Das Seil

Teil 2

Nach diesem Vorfall ging das Leben für uns beide zunächst wie gewohnt weiter. Da die Prüfungen vor der Tür standen, waren unsere Mitschüler mehr mit sich selbst beschäftigt und hatten weniger Lust, auf Chris herumzuhacken. Ich wünschte einigen von ihnen, dass sie ordentlich durchrasseln mögen, doch Chris, in seiner unendlichen Geduld, bat mich, so etwas nicht zu denken. Ihm zuliebe ließ ich es sein und konzentrierte mich ebenfalls auf den bevorstehenden Abschluss. Anders als die meisten aus meiner Klasse hatte ich jedoch bereits meinen Ausbildungsplatz sicher und daher eine Sorge weniger.
Im Frühsommer hatte die Sonne dieses Jahr schon reichlich Energie und das Wetter lud einen zum Baden gehen ein. Chris und ich waren Wasserratten, also nutzten wir jede Gelegenheit, die sich uns bot und suchten den außerhalb der Stadt gelegenen Weiher auf, wo wir uns erfrischten. Meistens waren wir ungestört dort, was mir nur recht war: Ich konnte sowohl auf die angeberischen Kerle aus unserer Schule, als auch auf die gierig gaffenden Weiber, denen ein hübscher Körper achso wichtig war, gerne verzichten. Die bewundernden Blicke von Chris, wenn er mich halbnackt im Wasser tollen sah, fand ich aber irgendwie gut. Es lag mir fern, Arroganz an den Tag zu legen und ich nahm an, dass mein schmächtiger Freund sich einfach nur selbst nach einer sportlicheren Statur sehnte. Allerdings kam ich nicht umhin, dass ich mich geschmeichelt fühlte, wenn er mir verstohlene Blicke zuwarf, wobei ich mir sicher war, dass er dachte, ich würde es nicht bemerken. Als wir rücklings auf der Decke lagen, von der warmen Sonne langsam trocknend, schlug ich ohne groß darüber nachzudenken vor, dass wir doch auch gleich ohne Badehose hier rumliegen könnten. „So werden wir wenigstens gleichmäßig braun“, lachte ich ihn an.
Chris, der tatsächlich eher weniger zum Braunwerden taugte, lief plötzlich hochrot an und drehte sich, mir den Rücken zuwendend, auf die Seite.
Verwundert richtete ich mich halb auf. „Was ist denn, ich mein ja nur…“ Weiter kam ich nicht, denn ich stellte erschrocken fest, dass Chris erneut das Bewusstsein verloren hatte. „Chris, um Himmels willen!“, schrie ich ihn an und rüttelte an seinem Arm. Panik stieg erneut in mir hoch und ich fragte mich wieder einmal kopflos, was ich jetzt machen sollte.
Schließlich kramte ich doch mein Handy aus der Tasche und war bereits dabei, den Notruf zu wählen, als Chris‘ schwache Stimme ertönte, er sich langsam auf den Rücken drehte und mich anblinzelte. „Ist ok, ich bin wieder da“, flüsterte er.
„Mensch Chris, was ist denn nur los mit Dir?“, fragte ich mit zitternder Stimme und wieder rollte eine Träne meine Wange hinunter. Voller Sorge um meinen Freund fiel ich ihm um den Hals. Chris erwiderte die Umarmung und drückte mich liebevoll an sich. Nachdem wir seinen Eltern von dem neuerlichen Vorfall berichteten, wurden wieder diverse Untersuchungen vorgenommen, erneut mit dem Ergebnis, dass keine Ursache für diese Ausfälle festgestellt werden konnte.

