Das Seil

Hallo Boypoint,
für die diesjährige Weihnachtszeit bin ich gefragt worden, ob ich eine kleine Geschichte beisteuern könnte. Das habe ich sehr gerne angenommen und es freut mich, sie nun mit Euch teilen zu können.
Ein ganz besonderer Dank geht an Zuri, welcher mir als Editor hilfreich zur Seite stand. Ohne seine Beratung, Korrekturen und Anmerkungen hätte mir das Schreiben der Story und deren Endergebnis nicht halb soviel Freude bereitet!
Liebe Grüße,
Arokh

Teil 1

Ich bin Jack, und das ist die Geschichte von mir und meinem lieben Freund Chris.

Chris und ich könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Gene schienen es wohl gut mit mir zu meinen, denn ich bin hoch gewachsen, gut gebaut und proportioniert, habe volles, hellbraunes Haar, nussbraune, scharfe Augen, eine gute Kondition und man sagt mir nach, dass ich äußerst talentiert und intelligent sei – was wohl Ansichtssache sein dürfte. Auf der anderen Seite steht Chris, ein zwar großer, aber schlaksiger, dürrer Junge mit schiefem Gesicht, krummem Rücken, Brille, blassem, aschblonden Haar, einer Augenfarbe, die eine seltsame Mischung aus Grün und Grau darstellt und ungeschickt ist er auch noch. Was die Allgemeinheit betrifft, ist er wirklich nicht hübsch anzusehen, nicht besonders stark und definitiv nicht beliebt.
Mir ist das alles vollkommen egal. Mir ist egal, wie er aussieht, was er an hat, woher er kommt, wie ungeschickt oder unbeliebt er ist, denn wir sind Freunde seit wir kleine Kinder waren. Chris war immer freundlich und hilfsbereit zu mir, wobei ich sagen muss, dass letztendlich er es meist war, der Hilfe brauchte. Chris‘ große Stärke war seine unendliche Geduld und Güte. Er nahm niemals jemandem etwas krumm, redete nicht schlecht über andere und nahm sich nicht wichtig. Es war ein Jammer, dass das niemand, außer mir, erkennen wollte. Unsere Freundschaft wurde zwar auch das ein oder andere Mal belastet, aber zerstören konnte sie nichts und niemand. Andere Freunde habe ich nicht viele, denn leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen nicht über ihre eigene Oberflächlichkeit hinauswachsen können. So oft, wie Chris wegen seines Äußeren angepöbelt oder gemobbt wurde, so oft bin ich dazwischen gegangen und habe nicht selten angebliche „Freunde“ in ihre Schranken weisen müssen – manchmal auch mit mehr als nur Worten.

Oftmals wurde ich von oberflächlicheren Zeitgenossen darauf angesprochen, was ich an Chris nur fand, dass ich ihn immer in Schutz nahm. Abgesehen davon, dass es richtig war, lag das wohl auch darin begründet, wie unsere Freundschaft entstanden war. Ich war als kleiner Junge im Alter von 4 Jahren einmal mit meinen Eltern im Urlaub in den Bergen. Bei einem Ausflug lernten sich Chris‘ und meine Eltern kennen – und somit auch wir. Als kleines Kind war ich sehr schüchtern, im Gegenteil zu Chris, der auf mich zuging, mit mir spielte und Zeit verbrachte. Unsere Familien freundeten sich schnell an, nachdem wir feststellten, dass wir im selben Hotel übernachteten und sogar in derselben Stadt wohnten. Von da an besuchten wir uns regelmäßig gegenseitig und wurden unzertrennliche Freunde. Zwar gingen wir auf unterschiedliche Schulen, doch vor ein paar Jahren wurden diese zusammengelegt, sodass wir inzwischen sogar das Klassenzimmer teilten. Ich bemerkte schnell, dass Chris mir meist den Vortritt ließ. Er ermutigte mich, frei heraus zu sagen, was ich möchte, indem er mich häufig fragte, auf was ich denn zu spielen Lust hätte. War von unserem Lieblingskuchen nur noch ein Stück übrig, bot er es mir an. War im Freibad nur noch eine Liege frei, bot er sie mir an. Er teilte alles mit mir und verlange nie etwas – ausgenutzt habe ich das jedoch nicht, sondern, angespornt durch seine selbstlose Art, meistens einen guten Mittelweg für uns beide gefunden.
Leider meinte es das Schicksal dennoch nicht so gut mit ihm und so wurde im Laufe der Jahre aus mir der beliebte Jüngling und aus ihm das hässliche Entlein, was für mich allerdings bedeutungslos war, denn ich hatte Chris aufgrund seiner wahren Natur schätzen gelernt.

