Lichtung

6

Vor mir stand eine Frau im mittleren Alter, ganz offensichtlich Manuels Mutter, mit einer Gießkanne in der rechten Hand und ein paar ausgerissenen Pflanzenteilen in der linken.

„Ja bitte?“, fragte sie, sichtlich überrascht. Sie hatte heute wohl keinen Besuch mehr erwartet.

„Hallo, ich… bin ein Klassenkollege von Manuel und… ich hab hier ein paar Blätter, die ich ihm vorbeibringen wollte…“ Ich hob kurz die Hand mit den paar Zetteln, die ich kurz vorher aus meiner Umhängetasche geholt hatte. „Kann ich vielleicht kurz mit ihm sprechen?“

Sie musterte mich einen Augenblick, bis irgendwas in ihrem Hirn „klick“ gemacht haben musste.

„Ja, sicher, das sollte gehen… Warst du schon mal bei uns?“

„Nein“. Leider.

„Geh einfach die Treppe hoch und dann gleich rechts ist sein Zimmer.“

Ich dankte ihr kurz und schloss die Tür hinter mir, da war sie auch schon wieder verschwunden, wahrscheinlich Yuccapalmen stutzen oder so was.

Darum bemüht, keinen großen Lärm zu verursachen, zog ich meine Schuhe aus und stieg die Treppe ganz leise hoch. Tatsächlich konnte man sein Zimmer nicht verfehlen. Am Ende des Ganges, in den man gleich rechts nach der Treppe einbiegen konnte, war eine verschlossene Tür, an der von Hand ausgeschnittene, im Halbkreis angeordnete Buchstaben seinen Namen bildeten, darunter ein Bild, dass ihn mit seiner Schwester zeigte. Es konnte noch nicht sehr alt sein, aber er lachte auf diesem Foto so glücklich, und, ja, so süß wie immer. So wie bis vorgestern….

Ich kniff die Augen zusammen und spürte das Herz in meiner Brust immer deutlicher hämmern. Wie würde er reagieren? Würde er mich rausschmeißen? Würde er weinen? Egal. Es gab nun kein Zurück mehr. Sachte ging ich zu seiner Tür und blieb kurz davor stehen. Schloss die Augen. Hörte in mich hinein. Dachte nach.

Und klopfte dann.

Einen kurzen Augenblick war Stille. Warum sollte er auch mit Besuch rechnen.

„Ja?“, kam es zaghaft von Manuel.

„Ich bin’s“, sagte ich laut genug und bemühte mich, meine Stimme möglichst sanft klingen zu lassen. „Torsten. Deine Mom hat mich rein gelassen. Ich … hätte hier ein paar Arbeitsblätter für dich. Darf ich vielleicht … kurz reinkommen?“

Dann wieder Stille.

Oh weh, da rotierte wohl ordentlich was in seinem Kopf. Hoffentlich hatte ich ihn nicht zu sehr überfahren.

„Ja“, hörte ich es leise. „Komm rein.“

Langsam öffnete ich die Tür und machte mich auf das gefasst, was mich gleich erwarten würde.

Meine ungefähre Ahnung wurde bestätigt. Da saß Manuel auf seiner Bettkante, die Ellbogen auf die Knie gestützt, fast so wie am Fluss, mit zerzausten, durchwuschelten Haaren, in einer abgewetzten Jogginghose und einem schlabbrigen T-Shirt. Er sah allgemein eher schlapp aus, mit leichten grauen Ringen um die Augen und einem Blick, der vieles ausdrücken mochte … Verzweiflung, Selbstbeherrschung, Wut, oder auch nur den Wunsch, schnell zu fliehen. Ich konnte das nicht richtig einordnen und hätte wohl mit jedem Interpretationsversuch danebengelegen.

Also hob ich wieder meine drei Arbeitsblätter und sah ihn dabei fragend an.

„Du … kannst sie einfach auf den Schreibtisch legen.“

Das machte ich.

