Lichtung

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Erlösung. Endlich. Nach einer Dreiviertelstunde – und keiner Sekunde früher – hatte uns endlich der Schulgong aus den Fängen unseres Chemielehrers befreit. Es war noch eindeutig zu früh am Morgen, als dass mein Kopf irgendetwas mit der Autoprotolyse von Ameisensäure hätte anfangen können. Das würde irgendwann später in mein Hirn dringen, aber jetzt sicher nicht. Ich war nur heilfroh, dass die zähe Stunde nach einer gefühlten Ewigkeit vorbei war und ich mit meinen Freunden in die erste Pause gehen konnte.

Wir liefen zu unserem üblichen Treffpunkt, einer kleinen Nische, die gerade so eben um die Ecke des grauen Betonkastens lag – also nicht zu weit weg, aber schon außerhalb des Schulgeländes. Der Hauptgrund war, dass Lars und Markus in fast jeder Pause das dringende Bedürfnis überkam, sich eine Kippe anzustecken. Natürlich auch heute, mit dem kleinen Unterschied, dass Markus an diesem Tag krank war. Also so richtig. Irgendwie hatte er sich eine fiese Lungenentzündung eingeholt, wie auch immer er das geschafft hatte. In diesen Wochen war der Winter unglaublich mild gewesen. Es lag noch immer kein einziger Millimeter Schnee, es war noch nicht mal kalt, wie das Anfang Dezember in unserer Gegend so üblich war. Nur ein paar verschrumpelte Blätter zeigten an allen Ecken und Enden, dass der goldene Herbst endgültig vorüber war.

Na gut, es gab noch ein weiteres Indiz. Wenn man abends durch die Straßen lief, lachten einen Weihnachtsmänner, Rentiere und Schneemänner von allen Häusern her an, in sämtlichen Farben, kreischend grell und teilweise blinkend wie Werbereklame. Die Stadt hatte inzwischen alle Laternenpfähle mit Weihnachtssternen ausstaffiert, in den Fenstern standen Schwippbögen und es gab fast nirgendwo einen Baum, um dem man keine Lichterkette gewickelt hatte. Der ganze Kram passte so gar nicht zu meiner aktuellen Stimmung. Auch wenn das Abitur erst im nächsten Sommer sein sollte, machte sich in uns langsam eine gewisse Anspannung breit. Keiner wusste so recht, was die kommenden Monaten bringen würden, wie hart die Lernphase werden könnte und was die Lehrer sich vorher vielleicht noch für Späße ausdenken könnten. Der Endspurt näherte sich in großen Schritten – und bis dahin gab es noch genug zu tun.

„Sag mal, habt ihr am Wochenende schon was Besonderes vor?“

Meine Freundin hatte mich aus meinen Gedanken gerissen und blickte nun fragend in die Dreierrunde. Lars war eben noch damit beschäftigt, eine Zigarette aus seiner Packung zu fischen und sie anzuzünden, also gab ich eine kurze, unkreative Antwort.

„Nix Konkretes. Lernen vielleicht. Wieso?“

„Naja, es is doch Weihnachtsmarkt. Ich dachte wir könnten vielleicht am Samstagabend mal hin oder so…“

Lars war jetzt fertig geworden, steckte seine Kippen wieder ein und atmete mit großem Schnaufen eine dicke Rauchwolke aus, mehr oder weniger direkt in Annas Augen.

