Lichtung

7

Es war am nächsten Tag gegen Ende der zweiten Pause, als mich Manuel abfing. Ich hatte ihn den Morgen über nicht gesehen und schon befürchtet, er würde mich länger auf die Folter spannen als nötig. Nicht dass es nicht verständlich gewesen wäre, wenn er mehr Zeit gebraucht hätte, um alles zu verdauen. Aber mit der Zeit nahm die stechende Ungewissheit zu. Und die wollte ich so früh loswerden wie nur möglich.

Ich kramte eben ein paar Bücher aus dem Spind für die nächste Stunde, da stand er, noch eine gebührende Distanz wahrend, auf dem Flur neben mir und lächelte mir verhalten entgegen.

„Hi Torsten“, grüßte er.

„Hi Manu“, erwiderte ich.

„Hast du… Hast du heute Nachmittag schon was vor?“

Ich verneinte.

„Hättest du vielleicht Lust auf …. auf einen kleinen Spaziergang?“

Ein leichtes Grinsen huschte über mein Gesicht.

„Sehr gerne. Wann willst du dich treffen? Und wo?“

„Vielleicht so um zwei, an der Alten Brücke?“

„Alles klar.“

Er schenkte mir ein halbes Lächeln, dann war er mit einem „Bis dann!“ schon zur nächsten Stunde aufgebrochen.
Kurz vor zwei stand ich am Fuß der Alten Brücke, wo der Weg zur Stadt in die Promenade am Fluss einscherte. Eine Kaltfront musste uns über Nacht erreicht haben, denn heute war es verdammt eisig geworden, und ich hatte mir deshalb meine dickere, einigermaßen warme Winterjacke angezogen. Manuel hatte es anscheinend ganz ähnlich gesehen. In einem kuschelig warmen Parka und mit einem gestreiftem Schal um den Hals kam er auf mich zu und sah so fantastisch aus wie immer, aber mit einem gequälten Lächeln und auch sonst mit einem Gesicht, dem man die Härte der letzten Tage noch anmerken konnte. Dann war er bei mir und wir blickten uns eine Weile gegenseitig an, ehe wir uns kurz und freundschaftlich umarmten.

„Weißt du schon, wo’s hingehen soll?“, fragte ich Manuel, während wir uns in Bewegung setzen und auf den Weg über die Brücke machten.

„Ja“, antwortete Manuel und grinste mich dabei, so gut das bei ihm ging, an.

„Verrätst du’s mir auch?“

„Wart’s ab“, zwinkerte er mir zu und ich nahm es schmunzelnd hin. Wenn er mich überraschen wollte, sollte er das gerne tun.

Wir liefen wortlos immer tiefer in den gegenüberliegenden, kleineren Teil der Stadt. Die Straßen waren hier genauso mit Weihnachtskitsch überladen wie drüben, und trotzdem wirkte alles ein bisschen ruhiger und gelassener. Vielleicht lag das auch daran, dass der Ortsteil näher an der Natur lag und man die umliegenden Wälder und Wiesen förmlich riechen konnte.

Wie wir so in Richtung Stadtrand liefen, suchte ich nach einem Gesprächsthema, aber mir fiel nichts Gescheites ein. Fragen, ob es ihm besser ging? Das wäre eine doofe Floskel gewesen und nach unserem gestrigen Gespräch irgendwie unpassend. Irgendetwas zur Schule? Wäre auch fehl am Platz gewesen. Ihn nochmal nach einer zweiten Chance zu fragen? Dafür war es zu früh. Oder nein, das hier war wohl so etwas wie eine zweite Chance. Ich hatte also nicht wirklich eine Gesprächsidee, obwohl Smalltalk ansonsten zu meinen Stärken zählte. Ohnehin schien mir Manuel immer noch ein wenig gedankenversunken, also wollte ich ihn auch nicht stören.

Wir ließen die letzte Straße hinter uns und kamen auf einen Feldweg. Langsam kam mir eine Idee, wo Manuel hinwollte, aber ich behielt den Gedanken einstweilen für mich.

„Torsten?“

„Ja?“

„Wenn… wenn du ein Tier sein könntest … welches wäre das dann?“

Ich blieb erst mal kurz stehen, weil mich die Frage vollkommen unerwartet und aus heiterem Himmel traf. Nie hätte ich gedacht, dass er damit ein Gespräch beginnen würde. Dann lief ich weiter und sah ihn verwirrt an.

„Wie meinst du das?“

„Naja…. Du kennst doch vielleicht die Geschichte von Gestaltwandlern und so. Wenn du dich jetzt in ein Tier verwandeln könntest … regelmäßig… oder meinetwegen auch wenn du ein Tier wärst … was wärst du dann für eins?“

Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, offen gestanden.

„Ich weiß nicht. Ich kenn mich mit Tieren nicht so aus.“

„Mhm…“, machte Manuel, und fast klang es für mich so, als läge ein wenig Enttäuschung in seiner Stimme.