„Danke.“

„Kein Ding“, entgegnete ich. Dann sah ich ihm wieder in die Augen, vielleicht etwas forschender, als ich es hätte tun sollen, konnte aber gleichzeitig nicht verhindern, dass mich wieder dieses Gefühl des Mitleids überkam. Da litt ein Junge, meinetwegen, und nicht nur irgendein Junge, mein Schwarm. Ich würde ihn darauf ansprechen müssen. Es ging nicht anders.

Aber ich konnte nicht. Mein Mund war wie zugenäht. Zugeklebt quasi. All der Speichel hatte sich scheinbar wieder zurück in seine Drüsen verkrochen. Eine Stille machte sich im Raum breit, in denen wir uns einfach nur ansahen, bis er meinem Blick auswich und seinen Kopf in seine Hände fallen ließ. Allerdings nur kurz. Er wusste, dass ich ihn anschaute und dass wir in einem kleinen, wortlosen Gespräch waren. Ich schaute betreten zu Boden. Was war denn jetzt nur los?

„Torsten, ich ...“ Ich hob langsam meinen Kopf. „Ich… ich wollte mich bei dir… entschuldigen… Für gestern. Ich weiß einfach nicht, was da in mich gefahren ist, ich hätte dich nicht so sitzen lassen sollen…“

Ach du Scheiße. Lars hatte auf ganzer Linie rechtgehabt. Wie konnte man, aus bodenloser, verzweifelter Liebe sich nur so sehr selbst verleugnen und diejenigen schützen, die einen aufs Ärgste verletzt hatten? Das war reine Liebe. Wahre Liebe. Eine Liebe, so wahr und echt, dass sie für den anderen das Allerbeste wollte, dass der andere glücklich werden sollte, auch wenn man selbst dabei zugrunde ging.

Und ich wollte einschreiten. Aber ich konnte nicht. Ich hörte ihm fassungslos und wortlos zu, wo ein Einspruch ganz ratsam gewesen wäre.

„Mir geht’s halt einfach beschissen zurzeit … aber … naja … da … da kannst ja du nichts dafür.“

Wie viel Kraft musste ihn diese Lüge gekostet haben? Ich sah ihm wieder direkt in die Augen und mir war, als würde irgendwo da drin, hinter diesem tiefen, dunklen Blau, irgendetwas zerspringen, zerbersten, zersplittern, aber nicht tosend, nicht gewaltsam, sondern sanft, so sanft wie eine Schneeflocke vom Himmel fällt und, auf einem ausgestreckten Finger gelandet, im Hauch einer Sekunde für immer schmilzt und ihre fragile Erhabenheit mit sich nimmt, bis nur eine winzig kleine, kaum sichtbare Pfütze übrigbleibt. Vielleicht war das nur meine Einbildung. Vielleicht war aber auch wirklich etwas in ihm zerborsten.

Ich kniff meine Augen zusammen und sah betreten zu Boden. Das war zu viel für mich. Doch ich fühlte, ich musste etwas sagen. Ich durfte ihn da nicht so sitzen lassen, so voller Selbstaufgabe. Irgendetwas musste ich antworten.

„Ich…“

Doch es kam nichts. Kein passendes Wort wollte meine Zunge erreichen. Die Schleusentore blieben geschlossen. Als ich meinen Kopf langsam hob, erschrak ich beinahe, denn Manuel durchdrang mich mit einem seltsamen Blick, als sei er … nun ja … verängstigt.

„Ja?“, fragte er leise, nicht wesentlich lauter als ein Hauch.

Ich musste irgendwas sagen. Also sagte ich irgendwas.

„Ich … ich … Manu, es tut mir leid. Ich wollte das alles nicht.“

„Ist schon ok“, wiegelte er schnell ab. Die Augen hatte er dabei fest zusammenkniffen.

„Scheiße Manu… gar nichts ist ok!“ Ich fühlte sowas wie Verzweiflung in mir wachsen. Mir sausten Bilder durch den Kopf, von Manuel, wie er mich mit seinen verheulten Augen angesehen hatte, und von mir und Eike, als wir beide miteinander geknutscht hatten. Furchtbar. Grausam.