Von diesem Tag an häuften sich die Anfälle allerdings, wobei die Abstände dazwischen jedoch unregelmäßig waren. Manchmal war Chris nur für Sekunden weggetreten, manchmal für mehrere Minuten. Einmal, im Herbst, als ich Chris nach der Berufsschule zu Hause besuchte, wachte er erst nach mehreren Stunden in der Klinik wieder auf. Und niemals konnte eine Erklärung für seinen Zustand gefunden werden. Trotz allem schien ich mehr beunruhigt zu sein, als Chris selbst, was mir einfach nicht in den Kopf wollte. Ich fing an, meinen Freund genauer zu beobachten. Doch außer der Tatsache, dass er stiller und in sich gekehrter als früher war, stellte ich nichts fest. Schließlich führte ich seinen Gemütszustand darauf zurück, dass er in Wirklichkeit aufgrund der Ungewissheit über den Ursprung seines Zustandes Angst hatte.
Beim Aushelfen im Obst- und Gemüseladen meiner Mutter, gestand ich ihr, dass ich selbst wahnsinnige Angst um Chris hatte und begann fürchterlich zu weinen. Sie nahm mich in den Arm, versuchte mich zu trösten und riet mir, dass ich im Moment nichts weiter tun könnte, als für ihn da zu sein, wie ich es immer war: als Freund.

Und ich war für ihn da. Die Abstände der Anfälle waren so unregelmäßig und unvorhersehbar, dass zu dieser Zeit für Chris eine Ausbildung nicht in Frage kam. Er war darauf angewiesen, sich die meiste Zeit daheim aufzuhalten. Allein sein musste er aber nicht, denn ich besuchte ihn, wann immer ich konnte und wir hatten trotz allem die beste Zeit zusammen, die wir uns vorstellen konnten. Neben den unheimlichen Anfällen von Chris hatte sich noch mehr verändert. Ich konnte es zunächst nicht bestimmen und als ich es konnte, tat ich es als Mitleid ab. Doch tief in mir drin wusste ich, dass es etwas anderes war: Meine Freundschaft und Zuneigung zu Chris war über all die Jahre zu echter Liebe geworden. Ich konnte nicht begründen, warum es so war; ich fühlte es einfach. Unklar, was das für die Zukunft – meine und seine – bedeuten sollte, dachte ich nicht weiter darüber nach und beschloss, erst einmal zu warten, ob es sich nicht doch als irgendeine hormonelle Spinnerei von mir herausstellte. Schnell wurde mir klar: es war keine Spinnerei! Wenn ich ihn so ansah, seinen verträumten Blick, wie er sehnsüchtig aus dem Fenster sah oder sein schiefes aber warmherziges Lächeln, wenn er mit mir sprach, da wusste ich, ich wollte immer nur ihn an meiner Seite haben. Obwohl es das erste Mal war, dass ein Junge mir den Kopf verdrehte, machte ich mir über die Bedeutung dessen keine Sorgen – egal, was andere davon halten würden. Dann liebte ich eben einen Jungen; was sollte daran schlimm sein? Meine Gefühle für Chris waren das Einzige, was für mich zählte.

Die Monate zogen ins Land, der Winter hatte die Stadt fest im Griff und es ging langsam aber sicher auf Weihnachten zu. Ich wusste, was ich wollte und hatte fest im Blick, was ich Chris dieses Jahr schenken würde. Es war nichts Materielles und ich war nicht einmal ansatzweise sicher, dass er mein „Geschenk“ überhaupt haben wollte, geschweige denn annehmen konnte. Letztendlich konnte ich nur hoffen, dass ich mich in nichts verrannt hatte und am Ende alles gut werden würde. Der letzte Anfall war bereits einige Wochen her und wir alle glaubten, dass dieses unselige Spiel des Schicksals endlich ein Ende hatte.

