Lichtung

4

Anna wohnte glücklicherweise zwei Straßen weiter. Das war besonders dann ganz praktisch, wenn man grade akute Probleme am Start hatte. Sie stand meistens innerhalb von zehn Minuten vor meiner Haustür. Genau wie heute. Diesmal waren es sogar noch ein paar weniger, anscheinend hatte sie zwischen meinen wenigen Zeilen herausgelesen, dass die Sache dringend und ernst war.

Wenig später hatten wir es uns, wie immer, auf meiner Couch im Zimmer gegenüber dem Bett mehr oder weniger gemütlich gemacht. Besser gesagt fläzten wir uns der Länge nach hin, während ich versuchte, einen guten Anfang für unser Gespräch zu finden.

„Nja, jetzt sag endlich, was ist denn los?“, drängte Anna nach einer Weile.

„Naja ….“, begann ich, immer noch auf der Suche nach den richtigen Worten. „Ich glaub, ich hab Manuel irgendwie …. verschreckt oder… naja … verletzt.“

Sie sah mich ungläubig an.

„Was hast du?“

„Also, ich weiß nicht… Ich hab ihn heut beim Spazieren getroffen.“

Ich erzählte ihr, wie ich ihn irgendetwas fragen wollte, aber kein Wort rausbrachte. Als ich ihn dann grüßte, erkannte er mich und lief wie vom Blitz getroffen davon. Anna hörte mit nach unten gezogenen Augenbrauen zu und versuchte, mir zu folgen.

„Wart mal, der is einfach nur so dagesessen, hat vor sich hin gestarrt, und erst, als er dich bemerkt hat, is er abgehaun?“

„So ziemlich, ja. Ich hatte den Eindruck, dass ihm richtig schlecht geworden is, als er mich gesehn hat.“

„Warum sollte dem denn plötzlich übel werden? Nur weil er dich sieht?“

„Naja… kennst du das nich? Also ich hatte das schon öfters, dass du …. naja dass du manchen Leuten nicht mehr über den Weg laufen willst, weil sie dich zu sehr verletzt haben. Und wenn du denen dann begegnest, wird dir auf einmal ganz übel … also … richtig flau im Magen quasi…“

„Verstehe.“

„Ich versteh nur nich, warum er mich so plötzlich nicht mehr sehen will. Das macht keinen Sinn. Das letzte Mal haben wir uns am Freitag auf dem Pausenhof gesehen, und da war noch alles in Ordnung, wie immer.“

„Ja…“

Wir hatten also beide das Problem begriffen und suchten in unserem Gehirn fieberhaft nach irgendeiner Idee, wie wir diese Sache erklären konnten. Es gab wirklich keinen offensichtlichen Grund.

„Und du bist dir sicher, dass das wegen dir is? Vielleicht will er im Moment einfach mit gar niemandem reden, wurst mit wem.“

Ich sog ein paar Sekunden lang Luft ein, so als würde ich da ernsthaft drüber nachdenken.

„Kann schon sein. Aber so, wie der mich angesehen hat, kann ich mir das irgendwie nicht vorstellen.“

Dann folgten wieder ein paar Minuten Stille, in denen wir versuchten, auf irgendeinen plausiblen Gedanken zu kommen. Aber nichts passte so recht. Vielleicht hatte irgendjemand Lügen über mich verbreitet? Nein, wer denn, und was dann genau ... Das war Unfug. Oder hatte er Anna belauscht, bei irgendnem Gespräch, und war schockiert, dass ich auf ihn stand? Nein, das war auch totaler Bullshit. Es gab kein solches Gespräch seit dem Freitagmorgen, und hätte er schon vorher etwas davon aufgeschnappt, dann hätte er sich das bestimmt schon früher anmerken lassen. Das machte alles überhaupt keinen Sinn.