„Boah, sag mal, musst du mir das Zeug immer ins Gesicht blasen?“

Mein Kumpel ließ die Frage unbeantwortet, grinste nur vor sich hin, und auch ich musste dabei lächeln. Stattdessen sagte er, nach einem weiteren Zug:

„Also tut mir echt leid, meine Liebe, aber meine Eltern kamen gestern mal eben so auf die Idee, wir könnten ja das Wochenende zu unserer Oma fahren. Die braucht halt jetzt Hilfe, weil die irgend so nen Schrank aufbauen muss, weil der alte kaputt gegangen is… und irgendwie hat sich dann kein anderer gefunden, um ihr das Teil zusammenzubauen….“

„Und nen Handwerker kann die nicht rufen?“

„Ja, sag das meinen Eltern... Aber egal, wenigstens wohnt sie am Meer und dann kann man mal raus zwischendurch. Also sorry, ihr werdet wohl auf mich verzichten müssen…“

Anna schmollte etwas, aber nur ganz kurz, dann sah sie mir in die Augen und lächelte mich erwartungsvoll an.

„Aber du kannst doch, oder?“

Natürlich konnte ich. Für meine Freundin hatte ich immer Zeit. Oder meistens. Wir waren über die Jahre dicke aneinandergewachsen, da sie eine der wenigen Menschen war, die sich meine Beziehungsprobleme anhören wollten. Vor zwei Jahren hatte ich mich in einen Typen verknallt, den ich mehr zufällig auf der Kirmes im Nachbarort kennengelernt hatte und der ein paar Jahre älter war als ich. Leider musste ich nach einer Weile erfahren, dass wir beim Thema Treue zwei stark unterschiedliche Ansichten hatten, und so ging die alte Leier los, mit der unglücklich verliebte Jungs und Mädels auf der ganzen Welt wenigstens einmal in ihrem Leben zu kämpfen haben. In dieser Zeit, in der ich mich wie ein Waschlappen fühlte – benutzt, ausgewrungen und weggeschmissen –, war Anna so etwas wie eine Stütze für mich, die mir etwas Halt gab und dabei half, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie konnte meinen Schmerz nicht einfach beiseitewischen, aber Schritt für Schritt zeigte sie mir neue Wege und machte mir Hoffnung. Dafür, dass wir beide damals noch so jung waren, gerade mal siebenzehn Jahre alt, fand ich das eine erstaunliche Leistung von ihr. Manchmal wirkte sie auf mich, als hätte sie schon ein halbes Leben lang Erfahrungen gesammelt, aber vermutlich hatte sie einfach nur ein gutes Einfühlungsvermögen.

„Ja“, sagte ich also. „Unter der Bedingung, dass wir um die ganzen Kitschbuden einen großen Bogen machen.“

„Genau“, schaltete sich Lars ein. „Halt den Jungen nich vom Saufen ab!“

Das war genau genommen ein Seitenhieb. Ich war eher bekannt dafür, sehr wenig zu trinken. Ich sah einfach keinen Sinn darin, sich kästenweise Bier hinter die Binde zu kippen und dann hackedicht in der Gegend rumzutorkeln. Damit war ich so ziemlich das Gegenteil zu Lars.

„Na komm schon, einen Glühwein oder zwei wird er schon hinterkriegen“, schaltete sich Anna wieder ein.

„Schade, dass ich nicht dabei bin, das will ich sehn“, feixte Lars.

„So wie du dich zulaufen lässt, würdest du das eh nicht mitkriegen…“

Ich fand den üblichen Lars-Anna-Kleinkrieg nur mäßig interessant und noch wesentlich weniger, als gerade Manuel an uns vorbeiging. Er nickte uns kurz zu, mit einem kleinen Lächeln im Mundwinkel, und ging dann richtig Schulgebäude. Der Glückspilz war in einem anderen Kurs und hatte damit freitags immer die ersten beiden Stunden frei. Aber das war nicht das, was ich an ihm bewunderte. Vielmehr war er der zweite Junge in meinem Leben, für den ich richtig heftig schwärmte.

