Eine letzte Weihnachtsgeschichte

Prolog: Vor Weihnachten

Es war erst fünf Uhr nachmittags und dennoch war es bereits dunkel. Bislang hatte es noch nicht geschneit, dafür war es seit Tagen grau in grau. Düstere Wolken bedeckten den Himmel und ließen keine Sonnenstrahlen durch. Es schien beinahe so, als passte sich das Wetter meiner Stimmungslage an. Ich war gerade mit Julius unterwegs, um ein wenig Frischluft zu tanken. In letzter Zeit kam Julius nicht allzu oft aus seinem Zimmer heraus. Seine Krankheit war zurückgekehrt und es hatte leider stark den Anschein, als wäre sie dieses Mal nicht mehr aufzuhalten.

Julius saß in einem Rollstuhl, den ich vor mir herschob, während ich mit ihm durch die Straßen seiner Nachbarschaft fuhr. Er konnte immer noch laufen, aber jede noch so kleine Anstrengung war bereits zu viel für ihn. Man sah ihm an, wie erschöpft und kraftlos er war. Er hatte abgenommen, war blass im Gesicht und sein Lebenswille war fast erloschen.

Doch seine Mutter und ich ließen ihn nicht im Stich. Frau Bruck konnte die Ärzte dazu überreden, Julius Zuhause behandeln zu lassen. Klar vom Vorteil war es, dass sie inzwischen mit Dr. Niko-Klaus Lazarus zusammen war, der einst Julius behandelnder Arzt war. So verbrachte Julius zwar die meiste Zeit auf seinem Zimmer, aber er war Zuhause, umgeben von seiner Mutter und ihrer Liebe. Und dann war ja da auch noch ich, der ihn so oft besuchen kam, wie es mir möglich war.

„Hast du eigentlich mal wieder was von Lexi gehört?“, fragte Julius mich nach einer Weile der Stille.

„Nein…, aber ich glaube keine Nachrichten sind gute Nachrichten, oder was denkst du?“, antwortete ich ihm, während ich mit ihm eine Straße überquerte, die zurzeit unbefahren war.

„Ich würde sie gerne noch einmal wiedersehen, bevor ich…“ „Das wirst du.“, sagte ich schnell, noch bevor Julius seinen Satz beenden konnte. „Du bist ein Kämpfer und ich bin zuversichtlich, dass du auch diesen Kampf gewinnen wirst. Erinnere dich doch nur mal daran, wie schlecht es dir schon vor drei Jahren ging. Doch du hast deine Krankheit besiegt und wurdest wieder gesund. So gesund, dass du und ich noch eine Menge erlebt haben.“

„Oje, ich hoffe du spielst jetzt nicht auf unsere gemeinsame Nacht an, in der wir betrunken waren und zusammen in einem Bett schliefen.“, sagte Julius, der leicht rot wurde, auch wenn ich es von hinten nicht sehen konnte. „Wie auch immer. Die Schlacht mag ich damals vielleicht gewonnen haben, aber den Krieg noch lange nicht. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal völlig gesund war. Es vergeht kein Tag ohne diese beschissene Krankheit.“

„Hey, jetzt blas nicht so viel Trübsal. Kopf hoch!“, versuchte ich Julius aufzumuntern, was mir enorm schwer fiel, weil ich selbst eine unglaubliche Angst verspürte.

Plötzlich hielt Julius die Räder seines Rollstuhls fest und ich hielt inne. Julius drehte sich zu mir um und schaute mir in die Augen. Ich kam um den Rollstuhl herum und ging in die Hocke, um mich besser mit ihm unterhalten zu können. „Wenn ich sterbe Lukas…“

„Du wirst nicht sterben – jetzt noch nicht!“, entgegnete ich störrisch. „Wenn ich sterbe Lukas…“, wiederholte Julius unbeirrt. „Versprich mir bitte, dass du um mich weinen wirst.“ Ich blickte Julius verwirrt an, doch erklärte er seine Aussage: „Ich kenne dich Lukas. Du frisst immer alles in dich hinein, wenn du unglücklich bist und am Ende entsteht eine Katastrophe. Erinnere dich an den Autounfall vor zwei Jahren, oder daran als deine Beziehung mit Marcel dieses Jahr in die Brüche ging und du deinen Kummer runtergeschluckt hast, bis du auf der Toilette in einer Disco zusammengebrochen bist. Wenn ich also sterben sollte, dann will ich, dass du um mich trauerst und weinst, denn danach wird es dir besser gehen – irgendwann wirst du dich besser fühlen.“

Ich nickte, denn ich verstand, was mein bester Freund mir damit sagen wollte. Dennoch glaubte ich ganz fest daran, dass Julius nicht sterben würde. Er hatte es mir schließlich versprochen - Jack hatte es mir versprochen!

