Das Seil

Teil 3

„Dein Freund ist fort, für ihn ist es zu spät“, ertönte da plötzlich eine tiefe, dröhnende Stimme.
„Was zum…“, fuhr ich auf und wirbelte herum. Hinter mir stand eine hochgewachsene Gestalt. Der Mann mit dem üppigen und dichten, weißen Bart war in einen langen, mit tiefdunklem Rot, von leuchtend weißem Zierrand umsäumten Mantel gekleidet. Seine strengen Augen blickten mich unverwandt an. Die Hände hatte er in den weiten Ärmeln verborgen. Inzwischen war vom Sonnenschein nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Wind war aufgekommen und es fühlte sich nach neuem Schnee an, welchen der Sturm mit sich bringen würde.
„Nein“, sagte ich entschlossen. „Nein, das kann nicht sein. Nicht jetzt, noch nicht!“ Die Situation war grotesk und absurd. Ich fragte mich endlich, warum dieser Fremde nichts unternahm, um mir zu helfen; ich konnte es überhaupt nicht verstehen. „Tun Sie doch etwas; holen Sie Hilfe, nehmen Sie Ihr Handy, aber tun Sie doch endlich etwas!“, schrie ich ihn an. „Bitte“, ich wendete mich wieder Chris zu und weinte bitterlich. „Bitte, ich habe ihm doch versprochen, ihn zu beschützen.“
Der Alte trat neben mich und sah fast gebieterisch auf uns herab. „Ist er Dir wirklich so wichtig, wie Du behauptest?“
Ich hatte nur Augen für Chris und erwiderte schluchzend: „Er bedeutet mir alles.“
„Dann gebe ich Dir die Chance, ihn vor diesem Schicksal zu bewahren“. So wie der fremdartige Alte die Worte gesprochen hatte, war er verschwunden.

Ich blickte mich verwirrt um, doch konnte ihn nirgends entdecken. Und einen Augenblick später konnte ich nicht einmal mehr sagen, wo ich überhaupt war. Die Gegend hatte sich komplett verändert. Verschwunden waren das Felsplateau, die Hollywoodschaukel und auch Chris. Verschwunden war überhaupt alles, denn ich befand mich in einer kargen, öden Landschaft. Weder Baum noch Strauch waren weit und breit zu sehen, der Himmel war ein einziges Gemisch aus Grautönen und beständig pfiff Wind über das Land. Ich blickte an mir herunter, und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich lediglich eine Art Nachthemd trug.
„Was zur Hölle?“, entfuhr es mir, doch weiter kam ich nicht, denn ich entdeckte eine Gestalt, welche die Einzige außer mir in dieser Ödnis zu sein schien. Ich brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, wer die Gestalt war. „Chris!“, rief ich aufgeregt und rannte auf meinen Freund zu. Als ich ihn erreicht hatte, blieb ich abrupt stehen und wäre beinahe über den Rand eines gigantischen Abgrundes gestürzt. Chris, welcher ebenfalls nur in ein Nachthemd gekleidet war, stand genau an der Kante und hielt ein fingerdickes Seil in beiden Händen, welches über den Abgrund führte und irgendwo in einem schwarzen, wabernden Nichts endete. Das Seil war straff gespannt und doch schien Chris es einfach nur zu halten und keine große Mühe dabei zu haben.
„Chris, hey“, sprach ich ihn an und da endlich wendete er mir den Kopf zu.
„Jack? Was machst Du denn hier?“, fragte er erstaunt und wankte leicht, als das Seil zu rucken begann.
„Ich… ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, meinte ich unsicher und blickte prüfend auf das Seil. „Wo sind wir und was machst Du hier mit dem Seil?“
Chris sah verdammt müde und niedergeschlagen aus. „Das ist der Traum, von dem ich Dir erzählt habe. Warum ich diesmal von Dir träume, weiß ich nicht. Vielleicht, weil es das letzte Mal ist, dass ich ihn träume.“ Er blickte vielsagend zu seinen Füßen, welche sich mit den Zehen direkt an den Rand des Abgrunds klammerten.
„Du träumst nicht von mir“, sagte ich, „Ich bin tatsächlich hier, wo auch immer und wie auch immer das sein kann. Da war dieser Mann und… egal. Warum lässt Du das Seil nicht einfach los?“
„Ich kann nicht. Ich habe es versucht, aber es geht nicht“, antwortete Chris und sah mich traurig an. „Ich kann auch nicht daran ziehen, meine Kraft reicht nur, um den Abstand zu wahren… solange ich hier bin zumindest.“ Er brachte ein gequältes Lächeln zustande, als er mir offenbarte: „Aber meine Kraft lässt nach, bald werde ich dort runter gerissen und ich weiß nicht, was dann geschieht.“ Leise setzte er hinzu: „Dann hat diese ganze Quälerei ein Ende. In gewisser Weise werde ich froh sein, wenn es soweit ist.“ „Nein, das wirst Du nicht“, sagte ich mit einer plötzlichen Entschlossenheit. Ich packte mit beiden Händen das Seil. „Wenn einer allein das nicht schafft, machen wir es eben zusammen.“ Ein heftiger Ruck durchfuhr meinen Körper, als ich spürte, wie das Seil sich mit meinen Händen verband. Es gab nun kein Zurück mehr.
Chris riss die Augen weit auf. „Jack, warum hast Du das nur getan?“
Die Angst, die Chris nun empfand, galt längst nicht mehr ihm selbst. Ich spürte, wie er sich um mich sorgte und musste beinahe ironisch auflachen. Schon wieder dachte er nur an mich, nicht an sich – und nie war ich mir einer Sache sicherer. Voller Zuversicht bekräftigte ich: „Wir sind Freunde bis in alle Ewigkeit.“ Unsere Umgebung blendete ich vollkommen aus und konzentrierte meine Gedanken nur auf die Gefühle, die ich für diesen Jungen empfand. „Ich lasse Dich nicht allein – egal wo, egal wann – verstehst Du das?“, versuchte ich, ihm klarzumachen, dass es genau so richtig ist, wie es ist.
„Und wenn wir beide es nicht schaffen?“, fragte Chris ängstlich. Es war deutlich zu erkennen, dass er längst aufgegeben und sich treiben gelassen hätte, wenn er sich jetzt nicht um mich sorgen müsste. Sein Blick huschte dabei nervös in alle Richtungen, in denen sich die karge Ebene weiterhin unendlich erstreckte – grau, trist und in der Ferne von einer bedrohlichen Nebelwand umschlossen, die alles verschluckte und keine Hoffnung auf ein besseres Morgen zuließ.
„Dann bin ich bis zum Ende bei Dir.“ Ich suchte Chris‘ Blick und sah ihm entschlossen und angestrengt in die Augen. Möglicherweise drängte ich ihm damit eine Verantwortung auf, die er nicht wollte, doch ihn aufzugeben, kam für mich nicht in Frage. Ich ahnte allmählich, was diese Szenerie hier für Chris wirklich bedeutete und ich musste und wollte ihm zeigen, dass es da mehr gab, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Meine ganze Kraft legte ich in meine Arme und hatte den Eindruck, dass es auch Chris gelang, etwas mehr Energie aufzuwenden. Wie viel Zeit verging, konnte ich nicht einschätzen, meine Konzentration galt allein dem Stemmen gegen den Abgrund. Sicher war ich nur, dass wir beide nicht mehr viel länger standhalten würden. Nur weil ich Chris sagte, wir würden das jetzt gemeinsam durchstehen, ganz gleich wie die Konsequenzen aussahen, hieß das nicht, dass ich vor dem Sturz in den Tod weniger Angst hatte. Für ihn versuchte ich aber, die aufkommende Panik zu unterdrücken und stark zu sein. Erst jetzt konnte ich nachempfinden, was Chris die ganze Zeit gefühlt hatte – und ich hatte das alles nicht gemerkt. Er war so lang damit allein gewesen. Das sollte ab sofort enden. Von nun an wollte und würde ich bei ihm sein.
„Chris?“ Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, als ich mich mit aller Macht gegen den Zug in die Unendlichkeit stemmte. „Ich liebe Dich!“, presste ich unter größter Anstrengung hervor. Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, ging ein Ruck durch das Seil und ich wusste sofort, das war nicht mein Verdienst allein. Durch den unvermittelten Schwung fielen wir rücklings zu Boden, während die dunkle, nebulöse Wolke, und auch das Seil, welches in ihr endete, sich auflösten.
Wir atmeten beide heftig und lagen nach Luft ringend am Boden.