Mein Gedanke von vorhin stellte sich als richtig heraus. Wir steuerten auf das Laubwäldchen zu, dass ich schon von Kindertagen an kannte, und von dem ich Manuel erzählt hatte. Das war tatsächlich eine romantische Idee, die er da hatte.

Manuel schwieg wieder eine Weile, ich hatte ihn doch nicht verprellt? Ich hätte wirklich nicht sagen können, welches Tier ich gerne gewesen wäre. Für Pflanzen und Tiere hatte ich mich nie groß interessiert. Ich war kein Naturbursche, der seine ganze Freizeit draußen im Wald verbrachte. Ja, ich liebte die Atmosphäre dort, aber ich war nie wirklich neugierig gewesen, wie die Gewächse dort hießen, was die Tiere so fraßen, welche Pfotenabdrücke zu welchem Vierbeiner gehörten und so weiter und so weiter. Ich war eine Bioniete. Ich war schon froh, wenn ich eine Tulpe von einer Fichte unterscheiden konnte.

Wir waren nicht mehr weit von dem Waldstück entfernt, da ließ ich noch einmal meinen Blick durch die Gegend schweifen. Er fiel auf die Flussauen, die nun ein ganzes Stück von uns weg lagen. Fluss. Wasser. Meer. Natürlich. Ein Glück. Da war sie wieder, eine Kindheitserinnerung.

„Weißt du, Manu, als Kind…. als Kind bin ich häufig mit meinen Eltern an die Nordsee gefahren. Wir waren auch ab und zu mal draußen auf dem Meer, und dann wieder in so Museen, und am Strand natürlich …“ Ich versuchte, auf den Punkt zu kommen. „Und wenn ich dann länger mal am Strand gesessen bin und aufs Meer geschaut hab, da hab ich mich dann manchmal gefragt, wie das so ist, wenn man so als Fisch im Meer schwimmt. Ob das dann so ist, wie wenn man durch das Watt bei Ebbe läuft, da ist man ja quasi auch im Meer… man ist da, wo das Wasser sonst ist, es ist nur weg, aber man ist im Meer…“

Himmel, redete ich einen Müll zusammen. Hoffentlich nahm mir Manuel das nicht übel. Der sah mich nur wieder mit einem kleinen Lächeln an.

„Wärst du heute immer noch gern ein Fisch?“

„Hmm, naja…“ Ich sprach und überlegte gleichzeitig. „Ich denke schon. Nur vielleicht nicht mehr mit Fischen. Ich stell mir vor, wie das ist, ein Delfin zu sein, oder ein Wal. Man ist riesig, man hat praktisch keine Feinde, und man ist drunten in der stillen, tiefen, angenehm dunklen See. Ich glaub, ich wär gern ein Wal. Man hat seine Ruhe, niemand stört einen. Und man kann um die ganze Welt schwimmen.“ Ok, so viel wusste ich dann doch noch über Tiere.

Manuel sagte nichts und grinste nur, offensichtlich erfreut, in sich hinein.

„Und du? Was wärst du gern?“

„Ich weiß nicht genau“, begann er. „Es gibt so viele tolle Tiere. Manchmal wär ich gern ein Vogel, der alles von oben sieht. Manchmal ein Eichhörnchen. Oder ein Bär. Ein stolzer Hirsch. Ich weiß es wirklich nicht. Ich liebe alle Tiere auf ihre Weise. Alle haben so was Majestätisches, so was Erhabenes, wenn du dich ihnen näherst…“

Nun hatten wir den Waldsaum erreicht und drangen auf unsrem Pfad immer weiter in das kleine Baumreich vor. Der Boden unter uns war erdig und mit zerfrorenen Blättchen übersät, rings um uns standen nackte, kahle Bäume, die längst nicht mehr so prächtig aussahen wie im Sommer. Und nirgends lag Schnee. Warum auch.

„Vielleicht sollte ich mich für einen Hirsch entscheiden. Die sind mit den Walen näher verwandt als mit Eichhörnchen.“

„Wie meinen?“

„Naja …. Wale und Paarhufer bilden eine gemeinsame Gruppe. Vielleicht sind Hirsche mit Walen sogar näher verwandt als mit Schweinen…“

Ich sah Manuel sehr irritiert an.

„Du bist ein kleiner Biofreak.“ Und bevor er mir das übelnehmen konnte, schob ich schnell hinterher: „Und das macht dich sehr sympathisch.“

Das war nicht mal gelogen. Die Vorstellung von Manuel als sportlicher Naturbursche gefiel mir sogar sehr gut. Manuel blieb kurz stehen und lächelte mich etwas verlegen an, dann gingen wir weiter. Es waren auch wirklich nur noch wenige hundert Meter. Der Wald war nicht sehr groß, aber relativ dicht, was man im Winter allerdings nicht so richtig bemerkte. Jetzt sah man die Lichtung schon von Weitem nahen, so ähnlich wie am Ende eines engen Alleentunnels, nur nicht so heimelig und romantisch und wesentlich lichter.