Kapitel 1: Hoffnung an Weihnachten

Mit verträumten Augen stand ich am ersten Adventsonntag müde aus meinem Bett auf und schlurfte zunächst einmal ins Bad. Inzwischen war es bei mir Gebrauch, dass ich jeden Morgen kalt duschte, um richtig wach zu werden. Danach putze ich mir die Zähne und der Tag konnte beginnen.
„Kommst du heute wieder mit in die Kirche?“, fragte mein WG-Mitbewohner Alec mich, als ich fertigangezogen aus meinem Zimmer kam.
„Heute nicht. Herr West hat ein Club-Meeting der CODA einberufen, bei der ich nicht schon wieder fehlen sollte.“, antwortete ich Alec. „In letzter Zeit hab ich mich dort kaum noch blicken lassen.“
„Naja verständlich, bei allem was du um die Ohren hast.“, sagte Alec verständnisvoll. „Wann kommen eigentlich deine Eltern von ihrer Amerika-Rundreise zurück?“
„Erst in zwei Wochen.“, antwortete ich, während Alec sich bereits seinen Anorak anzog. „Ich hab gestern noch mit meinem Dad geschrieben. Sie sind jetzt gerade in L.A. angekommen. Am Mittwoch geht es dann nach Las Vegas weiter.“ „Klingt cool. Lena bringt deinen Bruder zur Kirche? Soll ich ihn dann später wieder heimfahren?“, fragte Alec, startbereit, mit Autoschlüssel in der Hand.
„Nicht nötig.“, antwortete ich und schmunzelte. „Noels Mutter fährt ihn später zu Lena.“
„Ah verstehe!“, rief Alec, der sich anschließend von mir verabschiedete. Auch ich beeilte mich nun, dass ich schnell weiterkam. Schnell noch gefrühstückt und dann ging es ab zur CODA!

„Heute hab ich eine besonders erfreuliche Ankündigung an euch alle!“, rief das amtierende CODA-Oberhaupt Shane West, uns Mitgliedern zu, als wir uns alle im CODA-Clubraum versammelten. Im Vergleich zu den letzten Jahren waren wir zwar wieder deutlich weniger geworden, aber das tat unserer guten Laune keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, das schweißte uns alle nur noch enger zusammen. Zugegeben Lexi und Julius fehlten mir hier schon sehr und seit meiner Trennung von Marcel, ließ auch dieser sich hier nicht mehr blicken, aber es gab schließlich noch andere Menschen, mit denen ich mich recht gut verstand. Insbesondere in Herrn West hab ich einen guten Zuhörer und Gesprächspartner gefunden. „In den letzten Jahren ist viel in und um der CODA passiert, was zur Folge hatte, dass in den letzten beiden Jahren keine Weihnachtsfeiern stattgefanden, aber dieses Jahr wird es sie wiedergeben: Das CODA-Weihnachtsfest!“ Die Mitglieder der CODA freuten sich und auch ich freute mich natürlich, auch wenn ich mir sicher war, dieses Jahr nicht daran teilzunehmen. Ich wollte Weihnachten mit Julius verbringen, der quasi ans Bett gefesselt war.
„Das verstehe ich natürlich.“, sagte Herr West, als ich ihn von meinen Plänen in Kenntnis setzte. „Solltest du aber die Gelegenheit bekommen, doch noch hier vorbeizuschauen, sei es auch nur für wenige Minuten, dann mach dich auf eine Riesenüberraschung gefasst!“