Anna schnappte sich einen Radiergummi von meinem Schreibtisch und fummelte daran herum. Sie drehte und wendete ihn in ihren Händen, zupfte an ihm, warf ihn ein paar Zentimeter in die Höhe, schubste ihn auf der Couch hin und her. Sie hatte, besonders wenn sie nachdachte, die seltsame Angewohnheit, irgendwas zwischen die Finger bekommen zu müssen, mit dem sie rumspielen konnte. Auf irgendeine Weise musste sie das anregen oder wenigstens beruhigen.

„Und wenn er dich doch irgendwo gesehen hat seit Freitag?“

„Aha? Wann denn?“

„Keine Ahnung …“

„Und was hab ich denn da Schlimmes gemacht?“

„Ja, weiß auch nich…“

Sie drehte den Radiergummi noch ein paar mal um die eigene Achse, dann hielt sie plötzlich inne, machte große Augen und sah mich an.

„Scheiße…“

„Hä? Was meinst du?“

„Oh Gott, das is alles meine Schuld….“

„Jetzt sag endlich, was meinst du?“

Sie atmete noch einmal tief durch.

„Kannst du dich erinnern, wie ich dich und Eike darum angebettelt hab, dass ihr euch knutscht?“

Wenige Sekundenbruchteile dachte ich, ich hätte einen Filmriss, bis kurz darauf die Erinnerung wiederkehrte. Erst wirkte es, als käme sie langsam auf mich zu, dann erwischte sie mich mit voller Wucht, in etwa so wie ein Güterzug sich aus der Ferne anschleicht, schneller wird und dann volle Kanone an dir vorbeidonnert. Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Gedankenfetzen mich nicht links liegen ließ, sondern mit Karacho in mich hineinraste.

Sie fuhr fort.

„Und du warst auch noch so besoffen, dass du das mitgemacht hast…“

Jetzt war alles klar. Jetzt ergab alles einen Sinn. Er musste mich dabei beobachtet und seine Schlüsse gezogen haben. Das war ein Scheißzufall, aber es konnte nicht anders sein. Ich wusste nicht, ob mein Bauch oder mein Hirn mir das sagte, und wer von beiden schneller war. Ich versuchte, das ganze nicht wahrzuhaben. Das konnte nicht sein.

„Aber… dann müsste er ganz doll auf mich stehen… und dann müsste er genau in dem Moment aufgetaucht sein, wo wir uns geknutscht haben, exakt in dem Augenblick… das ist derbe unwahrscheinlich….“

Die Antwort konnte ich mir leicht selber geben. Der Einwurf war pure Verzweiflung. Natürlich war es so. Unglaublich unwahrscheinlich, unglaubliches Pech, aber was sollte es denn sonst gewesen sein. Die Gewissheit sickerte tropfenweise durch den Rinnstein meines Gehirns und ich hörte förmlich jedes einzelne „Plopp“, erst wenige Tropfen, dann immer mehr. Ich befand mich auf einer schmierigen, öligen Rutschbahn, hatte den Halt verloren und gewann nun immer mehr Geschwindigkeit auf dem sicheren Weg in die Tiefe. In den Abgrund.

„Ja, schon, aber was soll es denn sein? Das macht so alles auf einmal Sinn…“

Natürlich machte das Sinn. Ich donnerte mit dem Güterzug den steilen Abhang hinunter und hatte nicht mal den Hauch einer Chance, irgendwo eine Notbremse zu ziehen. Das Ding hatte mich schließlich frontal erfasst. Ich schlug meine Hände auf den Kopf und ließ mich nach hinten auf die Kissen fallen. Das war im Moment viel zu viel für mich. Ich war nicht nur schuld, ich war kolossal schuld. Durch eine winzige, ja geradezu lächerliche Dummheit im Suff, die mir jetzt aufs Ärgste das Genick gebrochen hatte.

Anna musste begriffen haben, was in mir vor sich ging, jedenfalls legte sie jetzt eine Hand auf meinen linken Oberschenkel, ohne etwas zu sagen. Das war auch gut so. Ich wollte in diesem Moment am liebsten zwischen den Ritzen der Couch versinken und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich hatte meiner Flamme genau das angetan, was mich selbst vor zwei Jahren heftig von der Klippe geschupst hatte. Nun hatte ich ihm wohl das selbe lange Messer hinterrücks tief in sein Schulterblatt gerammt, und zwar schön in das linke, wo ich das Herz gleich mit erwischen konnte.