Chris wendete den Kopf zu mir. „Du liebst mich? Aber warum?“ Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Verwunderung, Unsicherheit, aber auch Hoffnung.
Ich grinste ihn an und antwortete: „Ach Chris, eben weil Du Du bist, warum sonst?“ Nach kurzem Zögern gestand ich ihm: „Weißt Du, ich wollte Dir das eigentlich erst morgen sagen – sozusagen als mein persönlichstes Weihnachtsgeschenk an Dich. Und ich war mir echt nicht sicher, ob Du überhaupt etwas damit anfangen kannst…“
„Wer ist jetzt hier der Dummkopf, hm?“, lächelte Chris mich an. Es war das schönste Lächeln, das ich jemals gesehen hatte.
Ich dachte zunächst noch, ich würde mich täuschen, doch tatsächlich veränderte sich etwas in Chris’ Augen. Und nicht nur das: ein flüchtiger Blick in die Umgebung verwirrte mich, denn ich meinte erkennen zu können, dass die karge Landschaft einen Hauch Farbe bekommen hatte. Ehe ich mir der Bedeutung der Veränderung vollends bewusst werden konnte wurde es hell und ich fand mich, mit dem Kopf auf Chris‘ Schoß liegend auf dem Plateau wieder. Der Schneesturm war vorbei, als hätte er nie stattgefunden und ich war mir auch nicht sicher, was sich da eben abgespielt hatte. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah in Chris‘ lächelndes Gesicht. Freudestrahlend fiel ich ihm um den Hals, löste mich wieder und sah ihn glücklich und mit Freudentränen in den Augen an. Es überkam mich und ich gab ihm einen Kuss, den er, ebenso glücklich wie ich, erwiderte. „Ich sagte doch, ich würde Dich immer beschützen“, lächelte ich Chris freudig an.

Chris und ich feierten das schönste Weihnachtsfest, das wir je erlebt hatten, behielten die denkwürdige Begebenheit auf dem Plateau jedoch für uns. Die Anfälle kehrten danach niemals wieder. Wir fragten uns oft, was das alles zu bedeuten hatte und was an jenem Tag geschehen war. Mit der Zeit fanden wir für uns heraus, dass Chris allmählich immer einsamer geworden war, obwohl er in mir einen treuen Freund besaß, und dass sich diese Einsamkeit als eine Art psychosomatische Störung in diesen Anfällen manifestiert hatte, welche ihn offenbar langsam umbrachte, was bis zu dem Ereignis am Berg jedoch niemand erkannte. Eine eindeutigere Erklärung für die Auflösung des Ganzen fanden wir nie, doch das war auch nicht wichtig. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit, dass mir die Chance gegeben wurde, meinen Freund zu retten. Und auch wenn es absolut lächerlich klang, hatte ich für mich eine befriedigende Antwort gefunden, wer mir jene Chance in dieser schlimmen Situation gewährt hatte.

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