Dann hatten wir sie erreicht. Vor uns lag eine große Fläche, auf der der Winter die Blumenschönheit des Sommers längst weggefegt hatte. Sie erinnerte mich dennoch sehr an meine Kindheit. Ich wusste noch genau, wo ich damals in den Bäumen geklettert hatte und wo ich mit meinen Kindergartenkumpels gesessen war. Und auch in ihrer kahlen Tristesse wirkte sie diesen eigentümlichen Zauber auf mich aus, der mich nur selten befiel, wenn ich mich im Wald befand.

„Das war als Kind auch immer einer meiner Lieblingsorte. Oder was heißt als Kind. Ich bin hier immer wieder gerne. Als du von diesem Wäldchen geredet hast gestern, wusste ich sofort, welchen du gemeint hast. Ich fand das super.“

Er sah mich dabei durchaus freudig an.

„Ich find es auch schön, dass… dass wir diese Gemeinsamkeit haben.“

Damit war das Thema wohl erledigt, und so ließen wir unseren Blick über die Lichtung schweifen. Nichts wirkte hier mehr so schön romantisch und mild wie noch vor einem halben Jahr. Das Moos war scheinbar zu Stein geworden, die einstige Wiese lag im dreckigen, gefrosteten Novembermorast begraben und das lebhafte Treiben tausender Insekten, Vögel und Tiere war seit einer gefühlten Ewigkeit der lähmenden Winterstarre erlegen. Die Kälte machte sich, jetzt wo wir uns nicht mehr bewegten, immer mehr in meinen Gliedern breit.

„Torsten, ich …. Danke nochmal. Für gestern. Ich glaub, es war verdammt richtig, dass du vorbeigekommen bist, auch wenn du mir wieder nen kleinen Schock verpasst hast.“

Das hatte ich mir gedacht, war ja auch zu erwarten gewesen.

„Hasst du mich immer noch?“, fragte ich zögerlich.

„Ja. Nein. Ich hab nicht direkt dich gehasst. Das könnte ich nie wirklich... Ich könnte dir auch nie vorschreiben, wen du zu lieben hast…“ Er überlegte kurz. „Ich hab das Schicksal gehasst, weil ich dachte, es hätte dich… naja … vor meinen Augen weggeschnappt. Mit einem fiesen Lachen und die Zunge weit rausgestreckt.“

Wieder ertappte ich mich dabei, betreten auf den Boden zu schauen.

„Aber seit gestern ist alles irgendwie anders… Als hätte sich die Welt über Nacht verändert… Als … naja… als wäre ich gerade aus nem Albtraum aufgewacht. Aber ich fühl das alles von gestern und davor noch hart. Halt nicht mehr so direkt. Wie ein Kater, wenn man besoffen war. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben kann. Erst knutschst du mit einem anderen Jungen, dann sagst du mir, dass du mich liebst … mein Herz will dir so gern glauben, aber mein Hirn ist Matsche…“

„Wenn ich wirklich in Eike verliebt wär, würde ich dann bei dir daheim vorbeikommen und alles beichten?“

„Nein. Natürlich nicht. Aber… Ich weiß nicht. Es fühlt sich alles so seltsam an. Kaputt und doch nicht kaputt. Ich weiß es echt nicht…“

„Naja, ich würde dir gerne sagen, dass mit mir jetzt alles besser wird. Dass ich alles daran setze, dass es dir wieder gut geht und du mit mir glücklich wirst.“

„Und ich würde dir gerne sagen, dass ich dir das glaube.“

Ich musste schlucken.

„Du glaubst mir nicht?“

„Wie gesagt… ich weiß nicht, was ich glauben soll. Aber ich hab da so eine Hoffnung…“

Er schenkte mir ein versöhnliches Lächeln. Hoffnung. Das klang doch vielversprechend. Hoffnung war mehr als nackter Optimismus. Hoffnung hatte eine Vision, ein Ziel, eine Idee vor Augen, war sie auch noch so fern. Und hier konnte das nur eines bedeuten…. Ich nahm all meinen Mut zusammen.

„Würdest du es doch noch versuchen… mit mir? Mit uns?“

Er zwinkerte schelmisch.

„Wir wären Idioten, würden wir es nicht tun, oder?“

Oh ja. Überwältigt bohrte ich ihm meinen freudigen Blick in seine Augen und schloss ihn dann fest in meine Arme, zum allerersten Mal. Spürte ihn, spürte seine Wärme und seinen angenehmen Körper unter seinem Parka.

Um uns war es kalt, aber uns wurde warm. Und fast hätte ich nicht gemerkt, dass vollkommen lautlos kleine weiße Schneeflocken vom Himmel auf unsre Schultern segelten. Meine zweite große Liebe. Und der erste Schnee in diesem Winter.

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