Er war mir erst in den letzten Monaten ins Auge gefallen, als wir in den selben Sportkurs gesteckt wurden. Wir hatten sonst nicht viel miteinander zu tun, er war damals von einer anderen Schule in die Parallelklasse gewechselt und hatte auch, von je zwei Stunden Wirtschaft und Sport in der Woche abgesehen, einen ganz anderen Stundenplan als ich, aber in den beiden wöchentlichen Sportstunden war ich erst richtig auf ihn aufmerksam geworden und hatte den ersten Kontakt geknüpft. Wir sprachen meistens nicht viel, arbeiteten aber gut zusammen, das heißt, meistens arbeitete er für unser Fußball-Team. Mein sportliches Talent war eher Mittelmaß, meine Achtsamkeit dafür umso größer, also landete ich immer in der Verteidigung oder im Tor. Er dagegen war der geborene Stürmer und mir fiel für ihn kein besseres Wort als „Ballkünstler“ ein. Ich bin kein großer Fußball-Fan, aber seine Art und Weise, mit dem Ball umzugehen, beeindruckte mich jedes Mal, wenn ich ihn vom Torraum aus beobachtete. Seine Bewegungen waren kraftvoll, aber nie energisch oder abrupt. Auf dem Spielfeld war er wie eine Forelle im Wasser, schnell und wendig, aber vor allem flüssig, ja geradezu weich und geschmeidig, wenn er antäuschte, seine Gegner umspielte und auf das Tor zu sprintete. In jedem Spiel kam es mir so vor, als sei der Ball sein eigentlicher Freund. Im einen Moment schmeichelte er ihm mit allen erlaubten Körperteilen, seinen Füßen, seinen Oberschenkeln und seinem Kopf entgegen, in der nächsten Sekunde platzierte er ihn mit einer atemberaubenden Treffsicherheit in den gegnerischen Kasten.

Ich hatte gerade noch vor Augen, wie Manuel am Spielfeldrand nach dem Aufwärmen versuchte, den Ball mit allen möglichen Gliedmaßen möglichst lange in der Luft zu halten, als eine Hand vor meinen Augen schnippte und mich zurück in die Realität beförderte.

„Junge, du bist in letzter Zeit immer total neben der Spur, wenn du Manu siehst. Ich weiß echt nicht, wo dein Problem is. Sprich ihn doch endlich mal an, dann weißt du, was Sache ist…“

„Plärr’s halt über den Schulhof“, fuhr ich ihn nur an. Lars hatte leicht Reden. Der konnte ja einfach jedes Mädchen ansprechen, ohne ernsthaft Konsequenzen fürchten zu müssen. Es war schließlich auch nicht klar, ob Manuel überhaupt was für Jungs übrighatte. Bislang hatte ich ihn nur als Single erlebt, wobei irgendwelche Gerüchte besagten, er hätte schon das eine oder andere weibliche Wesen an seiner Seite gehabt. Wahrscheinlich waren das aber nur die Wunschträume der vielen Mädels, die heimlich für ihn schwärmten. So wie ich. Denn über sein verdammt heißes Aussehen gab es überhaupt keine Diskussion.

„Lars hat schon Recht. Je länger du das rauszögerst, umso schlimmer wird’s“, pflichtete ihm nun auch Anna bei. „Vielleicht hast du ja Glück, und wir treffen ihn morgen auf dem Weihnachtsmarkt.“

„Genau“, warf ich ein. „Was ne herrlich romantische Stimmung zwischen Bratwürsten und Schnapsleichen.“

„Ach Quatsch“, wimmelte sie schnell ab. „Ich würde mich dann von euch verabschieden und ihr könnt dann einen schönen Spaziergang durch die Stadt machen. Und euch dabei näherkommen.“

„Klar. Wär ja auch nicht mega zufällig oder so….“

„Jetzt wart’s doch erst mal ab.“

Bei meinem Glück konnte das nie und nimmer passieren. Es war eine absolut blödsinnige Idee zu glauben, Manuel würde genau zur selben Zeit über den Markt stiefeln wie wir. Und dann auch noch mit mir reden. Und obwohl das so abstrus unwahrscheinlich war, gefiel mir der Gedanke. Vielleicht würde ich ja morgen doch ein kleines Wunder erleben. Ganz vielleicht.

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