Lichtung

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Am nächsten Tag war wieder Schule angesagt. Ich hatte darauf nun wirklich keine Lust, musste mich, schlimmer als sonst am Montagmorgen, aus dem Bett quälen und hatte es gerade eben so geschafft, pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde im Klassenzimmer aufzutauchen. Nicht dass das irgendwie relevant gewesen wäre. Ich hätte auch schwänzen können und hätte dabei genauso viel gelernt wie hier im Unterricht. Mein Hirn suchte immer noch krampfhaft nach einer Lösung, wie ich die Sache mit Manuel wieder glatt bügeln konnte. Oder glatter, denn vollständig glatt würde sie nie mehr werden.

Gestern war ich mit Anna noch zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich nur drei Alternativen gab, und keine davon war das Gelbe vom Ei. Die erste war, nichts zu tun und Manuel seinem Schicksal zu überlassen. Das konnte ich nie und nimmer mit meinem Gewissen vereinbaren. Die zweite Variante war, ihn direkt darauf anzusprechen, die Angelegenheit irgendwie klarzustellen und ihn um Verzeihung zu bitten. Das war wohl der beste Weg, allerdings hatte Manuels Schock mir gezeigt, dass das wohl die unsensibelste Methode war. Die dritte Möglichkeit war, einen seiner Freunde einzuschalten und ihn mehr oder weniger vermitteln zu lassen. Das hätte mich dann aber als unreifes Kind erscheinen lassen, das seine Probleme nicht selbst lösen kann. Die Alternative, einfach auf ein Wunder zu hoffen, hatten wir verworfen.

Was natürlich nicht hieß, dass ich es nicht trotzdem tat. Ich erwartete nun wirklich nicht, dass er mir um den Hals fiel. Aber vielleicht würde mich sein bester Freund ansprechen. Vielleicht hatte es ihm Manuel ja gebeichtet, da könnte er mich doch zur Rede stellen und wir könnten dann darüber reden. Selbstverständlich würde das nicht passieren. Probleme, die man sich eingebrockt hat, muss man schon selber lösen. Das Grauenvolle an der Realität ist ja, dass es kein Ende der Geschichte gibt und damit auch kein deus ex machina vom Himmel fallen muss.

Die zweite Alternative schied ebenfalls aus, zumindest fürs Erste. Manuel war heute nicht in die Schule gekommen, und ich konnte ihm das nun wirklich nicht verübeln. Wo hätte ich ihn auch ansprechen sollen? In der Aula? Vor all den anderen? Da hätte er mich ganz sicher abgeblockt. Sollte ich einen seiner Freunde bitten, ein Treffen zu organisieren? Nein, das wäre nur auffällig. Warum sollte ich das nicht selbst in die Hände nehmen können? Ihn daheim aufsuchen? Das wäre wohl die direkteste Art gewesen, aber… nein. Sein Zuhause war sein Rückzugsort und ich wäre der böse Eindringling. In dieser Schutzzone hatte ich nichts zu suchen. Wie ich es auch drehte und wendete, es gab keinen optimalen Weg. Alle Wege waren gleich beschissen.
In der ersten Pause traf ich mich wieder mit meinen Freunden am üblichen Ort. Markus war immer noch krank, also waren es wieder nur wir drei – ich, Anna und Lars.

„Na, wie war’s bei deiner Oma?“, begann Anna. Anscheinend wollte sie, genau wie ich, auch erst mal auf andere Gedanken kommen und sich von Lars berieseln lassen.

„Haha, naja…“ Er zog an der Kippe, die er gerade angezündet hatte.

„Am Meer war’s ja ganz cool… Aber bis wir diesen Schrank endlich mal zusammen hatten … alter hat das lange gedauert! Das war nich so’n Ding, was du schnell zusammenbauen kannst, sondern …. Keine Ahnung, wo die das her hatte…. Naja, und dann is auch noch so’n Teil kaputtgegangen und wir mussten erst mal nach so nem Ersatzdingsi suchen. Bis wir den Kasten dann fertig hatten, warn das dann sicher drei, vier Stunden oder so…“

Er erzählte auch noch irgendwas davon, was sie gekocht hatten und wie es am Strand gewesen war, aber ich hörte gar nicht mehr richtig zu. Es lenkte mich nicht so von meinem Gedankenkarussell ab, wie ich das gewollt hätte, nein, es langweilte mich eher. Anna fühlte sich verpflichtet, einige Zwischenfragen zu stellen, die er auch halbwegs länglich und breit beantwortete.