„Wie konnte ich nur …“, entfuhr es mir, ohne dass ich es wollte. Unsere Blicke trafen sich wieder. Er hatte die Augenbrauen weit angehoben und sah ein wenig so aus, als stünde die nächste Hiobsbotschaft kurz bevor.

„Ich war so ein verdammter Idiot… ich hätte dieses Zeug nicht nehmen sollen.“

Manuel sah nur noch verwirrter aus. Kein Wunder, ich sprach ja auch in Rätseln. Also nahm ich einen tiefen, seufzenden Atemzug. Augen zu und durch. Die unbequeme Wahrheit aussprechen.

„Du hast dich in mich verliebt. Und du hast mich auf dem Weihnachtsmarkt gesehen, stimmt’s?“

Er antwortete nicht. Zumindest nicht verbal. Seine Augen weiteten sich für einen kurzen Moment, dann schluckte er. Das war mir Antwort genug.

„Es tut mir leid, dass ich dir das angetan hab“, brachte ich gedämpft heraus und starrte dabei einen Punkt unter seinem Bett an. Weiter wusste ich nicht. Worte waren nie mein bester Freund gewesen, warum sollten sie mir also jetzt, wo es vielleicht mal auf sie ankäme, beistehen?

„Ist schon ok“, antwortete Manuel stockend. Er rang sichtlich damit, nicht vor mir in Tränen auszubrechen. „Du sollst glücklich mit ihm werden.“ Er kniff noch mal die Augen zusammen und hatte schließlich den Kampf gegen seine Tränen verloren. Langsam kullerte ein kleiner Wassertropfen aus dem linken Auge und rollte sich seine Bahn die Wangen hinunter. Ein weiterer folgte. Er wischte sich beide schnell mit der Hand aus dem Gesicht und verbarg es dann in seinen Händen. Ich versuchte zu retten, was noch zu retten war.

„Scheiße Manu … das ist nicht wie du denkst“, stammelte ich irgendwas daher. „Ich liebe diesen Typen nicht... Ich … ich … ich will mit dir glücklich werden.“

So, jetzt war es raus. Ein Liebesgeständnis, und das in so einer Situation. Nur eben Millionen von Jahren zu spät. Vielleicht hatte ich noch eine geringe Chance, dieses Hoffnungsäderchen zu treffen, das noch irgendwo in ihm versteckt sein musste.

Manuel hielt inne und sah mich abermals mit einem verwirrten, schockierten Blick an. Das musste heute ein unglaubliches Wechselbad der Gefühle für ihn sein. Seine Augen wollten mir ein ungläubiges „Was?“ entgegenwerfen, nachdem es seine Lippen nicht herausbrachten.

„Ja…. Weißt du … Seit wir uns näher kennen, hab ich mich in dich verguckt. In alles an dir. Deine Stimme, dein Lächeln, wie du mit dem Ball umgehst, wenn du Fußball spielst… ich liebe alles an dir. Deine Art. Wie du so rumläufst, was du so sagst…“ Ich setzte mich unwillkürlich neben ihn.

„Jedes Mal nach Sport wollte ich dich immer in die Arme nehmen, dich drücken und so … weil … weil du so toll bist.“ Ohweia, was redete ich da nur für einen Müll. Wenn das nicht eher das Gegenteil von dem bewirkte, was ich eigentlich wollte…

„Manu, ich …. Ich stell mir immer vor, dass wir beide zusammen… wie wir beide zusammen…“ Ich musste mich sammeln und neu anfangen, um nicht wieder alles kaputtzumachen.

„Es gibt da so einen Ort, wo man ganz allein sein kann, ohne dass einen jemand stört. Es ist in dem kleinen Wäldchen gegenüber vom Fluss, wo ich als Kind häufig gespielt hab… Ich hab mir schon so oft vorgestellt, wie wir beide gemeinsam zu dieser kleinen Lichtung im Wald gehen… Es gibt da ganz viel weiches Moos außenrum und in der Mitte eine kleine Wiese mit Blumen, und meistens duftet es da herrlich und… naja … ich stell mir dann so vor, wie die Sonne auf uns scheint und wir sitzen da so im warmen Moos, und es ist einfach nur wunderschön, diesen herrlichen Moment allein mit dir zu teilen…“ Ich seufzte und sah, dass mir Manuel noch immer irritiert entgegenblickte und dabei aufmerksam zugehört hatte.

