Spuren hinterlassen. Ich war zu besoffen, um es gut oder schlecht zu finden, ich fand etwas einfach neutral.

„Ihr seid ja so süß“, fiepte die Spitzmaus neben mir und wurde vor Verzückung ganz rot im Gesicht. Eike schien aber, je länger er mir seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte, immer skeptischer zu werden. Er legte mir eine Hand auf den Rücken und sah mich besorgt an.

„Alles ok mit dir?“

„Ja. Klar.“

„Sicher?“

„Ja. Wieso?“

„Du siehst irgendwie aus, als hättest du zu viel von dem Zeug erwischt.“

„Ach was.“

Zweifelnd schaute er auf meinen Becher und erkannte, dass es Grog war. Er blickte mit einer hochgezogenen Augenbraue in meine Richtung, tauschte einen Blick mit Anna aus und sah mich dann wieder an.

„Ich glaub, es ist besser, wir gehen langsam.“

„Aber…“

Warum wollte ich eigentlich widersprechen? Ich fühlte mich schwer, ich war müde, und ich konnte kaum mehr denken. Ich wollte ins Bett.

„Das macht keinen Sinn. Du kannst dich hier doch nicht so zulaufen lassen. Komm, wir gehen.“

Irgendwie schafften die beiden es tatsächlich, mich heimzumanövrieren. Wir stolperten durch die Straßen und Gassen, die von der ganzen Weihnachtsdeko hell erleuchtet waren, zum Haus meiner Familie, wo sie mich letztendlich auf meinem Bett abluden. Wir verabschiedeten uns noch, dann war ich ziemlich bald eingeschlafen.


Den Sonntagnachmittag verbrachte ich in meinem Bett. Ich hatte gar nicht mal so schwere Kopfschmerzen und war erstaunlich wach, allerdings auch faul und träge. Anscheinend hatte ich gerade so viel Alkohol erwischt, dass es nicht gefährlich werden konnte, aber genug, um mein Hirn außer Gefecht zu setzen. Meine Mom kam gegen Mittag, gerade als ich aufgestanden war, bei mir vorbei, und fragte besorgt, was mit mir los sei. Ich wirkte allerdings gesund genug, um sie einfach mit einem „Hab wohl schlecht geschlafen“ abwimmeln zu können.

Es war etwa halb vier, als ich beschloss ein wenig Frischluft zu schnappen. Die würde meinem Hirn gut tun und mich vielleicht auf andre Gedanken bringen. Schnell war ich auf der Straße und ging einen kurzen Fußweg zum Fluss. Die Promenade war heute nicht so stark mit Menschen gefüllt, wie ich das von einem milden Dezembertag erwartet hätte. Viele wollten wohl einfach nur Plätzchen backen und die kuschelige Kaminwärme im Zimmer genießen.

Ich lief stadtauswärts und schaute auf den Fluss, der gleichförmig dahin strömte, so wie immer, seit Jahrtausenden schon oder noch länger. Irgendein Vogel, eine Krähe vielleicht, flog auf einen nackten Baum am Ufer, schien mich eine Weile zu beobachten. Es konnte nicht sonderlich spannend gewesen sein, jedenfalls flog sie recht bald wieder davon. Was war in dieser drögen Vorwinterödnis schon aufregend.

In der Ferne sah ich eine Bank und auf ihr einen Jungen, der mir bekannt vorkam. Je näher ich kam, desto klarer wurde mir: da saß Manuel. Er hatte seine Ellenbogen auf seine Beine gestützt und starrte auf das gegenüberliegende Ufer. Mir wurde sofort wieder warm, wie jedes Mal, wenn er in der Schule an mir vorbeiging, und gleichzeitig wurde mir mulmig. Das war der Zufall, auf den ich gestern gewartet hatte, eine Gelegenheit ihn anzusprechen. Eine Überraschung mit Verspätung sozusagen.

Ich überlegte schon, ob ich nicht umkehren sollte – mir war nicht klar, ob ich in meinem Zustand mit ihm reden konnte und wollte, das könnte peinlich werden. Und so die üblichen Zweifel. Aber ich dachte wieder an Eike: du musst ihn einfach mal ansprechen. So wie Jungs das eben tun. Einfach anfreunden. Also ging ich entschlossen auf ihn zu.

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