Wie mir das alles so durch den Kopf ging, merkte ich, wie sich ein salziger Geruch in meiner Nase anstaute, und dann konnte ich nicht mehr anders. Ein kleiner Tropfen Wasser entkam meinem Auge und rollte langsam nach unten, dann folgte ihm ein weiterer und noch einer. Ich nahm meine Hände erst nicht vom Gesicht, wischte dann aber doch die Feuchtigkeit beiseite und konnte dabei sehen, wie Anna mich getroffen und mitleidig anblickte.

„Torsten, das …. das wollte ich echt nicht…“, begann Anna.

Ich nickte nur. Ich wollte darüber jetzt nicht diskutieren. Für Schuldzuweisungen war es jetzt ohnehin zu spät. Ich hatte es gnadenlos verbockt und nicht nur mir selbst eine einmalige Gelegenheit verbaut, nein ich hatte auch noch, was sehr viel schlimmer wog, den Jungen, der mir am liebsten war, seelisch gevierteilt.

Mir kam unweigerlich das Bild vor mein inneres Auge, wie er fröhlich über den Weihnachtsmarkt geschlichen sein musste, vielleicht nichts hoffend, vielleicht in der Hoffnung, mich zu sehen, und auf einmal, zwischen den ganzen Buden, war er auf dem Platz vor dem Glühweinstand herausgekommen und hatte mir dabei zusehen müssen, wie ich mich schön langsam dem anderen Jungen näherte, wie sich unsere Lippen sanft berührten, wie ich dabei die Augen geschlossen hatte, wie eine halbe Ewigkeit vergangen war, bis sich unsere Lippen wieder lösten. Wenn es eine sichere Methode gab, um Herzen schockzufrosten, dann diese. Für ihn musste eine Welt zusammengebrochen sein. Er musste sich schnell umgedreht haben, schnell den Weg aus dem Getümmel gesucht haben, erst unfähig zu weinen, bis die inneren Dämme dem seelischen Druck nachgaben und er vielleicht auf irgendeiner Bank kollabierte und seinen Sturzbächen freien Lauf ließ.

Mir rann noch ein Schwall Tränen über mein Gesicht. Das hatte er nicht verdient. Wie konnte ich ihm einfach sowas antun, einfach so … Warum hatte ich dieses scheiß Zeugs nehmen müssen, diesen Grog oder was es war, was um alles in der Welt hatte mich getrieben, mir das hinter die Binde zu kippen, was hatte mich geritten? Ich war sonst nie so. Wie konnten zwei so abartige Zufälle das Leben einer Person in nur so kurzer Zeit und mit solcher Brutalität zerstören? Ich begriff es nicht. Aber es ergriff mich. Ich konnte nicht entfliehen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wenn er bluten musste, musste ich mitbluten. Koste es, was es wolle.
Ich atmete schwer und sah mit durchweichten Augen wieder zu Anna.

„Und was jetzt?“

Sie wich meinem Blick aus und senkte den Kopf so, dass sie den Boden anstarrte. Sie wusste es also genauso wenig wie ich. Gab es eine Chance, irgendetwas wieder gut zu machen, irgendetwas zu reparieren? Wohl kaum. Ist ein Herz einmal zerfetzt, ist es verdammt schwer, die Einzelteile wieder zusammenzukleben, wenn man sie denn überhaupt alle wiederfindet.

Aber ich musste ihm zeigen, dass das alles ein Missverständnis war. Es war zu hundert Prozent meine Schuld, und ich hätte mich nicht zu so einer Dummheit hinreißen lassen sollen. Und dabei konnte ich es auf keinen Fall bewenden lassen. Ich hatte das nicht gewollt, und er hatte es mit nichts, aber auch gar nichts verdient. Irgendwie musste ich ihn das wissen lassen. Vielleicht würde er es mir glauben. Vielleicht. Ab jetzt konnte ich ohnehin nur noch auf Gnade hoffen.

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