„Und was mach ich Vollidiot? Besauf mich, weil es mir mies geht, weil ich so strunzfeige bin, dich endlich mal anzusprechen, obwohl ich das schon seit Ewigkeiten will… Und ich Depp bin so besoffen und mach auch noch mit, wenn meine Freundin es lustig findet, wenn ich meinen besten Freund knutsch… Ach scheiße Manu, seit ich dich gestern so gesehen hab, könnt ich mir selbst so derbe in den Arsch treten, weil ich dir das alles angetan hab. Und mir. Uns beiden. Ich kann gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut…“

Manuel starrte mich immer noch gebannt an. Zögernd fragte er nach ein paar Sekunden: „Du… du liebst mich?“

„Ja“, sagte ich. „Das heißt, wahrscheinlich. Ich hab mich jedenfalls in dich verschossen und … naja … ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dir zusammen zu sein.“

Und da war es. Da sah ich, zwischen all seinem Trübsinn und der ganzen Schwermut, in seinen Augen einen Hoffnungsschimmer aufblitzen, verhalten noch und fast zu übersehen, als wäre er tagelang, wochenlang am Boden einer unsagbar tiefen, engen, beklemmenden Schlucht in stockdunkler Eiseskälte umhergeirrt und hätte nun endlich, nach langer Suche, ein Stückchen Brot, eine Decke und eine Streichholzschachtel gefunden, aus der er jetzt langsam ein Zündstäbchen nahm, es entflammte und dabei spürte, wie das kleine Stückchen Holz für einen kurzen langen Moment Wärme, Schutz und Zuversicht spendete. Dann war das Licht verloschen, aber die Erinnerung an den angenehmen, schönen Augenblick des Glücks hallte nach.

„Hab …“ Ich traute mich fast nicht, es auszusprechen. „Hab ich vielleicht doch noch eine Chance?“

Mit dünner Stimme begann er, wurde dann aber immer sicherer.

„Vielleicht. Ich weiß nicht. Mir ist das grad zu viel. Ich weiß nicht, was ich denken soll…“

Jetzt warf er mir einen Hilfe suchenden Blick zu. Oder zumindest schien es mir so.

„Ich fühl mich überfordert. Nimm’s mir nicht übel, aber…. ich glaub, ich muss das alles erst mal sacken lassen.“

Ich blickte noch einmal lange in sein erschöpftes Gesicht. Was mochte da nur gerade hinter seiner Stirn für ein Sturm der Verwirrung toben. Selbstverständlichkeiten wurden über den Haufen geschmissen, alte Erwartungen auf den Kopf gestellt und doch bestätigt, neue Befürchtungen ausgefegt und wieder aufgeworfen. Zwischendrin bekämpften sich Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Schmerzen, Trümmerteile von frischen und verstaubten Erinnerungen flogen durch die Gegend. In diesem Tornado würde er selbst wieder seinen Ruhepol finden müssen, seine Lichtung. Das konnte ihm niemand abnehmen. Ich konnte nur versuchen, ihn dabei zu unterstützen.

Dann nickte ich ihm zu.

„OK, dann… geh ich wohl besser. Bis… bis demnächst.“

„Ja, bis bald.“

Ich schloss die Türe sachte hinter mir und stieg die Treppe hinab. Als ich das Haus verließ, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Alles war halbgar, nicht ganz voll, nicht ganz leer, ich wusste nicht was passieren würde. Ich konnte nur hoffen, dass Manuel sich richtig entscheiden würde – für uns.

Ihr könnt auch im Forum die Geschichte weiter verfolgen. Dort freut sich PurpleGecko auch über Feedback von euch.
Zum Thread
(c) 2015 – 2018 Boypoint.de IMPRESSUM