„Und wie war das bei euch aufm Weihnachtsmarkt?“

Lars sah mich mit einem fast schon hinterhältigen Grinsen an.

„Haste ordentlich gebechert, Torsten?“

Das war, zum hundertsten Mal, ein kläglicher Witz gewesen, aber diesmal traf er mich ins Mark. Genau das war mein verdammtes Problem. Hätte ich mich nicht so zugesoffen, wäre ich nie in diesem metertiefen Morast versunken.

Ich zögerte also und blickte etwas betreten auf den Boden. Lars hatte das genau bemerkt. Er war zwar oft etwas frech und direkt, aber in der Regel ein aufmerksamer Gesprächspartner. Natürlich spürte er die dicke Bleiwalze, die über meinem und über Annas Kopf hinwegrollte.

„Sag mir jetzt bloß nicht, dass du Scheiße gebaut hast. Hast du gekotzt, hast du Unsinn gelabert, bist du gegen ne Laterne gerannt oder wie?“

„Schlimmer“, brachte ich nach einer Weile heraus. Und nach einer weiteren kleinen Pause: „Ich hab Eike geküsst.“

Lars konnte mit dem Namen Eike erstmal nichts anfangen. Als er dann doch auf den Trichter gekommen war, sagte er:

„Eike? Wat? Wieso das denn? Ich dachte ihr seid bloß beste Kumpels…“

Ich war Anna ganz dankbar, dass sie schuldbewusst einsprang.

„Das war wohl meine Schuld… Ich war schon so angetrunken, dass… naja dass ich die beiden darum gebeten hab. War ja eigentlich auch nichts dabei…“

„Und ich war so zu, dass ich es tatsächlich getan hab“, ergänzte ich.

„Alter …. Na ok, verstehe. Aber wo is jetzt das Problem, außer dass es … naja … komisch is?“

Ich tauschte kurz einen Blick mit Anna und wandte mich dann wieder Lars zu.

„Manu muss das wohl gesehen haben.“

„Was?“, entfuhr es Lars. Ich erzählte ihm darauf von meinem Erlebnis am Fluss, wie seltsam er da war, wie seltsam ich mich fühlte, wie er dann aufgesprungen war und mich sitzen gelassen hatte. Ich erzählte ihm auch von meinem Rätselraten und wie ich dann bei Anna auf meine Vermutung gekommen war. Und natürlich, dass ich jetzt nach einer Lösung für mein Mordsproblem suchte.

„Alter, is das krass….“, brachte es Lars auf den Punkt. Dann folgte ein längeres Schweigen, in dem er wohl überlegte.

„Also ich glaub, ich würd einfach zu ihm hingehen und ihm das klarmachen. Und sagen, dass es mir leidtut und wie dumm ich nur sein konnte, dass ich mich so hackedicht gesoffen hab… Und naja, ihm vielleicht meine Hilfe anbieten, wenn er sie braucht.“

Ja, das war Lars. Direkt, offen, pragmatisch. Wenn es ein Problem gab, fackelte er nicht lange. Er suchte nach der naheliegendsten Lösung und zog sie durch. Er redete auch lieber, als dass er stundenlang mit Leuten schrieb. Das war Lars in Reinform. Aber das war nicht ich.

„Ich glaub, ich kann das nicht. Wenn er mich sieht, bekommt er sicher wieder so einen Schock und schlägt mir die Tür vor der Nase zu.“

„Ja, kann sein. Aber dann hättest du es wenigstens versucht.“

Ich brummte etwas missmutig, weil mir kein passender Widerspruch einfiel.