Nach dem Club-Meeting wollte ich Julius wieder einen Besuch abstatten. Ich wartete also in der eisigen Kälte an einer Bushaltestellte, als mein Handy klingelte. Meine große Schwester Lena rief mich an. „Hey Schwesterherz. Was gibt´s?“, fragte ich sie und konnte dabei den eisigen Atem sehen, der sich bei jedem meiner Wörter bildete.
„Hey, wieso warst du heute nicht in der Kirche?“, fragte sie mich.
„Club-Meeting.“, antwortete ich ihr knapp, da mir kalt war und ich den Bus heranfahren sah. „Warum? Gibt´s was Wichtiges?“
„Ich wollte dich fragen, ob du mir am Mittwoch bei der Nikolausfeier helfen könntest. Du weißt doch, dass Mum und Dad den Zwillingen diese Feier zugesagt haben, bevor sie die Rundreise bei einem Preisausschreiben gewonnen haben. Die Einladungen waren bereits alle verschickt und sie konnten den Kindern schlecht wieder absagen, wo sich Sebastian und Sarah doch schon so darauf gefreut haben. Jetzt findet die Feier bei mir Zuhause statt. Christoph muss vermutlich arbeiten und dann bin ich ganz allein mit zehn Kindern! Also bitte hilf mir!“ Ich stöhnte. Ich wusste bald nicht mehr, wo mir der Kopf stand, bei all dem Stress, aber ich wollte Lena nicht im Stich lassen, weshalb ich ihr schließlich meine Hilfe zusagte. „Danke kleiner Bruder, du bist ein Engel!“
„Haha.“, lachte ich leicht spöttisch, während ich in den Bus einstieg. „Ich bin kein Engel, aber wäre ich einer, dann würde ich jemanden einen Besuch abstatten, der mir eine Erklärung schuldig ist!“

Um halb drei kam ich schließlich bei Julius Haus an. Seine Mutter öffnete mir die Tür. „Hallo Lukas. Es ist so schön, dass du Julius so oft besuchen kommst. Das heitert ihn immer ein wenig auf und mir geht es dann auch gleich ein wenig besser, wenn ich weiß, dass er nicht alleine ist.“
„Das ist doch selbstverständlich. Er ist mein bester Freund!“, erläuterte ich. „Ist er oben in seinem Zimmer?“
„Ja, aber klopf lieber vorher an. Er mag es gar nicht, wenn man einfach so hereinplatzt.“
Ich lachte. „Das mag kein Kind gern, Frau Bruck!“ Ich rannte die Treppe rauf und klopfte wie befohlen vorher an seiner Tür an. Julius gestattete mir Zutritt und ich trat ein. „Hey Jules, wie geht´s?“
„Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreisen. Also, kleine Bäume. Vielleicht Bambus, oder Blumen. Na gut. Gras. Gras geht.“, antwortete Julius mir und fing sofort zu lachen an. Seinen Sinn für Humor hatte er nicht verloren.
„Was treibst du da?“, fragte ich ihn. Julius saß in seinem Bett, seinen Laptop auf seinem Schoß und kommunizierte mit einem Händler über Ebay.
„Der Kerl hat genau dieselbe Spieluhr, von der meine Mutter früher immer so geschwärmt hat. Die möchte ich ihr zu Weihnachten schenken. Da sie aber beschädigt ist und vorher noch zur Reparatur muss, hab ich ihm die Adresse von unserer Uhrmacherei geschickt, damit er die Spieluhr direkt dorthin liefern lässt. Ich komm ja hier kaum aus dem Bett raus. Deshalb wollte ich dich auch noch fragen, ob du die Spieluhr dann dort abholen kannst, wenn sie repariert worden ist.“
„Aber sicher doch. Mach ich doch gerne.“, sagte ich bereitwillig. „Dafür musst du mir aber bei meinem Familien-Fotoalbum helfen, welches ich dieses Jahr meinen Eltern zu Weihnachten schenken möchte.“ Ich präsentierte Julius die Tasche, die ich die ganze Zeit mit mir herumschleppte, in dem sich ein bislang noch leeres Fotoalbum und tausende von Bildern fanden.
„Sieht nach reichlich Arbeit aus.“, meinte Julius stutzig. „Los, breite dich auf dem Boden aus. Ich komm zu dir runter, wenn ich mein Klappergestell in Bewegung gebracht habe.“
Ich schüttelte die Fotos aus der Tasche auf Julius Teppich und zusammen suchten wir uns die schönsten Familienbilder heraus. Einige Bilder hab ich von Lena erhalten, andere hab ich selbst geschossen und ein paar wiederum stammen noch von Marcel… - von dem auch ein Bild in den Haufen gelangt war. Es zeigte mich und ihn zusammen eng umschlugen vor dem Riesenrad, in dem wir uns kennenlernten und später auch das erste Mal küssten. Traurig betrachtete ich das Bild, bis Julius es mir aus der Hand riss. „Ach, vergiss den Kerl. Der hat dir dein Herz gebrochen und verdient es nicht, dass du ihm hinterher trauerst. Er wollte lieber bei dieser Tussi und seinem Sohn sein? Bitte, soll er doch. Du hast was Besseres verdient als diesen Herzensbrecher.“ Ich erwiderte darauf nichts und widmete mich den anderen Fotos, doch meine Gedanken kreisten noch ein Weilchen um Marcel und ob es ihm gut gehen mag.
Julius und ich waren den ganzen Nachmittag damit zugange, Fotos auszusuchen. Frau Bruck bereitete indessen das Abendessen vor, bei dem auch Dr. Lazarus zugegen war. Nebenbei bemerkt ein sehr lustiger Name, aber immer noch besser als Dr. Fred Schweinebacke vom Ärztehaus. Nachdem der Doktor Julius durchsucht hatte, ob bei ihm auch alles in Ordnung sei, machten Julius und ich uns wieder über die Fotos her. Es wurde spät und so übernachtete ich abermals bei Julius. Dies kam in letzter Zeit wieder häufiger vor. In unserer Kindheit war dies fast täglich der Fall. Entweder übernachtete ich bei Julius, oder er bei mir. Wir waren wirklich die allerbesten Freunde.
Umso schlimmer war für mich die Vorstellung, dass Julius irgendwann einmal nicht mehr da sein könnte. Diese trüben Gedanken raubten mir mehr als einmal den Schlaf, so auch heute Nacht. „Julius?“ Ein leichtes „Hm“ von ihm, gab mir die Gewissheit, dass auch er noch nicht eingeschlafen war. „Ich kann nicht einschlafen.“
„Dann komm zu mir ins Bett.“, sagte Julius ohne zu zögern, was mich doch ein wenig erstaunte. „Na los. Ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir miteinander in einem Bett schlafen.“
Ich stand von meinem Schlafplatz am Boden auf und kroch zu Julius unter die Bettdecke. Ich konnte es kaum glauben, aber er trug tatsächlich die rosa Boxershorts mit den Herzchen, die ich ihn vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. „Danke Jules. Ich hab dich lieb.“
Ich konnte es nicht sehen, aber Julius lächelte und legte seinen Arm um mich. „Lukas.“ Julius wartete kurz, bevor er weitersprach. Ich horchte aufmerksam hin. „Ich bin vielleicht hetero, aber du bist mir der liebste Mensch auf Erden. Danke, dass du mein Freund bist.“ Mit diesen schönen Worten gelang es uns schließlich beiden, doch noch einzuschlafen. Und als wäre dies nicht schon schön genug, träumte ich in jener Nacht auch noch von meiner ersten Begegnung mit Jules.