Einmal hatte ich eine feste Freundin, Lara hieß sie und verdammt hübsch anzusehen war sie auch. Ich wurde beglückwünscht und beneidet und war auch eine Zeit lang sehr glücklich mit ihr. Doch irgendwann begann sie, mich zu bedrängen, ich solle doch weniger Zeit mit Chris verbringen, da er mich ständig nur runter ziehen und in ein schlechteres Licht stellen würde. Chris hatte nie etwas gesagt, doch es stellte sich heraus, dass sie ihn angesehen und behandelt hatte, wie ein lästiges Insekt. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass mir das nicht aufgefallen war. Daraufhin war ich schneller wieder Single, als sie einen Augenaufschlag machen konnte. Bestürzt fragte ich Chris danach: „Warum hast Du denn nicht schon eher was gesagt?“ Mit seinen treuen, grau-grünen Augen und einem zaghaften Lächeln, mit dem er bei mir alles entschuldigen konnte, antwortete er: „Du warst doch so glücklich mit Lara; ich wollte das nicht kaputt machen.“
„Oh, Chris“, ich ließ die Schultern sinken und sah ihn mitfühlend an. „Sie ist es doch, die völlig kaputt ist; da kannst Du nichts dafür.“ Dann zog ich ihn an mich und umarmte ihn – eine Geste der Zuneigung, die mich noch nie gestört hatte, egal welche Blicke man uns zuwarf. „Du bist manchmal so ein Dummkopf. Zögere nie wieder, mir zu sagen, wenn Dir jemand weh tut, ja? Das lasse ich nicht zu“, flüsterte ich ihm zu.
Chris sah mich anschließend dankbar und lächelnd an, sagte aber mit nüchternem Tonfall: „Das ist sehr lieb von Dir, Jack, aber Du kannst mich nicht immer und vor allem und jedem beschützen.“
„Doch, das kann ich!“, erwiderte ich trotzig und merkte nicht, dass hinter seinen Worten mehr steckte, als er ausdrücken wollte. Aber so war Chris eben – stellte sich immer zurück.

Inzwischen waren wir beide 16 Jahre alt und in der zehnten Klasse. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätten wir den Schulalltag hinter uns gelassen. Die Bewerbungsphase für eine Lehrstelle lief bei uns beiden auf Hochtouren und wieder einmal hatte ich mehr Glück als mein Freund. Es war an einem verregneten Nachmittag im Frühjahr, als sich etwas in unser Leben schlich, das uns noch viel Sorgen bereiten würde. Wir saßen beide auf meinem Bett und spielten Videospiele. Chris war an dem Tag nicht in Form – nicht dass das sonst anders gewesen wäre – aber diesmal spielte er besonders schlecht und sah auch noch blasser aus, als sonst. Mir war aufgefallen, dass er in letzter Zeit ruhiger geworden war. Ich betrachtete ihn unauffällig von der Seite und schob es für den Moment auf das neueste, missglückte Vorstellungsgespräch, welches er vor einigen Stunden hinter sich gebracht hatte.
Mitten im Spiel stockte Chris plötzlich und stierte mit glasigem Blick nach vorn. „Ich glaube, ich bin ein wenig müde und brauche eine Pause“, meinte er und ich wendete mich ihm zu.
Da erschrak ich, fuhr auf und sagte leicht panisch zu ihm: „Chris, Du blutest ja aus den Ohren!“ Mit müdem Blick sah er fragend zu mir auf und kippte anschließend ohnmächtig nach hinten. Die Panik stieg nun vollends in mir auf, sodass ich vor lauter Schreck nicht wusste, was ich tun sollte. Reflexartig rief ich lautstark nach meiner Mutter und kurz darauf stand der Krankenwagen vor unserem Haus. Chris wurde von den Sanitätern untersucht, welche ihn anschließend ins Krankenhaus brachten. Mit Tränen in den Augen fuhren mich meine Eltern sofort dorthin, wo Chris‘ Eltern und seine kleine Schwester bereits warteten. Nach einer langen Zeit, in welcher die Ärzte ihn untersuchten und wir im Ungewissen gelassen wurden, erfuhren wir schließlich, dass kein physisches Problem zu erkennen war. Dem Jungen fehlte offensichtlich nichts und man konnte sich den Schwächeanfall und das Blut nicht erklären.
Nachdem man uns zu Chris auf das Zimmer gelassen hatte, rannte ich zu ihm ans Bett, setzte mich darauf und nahm instinktiv seine Hand. „Du hast mich ganz schön erschreckt“, raunte ich ihm zu und war erleichtert, als er meinen Blick erwiderte, mit der gewohnten Lebendigkeit in seinen Augen.

Ihr könnt auch im Forum die Geschichte weiter verfolgen. Dort freut sich ArokhsSohn auch über Feedback von euch.
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