Einen Tag vor Heiligabend, es war ein Samstag, war die Sonne hinter den Wolken hervorgekrochen. Der Schnee lag dicht und blendend weiß über unserer Welt und die Temperaturen waren trotz des hellen Sonnenscheins so niedrig, dass er noch eine ganze Weile liegen würde.
„Ich möchte gern etwas machen“, begann Chris an diesem Morgen.
Ich hatte bei ihm übernachtet und fragte fröhlich: „So? An was hast Du denn gedacht?“
Er strahlte mich aus seinen grau-grünen Augen durch die Brille hindurch an, ein Effekt, den ich in der letzten Zeit sehr vermisst hatte. „Ich würde gern zum Aussichtspunkt gehen, der Blick von dort ist heute bestimmt traumhaft.“
Ich musterte ihn aufmerksam. Zwar erschien er ein wenig blasser als gewohnt, doch es war nur eine Spur, und er wirkte so lebendig wie noch nie. Dennoch hakte ich nach: „Bist Du sicher? Du warst schon eine Weile nicht mehr länger draußen, vielleicht sollten wir es langsam angehen lassen.“
Chris überzeugte mich aber letztlich doch und auch wenn seine Mutter zwar sehr besorgt war, konnte er auch sie überreden, uns gehen zu lassen. Also machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zu dem Felsplateau, von wo aus man die gesamte nähere Gegend im Blick hatte. Der Aufstieg war nicht allzu schwierig, obwohl der Schnee reichlich lag und sich rechts und links auftürmte. Noch dazu blendete die Sonne ganz schön. Gegen Mittag erreichten wir aber doch den Aussichtspunkt, an welchem vor Jahren jemand eine Hollywoodschaukel aufgestellt hatte, die gern von knutschenden Paaren bei Sonnenuntergang genutzt wurde. Auch wir setzten uns, in dicke Schichten Winterkleidung gepackt, dorthin und genossen den Blick, der sich uns bot. Ich warf einen Seitenblick auf Chris, doch der sah glücklich aus und hatte ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Er drehte sich ebenfalls zu mir und unsere Blicke trafen sich.
„Weißt Du, was ich noch niemandem erzählt habe?“, richtete er das Wort an mich.
„Nein, woher auch?“ antwortete ich mit einem freundschaftlichen Schmunzeln.
„Immer, wenn ich diese Anfälle bekam, hatte ich denselben merkwürdigen Traum“, sprach er und wirkte dabei ein bisschen, als würde er an mir vorbei in die Ferne sehen.
„So? Was für ein Traum war das?“, wollte ich wissen.
Chris wendete den Blick nun vollends von mir ab und sah auf die unter uns liegende Landschaft. „In diesem Traum stehe ich in einer grauen, toten Landschaft und halte irgendetwas Langes in meinen Händen, das von mir weg in die Dunkelheit führt. Ein Stück weit vor mir kann ich einen riesigen Abgrund oder Graben erkennen, der mich anzuziehen scheint. Jedes Mal, wenn ich diesen Traum hatte, war der Abgrund ein Stück näher gekommen…“
Eine unbestimmte Unruhe stieg in mir auf. „Chris, das ist voll gruselig“, flüsterte ich heiser. Ohne groß darüber nachzudenken zog ich meinen Handschuh aus und hielt ihm meine linke Hand hin. Und ohne zu zögern zog er den seinen aus und ergriff mit seiner rechten Hand die meine. So saßen wir tatsächlich Händchen haltend auf der kalten Schaukel, sahen verträumt in die Landschaft und es war so, als hätten wir nie etwas anderes getan. Mein Herz begann stark zu klopfen und ich wusste nicht sicher, ob es daran lag, dass sein Traum mir Angst machte oder ob es doch eher das schöne Gefühl war, bei ihm zu sein und die Sache mit ihm gemeinsam durchzustehen.
Die Sonne zog sich hinter die dichter werdenden Wolken zurück, als Chris unvermittelt sagte: „Ich liebe Dich, Jack.“
Seine Worte überraschten mich so sehr, dass mir direkt der Atem stockte. Mit aufgerissenen Augen sah ich meinen Freund an. „Was hast Du da eben gesagt?“ Doch ich bekam keine Antwort. Chris war erneut bewusstlos geworden und sein Kopf auf seine Brust gesunken. Noch immer hielt ich die Hand meines Freundes und ein schrecklicher Gedanke kam mir. Fühlte sich Chris‘ Hand nur deswegen so kalt an, weil es hier draußen so frostige Temperaturen waren oder sollten meine schlimmsten Ängste gerade Realität geworden sein? Die erdrückende Panik machte sich wieder in mir breit und ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Mit zittriger Hand fummelte ich mein Handy hervor, doch hatte ich kein Netz. „Hilfe“, begann ich zunächst leise, dann immer lauter und hysterisch zu schreien. „Hiiiilllfeee!“ Ich versuchte Chris‘ Puls zu fühlen, doch da war nichts. Schockiert stellte ich fest, dass er auch nicht atmete. „Nein, bitte nicht das“, flehte ich.

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