„Und wenn du mich fragst …. Ich glaub, er wird sich zusammenreißen. Wahrscheinlich denkt er ja, dass du gar nicht weißt, dass er dich beobachtet hat. Und was er für dich fühlt. Wenn du … wenn du mit Eike zusammen wärst, würdest du ja keine Augen für Manu haben. Und dann wird er sich vielleicht schon fragen, was du davon gehalten hast, dass er plötzlich weggerannt ist und so… Aus seiner Perspektive war das ja schon ein bisschen… naja, du konntest ja nicht wissen, was da los war.“

„Meinst du wirklich, er lässt sich auf ein Gespräch ein?“

„Kann gut sein. Vielleicht ist er noch in der Phase, wo er das alles nicht wahrhaben kann oder will, dann könnte er sich an den Strohhalm klammern. Außer natürlich, er hasst dich schon. Dann kann es dir wirklich passieren, dass er dir die Tür vor der Nase zuhaut.“

„Sind ja rosige Aussichten…“

„Bessere wird dir keiner anbieten können….“
Mit dieser Erkenntnis ging ich in die nächste Schulstunde. Passenderweise war das der Wirtschaftskurs, in dem ich sonst immer meinen Schwarm beobachten konnte, wie er einen Tisch weiter vor mir, etwas schräg gegenüber, interessiert unserem Lehrer zuhörte und ganz nebenbei in seinem kuscheligen Sweatshirt atemraubend knuffig aussah. Heute war die Bank vor mir frei, denn nicht nur Manuel war daheim geblieben, auch seinen Nebenmann hatte es erwischt. Offenbar war also doch eine kleine Grippewelle ausgebrochen, wahrscheinlich hatte er sich wie Markus mit irgendeinem fiesen Zeug angesteckt.

Mir blieben letzten Endes nur zwei Optionen: Zuhören oder wieder in Gedanken versinken. Ich versuchte tatsächlich, dem Unterricht zu folgen, schweifte aber schnell wieder ab. Mein Hirn war ein einziger Matschebrei und meine Konzentration dementsprechend im Eimer. Also dachte ich … Nein, eigentlich dachte ich nicht mal. Ich döste mit offenen Augen vor mich hin, starrte in der Gegend herum und befand mich in einem seltsamen Zustand, in dem mein Schädel zu einer milchig-trüben Suppe zerschwamm.

Aus dieser Plörre tauchte ich erst wieder auf, als ich von einer Person direkt vor meinem Tisch begrüßt wurde.

„Guten Morgen, Torsten“, sagte unser Wirtschaftslehrer.

„Ich hatte dich eigentlich gefragt, ob du hier nicht noch eins für Manuel und für Benny mitnehmen kannst.“ Er hatte so was wie Arbeitsblätter in seiner rechten Hand.

„Ja sicher… kein Problem“, stammelte ich. Also gab er mir drei Blätter und ging weiter. Ab dem Moment hörte ich dann ein klein wenig besser zu, ohne mir irgendwas von dem, was er so redete, wirklich merken zu können. Bis zum Ende der Stunde waren sogar noch zwei Arbeitsblätter hinzugekommen. Damit hatte ich also einen winzigen Papierstapel, den ich bei den beiden abliefern musste.

Und, so schoss es mir durch den Kopf, einen Vorwand, um bei Manuel vorbeizuschauen.
Eigentlich wollte ich das nicht wirklich. Mir war der Gedanke vollkommen unangenehm, bei Manuel auf der Matte zu stehen und dann mit ihm reden zu müssen. Wie würde er sich fühlen, wenn er mich sah? Und umgekehrt: Wie würde ich mich dabei fühlen? War das ganze überhaupt sinnvoll? Hatte ich Chancen?

Ich weiß nicht, was mich letzten Endes dazu brachte, dass ich mich noch am selben Nachmittag, kurz nachdem es dunkel wurde, auf den Weg zu Manuel machte. Vielleicht hatte mir Lars etwas von seiner Direktheit abgegeben, vielleicht war es auch nur der Drang, endlich etwas zu tun, anstatt tatenlos rumzuhocken und Trübsal zu blasen. Wo er wohnte, wusste ich schnell nach einem Blick in die Telefonbuch-App, und so ging ich, mit einem schwummrigen Gefühl im Magen und tausend Gedanken im Kopf an das, was ich ihm sagen könnte, in seine Straße und zu seinem Haus.
Da stand ich nun also vor seiner Tür, wo es in meinem Magen erst so richtig zu blubbern und zu brodeln begann. Ich klingelte und wartete. Dann ging die Tür auf.

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