Ich klammerte mich an das Bein meiner Mutter. Ich hatte ein wenig Angst und hinzukam, dass ich ausgesprochen schüchtern war. „Lass mich bitte los, Lukas.“, sagte meine Mutter zu mir. „Du musst wirklich keine Angst haben. Sieh doch, wie viele Kinder hier sind, mit denen du spielen kannst.“
„Ich will nicht. Ich bei dir bleiben will!“, meinte ich trotz alledem.
„Lukas, ich kenne da einen Jungen, der war genauso wie du jetzt.“, sagte die Kindergärtnerin zu mir, die von meiner Mutter, den anderen Erwachsenen und allen Kindern immerzu „Fee“ genannt wurde. „Siehst du den dunkelhaarigen Jungen da hinten in der Ecke am Fenster?“ Ich blickte zu dem Jungen, der wie ich gerade einmal drei Jahre alt war. „Das ist Julius und auch erst seit kurzem hier. Er hat noch keine Freunde, aber vielleicht willst du ja sein erster Freund sein. Was sagst du dazu, hm?“
„Das klingt doch nach einer prima Idee.“, meinte meine Mutter. „Hast du von deiner Schwester nicht ein Jo-Jo geschenkt bekommen, Lukas? Wie wäre es, wenn du das Julius zeigst und mit ihm spielst?“
Ich guckte etwas unsicher zu dem mir fremden Jungen, doch dann löste ich mich von meiner Mutter und ging kurzerhand zu dem Jungen und setzte mich zu ihm. Der Junge blickte mich an und lächelte kurz, sagte aber kein Wort. Als Kind verstand man sich auch ohne viele Worte sehr gut. Meine Mutter ging anschließend zur Arbeit, in dem Wissen, dass ich einen Freund gefunden habe.

Die restlichen Teile werden in den kommenden Tagen in diesem Thread erscheinen. Wer es nicht abwarten kann oder die Weihnachtsgeschichten der vorherigen Jahre nicht kennt, kann sie auf dieser Seite nachlesen.
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